24.03.1965

„Mit festem Schritt ins Neue Reich“

5. Fortsetzung
Nach Kriegsausbruch im September 1939 gaben die Bischöfe oberhirtliche Anweisungen für den Klerus heraus, in denen dieser aufgefordert wurde; die Kriegsziele zu unterstützen und sich in der Diskussion über politische und militärische Fragen zurückzuhalten. Im Februar 1940 schrieb der Bischof von Hildesheim an seine Geistlichen: "Zu jeder Zeit ist es eine heilige Pflicht der Kirche und ihrer Diener, Christi Lehre rein und unverkürzt zu verkünden. Das hat auch heute Geltung. Doch läßt sich die Lehrverkündigung sicherlich mit taktvoller Rücksichtnahme auf die Erfordernisse der Kriegszeit vereinen. Man vermeide darum wie bisher alles, was als Störung der Einheit und Schwächung der Volkskraft durch uns erscheinen könnte."
Die Kirche hatte also ihren Teil zu einem Burgfrieden beigetragen, indem sie im ideologischen Disput zwischen Kirche und Staat ihre Waffen niederlegte. Auch Hitler beschloß, von Polemik und feindlichen Maßnahmen gegen die Kirche abzusehen, um die Kriegsanstrengungen nicht zu beeinträchtigen. Eine Verordnung des Ministers für kirchliche Angelegenheiten vom 6. Januar 1940, in Ausführung der Amnestie des Führers vom 9. September 1939, sorgte dafür, daß viele Priester wieder ihr Gehalt bekamen; die staatlichen Subventionen waren ihnen entzogen worden, weil sie in unwichtigen Angelegenheiten gegen das Gesetz verstoßen hatten.
Während seines Besuches in Rom im März 1940 erklärte Reichsaußenminister von Ribbentrop Pius XII., der Führer wünsche "den bestehenden Burgfrieden aufrechtzuerhalten und wenn möglich zu vertiefen. Von deutscher Seite seien in dieser Hinsicht sehr erhebliche Vorleistungen gemacht worden. Der Führer habe nicht weniger als siebentausend Prozesse gegen katholische Geistliche niedergeschlagen".
Nicht alle in Hitlers Gefolge waren mit diesem Burgfrieden einverstanden. Viele führende Parteifunktionäre widersetzten sich der Einrichtung der Militärseelsorge und taten alles, sie unwirksam zu machen. 1939 war das religiöse Lesematerial für die Soldaten vom Propagandaministerium zensiert worden, und die meisten von den Geistlichen verteilten religiösen Schriften wurden 1942 verboten. Im August 1940 befahl Goebbels den Gauleitern, Trauerfeiern für Gefallene zu veranstalten, um den Einfluß der Kirchen auf diesem Gebiet auszuschalten. Die Partei sei die Hüterin aller Lebensbereiche. Bis jetzt habe man sich noch ziemlich zurückgehalten. Nachdem man aber nun den Krieg gegen Frankreich siegreich beendet habe, fuhr Goebbels fort, könne man wieder zum Angriff übergehen.
Am 29. Oktober 1940 wurde angeordnet, daß keine Gottesdienste vor zehn Uhr abgehalten werden dürften, wenn in der vorangegangenen Nacht ein Bombenangriff erfolgt sei.
Von September 1940 bis Juli 1941 beschlagnahmte man das Eigentum von über hundert Klöstern und vertrieb die Mönche und Nonnen aus ihren Häusern. Im April 1941 befahl der bayrische Staatsminister für Unterricht und Kultus, Adolf Wagner, die Kruzifixe allmählich aus den Schulen zu entfernen.
Die Bischöfe protestierten heftig gegen die Entfernung der Kruzifixe in Bayern und die Welle der Beschlagnahme von kirchlichem Eigentum in allen Teilen des Reiches; auch verursachten diese Maßnahmen erhebliche Unruhe unter der Bevölkerung.
Am 30. Juli 1941 befahl Hitler Bormann, keine weiteren Klöster oder kirchliches Eigentum zu konfiszieren, bevor er nicht seine persönliche Erlaubnis eingeholt habe, und Bormann gab den Befehl an die Gauleiter weiter.
Zum größten Teil wurde der Burgfriede trotz gelegentlicher Konfiszierung kirchlichen Eigentums eingehalten. Im September fand in Berlin eine Konferenz von Kirchenexperten der Gestapo statt; man kam überein, daß alle durchgreifenden Maßnahmen gegen die Kirche unterbleiben müßten.
Einen Monat später ordnete SD-Chef Heydrich an, alles zu vermeiden, was irgendwie die Widerstandskraft des deutschen Volkes schwächen könne.
Während des ersten Kriegsjahres hatte das Regime die Kirche ermuntert, die patriotischen Belange und die deutschen Kriegsziele zu unterstützen. Als aber die Kirche tatsächlich mit aller Kraft den Krieg unterstützte, fürchteten die Nationalsozialisten, solch ein patriotisches Verhalten könne die Kirche in einen zu guten Ruf setzen; darum bemühten sie sich, jeden Bericht, der darüber Auskunft gab, totzuschweigen.
Schon im Dezember 1939 hatte Rosenberg an Göring geschrieben, die Kirche versuche nunmehr durch kriegerische Predigten wieder Fuß zu fassen, und im Mai 1941 warnte Bormann alle Gauleiter, sich nicht durch die schlaue Taktik der Kirche irreführen zu lassen; sie sei dabei, es propagandistisch auszuwerten, daß viele Geistliche an der Front Tapferkeitsauszeichnungen bekommen hätten, und sie prahle mit der großen Zahl der im Feld gefallenen Priester.
In Gesprächen zwischen Beamten des Propagandaministeriums und der Parteikanzlei im Dezember 1941 wurde die Auffassung vertreten, die deutsche Auslandspropaganda solle die Verlautbarungen der Bischöfe zur Unterstützung der deutschen Kriegsziele ignorieren, um nicht ihre Position daheim zu stärken.
Ein Bulletin der Gestapo vom Juni 1942 rügte, daß noch viele Parteimitglieder die Gottesdienste besuchten, und schrieb diesen Zustand dem wachsenden religiösen Bedürfnis zu, das durch die Härten des Krieges bedingt sei.
Im Frühjahr 1942 wurde in Deutschland ein Brief in Umlauf gebracht, den angeblich der kurz zuvor tödlich verunglückte Katholik Werner Mölders, einer der erfolgreichsten Jagdflieger, geschrieben hatte. In diesem Brief stellte Mölders voller Stolz fest, die Katholiken würden jetzt, da sie sich voll und ganz für die deutsche Sache einsetzten, endlich als vollwertige Deutsche anerkannt und auch von denen geachtet und geschätzt, die sie früher als lammfromm und jenseitsorientiert verspottet hätten.
Die Regierung war über dieses Bekenntnis der Katholiken zum Patriotismus so ungehalten, daß sie erklärte, der Brief sei gefälscht; sie setzte eine Belohnung von 100 000 Reichsmark für Hinweise aus, die zu der Verhaftung des wirklichen Verfassers führen sollten.
So wurde der gute Wille der Katholiken wieder einmal mißdeutet. Die Kirche handelte aus aufrichtigen patriotischen Motiven, aber die Nationalsozialisten glaubten ihren Treuebekenntnissen nicht.
Im Februar 1940 schrieb Erzbischof Gröber einen ausführlichen Brief an den Ministerrat für Reichsverteidigung. Darin protestierte er gegen nationalsozialistische Verleumdungen und beteuerte, die Katholiken würden sich ganz der nationalen Sache hingeben.
Bis zu Deutschlands militärischem Zusammenbruch 1945 protestierten die Bischöfe in regelmäßigen Abständen dagegen, daß das Regime den zwischen
Kirche und Staat bestehenden Burgfrieden nicht beachtete.
Jedesmal, wenn Mitglieder des Episkopats einzelne staatliche Maßnahmen kritisierten, beeilten sie sich hinzuzufügen, daß sie mit dieser Kritik nicht dem Feind Vorschub leisten oder die innere Front schwächen wollten. Das galt auch für den Kampf der Kirche gegen das Euthanasie-Programm.
Am 1. September 1939 erließ Hitler den Befehl, alle unheilbar Kranken zu töten. Mit dem Gedanken der Euthanasie hatte Hitler sich schon seit einiger Zeit befaßt, aber mit der Verwirklichung noch gezögert, weil er aus kirchlichen Kreisen Widerstand erwartete.
Mit dem Kriegsausbruch schien ein günstiger Moment gekommen, um dieses Rassenreinhaltungsprogramm einzuleiten; außerdem wurden dadurch die so dringend benötigten Plätze in den Krankenhäusern frei, und man konnte sich der "unnützen Esser" entledigen.
In der ersten Anstalt, die für die Ausführung der Euthanasie geschaffen und im Dezember 1939 eröffnet wurde, erschoß man die Opfer. Als das Programm größere Ausmaße annahm, fand die Vergasung in Räumen statt, die als "Duschräume" getarnt waren.
Es gab in Deutschland mehrere solcher Anstalten; die größten waren Grafeneck in Württemberg und Hadamar in Hessen. Man verteilte Fragebogen an die Anstalten für Geisteskranke; auf Grund dieser Auskünfte über den Gesundheitszustand der Patienten traf ein Komitee von Ärzten die Auswahl für die Euthanasie.
Man benachrichtigte die nächsten Angehörigen und teilte ihnen mit, daß der Patient an irgendeiner normalen Krankheit gestorben und sein Leichnam verbrannt worden sei.
Bis zum Stopp des Programms im August 1941 wurden ungefähr 70 000 Patienten vergast. Die meisten waren schwachsinnig oder unheilbar geisteskrank. Es gibt auch Aufzeichnungen über Fälle, in denen Menschen, die einen Nervenzusammenbruch hatten, vergast wurden.
Obgleich das Euthanasieprogramm als streng geheim galt, sickerte im Laufe der Zeit einiges darüber durch. In den Benachrichtigungen hieß es zum Beispiel, daß Patienten an Blinddarmentzündung gestorben seien, denen schon vor Jahren der Blinddarm entfernt worden war; geistig zurückgebliebene oder geistig etwas unausgeglichene Patienten, die regelmäßig von ihren Angehörigen besucht worden waren, starben plötzlich an Gehirnödemen.
Außerdem benötigte das Unternehmen eine große Zahl männlicher und weiblicher Krankenpfleger, Fahrer, Wachen und Heizer für das Krematorium; Leute in der Nachbarschaft konnten beobachten, wie ein nicht mehr endender Strom von Patienten eingeliefert wurde, der bei weitem die Kapazität der Krankenanstalt übertraf.
Den Krematorien entstiegen Rauchwolken; die Kinder riefen beim Anblick von Lastwagen, die voller Patienten waren: "Da werden wieder welche vergast!"
Am 11. August 1940 legte Kardinal Bertram im Namen des Episkopats beim Leiter der Reichskanzlei, Lammers, Protest ein. Er erklärte, die Kirche habe schon seit 1934 nachweislich gegen die Euthanasie Stellung bezogen, und machte darauf aufmerksam, daß die Tötung von willkürlich als lebensunwert erklärten Menschen Empörung ausgelöst habe. Eine solche Ausrottung Unschuldiger verstoße nicht nur gegen das christliche Sittengesetz, sondern auch gegen das sittliche Empfinden des deutschen Volkes und gefährde Deutschlands Ruf im Ausland.
Wenige Monate später richtete Kardinal Faulhaber an den Justizminister Gürtner einen Protestbrief. Trotz aller Geheimhaltungsversuche, schrieb Faulhaber, wisse jetzt jeder, daß eine große Zahl von Patienten im Verlauf eines aufgenötigten Euthanasieprogramms getötet würde.
Die Tötung dieser unschuldigen Menschen, so Faulhaber, werfe ein sittliches Problem auf, das man nicht ignorieren könne: "Ich habe in dieser sittlich rechtlichen, nichtpolitischen Frage es als Gewissenspflicht empfunden, zu reden, weil ich als katholischer Bischof nicht schweigen kann, wenn es sich um die Erhaltung der sittlichen Grundlagen jeder öffentlichen Ordnung handelt."
Diese und weitere Proteste von Bischöfen und protestantischen Kirchenmännern wurden ignoriert, die Tötungen fortgesetzt. Bischof Galen entschloß sich deshalb, diese Mordtaten öffentlich anzuprangern.
In einer Predigt am 3. August 1941 in der St. Lamberti-Kirche in Münster führte Galen in allen Einzelheiten aus, wie die unschuldigen Kranken getötet und ihre Angehörigen durch Angabe falscher Todesursachen betrogen würden. Eindrucksvoll schilderte Galen diese Verbrechen; er forderte, daß die für diese Taten Verantwortlichen des Mordes angeklagt und vor Gericht gestellt würden.
Selbst Invaliden, Krüppel und verwundete Soldaten seien ihres Lebens nicht mehr sicher. Wehe dem deutschen Volk, rief Galen aus, wenn nicht nur Unschuldige getötet werden könnten, sondern ihre Mörder auch noch ungestraft ausgingen.
Die Anklagen Bischof Galens, besonders seine Hinweise auf die vom Tode bedrohten Invaliden und Schwerverwundeten, breiteten sich aus wie ein Lauffeuer. Bis in den letzten Winkel Deutschlands hinein und auch an der Front wurden gedruckte Exemplare der Predigt Galens verteilt.
Der Protest des Bischofs rief ein solches Echo hervor und machte ihn zu einer so populären Persönlichkeit, daß die Regierung sich außerstande sah, gegen ihn vorzugehen.
Mehrere Funktionäre schlugen vor, Galen aufzuhängen, und auch Bormann war der Ansicht, das Todesurteil sei eine angemessene Strafe für diesen Landesverrat. Aber Goebbels befürchtete, "daß die Bevölkerung von Münster als für den Krieg verloren betrachtet werden kann, wenn ihrem Bischof irgend etwas zustößt, und die gleiche Befürchtung gilt für ganz Westfalen".
Auch der Führer traute sich nicht, aus Galen einen Märtyrer zu machen. Kurz nach der Predigt Galens am 3. August 1941 wurde dem Euthanasieprogramm durch einen Führerbefehl offiziell Einhalt geboten.
Die sogenannte "wilde Euthanasie" wurde allerdings trotz Hitlers Befehl fortgesetzt und forderte das Leben vieler Deutscher und auch vieler ausländischer Zwangsarbeiter, aber das großangelegte Programm war eingestellt.
Von Zeit zu Zeit erneuerten die Bischöfe in ihren Predigten und Hirtenbriefen den Widerstand gegen die Zerstörung "unproduktiven Lebens", und diese Äußerungen haben wahrscheinlich dazu beigetragen, daß das Programm nicht wieder aufgenommen wurde.
Die eindrucksvolle Reaktion der Katholischen Kirche auf die Tötung von Geisteskranken war vermutlich der Hauptgrund dafür, daß Hitler das Euthanasieprogramm aufgab. An diesem Beispiel zeigt sich, was der mächtige Einfluß der öffentlichen Meinung in Hitlers mit roher Gewalt regiertem Staat bewirken konnte - und das zu einer Zeit, als der Führer auf dem Höhepunkt seiner militärischen Erfolge angelangt war.
Hätte die öffentliche Meinung der Deutschen auf andere großangelegte Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes ähnlich reagiert, zum Beispiel auf die Ausrottung der Juden Europas, dann wäre das Ergebnis vielleicht ebenso wirkungsvoll gewesen.
Aber die meisten Menschen, die sich über die Tötung ihrer Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern entrüsteten, schwiegen, als ihre jüdischen Nachbarn deportiert und schließlich in denselben Gaskammern getötet wurden, die für das Euthanasieprogramm eingerichtet und erprobt worden waren.
Der französische Historiker - Leon Poliakov hat dazu bemerkt: "Bei der Ausrottung der sogenannten 'nutzlosen Esser' handelte es sich um deutsches Menschenleben, um Fleisch von ihrem Fleisch"; die Katastrophe, die als Höhepunkt jahrelanger bösartiger antisemitischer Propaganda über die Juden hereinbrach, löste keine solchen Gefühle der Menschlichkeit aus.
Die judenfeindlichen Maßnahmen der Kirche des Mittelalters und die des Dritten Reiches sind sich sehr ähnlich; dennoch lassen sich zwischen Hitlers rassischem Antisemitismus und dem Anti-Judaismus der Christen manche Unterschiede erkennen.
Der nationalsozialistische Antisemitismus entsprang einem pervertierten Sozialdarwinismus, einer Weltanschauung, die zwischen Herrenmenschen und Untermenschen, je nach ihrer rassischen Herkunft, unterschied. Er forderte die Vernichtung der Menschen, von denen man meinte, sie könnten die Reinhaltung der Rasse und die nationale Größe beeinträchtigen.
Die Feindseligkeit der Christen gegenüber den Juden wurzelte in bestimmten theologischen Vorstellungen, die sich in den ersten drei Jahrhunderten des Christentums entwickelt hatten.
Für viele christliche Theologen waten die Juden schon immer das Volk, das Gott verraten und durch die Kreuzigurig Jesu Christi einen unwiderruflichen Fluch auf sich geladen hatte. Viele Jahrhunderte lang bildeten diese Vorstellungen die Grundlage für antijüdische christliche Predigten und den Religionsunterricht.
Wenn im Mittelalter am Karfreitag die Leidensgeschichte Christi verlesen wurde, kam es anschließend oft zu Gewalttaten gegen Juden, für die dieser heilige Tag zum Tag des Schreckens wurde.
Hitlers Antisemitismus und seine logische Ausgeburt Auschwitz, so schreibt der französisch-jüdische Wissenschaftler Jules Isaac, entstand auf dem Boden, den vorausgegangene Jahrhunderte bereitet hatten. "Ohne die Jahrhunderte mit christlichem Katechismus, Predigten und Schmähungen wären Hitlers Lehren, Propaganda und Schmähungen nicht möglich gewesen."
Die Aufklärung und das immer weltlicher werdende Denken hatte die Feindschaft zwischen Christen und Juden nicht ausgelöscht. Der alte Haß tauchte in anderem Gewand wieder auf. Der neue Antisemitismus fand politische, wirtschaftliche und soziale Argumente, um seine Feindschaft gegen die Juden zu begründen.
Auch einige Vertreter des deutschen Katholizismus trugen während des 19. Jahrhunderts, wie katholische Nationalsozialisten später mit Stolz hervorhoben, zum Wachstum dieses neuen Antisemitismus bei. Publizisten wie Karl Freiherr von Vogelsang (1818 bis 1890) und Joseph Edmund Jörg (1819 bis 1901) traten dafür ein, das Joch der Ausbeutung, unter der die christlichen Nationen zu leiden hätten, abzuschütteln.
Als Bischof Keppler von Rottenburg (1852 bis 1926) von einem Besuch aus dem Heiligen Land zurückkam, war er über die Armut der Juden in Jerusalem erstaunt: "Kaum sollte man glauben, daß dies ein Teil desselben Volkes ist, welches außerhalb Palästinas den Christenvölkern wie ein Pfahl im Fleische sitzt, welches ihnen das Blut aussaugt, sie knechtet mit den goldenen Ketten der Millionen und mit den Rohrzeptern giftgetränkter Federn, die öffentlichen Brunnen der Bildung und Moral durch Einwerfen ekliger und eitriger Stoffe vergiftet."
In der Weimarer Republik geriet der organisierte deutsche Katholizismus immer wieder in Konflikt mit der wachsenden nationalsozialistischen Bewegung, aber der Antisemitismus war kein wichtiger Streitpunkt.
Im Gegenteil, viele katholische Publizisten - so der Franziskanerpater Erhard Schlund - stimmten mit den Nationalsozialisten überein, daß man gegen die jüdische "Vorherrschaft auf finanziellem Gebiet, den destruktiven Einfluß der Juden auf Religion, Sitte, Literatur und Kunst und politisches und soziales Leben" vorgehen müsse.
Dieses Plädoyer für einen gemäßigten Antisemitismus war ein ziemlich typischer und durchaus respektabler Standpunkt innerhalb der Kirche; Der Jesuit Gustav Gundlach zum Beispiel schrieb in einem Lexikon, das von Bischof Buchberger von Regensburg herausgegeben wurde: Ein politischer Antisemitismus, der sich des "übersteigerten und schädlichen Einflusses" der Juden erwehre, sei zulässig, solange dabei moralisch vertretbare Mittel angewandt würden.
Bischof Buchberger selbst hielt es 1931 für "eine gerechte Notwehr", ein "übermächtiges jüdisches Kapital" von dessen mächtiger Stellung zu verdrängen; es sei aber ungerecht und unchristlich, allen Juden für diese Mißstände die Schuld zuzuschieben oder diesen wirtschaftlichen Kampf in einen Kampf der Rasse oder Religion umzuwandeln.
Alle deutschen Bischöfe erklärten nach Hitlers Machtergreifung, daß sie die Rasse und die Reinheit der Rasse als wichtige, natürliche Werte betrachteten; ihre Opposition beschränkte sich auf die Forderung, dieses Ziel müsse erreicht werden, ohne daß man zu unsittlichen Mitteln greife.
Der Artikel über "Rasse" in dem für aktuelle religiöse Probleme maßgeblichen "Handbuch" von Erzbischof Gröber faßte diesen Standpunkt mit den folgenden Worten zusammen:
"Weil jedes Volk für seinen glücklichen Bestand die Verantwortung selbst trägt und die Hereinnahme vollkommen fremden Blutes für ein geschichtlich bewährtes Volkstum immer ein Wagnis bedeutet, so darf keinem Volk das Recht abgesprochen werden, seinen bisherigen Rassenstand ungestört zu bewahren und zu diesem Zweck Sicherungen anzubringen. Die christliche Religion verlangt nur, daß die angewandten Mittel nicht gegen die sittlichen Vorschriften und die natürliche Gerechtigkeit verstoßen."
In dem "Handbuch" von Erzbischof Gröber wurde der Marxismus definiert als "der hauptsächlich von dem Juden Karl Marx begründete materialistische Sozialismus", der Bolschewismus als "asiatischer Staats-Despotismus, praktisch im Dienst einer Gruppe jüdisch geleiteter Terroristen".
Der Artikel über "Kunst" wies darauf hin, daß die meisten degenerierten und undeutschen Ausdrucksformen der Kunst seit dem 19. Jahrhundert das Werk von Juden oder von Menschen unter jüdischem Einfluß gewesen seien. "Der entwurzelte und atheistisch entartete Jude" war folglich zu einem guten Teil schuldig an der Politisierung der Kunst.
Wann immer es ihr behagte und nützlich schien, bediente sich die Kirche des Wortes "Jude" mit nationalsozialistischer Sinngebung.
Zu Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft werteten die Nationalsozialisten den "Pfaffenspiegel" - ein antiklerikales Buch des 19. Jahrhunderts, das viel Staub aufwirbelte - weitgehend propagandistisch aus. Schon bald kam es zu einem erbärmlichen Schauspiel: Die Kirche versuchte, die Wirkung dieses Buches zunichte zu machen, indem sie behauptete, der protestantische Autor, Otto von Corvin-Wiersbitzki, sei Halbjude gewesen; die Nationalsozialisten dagegen behaupteten, er sei "Vollarier" gewesen.
In Kundgebungen von der Kanzel, in Hirtenbriefen und Zeitungsartikeln, verlieh die Kirche diesem Argument Nachdruck, indem sie das berüchtigte antisemitische "Handbuch der Judenfrage" von Theodor Fritsch als Beweis heranzog - ein Werk, das nach dem katholischen Gelehrten Waldemar Gurian kein respektabler Autor oder Wissenschaftler zitieren sollte; hier wurde Corvin als Sohn einer Jüdin bezeichnet.
Selbst Dompfarrer Lichtenberg - ein Mann, der später mit seinem Leben dafür bezahlte, daß er versucht hatte, den Juden zu helfen - meinte Hitler einen persönlichen Protestbrief schreiben zu müssen: Corvin sei "nach neuesten Forschungen nicht arischer Herkunft".
Die Nationalsozialisten bestritten natürlich die nicht-arische Abstammung Corvins - schließlich lieferte dieser Autor ihnen handfestes Material gegen die Kirche.
Diese fand daraufhin neue Argumente, mit denen sie gegen Corvins Buch polemisierte: Es sei von einer jüdischen Druckerei gedruckt worden; Corvin sei mit Juden befreundet und ein Mensch mit wenig Mitgefühl, mit kaltem Sarkasmus und von anmaßender Überheblichkeit gewesen - "kurz, alles, was wir heute als besonders unarisch ansehen".
Einige Bischöfe wollten trotz aller Beweise nicht wahrhaben, daß Corvin nicht jüdischer Abstammung war, denn dadurch verloren sie ihr Hauptargument gegen ihn. Bischof Buchberger nannte Corvin in einem Hirtenbrief vom Februar 1937 einen "Halbjuden und Freimaurer", und noch im Januar 1942 bezeichnete Erzbischof Gröber den Autor des "Pfaffenspiegel" als einen "halbjüdischen Literaten".
Wenn wir uns dieses Meinungsklima in der Kirche vor Augen halten, verstehen wir vielleicht eher, warum die Kirche sich angesichts der antisemitischen Gesetzgebung des nationalsozialistischen Regimes zurückhielt, selbst dort, wo durch die Verordnungen wichtige Bereiche der kirchlichen Jurisdiktion berührt wurden, wie zum Beispiel beim Ehesakrament.
Nach kanonischem Recht ist die Kirche für die Eheschließung von Katholiken allein zuständig. In der Praxis aber hat die Kirche in vielen Ländern dem Staat das Recht zugestanden, bestimmte Bedingungen an die Eheschließung zu knüpfen, solange diese nicht dem Naturrecht widersprechen.
Wie aber sollte die Kirche sich verhalten, wenn der Staat zum Beispiel die Eheschließung zwischen Getauften verschiedener Rassen verbot?
In den Augen der Kirche, so hieß es 1934 in einem Memorandum der deutschen Bischöfe, sei jeder Katholik, ob er nun aus einer reinrassig-deutschen Ehe oder aus einer rassisch gemischten Ehe hervorgegangen sei, ob als Kind oder Erwachsener getauft, gleichermaßen berechtigt, die Sakramente zu empfangen. Wenn daher zwei Getaufte verschiedener Rassen darauf bestünden, von einem Priester getraut zu werden, so könne der Priester sich nicht weigern, selbst wenn der Staat eine solche Ehe verbiete.
Aber genau das tat der Staat: Nach den sogenannten Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935 war es illegal, wenn zwei Katholiken heirateten, von denen einer nach den Gesetzen als "nicht-arisch" angesehen wurde.
Die Informationszentrale des deutschen Episkopats in Berlin berichtete im September 1935, daß bisher katholische Paare verschiedener rassischer Herkunft nach England gefahren seien, um sich dort trauen zu lassen, aber jetzt galten auch diese Eheschließungen als illegal, und die Kirche stand vor einem ernsten Problem.
Was tat sie? In einigen Fällen umgingen Priester das Gesetz. Sie beriefen sich auf eine Bestimmung im Konkordat; danach durfte die Kirche im Falle eines "schweren sittlichen Notstandes" eine Trauung auch ohne vorausgegangene Ziviltrauung vornehmen.
Doch im großen und ganzen hielt sich die Kirche an das Gesetz. Damit beugte sie sich einem "unerlaubten Eingriff in ihre geistliche Jurisdiktion", wie sie selbst es früher einmal genannt hatte.
In ähnlicher Weise gab die Kirche nach, als der sogenannte Arier-Paragraph auf geistliche Religionslehrer angewandt wurde. In einem anderen Falle waren die Auswirkungen schwerwiegender, als sich nämlich die Kirche bereit erklärte, über die religiöse (rassische) Herkunft ihrer Gläubigen aus ihren Akten Auskunft zu geben.
In Zukunft mußte jeder, der sich um einen Regierungsposten - und bald auch um andere Funktionen - bemühte, nachweisen, daß er kein Jude sei. Da vor 1874 bis 1876 die Geburten nur von den Kirchen registriert worden waren, wurde die Kirche gebeten festzustellen, wer Vollarier sei und wer nicht. Nach dem nationalsozialistischen Gesetz hing dies von der Rassenzugehörigkeit (das heißt Religionszugehörigkeit) der Eltern und Großeltern ab.
Die Kirche erklärte sich wie selbstverständlich zur Mitarbeit bereit; sie beklagte sich nur, daß die Priester, die ohnehin überarbeitet seien, für diese zusätzlichen Dienstleistungen nicht besonders honoriert würden.
Die Frage, ob die Kirche dem nationalsozialistischen Staat helfen solle, Menschen jüdischer Herkunft auszusortieren, wurde nie diskutiert.
Die Kirche verrichtete diese Dienstleistung auch noch in den Kriegsjahren, als man für die jüdische Herkunft nicht mehr mit Entlassung aus dem Staatsdienst und Verlust des Lebensunterhaltes bezahlen mußte, sondern mit der Deportation und dem Leben.
In einigen Fällen versuchten die Bischöfe, die nicht-arischen Katholiken, für die die Kirche sich besonders verantwortlich fühlte, zu schützen. Im September 1933 fragte Kardinal Bertram den päpstlichen Staatssekretär, ob der Heilige Stuhl nicht in Berlin ein gutes Wort für die katholischen Konvertiten jüdischer Herkunft einlegen könne; sie litten bittere Not, weil sie "nicht-arischer Abstammung" seien.
Schon sehr frühzeitig kümmerte sich der "St.-Raphaels-Verein" um diese Katholiken, eine katholische Organisation, die 1871 zum Schutz deutscher Auswanderer gegründet worden war: Bischof Berning war ihr Vorsitzender.
Von 1936 bis 1937 half der "St. -Raphaels-Verein" 516 katholischen Nicht-Ariern; 1938 ermöglichte er die Emigration von 1850 Menschen. Gelegentlich unterstützte man auch Juden, die mit Katholiken verheiratet waren.
Aber die Behauptung des Berliner Bistumsblattes, der "St.-Raphaels-Verein" habe 1950 Juden die Emigration ermöglicht und 25 000 Juden unterstützt, entbehrt Jeder Grundlage, es sei denn, man will den Begriff "Jude" noch immer im Sinne rassischer Klassifizierung benutzen.
Bevor es zur "Endlösung der Judenfrage" kam, erstreckte sich die Hilfe und Sympathie der Kirche einzig auf katholische Nicht-Arier. Einige Fälle sind allerdings bekannt, in denen Kleriker die Juden verteidigten
Im März 1933 bezeichnete ein Priester im Rheinland in einer Predigt die Verleumdung der Juden als ungerecht: er mußte 500 Mark Strafe zahlen, weil ei die Kanzel mißbraucht habe. Ein anderer Priester in Bayern erklärte 1936, die Geschichten, die man in Deutschland über die Juden verbreite, seien nichts als Lügen. Es gab sicher noch mehr solcher Fälle und auch Samariterdienste, die nicht aktenkundig geworden sind.
Kardinal Faulhaber soll bei den antijüdischen Ausschreitungen im November 1938 dem Oberrabbiner von München einen Lastwagen zur Verfügung gestellt haben, damit er einige geweihte Gegenstände aus der Synagoge in Sicherheit bringen konnte, bevor sie völlig zerstört wurde.
Dompropst Lichtenberg in Berlin betete am Morgen nach der Kristallnacht für die verfolgten nicht-arischen Christen und Juden und fügte hinzu: "Was gestern war, wissen wir, was morgen ist, wissen wir nicht, aber was heute geschehen ist, das haben wir erlebt: Draußen brennt der Tempel - das ist auch ein Gotteshaus."
Lichtenbergs Protest stand allein auf weiter Flur. Die Bischöfe blieben stumm angesichts der brennenden Tempel und schwiegen auch, als die ersten Juden zusammengetrieben wurden.
Am 31. Juli 1941 wurde Heydrich beauftragt, "alle erforderlichen Vorbereitungen ... zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa". Der Vernichtungsapparat trat in Aktion.
Es begann mit einer Verordnung am 1. September 1941: Alle Juden, die über sechs Jahre alt waren, konnten von nun an nur noch an die Öffentlichkeit, wenn sie durch einen Judenstern gekennzeichnet waren; sie durften ihren Wohnort nicht ohne Erlaubnis verlassen.
Die Menschen, die den Judenstern tragen mußten, waren durch diese Zwangsmaßnahme wie gelähmt. Mehr denn je empfanden sie sich als eine ausgestoßene Gruppe, einem Schicksal ausgeliefert, das einige bereits vorausahnten. Viele hatten Angst, ihre Häuser zu verlassen.
Diese Angst stellte die betroffenen Katholiken vor ein besonderes Problem. In einigen Städten suchten die katholischen Nicht-Arier bei der Polizei um die Erlaubnis nach, ohne Judenstern in die Kirche gehen zu dürfen, und sie baten ihre Bischöfe, sie dabei zu unterstützen.
Die Bischöfe zeigten Mitgefühl, obwohl es ihnen nicht behagte, daß Juden an katholischen Gottesdiensten teilnehmen sollten; das würde die Feindseligkeit der Nationalsozialisten gegenüber der Kirche nur noch verschärfen. Auch wußten sie nicht, wie die Gemeinden auf diese jüdischen Katholiken reagieren würden.
Am 17. September 1941 schrieb Kardinal Bertram an den Episkopat und griff dieses neue Problem auf. Sein Rat war: "Zu vermeiden sind ... übereilte Anweisungen, die für jüdische Katholiken als verletzend angesehen werden können, zum Beispiel Einführung besonderer Judenbänke, Trennung bei Spendung der heiligen Sakramente, Einführung von Sondergottesdiensten in bestimmten Kirchen oder Privathäusern." Die Absonderung katholischer Nicht-Arier verstoße gegen die christlichen Grundsätze und solle daher so lange wie möglich vermieden werden.
Die Priester sollten jedoch den jüdischen Katholiken empfehlen, wenn irgend möglich, die Frühmesse zu besuchen. Man solle mit Ermahnungen an die Gläubigen, gegenüber den Nicht -Ariern christliche Nächstenliebe zu üben, ebenfalls warten, bis es konkrete Anlässe dazu gäbe.
Der Erzbischof von Breslau fuhr fort: "Erst wenn sich größere Schwierigkeiten durch den Kirchenbesuch der nicht arischen Katholiken ergeben sollten (Fernbleiben der Beamten, Parteigenossen und anderer, ostentatives Verlassen des Gottesdienstes), ist mit den katholischen Nicht-Ariern selbst die Abhaltung von Sondergottesdiensten zu erwägen."
Indessen versuchten die Kirchenführer Wienken und Berning in Berlin von der Gestapo die Erlaubnis zu erhalten, daß jüdische Katholiken den Davidstern nicht in der Kirche tragen müßten, aber sie hatten keinen Erfolg.
Am 27. Oktober schrieb Berning an Bertram, um ihm mitzuteilen, die Gestapo habe sich geweigert, in dieser Angelegenheit irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Es sei aber bisher fast nirgends zu Schwierigkeiten gekommen, wenn nicht-arische Katholiken an Gottesdiensten teilgenommen hätten. Einige würden lediglich darauf verzichten, zur Kirche zu kommen. So blieb es der Kirche erspart, rassisch diskriminierende Maßnahmen zu treffen.
Die Massendeportationen deutscher Juden begannen am 15. Oktober 1941. In dem soeben zitierten Brief berichtete Bischof Berning dem Kardinal Bertram, er habe bei seinen Gesprächen mit der Gestapo auch auf die Härten bei der "Evakuierung der Nicht-Arier" hingewiesen und gebeten, mit mehr Nachsicht zu Werke zu gehen. Man habe ihm gesagt, christliche Nicht-Arier würden nur in Ausnahmefällen evakuiert werden.
Berning machte darauf aufmerksam, daß die lokalen Gestapo-Behörden bereit seien, der Kirche die Termine der bevorstehenden Deportationen bekanntzugeben; die Kirche könne auf diese Weise feststellen, ob sich unter den zur Deportation vorgesehenen Menschen christliche Nicht-Arier befänden. Man würde ihr auch erlauben, solche christlichen Nicht-Arier vor der Deportation seelsorglich zu betreuen.
Was die Gestapo dem Bischof Berning versprach, wurde nicht eingehalten. Am 27. Oktober informierte Bischof Hilfrich von Limburg den Bischof -Koadjutor Wienken, den Vertreter des Episkopats bei den Berliner Behörden, daß bei dem Judentransport aus Frankfurt Anfang des Monats auch katholische Nicht-Arier dabei waren, die nicht besser behandelt worden seien als alle anderen. Das Schicksal träfe sie besonders hart, da sie von ihren Rassengenossen als Apostaten angesehen würden.
Hilfrich fragte an, ob man unter diesem Gesichtspunkt nicht für sie eine Ausnahmeregelung treffen könne; wenn dies nicht möglich sei, solle man sie wenigstens in gesonderten Gruppen transportieren, damit sie seelsorglich leichter betreut werden könnten.
Wienken anwortete einige Tage danach, daß man nunmehr auf höchster Ebene über die Deportation katholischer Nicht-Arier verhandle. Auch die Bischöfe der Kirchenprovinzen Köln und Paderborn, die im November 1941 zusammenkamen, schlugen vor, wegen dieser Deportationen bei der Regierung vorstellig zu werden.
Während die Bischöfe ganz mit der Seelsorge für die katholischen Nicht -Arier vor der Deportation und während der Umsiedlung in Anspruch genommen waren, sickerten Gerüchte über das Schicksal der Juden im Osten durch. Seit dem Einmarsch in Rußland wurden besondere Einsatzgruppen verwendet, deren Aufgabe es war, die Juden umzubringen.
Bis Ende 1942 hatte mehr als 100 000 deutsche Juden der Tod im Osten ereilt, und statt unkontrollierbarer Gerüchte über ihr Schicksal hörte man jetzt immer wieder konkrete Berichte mit Einzelheiten über Massenvergasungen.
Während dieser Zeit berichteten auch katholische Offiziere, die in Polen und Rußland eingesetzt waren, den Bischöfen von weiteren Judenvernichtungen.
Dr. Josef Müller, ein Offizier der Abwehr des Admirals Canaris und Vertrauter Kardinal Faulhabers, hatte den Episkopat lange Zeit hindurch über die systematischen Greueltaten in Polen unterrichtet. Ein weiterer Informant war Dr. Hans Globke, ebenfalls Katholik und hoher Beamter im Innenministerium, der Rassenfragen bearbeitete.
Es besteht daher kein Zweifel, daß der deutsche Episkopat spätestens Ende 1942 über die schrecklichen Ereignisse im Osten gründliche Kenntnisse besaß.
Bis 1942 brauchten Halb-Juden und "Viertel-Juden", die sogenannten Mischlinge und auch Nicht-Arier, die mit Ariern verheiratet waren, den Judenstern nicht zu tragen, auch wurden sie bis dahin nicht deportiert. Als die Endlösung voranschritt, sollte aber auch diese bisher offene Hintertür geschlossen werden.
Eine Expertenkonferenz beschloß im März 1942 die Zwangsauflösung rassisch gemischter Ehen; anschließend sollte der jüdische Partner deportiert werden. Wenn ein arischer Partner die Scheidung innerhalb eines festgesetzten Zeitraumes nicht beantragte, sollte der Staatsanwalt einen Scheidungsantrag stellen; die Scheidung mußte dann von den Gerichten ausgesprochen werden.
Die Bischöfe erfuhren durch Dr. Globke im Innenministerium von dieser geplanten Maßnahme, und sie reagierten sofort. Am 11. November 1942 protestierte Erzbischof Bertram im Namen des Episkopats bei dem Justiz-, dem Innen- und dem Kirchenminister gegen die geplante Scheidungsgesetzgebung.
Der Erzbischof schrieb, unter den von der geplanten Maßnahme Betroffenen befänden sich viele tausend Katholiken, deren Ehe nach katholischer Lehre unauflöslich sei. Man müsse die religiösen Rechte katholischer Christen respektieren, wenn Kirche und Staat friedlich zusammenarbeiten wollten. Bertram schloß seinen Brief an die Minister, er hoffe, daß die Reichsregierung die geplante Scheidungsverordnung zurückziehen werde.
Obwohl die Verordnung noch nicht erlassen war, weil verschiedene bürokratische Schwierigkeiten entstanden, nahm die Gestapo im Februar 1943, als die letzten deutschen Juden deportiert wurden, auch mehrere tausend christliche Nicht-Arier aus rassischen Mischehen fest. Allein in Berlin wurden am 27. Februar etwa 6000 solcher Männer verhaftet.
Dann geschah etwas, womit man nicht gerechnet hatte: Die arischen Ehefrauen folgten ihren Mannern bis zu dem Platz, wo sie vorübergehend festgehalten wurden, sie wichen nicht vom Fleck, schrien und forderten ihre Männer zurück.
Da die Gestapo die ganze Aktion aber geheimhalten wollte und nun befürchtete, der Vernichtungsapparat des Dritten Reiches könne ans Tageslicht kommen, gab sie nach und entließ die nicht arischen Ehemänner.
Dieses Beispiel zeigt, was ein aufgerütteltes Gewissen erreichen konnte - selbst gegen Hitlers Terrorapparat. Der deutsche Episkopat rechnete es sich nach dem Zusammenbruch des nutional sozialistischen Regimes als Verdienst an, die Zwangsscheidung rassisch gemischler Ehen verhindert zu haben.
Es kann mit gutem Grund angenommen werden, daß dies in der Hauptsache den mutigen Frauen von Berlin zu verdanken war, die es in den letzten Februartagen 1943 wagten, der scheinbar allmachtigen Gestapo die Stirn zu bieten.
Am 16. April teilte Bischof Preysing seinen Amtsbrüdern mit, daß die geplante Scheidungsverordnung in Kürze veröffentlicht werden solle. Er legte großen Wärt darauf, daß man die Angelegenheit im Augenblick noch vertraulich behandele. Falls aber die Verordnung erlassen würde, sollte eine von
Bertram verfaßte Erklärung von den Kanzeln verlesen werden.
Ungefähr zwei Monate darauf überbrachte ein Bote Bischof Preysings den anderen Bischöfen die Nachricht, daß die geplante Verordnung zurückgestellt worden sei. Er forderte die Bischöfe auf, an alle Ministerien zu schreiben; sie sollten sich in sehr bestimmtem Tone nach dem Verbleib der Deportierten erkundigen, für die Christen seelsorgliche Betreuung fordern und mit öffentlichem Protest drohen.
Dabei solle man von der Sorge um die christlichen Juden ausgehen, aber es müßte darüber hinaus deutlich gesprochen werden über die Greuel an den Juden überhaupt". Es ist nicht bekannt, wie viele Bischofe Preysings Rat befolgt haben.
Im November 1943 appellierte Bertram noch einmal im Namen des ganzen Episkopats an den Innenminister und an das Reichssicherheitshauptamt Er schrieb, der Episkopat habe erfahren, daß die aus Deutschland evakuierten Nicht-Arier in Lagern lebten und unter Bedingungen, die man unmenschlich nennen müsse.
Bertrams Brief war weder in sehr bestimmtem Tone gehalten, noch sprach er ausdrücklich von den Mißhandlungen an Juden, wie Bischof Preysing vorgeschlagen hatte.
Die Bischöfe erließen einige öffentliche Kundgebungen, in denen die ungerechte Behandlung von Menschen anderer Rasse kritisiert wurde, aber diese Kritik war eingebettet in allgemeine Redewendungen und nannte die Juden nicht beim Namen: sie hätten sich ebensogut auf die harte Politik der Nationalsozialisten gegenüber den slawischen "Untermenschen" beziehen können
Ein Hirtenbrief des neuen Erzbischofs von Köln, Dr. Joseph Frings, der am 20. Dezember 1942 in seiner Erzdiözese verlesen wurde, verteidigte das Recht aller Menschen auf Leben, Freiheit, Eigentum und Ehe, diese Rechte dürften auch demjenigen nicht verweigert werden, "der nicht unseres Blutes ist oder nicht unsere Sprache spricht".
Der gemeinsame Hirtenbrief des deutschen Episkopats vom August 1943 erinnerte die Gläubigen daran, daß es unrecht sei, Unschuldige zu töten, auch wenn es durch die Obrigkeit und angeblich für das deutsche Gemeinwohl geschehe wie im Falle der "Menschen fremder Rassen und fremder Abstammung".
In seiner Weihnachtspredigt 1943 und im März 1944 betonte Erzbischof Frings erneut, daß es unrecht sei, Unschuldige zu töten, nur weil sie einer anderen Rasse angehörten.
Seit der Niederlage des Dritten Reiches sind diese Äußerungen immer wieder als Beweise dafür angeführt worden, daß die Bischöfe damals öffentlich gegen die Judenvernichtung protestiert hätten. Möglicherweise haben einige Katholiken tatsächlich an die Juden gedacht, als ihre geistlichen Führer die Ermordung von Menschen anderer Rasse als Unrecht bezeichneten. Aber weder das Wort "Jude" noch die Bezeichnung "Nicht -Arier" kam jemals über die Lippen der Bischöfe.
Nahezu die Hälfte der Bevölkerung des Großdeutschen Reiches (43,1 Prozent im Jahre 1939) war katholisch, und selbst unter den Angehörigen der SS war trotz aller Versuche, sie zum Austritt aus der Kirche zu bewegen, fast ein Viertel katholischen Glaubens (22,7 Prozent am 31. Dezember 1938).
Der Episkopat hatte immer wieder angeordnet, solche Katholiken von den Sakramenten auszuschließen, die in Duelle verwickelt waren oder sich nach ihrem Tode verbrennen lassen
wollten. Das Wort, das den Gläubigen unter Strafe der Exkommunikation verboten hätte, weiterhin am Judenmord mitzuarbeiten, wurde nie gesprochen.
Wenigstens für einen katholischen Würdenträger in Deutschland war die Christenpflicht der Nächstenliebe mehr als eine fromme Redewendung: für den sechsundsechzigjährigen Dompropst Lichtenberg in Berlin. Er betete auch in der Zeit, als die antisemitische Hetzkampagne schon auf vollen Touren lief, noch täglich für die Juden.
Er wurde schließlich am 23. Oktober 1941, eine Woche nach der ersten Massendeportation von Juden, festgenommen. Beim Verhör durch Himmlers Gefolgsleute sagte er offen, daß die Judendeportationen mit der christlichen Sittenlehre unvereinbar seien, und bat um Erlaubnis, die Deportierten als geistlicher Berater begleiten zu dürfen. Man verurteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis wegen Mißbrauchs der Kanzel.
Nach seiner Entlassung wurde er im Oktober 1943 erneut von der Gestapo verhaftet, um in das Konzentrationslager Dachau gebracht zu werden. Er starb während des Transportes am 5. November 1943.
Die Passivität des deutschen Episkopats angesichts der jüdischen Tragödie steht in scharfem Kontrast zum Verhalten der französischen, belgischen und holländischen Bischöfe.
In Holland, wo die Kirche im Jahre 1943 den Katholiken verboten hatte, der National-Sozialistischen Bewegung Hollands beizutreten, protestierten die Bischöfe 1942 sofort öffentlich gegen die ersten Deportationen holländischer Juden, und im Mai 1943 verboten sie katholischen Polizisten, sich an der Verhaftung von Juden zu beteiligen, auch wenn sie dadurch ihre Anstellung verlieren würden.
In Belgien halfen die Bischöfe ihren Geistlichen, die Juden vor der Deportation zu bewahren; viele hunderte jüdische Kinder wurden versteckt. Und in Frankreich benutzten die höchsten kirchlichen Würdenträger immer wieder ihre Kanzeln, um die Deportationen und die barbarische Behandlung der Juden zu verurteilen.
Natürlich handelte der Episkopat der besetzten Länder gegen einen ausländischen Unterdrücker; die deutschen Bischöfe dagegen hätten ihrer eigenen Regierung Widerstand leisten müssen, die sie ja als die legitime Obrigkeit betrachteten.
Aber der deutsche Episkopat hatte beim Euthanasieprogramm bewiesen, daß er bereit war, einen solchen Zusammenstoß zu riskieren; wie stark sein Einfluß auf die öffentliche Meinung war, hatte sich deutlich gezeigt, gerade auch in dem Erfolg.
Wenn er seine Stimme für die Juden, die in die gleichen Gaskammern gebracht wurden, nicht erhob, so spielte dabei die weitverbreitete Indifferenz der deutschen Bevölkerung eine große Rolle. Wieder war das Versagen des Episkopats das Echo auf das Versagen des katholischen "Milieus". In scharfem Gegensatz zu den anderen Ländern Westeuropas waren es in Deutschland nur ganz wenige Juden, die von Geistlichen versteckt wurden oder von ihnen auf andere Weise Hilfe erhielten.
Es gab Ausnahmen, aber im ganzen gesehen herrschte Indifferenz und Apathie. Eine Gruppe deutscher protestantischer und katholischer Theologen kam 1950 zu dem Schluß: MUnter den Christen haben zwar einzelne den Verfolgten tapfer geholfen, die große Mehrzahl aber hat gegenüber dieser unerhörten Herausforderung des barmherzigen Gottes durch die Verfolger schmählich versagt."
IM NÄCHSTEN HEFT:
Der Vatikan rügt den deutschen Militärbischof - Pius XII. ersehnt den deutschen Sieg-im Ostfeldzug - Ein Nuntius stoppt die Judenvernichtung in der Slowakei
Copyright: Verlag R. Piper & Co, München.
SA-Posten vor jüdischem Warenhaus in Berlin (1933): Mit Hilfe kirchlicher Archive ...
Jude mit Davidstern (1941)
... die Opfer des Regimes ...
Jüdin mit Davidstern (1941)
... für die Endlösung aussortiert
Außenminister Ribbentrop im Vatikan 1940
(3. v. r.). 7000 Kirchenprozesse niedergeschlagen
Euthanasie-Anstalt Grafeneck
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Euthanasie-Grabstein in Hadamar
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Euthanasie-Befehl Hitlers
... das Tötungsprogramm gestoppt
Katholische Juden-Gegner Schlund, Buchberger, Gundlach: "Der Antisemitismus ...
... ist gerechte Notwehr": Juden-Pogrom im Mittelalter
NS-Kronzeuge Corvin
Den Kirchenfeind ...
Corvins "Pfaffenspiegel"
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Geplündertes jüdisches Geschäft in Berlin (1938): Geistliche Fürsorge ...
... nur für katholische Nicht-Arier: Opfer, Öfen im KZ Auschwitz
Bischof Wienken
Das Wort "Jude" nicht ausgesprochen
Katholiken Müller, Globke: Geheimberichte für den Klerus
"Stürmer"-Bilderbuch (1935) "Die Christen haben bei Gottes Herausforderung ...
... schmählich versagt": Kirchliche Prozession in Köln
Von Guenter Lewy

DER SPIEGEL 13/1965
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