24.03.1965

SPANIEN / OPPOSITIONHand vor dem Mund

Papst Johannes XXIII. ernannte einen Mönch der nordspanischen Benediktiner-Abtei Montserrat zum Kardinal und brüskierte damit Generalisimo Francisco Franco. Papst Paul VI. beförderte einen Benediktiner aus Montserrat und erwies dem Generalisimo damit einen großen Gefallen.
Am vorletzten Wochenende erhielt der Abt von Montserrat, Aurelio Escarré, 57, die ehrenvolle Einladung des Heiligen Vaters, der Konzilskommission 13, "Kirche und Welt", beizutreten. Sie war mit der Aufforderung verbunden, unverzüglich nach Rom zu reisen.
Der Caudillo war damit seinen schärfsten innenpolitischen Widersacher los. Denn der 1,80 Meter große, kurzsichtige Abt war in den letzten Jahren zur stärksten Stimme der Opposition in Spanien geworden. Der Klostermann protestierte gegen Verhaftungen und Mißhandlungen streikender Arbeiter, demonstrierenderStudenten und mißliebiger Politiker. Oft wurden politische Polizeimaßnahmen erst durch Kanzelkanonaden des Abtes Escarré bekannt.
"Wo es keine Freiheit gibt, gibt es auch keine Gerechtigkeit. Und das ist in Spanien der Fall", erklärte der bullige Benediktiner im November 1963 dem Pariser "Monde" in einem Interview, das ihn auch außerhalb Spaniens als Sprecher der Opposition bekannt machte. Über Radio Hilversum sagte der Abt im Mai 1964: "Kollektiv gesehen, sind Spaniens Politiker keine Christen."
Er sei kein Politiker und verstehe von Politik auch nichts, betonte der politisierende Abt stets in seinen Reden und Interviews. In der Tat ist Escarré Philologe von internationalem Rang - aber Spaniens politische Probleme sind mit der Philologie eng verknüpft: Die eine eigene Sprache pflegenden Bewohner der nordspanischen Provinz Katalonien kämpfen seit Jahrhunderten hartnäckig gegen, den Zentralismus der kastilischen Metropole Madrid.
Alle spanischen Herrscher und Regierungen suchten die Autonomie-Wünsche des reichsten, weltoffensten und wirtschaftlich höchstentwickelten Teiles der Iberischen Halbinsel zu unterdrücken. Doch noch nie hat ein Regime den Stolz der Katalanen so systematisch verletzt wie das des Caudillo.
Seit die siegreichen Falange-Bataillone im Januar 1939 in die Katalanen-Hauptstadt Barcelona - das Zentrum des republikanischen Widerstandes - einrückten, hat Madrid versucht, den Norden durch die Entsendung von kastilischen Offizieren, Priestern und Beamten gleichzuschalten.
Die katalanische Sprache - die auch in der französischen Landschaft Roussillon weit verbreitet und in Andorra Staatssprache ist - darf in Katalonien weder gelehrt noch gedruckt und auch nicht im Rundfunk gesprochen werden.
Als Franco im Mai 1960 zum erstenmal seit Ende des Bürgerkriegs dem feindlichen Norden einen offiziellen Besuch abstattete, kam es zu einem offenen Aufruhr der Katalanen: Im Musikpalast von Barcelona empfingen 2000 Ehrengäste den Caudillo mit der verbotenen Katalanen-Hymne "Cant de la Senyera". Hunderte von Polizisten stürzten in den Saal und hielten den rebellischen Sängern den Mund zu. Franco kehrte vorzeitig nach Madrid zurück, die katalanischen Vorsänger wanderten ins Gefängnis.
Abt Escarré predigte einmal mehr Protest und schickte dem Staatschef ein Telegramm: "Die Verhaftungen und Folterungen in Barcelona waren ein trauriger Ausklang der Reise Eurer Exzellenz."
Das 35 Kilometer nordwestlich von Barcelona auf einem 1300 Meter hohen Berg gelegene Kloster Montserrat ("Zersägter Berg") ist seit dem Frühmittelalter, als die Provinz Mittelpunkt des Königreiches Aragón war, geistiges Zentrum Kataloniens. Die Mönche hüten das katalanische Sprachgut - sie bereiten eben eine neue Bibelübersetzung ins Katalanische vor.
So wurde die Abtei auch zum Symbol für den katalanischen Widerstand gegen Franco, selbst für antiklerikale Oppositionsgruppen. Als die Polizei 1961 streikende Metallarbeiter in Barcelona niederknüppelte, rief Abt Escarré den Klerus zum Widerstand gegen faschistische Polizeiwillkür auf.
Papst Johannes ermunterte den politisierenden Kleriker durch eine beispiellose Brüskierung des Caudillo: Als Ende 1961 die Ernennung eines spanischen Kardinals akut wurde, schlug Franco den Gründer der regierungsfrommen kastilischen Geheimorganisation "Opus Dei", José María Escrivá, als Kandidaten vor (SPIEGEL 12/1965). Johannes wies den Vorschlag zurück und ernannte statt dessen den Montserrat-Mönch Anselmo Albareda.
Nach des Johannes Tod witterte Franco eine Chance, den lästigen Escarré loszuwerden. Als dieser im Vorjahr begann, katholische Messen in katalanischer Sprache zu lesen, intervenierte Madrid bei Papst Paul VI.
Der neue Papst zeigte Verständnis für die Nöte Francos. Da Benediktiner nach kirchlichen Regeln nicht gegen ihren Willen versetzt werden können, lud der Papst den Abt zum Konzil.
Aber in Rom wird Abt Escarré vermutlich nicht lange bleiben. Auf Wunsch Pauls VI. richteten die Benediktiner -Mönche im Dormition-Kloster bei Jerusalem eine komfortable Zelle für den streitbaren Katalanen ein. Dort wird der Franco-Feind Ende März erwartet.
Spanischer Abt Escarré*
"Spaniens Politiker sind keine Christen"
* Am 13. März bei einer Zwischenlandung
in Mailand auf der Reise nach Rom.

DER SPIEGEL 13/1965
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