10.03.1965

„Mit festem Schritt ins Neue Reich“

3. Fortsetzung
Ein grundlegendes Kennzeichen totalitärer Regime besteht darin, daß sie auf der monolithischen Einheit ihres Volkes beharren. Nur so kann die notwendige Begeisterung des Volkes erzeugt, können alle Kräfte für die vom Regime erstrebten Ziele mobilisiert werden.
Nicht nur rivalisierende politische Organisationen, sondern auch andere öffentliche Verbände, gleich welcher Art - soziale, kulturelle, religiöse Berufs- oder Jugendverbände -, müssen entweder aufgelöst oder in die den Staat beherrschende totalitäre Partei eingefügt werden. Ihr unabhängiger Fortbestand würde die Einmütigkeit gefährden, die jedes totalitäre Regime leidenschaftlich und unerbittlich anstrebt.
Darum begannen die Nationalsozialisten bald nach der Auflösung aller nichtnationalsozialistischen politischen Parteien und Gewerkschaften gegen das ausgedehnte, von der Katholischen Kirche kontrollierte Organisationsnetz und die direkt oder indirekt unter ihrem Einfluß stehende Presse vorzugehen.
Das Konkordat war unterzeichnet und ratifiziert
worden, obgleich die Zukunft der nicht religiösen kirchlichen Organisationen ungeklärt blieb. Die Lösung dieser Frage eilte Führende Nationalsozialisten behaupteten immer wieder, daß die katholischen Organisationen weiterhin in heimtückischer Weise den "politischen Katholizismus" propagierten.
Andererseits losten sich verschiedene katholische Verbände "freiwillig" auf, weil sie immer mehr von katholisch nationalsozialistischen Mehrheiten beherrscht wurden. Anfang August 1933 erklärte sich der Katholische Lehrerverband als aufgelöst und führte seine Mitglieder dem nationalsozialistischen Lehrerverband zu. Ähnlich erging es auch vielen katholischen Studentenverbindungen.
Am Abend des 22. Oktober 1933 kam Ministerialdirektor Buttmann nach Rom, um über die Ausführungsbestimmungen des Konkordats zu verhandeln, besonders über Artikel 31 und die Liste der zu schützenden Organisationen.
Die Verhandlungen, an denen auch Erzbischof Gröber teilnahm, dauerten vom 23. bis 28. Oktober, ohne zu einer Lösung der anstehenden Probleme zu führen, immerhin einigte man sich über die Unzulässigkeit eines Verbots gleichzeitiger Zugehörigkeit zu einer staatlichen und einer katholischen Organisation.
Diese Frage war von besonderer Wichtigkeit, da sich das Gerücht verbreitet hatte, die Hitler-Jugend solle die offizielle, staatliche Organisation werften, der alle Jugendlichen zwangsweise beitreten müßten.
Kurz nachdem Baldur von Schirach am 17. Juni
1933 zum Reichsjugendführer ernannt worden war, hatte er die gleichzeitige Zugehörigkeit zur Hitler-Jugend (HJ) und zu den katholischen Jugendverbänden verboten. Wurde nun die HJ eine staatliche Organisation, so würde ein Verbot der doppelten Mitgliedschaft das Ende der katholischen Jugendverbände bedeuten.
Unterdessen bemühten sich Vizekanzler Papen und seine (von ihm gegründete) "Arbeitsgemeinschaft Katholischer Deutscher", die katholischen Jugendverbände geschlossen der Hitler-Jugend zuzuführen: Hier sollten sie von katholischen Geistlichen religiös betreut werden, die man eigens für diesen Zweck ernennen wollte. Eine solche Vereinbarung war in Italien für die faschistische Jugendorganisation "Balilla" getroffen worden.
Papen verstand es, die Zustimmung einiger Bischöfe zu diesem Vorschlag zu gewinnen, darunter Kardinal Schulte von Köln und Erzbischof Gröber von Freiburg. Auch Kardinal Faulhaber zeigte sich nicht abgeneigt; wenn man dadurch die katholischen Jugendverbände in ihrer Eigenart bewahren könne.
Andere Bischöfe wiederum sahen darin eine Kapitulation. Am 22. November teilte Kardinal Bertram dem Episkopat mit, daß der Bischof von Hildesheim schwerwiegende Bedenken gegen Papen geltend gemacht und gefragt habe: "Ist das nicht Verrat an unserer Jugend, die bis dahin tapfer sich gehalten" hat?
Im Mai 1933 hatte die Fuldaer Bischofskonferenz beschlossen, sich der Gründung einer staatlichen überkonfessionellen Jugendorganisation, die alle Jugendlichen erfassen und sie nach ihrer eigenen Weltanschauung erziehen sollte, zu widersetzen. Doch seit Mai hatte sich vieles geändert.
Nach Ansicht mehrerer Bischöfe konnte, wenn man in Papens Plan einwilligte, wenigstens das Recht auf Seelsorge in der Hitler-Jugend sichergestellt werden.
Als Gröber diese Auffassung in Rom vortrug, wies Papst Pius XI. sie sofort und entschieden zurück. Wie Bertram dann den Episkopat einige Tage später unterrichtete, hatte der Heilige Stuhl Gröber telephonisch mitgeteilt, man sei der Ansicht, diese Frage falle unter die Konkordatsbestimmungen; der Papst könne daher keine direkten Verhandlungen zwischen den Bischöfen und der deutschen Regierung zulassen.
Die Verhandlungen über die Ausführungsbestimmungen zum Konkordat ruhten, bis Buttmann in der zweiten Dezemberhälfte wieder nach Rom kam.
Der deutsche Unterhändler unterrichtete Pacelli, er habe keine Vollmacht, die Verhandlungen formell fortzusetzen, da die Reichsregierung sich anschicke, die Eigenständigkeit der deutschen Länder abzuschaffen. Nach dieser Verfassungsreform wäre ein neues Konkordat erforderlich.
Der über die neue Wendung der Ereignisse überraschte und besorgte päpstliche Staatssekretär verlangte die Zusicherung, daß das Reich auch fortan den Verpflichtungen des soeben abgeschlossenen Konkordats nachkommen
werde. Diese Forderung beantwortete Buttmann aufgrund telephonischer Anweisungen Hitlers ausweichend. Insbesondere könne man sich nicht verbindlieh dazu äußern, ob man überhaupt ein neues Konkordat eingehen werde.
Der Gedanke, das Konkordat als überholt zu bezeichnen, so kurz nach seinem Abschluß hier nur,vorsichtig angedeutet, wurde später von Hitler noch mehrfach aufgegriffen. Aus verschiedenen politischen Gründen kam es nie dazu.
Wenn Hitler seinen Willen durchsetzen konnte, ohne ausdrücklich einen so bekannten Vertrag für nichtig erklären zu müssen, gab es natürlich keinen Grund für ihn, das Konkordat zu kündigen und damit Zweifel über seine Vertrauenswürdigkeit aufkommen zu lassen.
In einem ausführlichen Memorandum, das Pacelli am 15. Januar 1934 überreicht wurde, versicherte Außenminister Neurath dem Heiligen Stuhl, dem Reich sei sehr an der Erfüllung des Konkordats gelegen. Die Regierung habe nicht die Absicht, einen Kulturkampf zu beginnen, aber das Recht, von der Kirche mehr Unterstützung im Kampf gegen den Kommunismus zu erwarten, als es bisher der Fall gewesen sei. Bischöfliche Kundgebungen seien beladen mit Vorbehalten, und viele unter den jüngeren Geistlichen, besonders in Süddeutschland, machten keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen das Regime.
Diese Worte ließen nichts Gutes ahnen. Auf Anraten von Papen und Bergen empfing Hitler am 7. Februar 1934 Kardinal Schulte, der als besonders friedfertig unter den deutschen Bischöfen bekannt war. Schulte schlug vor, die "Katholische Aktion" weiterhin als dezentralisierte und von den Diözesen abhängige Organisation zu erhalten und sie nicht auf die gesamtdeutsche Ebene zu verlagern.
Hitler schien darauf einzugehen. War es doch viel leichter, die katholischen Organisationen auf lokaler Ebene zu absorbieren und gegebenenfalls zu zerstören.
Am dringlichsten war die Frage nach dem Status der katholischen Jugendorganisationen, denn die Spannungen zwischen ihnen und der Hitler-Jugend nahmen zu.
In einzelnen Provinzen hatte man der "Katholischen Jugend" verboten, Uniformen zu tragen, Wanderungen zu unternehmen und sich an halbmilitärisehen Turnübungen zu beteiligen. Durch diese Vorschriften verloren die katholischen Organisationen immer mehr an Reiz, und sie veranlaßten viele Mitglieder, der Hitler-Jugend beizutreten.
In anderen Fällen waren HJ-Gruppen in kirchlich verwalteten Institutionen und Seminaren gegründet worden, mit Ordensgeistlichen an der Spitze. Generalvikar Riemer von Passau bemerkte hinsichtlich einer solchen Gruppe im Benediktinerkloster Schweiklberg in Bayern, daß sich die Kirche, solange die Patres die Kontrollfunktion innehätten, mit dieser Entwicklung abfinden könne.
Der Reichsjugendführer Baldur von Schirach hätte einen Frontalangriff vorgezogen oder gern sein früheres Verbot der doppelten Mitgliedschaft in Kraft gelassen. Aber nachdem Papen mehrfach interveniert hatte, erklärte sich Schirach grundsätzlich bereit, die organisierten katholischen Jugendlichen in die Hitler - Jugend aufzunehmen.
Die kirchlichen Organisationen konnten weiter bestehen, mußten sich aber "auf den rein religiösen Bereich" beschränken. So war es möglich, in der Hitler-Jugend wie auch in einer katholischen Organisation Mitglied zu sein. Der Plan wurde von Hitler auf einer Konferenz am 29. März gebilligt.
Einige Tage später unterbreitete Buttmann Pacelli in Rom den neuen Plan. Der Heilige Stuhl war Schirach gegenüber mißtrauisch, da er als begeisterter Anhänger Rosenbergs bekannt war.
Am 20. April schrieb Pacelli an Bertram, daß die Gespräche mit Buttmann ergebnislos verlaufen, seien, darum habe der Heilige Stuhl nichts dagegen, wenn der deutsche Episkopat jetzt direkte Verhandlungen mit der Regierung aufnehmen wolle. Die Bischöfe sollten sich jedoch davor hüten, unangemessene Konzessionen zu machen.
Inzwischen hatte der Druck auf die katholische Organisation ständig zugenommen. Im März startete die Hitler -Jugend eine breit angelegte Kampagne: Sie umwarb die Mitglieder der katholischen Jugendorganisation und forderte sie auf, sich von ihren alten Führern loszusagen, die sich der wahren deutschen Einheit widersetzten; statt dessen sollten die Jungkatholiken der nationalsozialistischen Bewegung beitreten.
Am 27. April folgte Robert Ley, Führer der "Deutschen Arbeitsfront", dem Beispiel Schirachs und verbot die doppelte Mitgliedschaft. Von nun an war es unmöglich, Mitglied der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF) und gleichzeitig Mitglied des katholischen Arbeiter - oder Gesellenvereins zu sein.
Und sehr bald fand nur der eine Anstellung, der sich als Mitglied der DAF ausweisen konnte; so versetzte Ley mit seiner Anordnung den katholischen Organisationen den Todesstoß.
Schon kurze Zeit danach wandten sich mehrere Bischöfe wegen dieses Erlasses an den Reichskanzler. Bischof Galen telegraphierte am 1. Mai an Hitler und ersuchte ihn die Anordnung zurückzunehmen und "den Ausschluß so vieler treudeutscher Männer aus der Gemeinschaft deutscher Aufbauarbeit nicht zuzulassen".
Auch in dieser Frage war die Politik der Bischöfe widersprüchlich. Im Grunde wünschten sie, daß die Katholiken zum integrierten Bestandteil des Hitler -Staates und dessen Bewegung würden; gleichzeitig aber wollten sie den Fortbestand der kirchlichen Organisationen, um die religiöse Wertordnung aufrechtzuerhalten und der nationalsozialistischen Lehre des positiven Christentums" entgegenzutreten.
Am 3. Mai 1934 bat Innenminister Frick den Kardinal Bertram, eine Delegation damit zu beauftragen, direkte Verhandlungen über die Ausführungsbestimmungen des Konkordats-Artikels 31 zu führen. Auf seiner Plenarkonferenz in Fulda vom 5. bis 7. Juni wählte der Episkopat für diese Aufgabe die Bischöfe Berning und Bares sowie Erzbischof Gröber - vielleicht unter dem Gesichtspunkt, daß Verhandlungen erfolgversprechend seien, die von Berning und Gröber geführt wurden, Männern, die dem Regime freundlich gesonnen waren und in seiner Gunst standen.
Die Konferenz beschloß auch die Herausgabe des üblichen gemeinsamen Hirtenbriefes. Inhalt und Ton dieses Briefes weisen darauf hin, daß die Bischöfe über die verstärkten Angriffe der Nationalsozialisten beunruhigt waren.
Der Hirtenbrief protestierte gegen die Verbreitung neuheidnischer Irrlehren und die Attacken auf die Kirche und ihre Organisationen: "Wenn solche Gefahren drohen, dürfen, wir Bischöfe nicht schweigen."
Die Verhandlungen der drei Bischöfe im Innenministerium begannen am 25. Juni. Die Regierung wurde durch Persönlichkeiten aus dem Innenministerium, der "Deutschen Arbeitsfront", der Hitler-Jugend und durch SA-Führer vertreten. Baldur von Schirach sprach für die Hitler-Jugend, und Buttmann war Vorsitzender.
Am 29. Juni einigte man sich in Berlin über die Ausführungsbestimmungen zu Artikel 31 des Konkordats. Die Kirche machte weitreichende Zugeständnisse. Die katholischen Sport- und Arbeitervereine sollten in der "Katholischen Aktion" aufgehen. Sobald wie möglich, spätestens jedoch in einem Jahr, wollte man diese Organisation auflösen, und ihre Mitglieder sollten sich dem Laienapostolat widmen.
Führungskräfte mit politischer Vergangenheit sollten ersetzt werden. Die katholischen Jugendorganisationen konnten bestehenbleiben, solange sie sich auf die religiöse und sittliche Erziehung ihrer Mitglieder beschränkten.
Um keinen Anstoß zu erregen, wollten die Bischöfe Fahrten und Zelten und das Tragen von Uniformen im Sommer 1934 verbieten. Verbände mit rein religiösen, kulturellen oder karitativen Zielen, die mit der "Katholischen Aktion" zusammenarbeiteten, sollten geschützt werden; doch über die Diözesangrenzen hinausgehende Aktivitäten erforderten die Zustimmung der Regierung.
Gelangten diese Bestimmungen in vollem Umfang zur Ausführung, würden die Hitler-Jugend und die "Deutsche Arbeitsfront" ihr Verbot der doppelten Mitgliedschaft rückgängig machen. Hitler wollte in seiner Eigenschaft als Reichskanzler und oberster Führer der NSDAP in einer öffentlichen Erklärung dem Staat und den Parteibehörden verbieten, die Kirche oder ihre Lehren herabzusetzen.
Bischof Berning legte Kardinal Bertram den Entwurf dieses Abkommens vor, um seine formelle Zustimmung einzuholen. Die Regierung hatte die drei Vertreter der Hierarchie als bevollmächtigt betrachtet, ein Abkommen zu schließen; darum wurden von Kardinal Bertram keinerlei Einwände erwartet.
Aber der Breslauer Erzbischof, wahrscheinlich entsetzt über die von den drei Unterhändlern gemachten Konzessionen, schickte Kopien von Bischof Bernings Gesprächsprotokoll an die anderen deutschen Bischöfe und auch an den Heiligen Stuhl.
Der Vatikan erkannte den Ernst der Lage. Die Delegierten des Episkopats hatten die katholischen Berufsverbände und Turnvereine aufgegeben und die anderen Organisationen in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt; damit waren sie in ihren Zugeständnissen viel weiter gegangen als das Konkordat.
Hinzu kam, daß ein Tag nach den Verhandlungen über dieses beschämende Dokument die blutigen Ereignisse des 30. Juni 1934 (die Rache-Aktion anläßlich des sogenannten Röhm-Putsches) stattfanden.
Das Massaker hatte das Leben verschiedener prominenter Katholiken gefordert; zu den Opfern gehörten unter anderen Dr. Erich Klausener, Leiter der "Katholischen Aktion" in Berlin, und Adalbert Probst, Leiter der "Deutschen Jugendkraft" (DJK). In Mißachtung der katholischen Lehre wurden ihre Leichname verbrannt; die Asche schickte man den Familienangehörigen zu.
Schließlich wurde am 25. Juli Österreichs katholischer Bundeskanzler Engelbert Dollfuß von Hitlers Hintermännern bei einem fehlgeschlagenen Nazi-Putsch ermordet. Wenige Tage später berichtete Botschafter Bergen, der Vatikan sei sehr aufgebracht über den Tod von Klausener und Probst sowie über den Mord an Dollfuß.
Papst Pius XI., so schrieb Bergen, "soll daher augenblicklich wenig geneigt sein, sich auf Verhandlungen mit der Reichsregierung einzulassen und es entschieden ablehnen, vorbehaltlose Zustimmung zu Berliner Absprachen zwischen Reichsregierung und Episkopat zu geben, gegen die von verschiedenen deutschen Bischöfen bereits Bedenken geltend gemacht wurden".
Außerdem hatte die Regierung gerade die Veröffentlichung des Hirtenbriefes vom 7. Juni verboten, und die Gestapo hatte sämtliche Exemplare der noch nicht verlesenen Erklärung beschlagnahmt. Diese Repressalien trugen zur Ernüchterung der Bischöfe bei, und viele befürchteten, daß das Abkommen wertlos sei, falls man die NSDAP und ihre Organe nicht nachdrücklicher für die Einhaltung der Vereinbarungen verantwortlich mache.
Wenn Hitler nicht den versprochenen Befehl erteilen würde, um Staat und Partei im Zaum zu halten, solle die Kirche, so schlug Bischof Galen vor, wie im Falle der "Action francaise", die Moral und Glauben der deutschen Katholiken gefährdenden neuheidnischen Lehren verdammen.
Er empfahl auch, die Teilnahme an Versammlungen und die Mitgliedschaft in Organisationen zu verbieten, bei denen die Gefahr bestehe, daß sie mit solchen Irrlehren in Berührung kämen: "Nicht alle, aber sehr viele deutsche Katholiken sind heute noch fest entschlossen, auf das Wort der Kirche zu hören und sogar unter Opfern Gehorsam zu leisten."
Dies ist der erste nachweisbare Fall, wo ein Mitglied des deutschen Episkopats erwogen hat, das Verbot der Zugehörigkeit zur Partei wieder in Kraft zu setzen. Bischof Galen gehörte auch künftig zu jener Gruppe von Bischöfen, die bereit waren, mit tatkräftigen Methoden vorzugehen; aber zu diesen Ansichten bekannte sich bis zum Ende des Hitler-Regimes nur eine Minderheit.
Mittlerweile war man in Berlin, wo die Ablehnung des Abkommens durch den Vatikan noch nicht bekannt war, über einige Hindernisse im Zusammenhang mit der beabsichtigten Erklärung gestolpert, die Hitler nach der formellen Zustimmung zu dem Abkommen abgeben sollte.
Der Führer war mit dem von Frick am 7. Juli vorgeschlagenen Wortlaut nicht einverstanden und hatte um Änderungen gebeten. Der neue Entwurf vom 4. August wurde von Hitler akzeptiert.
Die geplante Erklärung verbot alle verunglimpfenden Äußerungen über kirchliche Einrichtungen oder Lehren: "Der nationalsozialistische Staat und die NSDAP lehnen jede Einmischung in Glaubensstreitigkeiten ab. Im besonderen haben sich sämtliche Staats- und Parteidienststellen der Werbung für irgendeine Glaubensbewegung durchaus zu enthalten."
Aber diese Erklärung wurde nie veröffentlicht. Anfang September lehnte der Heilige Stuhl in einer Mitteilung das Abkommen ab, das in den Juni -Verhandlungen ausgearbeitet worden war.
In einer Note vom 2. September 1934 stellte Pacelli fest: "Das bisher von den Vertretern der Deutschen Reichsregierung Zugestandene liegt In verschiedenen wesentlichen Sachfragen unterhalb der durch den Konkordatstext gewährleisteten Linie kirchlicher Freiheit." Die notwendigen Änderungen des Entwurfes, meinte Pacelli, sollten durch neue Verhandlungen mit Mitgliedern der deutschen Hierarchie erarbeitet werden.
Am 14. September wurden die Gespräche zwischen denselben Verhandlungspartnern wie im Juni wiederaufgenommen; sie dauerten bis zum 20. September.
Die drei Bischöfe schlugen vor, man solle den katholischen Jugendorganisationen Freizeitbeschäftigungen wie Turnen, Schwimmen und Radfahren erlauben. Sie plädierten auch dafür, die Berufsverbände in Zweigverbände der "Katholischen Aktion" umzuwandeln, aber sie sollten dabei ihre Identität behalten dürfen. Buttmann fegte beide Forderungen vom Tisch; er hatte zuvor Hitler konsultiert.
"Reichskanzler habe indes ausdrücklich erklärt", wurde der Botschaft beim Heiligen Stuhl mitgeteilt, "daß das Konkordat und seine Ausführungsbestimmungen selbstverständlich auch für die Partei bindend seien."
Hitler war immer noch bereit, seine der Hierarchie im Juni versprochene öffentliche Erklärung abzugeben. Die Botschaft wurde beauftragt, Pacelli mitzuteilen, daß die Kirche für die Verzögerung eines endgültigen Abkommens verantwortlich sei, denn sie habe darauf bestanden, zuvor alle Mitglieder der deutschen Hierarchie zu konsultieren. Jedenfalls waren die Verhandlungen an einem toten Punkt angelangt. Auch die neuen Gespräche Anfang November 1934 führten nicht aus der Sackgasse heraus. Das gleiche galt für die offiziellen Beratungen zwischen Buttmann und Nuntius Orsenigo, die im Dezember begannen.
In den letzten Monaten des Jahres 1934 entspannte sich die Atmosphäre ein wenig. Die Regierung wollte sich die Wählerstimmen der überwiegend katholischen Bevölkerung des Saargebietes für die Rückgliederung an Deutschland sichern und hatte darum den Druck gelockert. Doch nur wenige gaben sich der Illusion hin, daß diese Windstille lange anhalten würde.
In einem Brief an Bischof Buchberger von Regensburg schrieb Kardinal Faulhaber, er' fürchte, daß der Kampf nach der Volksabstimmung am 13. Januar 1935 erneut einsetzen werde. Da über den Artikel 31 des Konkordats noch keine Vereinbarung bestehe, seien die katholischen Organisationen zu einem langsamen Tode verurteilt.
Ende Januar 1935 brachen die Verhandlungen über den Status der katholischen Organisationen formell zusammen. Die "Leipziger Neuesten Nachrichten" veröffentlichten am 9. April eine Rede Baldur von Schirachs, in der er den katholischen Jugendorganisationen drohte: "In den nächsten Wochen wird es sich entscheiden, ob die Katholiken gescheit genug sind, von sich aus ihr cliquenhaftes und verräterisches System aufzugeben, oder ob es nötig wird, Gewalt anzuwenden."
In einer weit verbreiteten Rede richtete Innenminister Frick neue, gezielte Angriffe gegen die katholischen Organisationen. Der Nationalsozialismus fordere, so führte Frick am 7. Juli aus, "die Entkonfessionalisierung des gesamten öffentlichen Lebens. Was hat es für einen Sinn, daß es noch katholische Beamtenvereine gibt? Wir wollen keine katholischen und keine protestantischen Beamten, wir wollen deutsche Beamte." Auch wären die katholischen Berufs- und Jugendgruppen auf Gebieten aktiv, die allein der nationalsozialistische Staat für sich in Anspruch nehme.
Am 16. Juli erließ Göring, Ministerpräsident von Preußen, eine Verordnung gegen den "politischen Katholizismus", in der er ankündigte, daß man katholische Jugendorganisationen, die sich auf anderem als auf rein religiösem Gebiet betätigen, verbieten werde.
Wenige Tage danach wurde durch Polizeiverordnungen - zunächst in Preußen und Bayern, später im gesamten Reich - offiziell veranlaßt, was Schirach schon immer gefordert hatte. Den katholischen Organisationen verbot man jede Aktivität außer der rein religiösen sowie das Tragen von Uniformen oder Abzeichen.
Am 20. August 1935 traten die Bischöfe zu ihrer Plenarkonferenz in Fulda zusammen. Die ernste Lage der katholischen Organisationen stand im Mittelpunkt der Diskussionen.
Ein ausführliches Memorandum wurde der Bischofskonferenz von Vertretern aller katholischen Verbände vorgelegt; sie schilderten ihre Notlage und forderten wirkungsvollere Unterstützung durch die Hierarchie.
Die katholischen Organisationen, so hieß es in dem Memorandum, enthielten sich aller politischen oder subversiven Tätigkeit. Die Bischöfe sollten öffentlich erklären, daß sie hinter den Organisationen stünden und ihre Leiden als das Leiden der Kirche betrachteten. Es sei sogar vorgekommen, daß die Kirche sich von einer unterdrückten Gruppe oder einem ihrer verhafteten Führer mit der Begründung distanziert habe: Er war zu waghalsig, er hätte nachgeben sollen; die Organisationen und die Kirche sind ja nicht ein und dasselbe.
Dies hatte einen Hirtenbrief der Bischofskonferenz an die katholischen Organisationen zur Folge, in dem die Unterstützung des Episkopats zugesichert wurde.
"Wir haben gerne die feierliche Erklärung der Vorstände der katholischen Verbände entgegengenommen, daß sie dem deutschen Volk und Vaterland stets in Opfermut und Treue dienen", stellten die Bischöfe fest. Unter diesen Bedingungen seien die Konkordatsbestimmungen erfüllt, und die katholischen Organisationen hätten ein Anrecht auf staatlichen Schutz.
Am 7. Juni hatte Kardinal Schulte von Köln bei Bertram angeregt, die drei deutschen Kardinäle sollten sich direkt an Hitler wenden und ihm ein detailliertes Memorandum vorlegen, das alle ihre Beschwerden aufführen und um Beseitigung der Übelstände ersuchen solle.
Im August stimmte die Fuldaer Bischofskonferenz einem solchen Memorandum zu. Es wurde von allen Teilnehmern unterzeichnet und am 23. August 1935 von Kardinal Faulhaber an Hitler abgeschickt.
Wieder traten die Bischöfe für die katholischen Organisationen ein, denen in offensichtlicher Verletzung des Konkordats die Vernichtung drohe:
"Wir Bischöfe, auf deren Gewissen die Aufsicht über die katholischen Vereine liegt, verbürgen uns, daß diese katholischen Verbände keine politischen, oder gar, was Wahnsinn wäre, dem jetzigen Regiment feindlichen Tendenzen pflegen." Über 95 Prozent der Mitglieder katholischer Arbeiterverbände gehörten schon der "Deutschen Arbeitsfront" an. Doch die Mitarbeit der Katholiken sei zwecklos; die Bischöfe fragten, ob der Staat nicht die Elemente in der Bewegung zum Schweigen bringen könne, die der Kirche feindlich gesonnen seien.
Eine Sonderkonferenz des deutschen Episkopats wurde für Januar 1936 einberufen. Während dieser Zeit setzte man die Katholiken immer stärker unter Druck und verlangte, den nationalsozialistischen Organisationen beizutreten; die anti-katholische Propaganda, besonders jene in der Hitler-Jugend, nahm zu.
Die Bischöfe beschlossen, dem Reichsministerium für Kirchliche Angelegenheiten mitzuteilen, daß der Episkopat in Anbetracht der gegenwärtigen Haltung der HJ-Führung und der antichristlichen Propaganda auf HJ-Versammlungen den Gläubigen nicht empfehlen könne, ihre Kinder in die Hitler-Jugend zu schicken.
Doch schon bald stellte sich heraus, daß die Kirche diesen Standpunkt nicht aufrechterhalten konnte.
Der Druck auf Kinder und Eltern war zu stark. So beschränkte sich der Episkopat darauf, die Eltern davor zu warnen, ihre Kinder Führern anzuvertrauen, die aktiv gegen die Kirche wirkten. In einem Hirtenbrief wandten sich die deutschen Bischöfe im Mai an die katholische Jugend und forderten sie auf, aus Organisationen, die ihren Glauben gefährdeten, auszutreten.
Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt in der Verordnung vom 1. Dezember 1936; die gesamte deutsche Jugend wurde nun gezwungen, in die Hitler -Jugend einzutreten - fortan eine offizielle, staatlich geleitete Organisation.
Das Ende der katholischen Organisationen war nahe. Anfang 1937 fanden erneut Gespräche in Berlin mit Vertretern der Hitler-Jugend statt, um die Aufhebung des Verbotes der doppelten Mitgliedschaft zu erreichen, aber sie blieben erfolglos.
Am. 18. Juni bestätigte der Reichsjugendführer nochmals das Verbot der doppelten Mitgliedschaft; da zu diesem Zeitpunkt die Zugehörigkeit zur Hitler -Jugend de facto, wenn auch noch nicht de jure, Zwang war, versetzte dieser Befehl den katholischen Jugendverbänden den Todesstoß.
1937, das ganze Jahr hindurch, vollzog sich die Auflösung der katholischen Organisationen auf lokaler und regionaler Ebene. Bis zum Kriegsausbruch im September 1939 war es dem Hitler-Staat gelungen, die einst so mächtigen katholischen Organisationen völlig zu zerstören.
Ein ungleicher Kampf war zu Ende gegangen. Die Nationalsozialisten hatten es schrittweise und methodisch geschafft. Sie gebrauchten Diffamierungen, Einschüchterung, wirtschaftliche Benachteiligung und offene Gewalt, sobald sie die öffentliche Meinung für hinreichend vorbereitet hielten.
Natürlich konnte die Kirche in diesem Kampf nicht als Sieger hervorgehen; das Konkordat mag die Dinge verzögert haben, aber auf die Dauer konnte es die katholischen Organisationen gegen die Angriffe eines mächtigen Staates nicht schützen.
Doch wenn die Gewinnchancen der Kirche auch gering waren, ganz gleich, welcher Taktik sie sich bedient hätte, so hat sie sich doch durch ihre ständigen Beteuerungen der Treue zum nationalsozialistischen Regime mit Gewißheit jeder Möglichkeit beraubt, erfolgreich Widerstand zu leisten.
Die Mitglieder der katholischen Organisationen waren schlecht auf einen Kampf gegen den nationalsozialistischen Staat und seine Bewegung vorbereitet, die von der kirchlichen Hierarchie, abgesehen von gewissen unchristlichen ideologischen Verirrungen, für durchaus akzeptable Partner gehalten wurden. Die Erwartung, der organisierte Katholizismus könne zum Partner des Dritten Reiches werden, erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil, das Regime bezichtigte die Katholiken immer wieder der politischen Unzuverlässigkeit und verbreitete das Schreckgespenst des "politischen Katholizismus". Das wurde auch auf dem Gebiet der Ideologie deutlich.
Besonders schockierend wirkte die Ernennung Alfred Rosenbergs am 24. Januar 1934 zum Beauftragten des Führers; er war für die Überwachung der geistigen und ideologischen Schulung in der nationalsozialistischen Partei verantwortlich.
Ausgerechnet der Mann, der mehr als jeder andere an der einst negativen Haltung der Kirche zur nationalsozialistischen Bewegung schuldig war, wurde jetzt Hitlers Beauftragter für alle ideologischen Fragen der Bewegung. Statt die Partei von allen antikatholischen Elementen zu säubern, wie die Kirche gehofft hatte, setzte Hitler nun sein Vertrauen auf den Erzfeind der Kirche.
Die Fuldaer Bischofskonferenz stellte im Juni 1934 mit Verwunderung und Bestürzung fest: "Im Gegensatz zu früheren Erklärungen des Führers will die nationalsozialistische Bewegung selber Weltanschauung sein."
Der gemeinsame Hirtenbrief jedoch griff die NSDAP und ihre Lehren trotz alledem nicht an, sondern er richtete seine Kritik gegen die Verfechter des Neuheidentums und ihre Ideologie. Man sprach von einem Buch, das den Glauben der christlichen Religion unterminiere, doch sah man von präziseren Angaben ab.
In diesem Hirtenbrief (später wurde er zurückgezogen, um die Konkordatsverhandlungen nicht zu gefährden) hieß es: "Wir, Eure Bischöfe, sagen Euch: Positives Christentum ist nur dort, wo man Christus, den Sohn Gottes, den menschgewordenen Erlöser der Welt, bekennt ... Ein anderes Christentum ist kein positives Christentum." Religion könne nicht auf Blut und Rasse gegründet werden, sondern einzig auf die göttliche Offenbarung, die durch die Kirche und ihr sichtbares Haupt, den Stellvertreter Christi in Rom, verkündet werde.
Es ist zu bezweifeln, ob im Juni 1934 noch viele Bischöfe an den Unterschied zwischen dem, was sie euphemistisch "Neuheidentum" nannten, und dem Nationalsozialismus glaubten. Sie wußten, daß man in den Kreisen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei viel von Rosenbergs Lehren über den neuen, im Mythos des nordischen Blutes verankerten Glauben hielt.
Sie wußten auch, daß Rosenbergs Ideologie in zunehmendem Maße als die offizielle Lehre der nationalsozialistischen Partei empfohlen wurde; aber die Kirche suchte nach einem Weg, wie sie das neue Regime weiterhin unterstützen und gleichzeitig die anstößigen religiösen Glaubenssätze führender Parteifunktionäre wie Rosenberg bekämpfen konnte.
Als einzige Möglichkeit schien sich ihr eine Unterscheidung zwischen der Nazibewegung selbst und den Irrtümern bestimmter Glieder dieser Bewegung anzubieten. Vielleicht hofften 1934 auch noch einige Bischöfe auf einen Bruch zwischen Hitler und Rosenberg.
Was man sich von dieser Taktik versprach, trat aber zum größten Teil nicht ein.
Dafür ein Beispiel: Der gemeinsame Hirtenbrief vom Juni 1934 war, wenn er auch nicht von den Kanzeln verlesen wurde, mit hoher Auflage gedruckt und vertrieben worden. Die Gestapo beschlagnahmte prompt alle unverkauften Exemplare und verbot die Veröffentlichung des Hirtenbriefes in der Presse und auch in den Kirchenzeitungen mit der Begründung, der Brief könne die öffentliche Ordnung gefährden und der Autorität des Staates und der Bewegung schaden.
Vergeblich erläuterte Kardinal Bertram, daß der Episkopat nicht die Absicht gehabt hätte, den Staat oder die Bewegung anzugreifen. Das Hitler -Regime war nicht gewillt. Kritik zu dulden.
Zu einer offeneren Kritik an Rosenbergs "Mythus" entschloß sich eine Reihe katholischer Gelehrter im Herbst 1934. Um die Beschlagnahme dieser Veröffentlichung durch die Gestapo zu verhindern, bewog man Kardinal Schulte von Köln dazu, die Schrift als Beilage des offiziellen Diözesanblattes zu veröffentlichen.
Als Schulte in letzter Minute den Mut verlor und seine Zustimmung zurückzog, wandte man sich an Bischof Galen von Münster; dieser stimmte bereitwillig zu, die Veröffentlichung zu unterstützen. Die Oktober-Ausgabe des Diözesanblattes von Münster erschien also mit einer Beilage unter dem Titel "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts".
In einem Vorwort empfahl Galen die Studie seinen Geistlichen: "Sie ist geschrieben in Liebe zum deutschen Vaterland, zur Heiligen Kirche und zur Wahrheit." Weitere Folgen erschienen im Dezember und ein Epilog Anfang 1935.
Die Autoren, die anonym blieben, unterwarfen Rosenbergs Buch einer wissenschaftlichen, aber harten Kritik. Man verwies auf die vielen falschen Angaben und die unverblümten Entstellungen von Tatsachen und protestierte gegen die Beleidigungen des Papstes und der Kirche. Auszüge aus den Studien wurden auch in Kardinal Schultes Diözesanblatt veröffentlicht,
und Neuauflagen der Schrift kamen auf über 100 000 Exemplare.
Obwohl die Gestapo die Streitschrift an einigen Orten beschlagnahmte, erreichte das Blatt doch eine breite Leserschaft. Der Kampf zwischen der Kirche und Rosenberg war damit angesagt Als Rosenberg seinen Kritikern in dem neuen kleinen Buch "An die Dunkelmänner unserer Zeit" antwortete, setzte Rom es sofort auf den Index. Den nächsten Schritt taten die Bischöfe.
In einem ausführlichen Memorandum an Hitler, über das sie auf ihrer Konferenz in Fulda im August 1935 beraten hatten, beklagten sie, daß Rosenbergs Bücher durch verschiedene Parteiorgane kräftig unterstützt und von ihnen publiziert würden. Die Feinde der Kirche könnten ihre Agitation völlig ungehindert betreiben, während "die Diktatur der Geheimen Staatspolizei" jeden Versuch der Kirche unterdrücke, sich selbst und ihre Lehren zu verteidigen.
In einem auf derselben Konferenz verfaßten gemeinsamen Hirtenbrief bedauerten die Bischöfe, daß Vorträge über religiöse Themen nicht mehr außerhalb der Kirchen abgehalten werden dürften. Die Feinde der Kirche seien jetzt Legion geworden, hieß es in dem Hirtenbrief. Wie immer in der Geschichte bestehe die Kirche auf Gehorsam gegenüber der staatlichen Obrigkeit, doch wenn Gesetze des Staates gegen das Naturrecht und die Gebote Gottes verstößen, dann gelte das Wort der Apostel: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen."
Das Regime holte zum Gegenschlag aus: Es wurde verboten, die bischöfliche Erklärung in irgendeinem anderen Publikationsorgan zu veröffentlichen als in dem Amtsblatt für den Klerus.
Der Religionskampf hatte jetzt Dimensionen angenommen, die den Nationalsozialisten Sorgen machten.
Die Leitstelle Aachen der Gestapo berichtete Ende 1934, viele Geistliche, die früher mit der Bewegung sympathisiert oder sie sogar unterstützt hätten, legten jetzt eine feindliche Haltung wegen des "Mythus-Problems" an den Tag: "Bei der Mentalität der katholischen Bevölkerung, die im großen und ganzen fast restlos hinter der Geistlichkeit steht, bedeutet dies eine starke Belastungsprobe für den Staat."
Um den religiösen Konflikt einzudämmen, wurden den einzelnen Gruppen der neuheidnischen Bewegung, die zuvor mit dem stillschweigenden Einverständnis der NSDAP operiert hatten, verschiedene Beschränkungen auferlegt.
Im Dezember 1935 verbot die bayrische Gestapo alle öffentlichen Versammlungen und Vorträge von Ludendorffs neuheidnischer Bewegung; das Verbot wurde später auf Professor Hauers "Deutsche Glaubensbewegung" ausgedehnt. Ein Befehl Himmlers vom September 1935 untersagte es Mitgliedern der SS, leitende Funktionen in religiösen Organisationen auszuüben, einschließlich der "Deutschen Glaubensbewegung".
Nur Rosenbergs Lehren wurden weiterhin überall propagiert. Rosenbergs Ideologie entsprach in ihrem Wesen der nationalsozialistischen Weltanschauung, und Hitler gewährte ihr seine volle Unterstützung. Die Vorbehalte des Führers gegenüber dem "Mythus" waren nur taktischer Natur und, entstammten nicht etwa einer Liebe zum Christentum.
Wie er Rauschning mehrere Jahre zuvor erklärt hatte, zog Hitler eine Verleumdungskampagne einem dogmatischen Disput vor. Anfang 1935 begann das Regime daher mit einer Serie von Prozessen gegen Ordensleute; sie wurden beschuldigt, das Devisen-Gesetz verletzt zu haben. Die Presse unterstützte das Regime durch geräuschvolle und feindselige Artikel. Diese Vorgänge sollten die Orden in der deutschen Öffentlichkeit in Mißkredit bringen.
Das Regime trieb im Mai seine Hetzkampagne gegen die religiösen Orden mit Prozessen wegen sexueller Vergehen auf die Spitze. Diese Vorgänge wurden von der Presse in allen widerwärtigen Einzelheiten geschildert, die katholischen Klöster als Brutstätten von Schmutz und Verbrechen dargestellt.
Auf einem anderen Gebiet übte man auf katholische Eltern einen solchen Druck aus, daß sich viele Konfessionsschulen gezwungen sahen, ihre Pforten zu schließen. Ein im November verlesener Hirtenbrief der Bischöfe in den Kirchenprovinzen Köln und Paderborn protestierte gegen die verschärften Angriffe auf Kirche und Glauben und fragte in einem Ton der Verzweiflung, ob diese Entwicklungen wohl noch lange anhalten würden. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen.
Der Vatikan verfolgte die Vorgänge in Deutschland mit wachsender Sorge. In zahlreichen Noten protestierte der Heilige Stuhl gegen die systematische Verletzung des Konkordats durch die Hitler-Regierung.
Papst Pius XI. drohte mehrmals, die Klagen an die Öffentlichkeit zu bringen, und es bedurfte des besänftigenden Einflusses seines Staatssekretärs Pacelli, um einen Abbruch der Beziehungen zu vermeiden.
Im Frühjahr 1937 endlich äußerte sich Pius XI. öffentlich zu den Übelständen in einer Enzyklika, die nach Deutschland hineingeschmuggelt, insgeheim gedruckt und in wenigen Tagen den Geistlichen im ganzen Land durch Boten übermittelt wurde. Am 21. März 1937, am Palmsonntag, wurde die päpstliche Enzyklika "Mit brennender Sorge" von den Kanzeln aller katholischen Kirchen in Deutschland verlesen.
"Mit brennender Sorge und steigendem Befremden", sagte Pius XI., beobachte er seit geraumer Zeit den Leidensweg der Katholischen Kirche in Deutschland. Das Konkordat von 1933 werde jetzt mehr oder minder offen verletzt, und die Gläubigen würden wie nie zuvor unterdrückt. Unter diesen Umständen sei "ein Wort der Wahrheit und der seelischen Stärkung" notwendig.
Wahrer Glaube an Gott, erklärte der Papst, sei unvereinbar mit der Vergöttlichung irdischer Werte wie Rasse, Volk und Staat. So wichtig diese auch in der natürlichen Ordnung seien, sie könnten doch nie die endgültige Norm aller Dinge sein.
"Nur oberflächliche Geister" könnten von einem nationalen Gott oder einer nationalen Religion sprechen. Der Gott der Christenheit könne nicht "in die Grenzen eines einzelnen Volkes, in die blutmäßige Enge einer einzelnen Rasse" eingekerkert werden.
Menschliche Gesetze, die dem Naturrecht widersprachen, seien nicht "verpflichtend für das Gewissen", erklärte Papst Pius. Anordnungen in Schulfragen, die dem naturrechtlich gegebenen Elternwillen nicht Rechnung tragen, seien daher ungesetzlich; und die Einschreibungen katholischer Schüler in überkonfessionelle Schulen, die "im Zustand notorischer Unfreiheit erfolgten, sind Zwangsprodukte, denen jeglicher Rechtscharakter abgeht".
Die päpstliche Enzyklika kam für die Reichsregierung unerwartet. Die Gestapo beschlagnahmte alle Exemplare, die ihr in die Hände fielen; zwölf Druckereien wurden ohne Entschädigung geschlossen und scharfe Proteste an die Bischöfe und den Heiligen Stuhl gerichtet.
Am 6. April 1937 befahl Hitler zornentbrannt die Wiederaufnahme der Verfahren gegen katholische Geistliche wegen Devisenschiebung und Sittlichkeitsdelikte; diese waren kurz vor den Olympischen Spielen in Berlin im Sommer 1936 unterbrochen worden.
Viele Schriftsteller und Journalisten, die zum Teil unter dem Eindruck der scharfen Reaktion der nationalsozialistischen Regierung auf die päpstlichen Äußerungen standen, betrachteten die Enzyklika "Mit brennender Sorge" als eine Verdammung des nationalsozialistischen Staates und seiner Weltanschauung. Kritischere Autoren schrieben, die Enzyklika sei in ihrem Ton gemäßigt und deute lediglich an, daß die verurteilten neuheidnischen Lehren die Gunst der deutschen Machthaber besäßen.
Es ist in der Tat ein Dokument, das "mit bewundernswertem Geschick", wie der katholische Schriftsteller Michael de la Bedoyere es ausdrückt, "die Überspanntheit der deutschen Nazi-Lehre heraussucht, um sie in einer Art zu verdammen, die nicht die Verdammung des politisch und sozial totalitären Staates nach sich zieht".
Diese Beurteilung wird durch Kardinalstaatssekretär Pacellis Erwiderung auf die Protestnote der deutschen Regierung bestätigt.
Der Kardinalstaatssekretär erklärte: "Der Heilige Stuhl, der freundliche, korrekte oder wenigstens erträgliche Beziehungen hat zu Staaten der einen wie der anderen verfassungsmäßigen Form und Richtung, wird niemals sich in die Frage einmischen, welche konkrete Staatsform ein bestimmtes Volk als die seinem Wesen und seinen Bedürfnissen entsprechendste ansehen will. Diesem seinem Grundsatz ist er auch Deutschland gegenüber treu geblieben und beabsichtigt, es weiter zu tun."
Damit sagte Pacelli: Wenn die Reichsregierung bereit ist, die kirchenfeindliche Politik aufzugeben, steht die Tür für freundliche Beziehungen auch in Zukunft offen.
Ein Grund für den versöhnlichen Ton der Enzyklika wird in dem Dokument selbst aufgeführt: "Viele", so bemerkte der Papst mit "Hirtenleid" zu Beginn seiner Enzyklika, "verlassen den Weg der Wahrheit." Diese Bemerkung traf den Kern. Unter dem Druck der unbarmherzigen antikatholischen Propagandamaschine der Nationalsozialisten trat eine große Zahl von Katholiken aus der Kirche aus; eine solche Entwicklung gebot in jeder Hinsicht Klugheit und Mäßigung.
Im Jahre 1934 hatten etwa 26 000 ihren Austritt aus der Kirche bekanntgegeben; 1936 stieg die Zahl auf 46 000; und 1937 war die Ziffer so hoch wie noch nie, nämlich 108 000.
Unter solch ungünstigen Umständen hielt es die Kirche für notwendig, behutsam vorzugehen.
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Copyright: Verlag R. Piper & Co, München.
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* Aus der Zeitschrift "Der Durchbruch", 20. August 1936.
Von Guenter Lewy

DER SPIEGEL 11/1965
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