10.03.1965

„MIT BRENNENDER SORGE“

"MIT BRENNENDER SORGE"
ist eine der päpstlichen Enzykliken überschrieben, deren Entstehungsgeschichte lange Zeit umstritten war. Bis vor kurzem konnte kein Historiker den Vatikan bewegen, die Frage zu klären, wer die Enzyklika des Papstes Pius XI. gegen die nationalsozialistische Rassenpolitik verfaßt hatte.
Die Enzyklika "Mit brennender Sorge" geriet schließlich auch in die Kontroverse um Pius XII., die Rolf Hochhuth mit seinem Drama "Der Stellvertreter" ausgelöst hatte. Während Pacellis Kritiker dem antinazistischen Pius XI. die Autorenschaft der Enzyklika zuschrieben, glaubten die Verteidiger Pacellis dessen Handschrift in der Papst-Botschaft wiedererkennen zu können.
Tatsächlich aber hat weder Pius XI. noch Pius XII. den Text der Enzyklika entworfen. Ende vergangenen Jahres konnte der italienische Jesuit Angelo Martini an Hand vatikanischer Geheimdokumente nachweisen, daß der Erzbischof von München und Freising, Kardinal von Faulhaber, Verfasser der Enzyklika war.
Im Januar 1937 hatte Pius XI. die fünf bedeutendsten deutschen Kirchenführer - die Kardinäle Faulhaber, Bertram und Schulte sowie die
Bischöfe Galen und Preysing - nach Rom gerufen, um mit ihnen zu beraten, wie der Heilige Stuhl der immer feindseligeren Kirchenpolitik des Dritten Reiches begegnen könne.
Die fünf Deutschen meldeten sich am 16. Januar 1937 bei Kardinalstaatssekretär Pacelli und berieten zwei mögliche Gegenaktionen der Kirche: einen Brief des Papstes an Hitler oder eine öffentliche Kundgebung des Heiligen Vaters in Form einer Enzyklika gegen den Nationalsozialismus. Der Brief an Hitler wurde verworfen, die Enzyklika beschlossen. Pacelli bat Faulhaber, einen ersten Entwurf vorzubereiten.
Einen Tag danach wurden Pacelli und die Deutschen vom Papst empfangen, der ihnen seine Grundgedanken über das Verhältnis zwischen Katholischer Kirche und Reich erläuterte. Anschließend zog sich Faulhaber in die Anima zurück, in der er abgestiegen war.
Er benutzte, wie die Jesuiten -Zeitschrift "Stimmen der Zeit" mitzuteilen weiß, "keine fremde Hilfe und arbeitete jeweils nur nachts, um auch die geringste Gefahr eines Verrats oder einer Indiskretion auszuschließen". Die Späher des Dritten Reiches sollten nichts von der Vorbereitung der Anti-Nazi-Enzyklika erfahren, im Gegenteil: Eine ebenfalls geplante Enzyklika gegen den Kommunismus ("Divini Redemptoris") wurde im Vatikan so auffällig vorbereitet, daß die NS-Diplomaten nur auf dieses Dokument warteten.
In der dritten Nacht schloß Faulhaber sein Manuskript ab. Die Niederschrift umfaßte elf Seiten in Großformat. Er schrieb den Text gleichsam in einem Zuge, ordnete beim Schreiben seine Gedanken und korrigierte unermüdlich. Rote Striche am Manuskriptrand bezeichneten wiedergegebene Gedanken des Papstes. Der Kardinal notierte: "Nachträglich beim Überlesen um 3.30 Uhr früh sehe ich, daß das für einen bischöflichen Hirtenbrief in Deutschland vielleicht geht, sich für ein päpstliches Schreiben jedoch nicht eignen dürfte."
Pius XI. und sein Staatssekretär entschieden anders. Pacelli veränderte den Faulhaber-Text (aus den Anfangsworten "Mit großer Sorge" wurde "Mit brennender Sorge") nur geringfügig, dann unterzeichnete der Papst. Auf eine Mappe mit Faulhabers Entwurf schrieb Pacelli: "1 ° Schema proposto dall' Emo Card. Faulhaber."
Papst Pius XI., Enzyklika-Entwurf, Verfasser Faulhaber: Heimlich in der Nacht geschrieben

DER SPIEGEL 11/1965
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