03.03.1965

VON PÖLNITZDiese Dinge

Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen", setzte der Münchner Dozent Götz Freiherr von Pölnitz 1934 unter einen Aufsatz in den "Akademischen Monatsblättern". Und 1940 entdeckte er: "Die uralte Sehnsucht der gesamtgermanischen Idee nähert sich im Großdeutschen Reich ihrer Erfüllung."
Zwei Jahre darauf beschwor der Baron das "hinreißende Beispiel Hermann Görings, sah "die Stunde des Sieges gekommen, als das Hakenkreuzbanner gehißt wurde", hörte den "Ruf des Führers" und erkannte die "Erneuerung des Reiches".
Nach dem Krieg, als das Reich wieder einmal erneuerungsbedürftig war, wurde aus dem Privatdozenten Pölnitz ein Professor, ein Großoffizier des Ritterordens vom Heiligen Grabe und, 1963, der Rektor der Erlanger Universität. Im Jahr darauf schließlich avancierte der Baron zum Gründungsrektor der geplanten Universität Regensburg.
Ob er freilich diesen Platz an Bayerns akademischer Sonne halten kann, ist seit letzter Woche unsicher geworden: Münchner Blätter publizierten aus dem braunen Zitatenschatz, den die "Humanistische Union" in einem offenen Brief verbreitet hatte; und im Münchner. Landtag wies die FDP-Abgeordnete Dr. Hildegard Hamm-Brücher auf die alten Sprüche des einstigen Dozenten hin.
Kultusminister Huber stellte sich sofort vor den Rektor. Er bestritt, daß von einer "erheblichen Vorbelastung" des Gelehrten die Rede sein könnte; Pölnitz sei nie "ein enthusiastischer Parteigänger" der Nationalsozialisten gewesen.
Götz Freiherr von Pölnitz entstammt jenem vermögenden fränkischen Adel, der, gleichermaßen katholisch und national gesinnt, mit den Nazis und Proleten jeder anderen Couleur nichts im Sinne hatte. Vor Hitlers Machtergreifung schrieb denn auch der noch jugendliche Historiker Pölnitz einige Aufsätze, in denen er den Nationalsozialismus scharf attackierte.
Nach dem braunen Sieg allerdings trat er dem Nationalistenbund "Stahlhelm" bei und geriet, wie alle anderen Mitglieder des Vereins, auf diese Weise automatisch in die SA. Pölnitz: "Ich bekam auch einen Rang, dessen Bezeichnung ich nicht mehr weiß; er entsprach dem Oberschützen."
Als sich der Privatdozent Pölnitz, wegen seiner Vergangenheit unter Gestapo-Beobachtung, später um eine Geschichts-Professur an der Münchner Universität bewarb, bekam er sie nicht: wegen politischer Unzuverlässigkeit, wie "Der Leiter der Parteikanzlei" 1942 endgültig entschied.
Der Gelehrte wurde nach Erlangen abgeschoben, wo Vorgesetzte seine Personalakte 1944 um Hinweise wie "Beziehungen zum Stauffenberg-Kreis" und "ein klarer Gegner des Blutgedankens" bereicherten.
Dabei hatte sich der SA- und Edelmann, um jedwedem Ärger mit der Staatsgewalt aus dem Wege zu gehen, schon frühzeitig ein vermeintlich geschicktes Alibi ausgedacht: In längeren Abständen addierte er die allerbanalsten NS-Phrasen zu Persilschein-Traktaten. Seine wissenschaftlichen Publikationen hielt er von derlei Schwulst frei.
Nach Kriegsende fand er, als "nicht betroffen" entnazifiziert, sofort aufs Katheder zurück. Und nicht betroffen fühlt er sich auch jetzt nach der Münchner Attacke.
Pölnitz, 58, zum SPIEGEL: "Die Aktion richtet sich wohl nicht so sehr gegen mich - sonst wäre sie wohl schon längst erfolgt - wie gegen die Universität Regensburg, die ja bekanntermaßen viele Gegner hat."
Und. "Es hat mich damals nicht gefreut, diese Dinge zu schreiben; wenn ich sie heute lese, freut es mich allerdings noch viel weniger."
Geschichtsforscher von Pölnitz
"Hinreißendes Beispiel"

DER SPIEGEL 10/1965
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