03.03.1965

SCHLAFLOS SCHLUCHZEND

Der Erzahler, Dramatiker und Hörspielautor Wolfgang Hildesheimer, 48, eines der frühesten "Gruppe 47"-Mitglieder, ist vor allem durch seine satirischen "Lieblosen Legenden" (1952), durch den Roman "Paradies der falschen Vögel" (1953) und die von Gustaf Gründgens uraufgeführte Komödie "Der Drachenthron" (1955) bekannt geworden.
Gut ist der Name des Autors, gut der des Verlags. Geschmackvoll wurde das geschmackvoll Gedruckte gebunden und eingeschlagen. Ein Klappentext von einschüchternder Intelligenz, nicht ganz verständlich, fordert uns zum rechten Lesegebrauch auf. Das alles sieht aus wie fertig, wie ein Buch, und als wichtigstes erzählendes Buch eines deutschen Autors in diesem Frühjahr wurde es erwartet.
Trotzdem meinte ich, ein Manuskript gelesen zu haben, einen ersten, hochzielenden Entwurf, und das nicht etwa, weil im Text viel falsch zurechtgeschnitztes Deutsch stehengeblieben ist. Wie unfertig das hier Geplante noch ist, das zeigt sich erst im ratlosen Nebeneinander von Partien, die wie mühelos gelingen, und anderen, die vorerst nichts als trockene Bemühtheit verraten, in ihrer Sprache, im Denken, in ihrem Bauplan.
Hildesheimer ist aufrichtig: Er nennt seine Aufzeichnungen nicht Roman. Was sie ausbreiten, ist das Inventar eines aufgestörten Bewußtseins, einer schlaflosen Nacht. Da liegt jemand wach zwischen etwa zehn Uhr abends und sieben Uhr früh, ruhelos durchläuft er sein Haus, betrachtet die Räume, Möbel, Bücher. Das alles läßt ihn nur schlafloser werden. Die Gegenstände stören Erinnerungen auf und Wahrträume. Geschichten lösen sich von ihrem Anlaß und entfalten sich selbständig.
Da taucht etwa trüb und gespenstisch ein Fest auf, das endgültig letzte, das in diesem Haus gefeiert wurde. Noch einmal, diesmal in Worten, vollzieht sich eine Auto-Irrfahrt durch eine hinter Schildern zugedeckte Stadt im deutschen Norden. Das "Winterbett" des Erzählenden wird zum Schauplatz eines jahrhundertealten italienischen Eifersuchtsmordes, und aus seinem riesigen "Sommerbett" steigt die erfundene Erinnerung an gleich sieben dort nebeneinander verendete Opfer einer englischen Pest.
Diese Geschichten haben nur einen Fehler: Sie hören auf. Denn das letzte Wort behält immer der Erzählende selbst, der schlaflos weiterläuft und weiterliegt, der die breiten Zwischenräume zwischen seinen Geschichten ausfüllt mit schwermütiger Spekulation. Es ist, als würden dauernd Milchglasscheiben zwischen die Erzählungen geschoben, beschlagen mit dem Hauch von tiefempfundenen Seufzern über das Sinnlose ah Gott und Welt, Leben und Tod. Weltschmerz hätte das früher geheißen, heute tauft es sich gern auf den strengen Namen "Entfremdung". Diese Klagerede möchte offenbar radikal sein durch Allgemeinheit, gerät aber durch ihre Allgemeinheit nur unverbindlich, zu Weltschmerz-Rhetorik.
Da nützt es wenig, daß der Schlaflose nicht nur sanft und bitter räsoniert, sondern auch mit allerlei Symbolen seiner Bitterkeit hantiert. Wie frühere Sinnsucher zur Bibel, so greift er nun zu Kursbüchern, Telephonbüchern, Wetterberichten. Nur diese Liturgie der nackten Daten scheint ihm noch Trost und Halt zu bieten. Umständlich schwärmt er auch von Tynset, einem Namen aus dem norwegischen Kursbuch, denn dieser unbekannte und vermutlich öde Ort scheint ihm zu versprechen, was dieser Liebhaber des Nichts sucht: das Ende der Welt, geographisch und zeitlich, das blanke und erhaben sinnfreie Nichts. Aber auch Tynset wäre nur Ersatz und Notbehelf. Befriedigend allein wäre die "unbevölkerte" Erde, die Erde als Mond.
Wer mag diese schlaflose, trübe philosophierende Ich-Person sein? Ein Hausbesitzer, so hören wir, Erbe eines Erbonkels, ein Gewürzzüchter und guter Koch. Sonst bleibt er, trotz der wortreichen Bekenntnisse, merkwürdig eigenschaftslos. Das ist keine erfundene Figur, niemand, den der Autor von außen sieht, zu dem er sich aus der Distanz oder gar humoristisch verhalten könnte. Nein, er scheint Satz für Satz, Geste um Geste bitterlich mit dem Redenden einverstanden. Das Rede-Ich ist niemand anders als der Autor selbst: Wolfgang Hildesheimer.
Und doch ist diese beschriebene Nacht in seinem Leben natürlich so nie vorgekommen. Das alles ist kunstvoll gestellt, als Anlaß eben für ein Buch. Der schlaflose Hildesheimer chargiert eine Rolle. Zwischen der Wahrheit des Berichts oder Tagebuchs und der anderen Wahrheit des Erfindens und Erzählens wird schlingernd ein Mittelweg gesucht.
Kein Wunder also, wenn gerade die bekennenden Partien so gekünstelt und durchaus unpersönlich bleiben, ganz als würden schwere Baßnoten gepreßt im Falsett gesungen. Unermüdlich schwingt sich die Sprache in Höhen und fällt kläglich zurück auf Gemeinplätze. Klischees werden abgeweidet wie blühende Wahrheit. Alles Entsetzliche "grinst". Verloren ging "die trügerische Schönheit des Lebens". Eine Schnee-, dann eine Wüstenlandschaft baut sich auf als Attrappe für den Auftritt des Todes. Die "Zähne der Zeit" verwüsten alle Hoffnung. Auch der "Wind der Zeit" weht, der "Zug der Zeit" fährt. "Ich bin ohne Last", heißt es, "außer der Last des Lebens." Das sind nicht müde Scherze, sondern ermüdende.
Fortwährend wird so Erfahrung beteuert, fast nie erscheint sie. Denn bloße Meinung, so gut oder tief oder schmerzhaft sie sich auch fühlen mag, zählt nichts in der Literatur, es sei denn, sie beglaubige sich durch Sprache. Das Unerhörte in fein klischierten Sätzen ist nicht länger unerhört, sondern lästig bekannt.
Daß Hildesheimer über eigene Sprache verfügt, daß er uns erzählend überreden kann, wennschon nicht meinend, das eben zeigen die eingestreuten Geschichten. Sie alle kommen aus tiefen mythischen Perspektiven, von einem melancholischen Weitblick herangezogen, mit dem weithin hallenden und doch trockenen Pathos von gelungenen Beweisgängen. Sie erzählen von Labyrinthen, von jähem Tod, ratloser Schuld, von vergeblichen Ausblicken in ein Jenseits zu diesem Diesseits. Ihre motivische Einheit ist deutlich und wirkungsvoll: In diesen Parabeln erscheint, was Hildesheimer sagen wollte. Seine dazwischengeschobene Rhetorik pfuscht ihnen nur radebrechend ins Handwerk.
Warum also hat ihm eine Klagemauer nur aus Geschichten nicht genügt, warum schickt er sich selbst als Maurer und schluchzend auf die Szene? Möglich, daß er der Aussagekraft von Geschichten nicht mehr traut, denn auch Hildesheimer muß ja aus Paris das Gerücht vom Ende allen Erzählens gehört haben. Vom Ende des Erzählens erzählt ein Autor wie Beckett unendlich, fast beschwingt. Er kommt offenbar erst zu Atem, wenn die Luft dünner wird. Freilich weiß er auch, daß der Widerspruch zwischen einem Bedürfnis nach Nichts und dem anderen, fortwährend doch etwas zu erzählen, sich nur brechen läßt durch Humor. Melancholie und Humor stehen auf Duzfuß, auch Hildesheimer hat es einmal gewußt.
Er hätte uns wieder daran erinnert, wäre dieses Manuskript nicht gleich als Buch erschienen. Was ist nun ärgerlicher: ein schlechtes Buch oder eines, das den Umriß seiner großen Möglichkeiten nur andeutet?
Wolfgang
Hildesheimer:
"Tynset"
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main
272 Seiten
17,80 Mark
Hildesheimer
Von Reinhard Baumgart

DER SPIEGEL 10/1965
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