24.03.1965

„DER KRIEG BEKEHRT UNS ZUM WAHREN GLAUBEN“

Seit Kriegsbeginn befürchteten die Führer der NSDAP, die Katholische Kirche könne durch besonders stramm-nationalistische Kundgebungen die braune Propaganda "unterlaufen". Am 15. März 1942 alarmierte Alfred Rosenberg die Partei in den von ihm herausgegebenen geheimen "Mittellungen zur weltanschaulichen Lage":
In den vergangenen Wochen wurde im ganzen Reich ein angeblicher Brief des tödlich abgestürzten Fliegerhelden Werner Mölders verbreitet, den dieser kurz vor seinem Tode aus dem Feld an den Propst in Stettin gesandt haben soll. Dieser angebliche Brief wurde auch von den Kanzeln katholischer und evangelischer Kirchen verlesen.
Welchen Zweck die Konfessionen mit dieser Propaganda verfolgten, ist so offensichtlich, daß sich jeder Kommentar erübrigt. Der Brief hat folgenden Wortlaut:
"Mein lieber Herr Propst! Zu den schönsten Stunden an der Front gehören die Stunden, in denen ich Ihre lieben Briefe lesen kann. Seien Sie nicht böse, väterlicher Freund, wenn ich Ihnen nicht immer gleich ant-Worten kann, aber Zeit fehlt.
"Über meine Arbeit habe ich Ihnen schon im vorigen Brief ausführlich berichtet, sie ist immer noch die gleiche. Inzwischen sind wieder viele meiner Kameraden gefallen. Aber die Angst vor dem Tode haben wir verlernt, denn was ist der Tod anderes als eine kurze Trennung, dann ein besseres Wiedersehen im Jenseits.
"Viele der sog. 'Lebensbejahenden', die uns noch zu Anfang der großen Schlachten verlachten und verspotteten, holen sich jetzt bei den 'lebensverneinenden Katholiken' Mut und Kraft. Sie beneideten uns, daß wir über dies irdische Leben leichter hinwegkommen als sie, an dem sie mit allen Fasern ihres Herzens hingen. Sie haben den Spott und Hohn im Angesicht unserer seelischen Stärke, die wir allein unserem Glauben verdanken, verlernt. Viele sind bekehrt und setzen das Ideal jetzt höher als alle irdischen Schätze und Verlockungen.
"Und ich glaube, daß hierin ein tiefer Sinn des Krieges liegt. Es ist an der Zeit, daß die Menschen wieder glauben lernen, wieder beten lernen.
"Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß durch unser katholisches Beispiel viele besser und glücklicher geworden sind. Ihr Spott verwandelte sich in Achtung, in Liebe. Für sie ist es nicht so leicht, wie für uns, aber es gibt nichts Schöneres, als wenn sich ein Mensch durch allen Schlamm hindurchgerungen hat zum Erkennen, zum Licht, zum wahren Glauben.
"Um mich brauchen Sie keine Sorge zu haben. Wenn ich eines Tages mein Leben für die Freiheit unserer Nation hingeben muß, die Gewißheit kann ich Ihnen geben, ich falle im alten Glauben, gestärkt durch die Sakramente der Kirche. Wenn auf dem letzten Gang auch mein Priester nicht mehr dabeisein kann, so verlasse ich diese Erde im Bewußtsein, in Gott einen gnädigen Richter zu finden.
"Noch aber habe ich die feste Hoffnung, daß sich alles zum Guten wenden wird. Schreiben Sie mir bald wieder und gedenken Sie meiner im Gebet. Ihr Werner Mölders."
Drei Tage später informierte Martin Bormann die Reichsleiter, Gauleiter und Verbändeführer der Partei in dem Rundschreiben Nr. 37/42:
Seit einiger Zeit wird ein Brief erbreitet, den Oberst Mölders angeblich kurz vor seinem Absturz an den katholischen Propst von Stettin gerichtet haben soll. Bei diesem Brief handelt es sich um eine Fälschung! Diese Tatsache ist inzwischen von kirchlicher Seite festgestellt worden.
Der einzige katholische Propst von Stettin, Propst Daniel, hat sowohl vor seinem zuständigen Ordinariat in Berlin, als auch vor der zuständigen Staatspolizei erklärt, Oberst Mölders überhaupt nicht gekannt und von ihm keinen und erst recht nicht einen derartigen Brief erhalten zu haben.
Propst Daniel wandte sich an den katholischen Feldbischof der Wehrmacht Rarkowski und führte die Herausgabe einer Bekanntmachung in dem Verordnungsblatt des katholischen Feldbischofs der Wehrmacht herbei, die am 10. Januar 1942 erschienen ist und folgenden Wortlaut hat: "In letzter Zeit wurde vielfach ein angeblicher Brief des gefallenen Werner Mölders an den Propst von Stettin verbreitet. Einwandfreie Feststellungen haben ergeben, daß es sich hierbei um eine grobe Fälschung handelt. Wenn daher dieser Brief irgendwie auftaucht, ist seine Verbreitung zu unterbinden."
Ferner hat Propst Daniel am Sonntag, dem 8. 2. 1942, in der Propsteikirche St. Johannes in Stettin eine Kanzelabkündigung verlesen, die folgenden Inhalt hat: "In letzter Zeit sind eine Reihe von Anfragen an mich gerichtet worden wegen eines Briefes, den der verunglückte Oberst Mölders an den Propst von Stettin gerichtet haben soll. Als Name des Propstes wird ein Propst 'Hoh' oder 'Imst' und 'Johnst' angegeben. Hierzu teile ich mit: 1) daß es nie einen Propst dieses Namens in Stettin gegeben hat, 2) daß ich selbst nie einen Brief von dem verewigten Oberst erhalten habe, auch nie einen Brief an ihn gerichtet habe. Ich habe den Verstorbenen überhaupt nicht persönlich gekannt und nie mit ihm in irgendeiner Weise in Verbindung gestanden. gez. Daniel, Propst von Stettin, St. Johannes."
Einzelne Bischöfe haben bereits in kirchlichen Amtsblättern bekanntgegeben, daß der Brief gefälscht sei und daß der Propst von Stettin Oberst Mölders nicht gekannt habe. Der Brief ist jedoch trotzdem von vielen Seiten zu einer ausgedehnten Propaganda ausgenutzt worden.
Jagdflieger Mölders
Brief des Helden gefälscht?

DER SPIEGEL 13/1965
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