24.03.1965

SOWJET-START

Kobolz im All

RAUMFAHRT

Jetzt versuche ich es", sagte der 30jährige Sibirier Alexej Leonow. Dann öffnete er die Luke des sieben Tonnen schweren Raumschiffs und schwang sich auf den Stahlrand der Ausstiegsschleuse. Aus 250 Kilometer Höhe sah er hinab oder hinauf zu jenem Himmelskörper, der von den Kosmonauten, seines bläulich schimmelnden Dunstkreises wegen, der "blaue Planet" genannt wird. Leonow lugte erdwärts.

Der rote Erdteil sah ihm zu. "Kosmovision" - wie die außenbords des Raumschiffs "Woßchod II" (Woßchod: Sonnenaufgang) montierte Fernsehkamera von den sowjetischen TV -Sprechern genannt wurde - hatte sich eingeschaltet.

Zehn Minuten verweilte Oberstleutnant Leonow, Mitglied der KPdSU, gelernter Fallschirmspringer (115 Absprünge) und Ordensträger der Roten Armee, im Lugesitz, dann übte er Liegestütz. Nach einigen Kniebeugen stieß er sich ab und setzte seine Freiübungen im Weltraum fort, abseits der Kapsel frei schwebend. Nur durch eine Kabel-Nabelschnur mit dem Raumschiff und seinem Piloten, Oberst Pawel Beljajew, verbunden, vollführte Leonow, wie ein noch ungeübter Nachwuchsdarsteller eines Unterwasserballetts, eine groteske Weltraum-Gymnastik: Radschlagen und Kobolzschießen.

Der sowjetische Zwillings-Schuß am Donnerstag vergangener Woche war gezielt. Vor gut sechs Wochen hatten die Amerikaner den Tag bekanntgegeben, an dem zum erstenmal zwei US-Astronauten in einer Zwillings-Kapsel um die Erde kreisen sollen - Eröffnung einer Serie von Raumstarts des Projekts "Gemini" (siehe Seite 102).

Termingerecht brachen Alexej Leonow und Pawel Beljajew ins All auf, um ihren amerikanischen Konkurrenten die Raum-Schau zu stehlen.

Prompt feierten Raumfahrt-Kommentatoren auch im Westen die sowjetischen Schwebesaltos als "eine weitere Vergrößerung des sowjetischen Vorsprungs im bemannten Raumflug" (so die Londoner "Times"). Die erfolgreiche Mission des roten Raumschiffs "Woßchod II" bestätigte erneut den Eindruck, die Amerikaner lägen in dem west-östlichen Zweikampf um die technische Vorherrschaft im All weit zurück.

In Wahrheit zehren die Sowjets noch immer von jenem Vorsprung, den ihnen in den fünfziger Jahren ein technischer Nachteil eingebracht hatte: Die russische Wasserstoffbombe war so ungefüge und schwer, daß nur eine äußerst schubstarke Rakete sie zu Zielen in anderen Kontinenten tragen konnte. Während Amerika unter dem Schutz seines Bomber-Kommandos im Raketen -Dämmerschlaf verharrte, trieben die sowjetischen Militärs den Bau einer Super-Rakete voran, die das atomare Gleichgewicht mit Amerika herstellen würde.

Als die Rakete Mitte der fünfziger Jahre fertig war, vermochte sie nicht nur, wie geplant, Wasserstoffbomben über Kontinente hinweg zu befördern, sondern auch einen Satelliten ins All. Vom Sputnik-Schuß aufgeschreckt, begannen die Amerikaner mehrere Generationen schubgewaltiger Raumraketen zu entwerfen, die jetzt, Monat für Monat, die Montagehallen verlassen.

Demgegenüber deuten alle Indizien darauf hin, daß die Sowjets noch immer die gleichen - nur geringfügig verbesserten - Trägerraketen verwenden, mit denen sie schon die früheren Ersttaten im All vollbrachten. So hoben sich von sowjetischen Startblöcken ins All: der erste künstliche Erdsatellit - "Sputnik I" (1957); das erste Raumprojektil, das den Mond traf - "Lunik II" (1959); die erste mondumfliegende Raumsonde - "Lunik III" (1959); das erste bemannte Raumfahrzeug - Major Jurij Gagarins "Wostok I" (1961) und das erste Drei-Mann-Raumschiff, "Woßchod I" (1964).

Und die amerikanischen Raumfahrt -Techniker rechnen damit, daß die Sowjets - nach der Weltraum-Gymnastik vom vergangenen Donnerstag - auch in Zukunft noch einige Siegplätze im Raum-Rennen für sich verbuchen werden: etwa die ersten Mond-Umrundungen oder auch das erste Rendezvous, das Zusammenkoppeln von Raumschiffen im

So wurde die Eroberung des Mondes - ein Vorhaben, das auch die Sowjets nicht ohne weiteres bewältigen können zum vorerst einzig glanzversprechenden Ziel, bei dem die Amerikaner eine Chance haben, die Russen auf den zweiten Platz zu zwingen.

Es ist ein Wettrennen, bei dem jeder der beiden Gegner seine Bahn selber absteckt. Die Amerikaner wollen in einem Direktspurt ans Ziel kommen, mit einer Super-Rakete, die geradenwegs auf den Mond zueilt.

Demgegenüber scheint es, als planten die Sowjets eher eine Art kosmischen Stafettenlauf, einen Mondflug in Etappen. Erste Phase: Schwebende Monteure - wie Alexej Leonow - bauen aus vorgefertigten Bauteilen, die durch Lastraketen in eine Umlaufbahn getraten wurden, eine Raumstation zusammen, die wie ein Satellit die Erde umkreist. Zweite Phase: Eine bemannte Rakete wird von der Erde zunächst zur Raumstation entsandt, wird dort von neuem betankt und fliegt erst dann weiter zum Mond.

Schon 1952 hatte Amerikas prominentester Raumfahrt-Planer, Wernher von Braun, in seinem Buch "Station im Weltraum" einen solchen Mondflug auf Raten skizziert. Vorteil eines derartigen Unternehmens für die Sowjets: Es könnte mit Trägerraketen bewältigt werden, wie sie den Russen schon heute zur Verfügung stehen.

Noch ist freilich nicht einmal sicher, ob die Russen überhaupt gewillt sind, im Wettstreit mit den Amerikanern das Sowjetreich in den ungeheuren Kraftakt einzuspannen, der erforderlich ist, um Menschen zum Mond zu senden.

Aber selbst auf die Gefahr hin, nur gegen die Uhr zu laufen - ohne Gegner -, hat sich die amerikanische Nation entschlossen, das Milliarden-Rennen aufzunehmen und durchzustehen.

Ingenieur Brainerd Holmes, der bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa das US-Mondprogramm zu Hochtouren ankurbelte, erläuterte: "Selbst wenn die Russen sich aus dem Raumfahrt-Wettrennen zurückziehen, bleibt die Eroberung des Mondes eine technologische Herausforderung an unsere Nation. Ihr auszuweichen, würde Rückschritt bedeuten."

Amerika hat die Herausforderung angenommen.

Raumfahrer Leonow im All, Zeichnung eines Raum-Monteurs aus Wernher-von-Braun-Buch 1952: Auf Raten zum Mond?


DER SPIEGEL 13/1965
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