10.03.1965

KARL JASPERS

KARL JASPERS
ist, laut Heidegger, der Begründer des deutschen Existentialismus und hat seine Methode zu philosophieren oft an Problemen der Gegenwart erprobt: so 1919 in einer "Psychologie der Weltanschauungen", so in seiner Analyse "Die geistige Situation der Zeit" (1931), die zum Trostbuch des Widerstandes im Deutschland des Dritten Reiches wurde, den Autor aber seinen Heidelberger Lehrstuhl kostete. Der heute in Basel wohnende Philosoph, der am Tage nach dem Gespräch mit Rudolf Augstein seinen 82. Geburtstag beging, hatte zunächst Jura und Medizin studiert, er promovierte 1908 zum Dr. med. und habilitierte sich 1913 für das Fach Psychologie. Erst bei Beginn des Ersten Weltkriegs entdeckte er seine politischen und philosophischen Neigungen und avancierte schnell: 1920 übernahm er ein Extraordinariat für Philosophie an der Universität Heidelberg, ein Jahr darauf wurde er Ordinarius.
Unter dem Vorwand, es müsse gespart werden, wurde Jaspers, der seit 1910 mit einer jüdischen Frau verheiratet ist, 1937 "entpflichtet". Um ihn zu schützen, berief ihn die Baseler Universität auf ihren philosophischen Lehrstuhl. Diesem Ruf konnte Jaspers erst 1948 folgen.
Sogleich nach Kriegsbeginn verfaßte Jaspers eine Schrift zur "Schuldfrage", in der er für die Deutschen die Kollektivschuld ablehnte, dagegen eine Pflicht zur "politischen Haftung" konstatierte. Aus einem Rundfunkvortrag über die Möglichkeiten der Politik unter dem Schatten nuklearer Vernichtungswaffen entwickelte sich ein 500 -Seiten-Band über "Die Atombombe und die Zukunft des Menschen". 1960 nannte Jaspers die Hoffnungen auf Wiedervereinigung "irreal" und wollte die Bemühungen der Politik darauf gerichtet sehen, für die Deutschen in der Zone größere Freiheiten zu erwirken.
Der im Osten als 'Nato-Philosoph' diskriminierte Jaspers hat sich zu NSVerbrechen in jüngster Zeit nur einmal geäußert: vor Beginn des Eichmann-Prozesses. Er wünschte damals, das israelische Gericht möge den Tatbestand in aller Breite darlegen, sich aber - namens der Menschheit - für außerstande erklären, ein Urteil zu fällen.

DER SPIEGEL 11/1965
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