24.02.1965

DODERER-TAGEBUCHOrgan der Grammatik

Sein, Lieblingswort heilSt "Apperzeption", sein liebster Geisteszustand ist ihm die "Apperzeptivität", seine Lieblingsbeschäftigung das "Apperzipieren"
- zu deutsch: das bewußte, aufmerksame Wahrnehmen.
Denn der Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer, 68 (SPIEGEL 23/1957), ist seit je ein mächtiger Apperzipierer gewesen. Er war es in seinen hochgerühmten detaildichten Mammut-Epen "Die Strudlhofstiege" (1951) und "Die Dämonen" (1956), und er ist es auch in seinem "Tagebuch eines Schriftstellers" aus den Jahren zwischen 1940 und 1950, das er jetzt unter dem etwas irreführenden Titel "Tangenten" veröffentlicht hat*.
Tangenten sind gerade, Doderers Sprachlinien jedoch biegen meistens - so Doderer - "um die letzten Ecken eines langen Umwegs". Ob er seinem "lieben verehrungswürdigen Lehrer" und Mit-Kauz, dem österreichischen Schriftsteller Albert Paris Gütersloh (SPIEGEL 13/1963), huldigt, ob er über den "himmlischen Raubersbuam Eros" nachsinnt, die "Chemie seines Gedächtnisses" durchforscht, geistige Diätpläne entwirft oder seine höchst komplizierten Romangestalten analysiert - seine Sätze, mit weit hergeholten Gleichnissen befrachtet, gleichen einer kaum zu entschlüsselnden Geheimsprache.
Bisweilen allerdings, wenn er nicht gerade den "quantitativen und qualitativen Energie-Minima innerhalb der Periodizität" nachspürt, kann der Wiener Stilkünstler, der gewöhnlich mit der "kreisenden, wühlenden Bewegung des Drillbohrers" bis "zur Weltmitte vorzudringen", versucht (Kritiker Günter Blöcker), auch kurz und klar sein. So notiert er zum Beispiel
- über den Lebenslauf des Normalbürgers: "Die meisten Lebensgeschichten bestehen darin, daß einer den Abhang seines Charakters hinunter kollert, um, alt geworden, als formlose Masse unten liegen zu bleiben";
- über den Sozialismus: "Sozialismus
nennt man einen ungeheuren Aufwand zum Wohl der Menschheit, welcher sich selbst so restlos konsumiert, daß am Ende tatsächlich Jeder Alles, nämlich das übriggebliebene Nichts hat."
Daß auch Apperzipierer Heimito von Doderer, der seine Zeitgenossen der "Apperzeptionsverweigerung" zeiht, manche Tatsachen nicht wahrnehmen will, zeigen seine Aufzeichnungen aus den
Kriegsjahren. Der Luftwaffenhauptmann von Doderer, "da und dorthin verschickt gleich einem Postpaket", nahm in Biarritz, Kursk, Bordeaux, Eger und Bückeburg, in Dänemark und Norwegen vom Zweiten Weltkrieg nur soweit Kenntnis, als er selber betroffen war, und selbst dann wirken seine Tagebuch-Eintragungen eher wie Notizen zur Kampagne in Frankreich von 1792. Stalingrad, die Konzentrationslager oder der 20. Juli 1944 werden von seinen "Tangenten" nicht tangiert.
Der Wiener Doderer hielt es wie zur selben Zeit der Berliner Militärarzt und Lyriker Gottfried Benn: Er richtete sich in einem "Doppelleben" ein, funktionierte als Offizier der groß-deutschen Wehrmacht für das Nazi-Regime, für jene ideologische "zweite Wirklichkeit", die er in seinen Tagebüchern als "tendenziöse Dummheit" verwarf, und widmete sich im übrigen seiner Schreibarbeit an der "Strudlhofstiege" und den "Dämonen".
Erst bei Kriegsende, als das totalitäre "Tönnchen" platzte, kam dem Schriftsteller, der 1933 der NSDAP beigetreten und 1939, nach Verbrennung seines Parteibuchs, zum Katholizismus konvertiert war, die Erkenntnis: "Man kann durch Dulden schuldig werden. So, letzten Endes, hat der totale Staat den Menschen eingesackt."
Rückblickend notierte er über seine Kriegsjahre: "Ich hielt mich beim deutschen Militär durch fortwährendes Hinaus-Schieben jedes Handelns ... meine Leitvorstellung war das Überleben."
Solche Handlungsabstinenz verordnete Doderer sich 1945 auch als Schriftsteller-Leitbild: "Mach' Dich so dünn wie möglich. Tritt noch leiser auf. Hüte Dich, was zu ändern, zu verrücken." Denn der Konservative hatte erkannt: "Der Schriftsteller ist des Michael Kohlhaas äußerstes Gegenbild ... Nicht Figur zu sein, sondern Figuren zu sehen ist sein Geschäft." Schriftsteller ist nach Doderer nur "derjenige, der es ablehnt
- mehr! dem's unmöglich geworden ist - irgendwas anders zu begreifen als
durch ein Organ der Grammatik."
Dem bedeutenden Schriftsteller Heimito von Doderer - dem Repräsentanten der am Rande Europas dahindämmernden Alt-Stadt Wien - ist es unmöglich, die Gegenwart anders zu begreifen als durch sein literarisches Vorurteil.
So protestiert er etwa gegen die Ränder der Großstädte, "wo die Industrieviertel mit nationalökonomischem Pathos sich breit gemacht haben (diese Ausdünstungen einzelner pfiffiger Existenzen - und so was soll man sich heute als Problem bieten lassen!)". Und er wütet über "die wahnsinnig gewordenen Kolben tüchtiger Unternehmer - die immer früher da waren als ein wirklicher Bedarf nach ihren Erzeugnissen, Knopf, zu welchem dann eine Hose gemacht werden mußte, die uns leider nie passen will".
Ihm paßt, er apperzipiert die ganze Richtung nicht. Doderer 1950 in seinem Tagebuch: "So wie Karl Kraus einst sagte: 'Mir fällt zu Hitler nichts ein' - so möchte man's heute fast in Bezug auf die ganze Gegenwartsgeschichte sagen."
* Heimito von Doderer: "Tangenten". Blederstein Verlag, München; 48 Seiten; 48 Mark.
Tagebuch-Autor Doderer*
"Mach dich dünn"
* Als Hauptmnann der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg.

DER SPIEGEL 9/1965
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