17.03.1965

GEHEIMORGANIZATIONDu bist ein Sandsack

Ein spanischer Junggeselle übersiedelte 1953 in die Bundesrepublik, um einen geheimen Auftrag zu erfüllen: "Kinder, viele Kinder und eine unauslöschliche Lichtspur (zu) hinterlassen."
Dr. Jorge Cervós-Navarro, damals 23, wirbt seither vornehmlich unter Deutschlands akademischer Jugend um Kinder, viele Kinder, für den deutschen Zweig einer internationalen katholischen Geheimorganisation, die sich den anspruchsvollen Namen "Opus Dei" (Werk Gottes) gegeben hat und mit päpstlichem Plazet arbeitet*.
Heute schon gehören dem Opus - was nicht publik gemacht wird - rund 500 Deutsche an; überwiegend sind es junge Akademiker, die wichtige Positionen im gesellschaftlichen Leben erobern wollen. Ihre Namen werden streng geheimgehalten.
"Über die Bindung an das 'Opus Dei' erfährt der Außenstehende im allgemeinen nichts", meldete Otto B. Roegele, einst Chefredakteur des katholischen "Rheinischen Merkur" und heute Professor für Zeitungswissenschaft in München.
Roegele beschrieb auch den "Schock, der manchem widerfährt, wenn er plötzlich entdeckt, daß sein Gesprächspartner, sein Studienfreund, sein langjähriger Berufskollege dem 'Opus Dei' angehört".
Auch untereinander wird die Diskretion gepflegt. Gegenüber der Außenwelt hat sie Formen angenommen, wie sie sonst allenfalls von Freimaurern und innerhalb der katholischen Kirche nur noch vom Heiligen Offizium, der obersten Glaubensbehörde, gepflegt werden.
Wenn es gelegentlich einem Journalisten gelingt, Mitglieder des "Opus Dei" zu identifizieren und um Auskünfte oder ein Photo zu bitten, so wird ihm in der Regel von den ausnahmslos kamerafeindlichen " Opus"-Katholiken statt vertraulicher Informationen nur eine vertrauliche Anrede zuteil: "Du verlangst von mir Photos, Tabellen, Statistiken. Ich schicke dir dieses Material nicht ..." Begründung: "Ich müßte sonst glauben, ich täte meine Arbeit, um auf Erden an ein Ziel zu kommen. Und ich habe nur den Himmel als Ziel."
Der Text ist ein Vierteljahrhundert alt. Er stammt von dem spanischen Priester Jose Maria Eserivá de Balaguer, der "Opus Dei" 1928 gründete, 1939 einen Leitfaden "Camino" (Weg) verfaßte und sein "Werk Gottes" heute von Rom aus als Generalpräsident leitet.
Daß aber Eserivá und seine - von ihm selbst so genannten - Apostel "nur den Himmel als Ziel" haben, wird auch von katholischen Theologen bestritten. Nach dem Urteil des angesehenen Schweizer geistlichen Gelehrten Hans Urs von Balthasar verkörpert "Opus Dei" die "stärkste integralistische Machtballung in der Kirche". Sie stellt nach seiner Ansicht die "Macht über das Kreuz" und kompromittiert durch ihre Arbeit "im Dunkeln" andere katholische Organisationen.
Tatsächlich hat Eserivá sich seit 1928 zum Ziel gesetzt, ein frommes, militantes Führerkorps so heimlich wie möglich auszubilden - "und zwar unerbittlich, stramm, im schneidenden Befehlston des Rekrutendrills" (von Balthasar). Der "Opus"-General in seinem Reglement, dem "Camino" mit 999 Aphorismen: "Dutzendmensch werden? Du - zum großen Haufen gehören? Du bist zur Führung geboren. Bei uns haben Laue keinen Platz."
Andere Eserivá-Sprüche: "Du bist wie ein Sandsack ... Reiß dich zusammen!" Oder: "Führender Mann sein! - Vermännliche deinen Willen, damit Gott dich zu einem Führenden (caudillo) macht."
Auch mit Anreden wie "Kehrichteimer", "Du Dummkopf! Du Schwachkopf!" ermuntert der oberste Caudillo seine geheimen Führer, sich aus der Masse abzusondern und nicht länger auf "das Muhen, das Grunzen und das Wiehern ringsum" zu hören (siehe Auszug).
Zeitungswissenschaftler Roegele stellte den "Weg" Escrivás auf eine Stufe mit dem - nach der Bibel,- im Mittelalter meistgelesenen Christen-Buch: "So etwas wie eine 'Nachfolge Christi' des zwanzigsten Jahrhunderts." Hingegen Theologe von, Balthasar: "Ein Handbüchlein für höhere Pfadfinder."
10 000 Männer und 8000 Frauen in allen Erdteilen fühlten sich von Eserivá zu Höherem berufen und-reihten sich in Eserivás Heerschar ein, die streng hierarchisch geordnet ist. Chef ist in jedem Land ein "Consilarius" - in Deutschland Dr. Alfonso Par mit Sitz in Köln. Pars "Opus"-Funktion wird sogar vor seinen geistlichen Amtsbrüdern geheimgehalten: Im Klerusverzeichnis steht Par lediglich unter "Beichtväter in spanischer Sprache".
Die Gefolgschaft der "Consilarii" ist eingeteilt in "Numerarii", "Oblati" und
- rangniedrige - "Supernumerarii".
Die Numerarii, zu denen auch der Bonner Spanier Cervós-Navarro, Privatdozent für Neuropathologie an der dortigen Universität, zählt, müssen ein weltliches Studium abgeschlossen haben und theologische Studien treiben. Sie leben ausnahmslos im Zölibat. Dazu Escrivá: "Die Ehe ist für den Großteil des Heeres Christi, nicht aber für seinen Führungsstab ... Sehnsucht nach Kindern? Kinder, viele Kinder und eine unauslöschliche Lichtspur hinterlassen wir, wenn wir den Egoismus des Fleisches aufopfern."
Zunächst arbeiteten General Eserivá und seine Caudillos nur im heimischen Spanien. Mit Erfolg:
- Die Minister für Handel, für Finanzen und für Industrie gehören dem "Opus Dei" an.
- Die Organisation besitzt eine eigene Universität in Pamplona, eine Technische Fakultät in San Sebastián eine Hochschule für Manager in Barcelona.
- "Opus Dei" kontrolliert eine Bank, einen Buchverlag, eine Filmfirma und eine Kunstgalerie.
Politisch umsichtig ließen die Caudillos nicht nur dem spanischen Thronanwärter Don Juan Carlos eine "Opus Dei"-Erziehung angedeihen, sondern auch den Juan-Gegnern, die um den Irene-Gatten Hugo Carlos geschart sind, politische Unterstützung zuteil werden.
In Paris kaufte die Geheimorganisation 1959 die literarische Zeitschrift "La Table Ronde" auf. Die Redaktion wurde übernommen, alsbald aber erschienen Artikel eines "Opus"-Ideologen namens Rafael Calvo Serer. Dessen Erkenntnisse:
- "Die Gewissensfreiheit führt zum Verlust des Glaubens, die Ausdrucksfreiheit zur Demagogie, zu ideologischer Verwirrung und zur Pornographie."
- "Zwischen Faschisten, Katholiken und Konservativen hat es einen gewissen Dialog geben können, der mit dem Radikalismus und der liberalen Demokratie unmöglich ist."
Dazu der Bonner Spanier Cervós -Navarro: "Calvo Serers Meinung ist nicht die amtliche Meinung des 'Opus Dei', weil das 'Opus Dei' keine amtliche politische Meinung hat."
In Köln (Weinsbergstraße) und in Bonn (Koblenzer Straße) richtete "Opus Dei" mit eigenen, Bundes-, Landes- und Kirchenmitteln Studentenheime ein, die offiziell von der neutral firmierenden "Studentischen Kulturgemeinschaft e.V." betrieben werden. In deren zehnköpfigem Vorstand aber sitzen sechs "Opus" -Mitglieder*.
Das Bonner Heim leitet Dr. Hans Thomas, zölibatärer Numerarius, Mediziner und Vorstandsmitglied wie Dr. Cervós -Navarro. Der gläubige Thomas sorgt für Zucht, indem er sich die Schlüsselgewalt sicherte (wer nach Mitternacht Einlaß begehrt, muß den Heimleiter herausklingeln) und Damenbesuch nur im gemeinsamen Besucherraum duldet.
Politisch und religiös gibt man sich in den beiden Heimen, in denen "Opus" -Mitglieder eine kleine Minderheit sind, relativ liberal. Die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen ist freiwillig und dementsprechend gering.
Zu Unternehmungen aller Art wurden die "Opus Dei"-Christen ermuntert, als Papst Paul VI. ihren General Eserivá empfing und versicherte, er - der Papst - beobachte "mit väterlicher Freude" den "glühenden Eifer für die Seelen" und halte das "Opus Dei" für einen "lebendigen Ausdruck der immerwährenden Jugend der Kirche".
* Das "Opus Dei" hat den kirchenrechtlichen Status eines "Säkularinstituts" - einer Genossenschaft "sowohl von Klerikern als
* auch von Laien, deren Mitglieder zur Erreichung der christlichen Vollkommenheit und zur vollen Ausübung ihres Apostolats die evangelischen Räte (Keuschheit, Armut, Gehorsam) in der Welt bekennen" (Pius XII.).
* Dem Vorstand gehören an: Hubertus Graf von Ballestrem als Vorsitzender, Consilarius Dr. Alfonso Par, Dr. Mertes (Auswartiges Amt), Dr. Cervós-Navarro, Rechtsanwalt Malangré (Aachen), Dr. Fernando Echeverria (Köln), Dr. Hans Thomas (Bonn), Dr. Fernando Inciarte (Freiburg), Prälat Josef Steinberg (Thomas-Morus-Akademie, Bensberg bei Köln) und der Politologe Dr. Gottfried Erb (Darmstadt).
"Opus Dei"-Kritiker von Balthasar
Arbeit im Dunkeln ...
"Opus Dei"-Kenner Roegele
... mit dem Himmel als Ziel
"Opus Dei"-Studentenheim in Bonn: Muhen, Grunzen und Wiehern verbeten

DER SPIEGEL 12/1965
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