17.02.1965

AVERTYBaby im Fleischwolf

Eine schwangere Nonne sucht den Verhütungs-Doktor Ogino. Basketball-Spieler benutzen den gekreuzigten Christus als Wurfziel. Ein Mann klopft an einen Sarg, und eine Stimme aus dem Innern fragt: "Ist da jemand?"
Solche unfrommen Show-Nummern unterhalten allabendlich jeweils 2000 Besucher der Pariser Music-Hall "Alhambra". Ideen und Inszenierung lieferte Frankreichs derzeit populärster Fernsehregisseur, Jean-Christophe Averty, 36. Die "Alhambra"-Show ist sein Bühnendebüt. Sie soll an den Dada -Nonsens der zwanziger Jahre erinnern und dauert - mit Jazz-, Tanz- und Gesangseinlagen - volle drei Stunden.
Das Programm beginnt bei offenem Vorhang und in völliger Verwirrung. Zwei Arbeiter hämmern so lange auf einen Eisenbarren ein, bis Zuschauer Geldstücke auf die Bühne werfen. Das "Alhambra"-Orchester dankt für die Spende mit der atonal verfremdeten "Marseillaise".
Um den Effekt der Schock-Show noch zu erhöhen und Skandal zu provozieren, ließ Averty am Balkon des "Alhambra"-Theaters Lautsprecher verstecken, aus denen bei den gewagtesten Gags Pfeifen und Grölen tönt. "Denn wenn der Abend keinen Anstoß erregt" - so Regisseur Averty -, "ist das für mich ein Reinfall."
Bis vor kurzem durfte der Beamtensohn Averty nur im bürgerlich-blassen französischen Fernsehen jeden Monat einmal makabren Spaß machen. Titel der Sendung: "Les Raisins verts" (Saure Trauben).
Averty, Vater zweier Söhne, trieb bevorzugt Kinderspiele: Von der Jonathan-Swift-Satire "Die Kunst, Säuglinge zum Frühstück zuzubereiten" angeregt, ließ der Regisseur Babys in den Backofen schieben, durch den Fleischwolf drehen und Babypüree mit Spaghetti verzehren, Hunde und Katzen wurden tafelfertig aus dem Kühlschrank serviert, Hühner und Kaninchen an der Leine spazierengeführt.
Die Sendereihe brachte dem Regisseur "drei Kilo und 700 Gramm" Post und den "Emmy"-Preis - die höchste internationale Fernsehauszeichnung - sowie eine Hymne im "Figaro Littéraire" ein. Der Nobelpreisträger und De-Gaulle-Biograph Francois Mauriac rühmte: "Nach Jean-Christophe Averty können Show-Sendungen nicht mehr sein, was sie vor ihm waren. Er hat ihren Rhythmus verändert und die Ansprüche gehoben."
Das französische Fernsehen will den Horror-Humoristen, der nach eigenem Eingeständnis 15 Jahre intrigierte, bis er seine Show bekam, auch künftig beschäftigen. Im März soll ein weiteres Averty-Gag-Festival präsentiert werden. Titel: "Die Bratäpfel".
Averty über seine TV-Bedeutung: "Wenn es doch nur mehr Leute meines Kalibers dort gäbe."
Show-Regisseur Averty
Sarg im "Alhambra"

DER SPIEGEL 8/1965
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