31.03.1965

GESCHICHTE / BISMARCKIch ängstige mich

Der junge Kaiser schwadronierte über seine Flottenpläne. Bismarck, der Reichsgründer, 82 Jahre alt und nun eine hundert Kilo schwere Ruine seiner selbst, ließ es über sich ergehen. Er war müde und vom Tode gezeichnet, der ihn sieben Monate später, am 30. Juli 1898, ereilen würde. Im Herbst 1897 hatte Leibarzt Schweninger Altersbrand festgestellt. Bismarck hatte keine Zeit mehr.
Ein paarmal setzte er an, den Kaiser zu unterbrechen, aber Wilhelm ließ ihn nicht zu Worte kommen. Helmuth von Moltke - nicht der Sieger von Königgrätz und Sedan, sondern dessen Neffe, der 17 Jahre später die Schlacht an der Marne verlor - beugte sich zu Tirpitz und flüsterte: "Es ist furchtbar."
Bis endlich der Alte den Redefluß des Monarchen mit seiner immer noch hellen, hohen Stimme durchbrach: "Majestät, solange Sie dieses Offizierskorps haben, können Sie sich freilich alles erlauben; sollte das nicht mehr der Fall sein, so ist es ganz anders."
Doch der Kaiser plauderte weiter von seinen uferlosen Flottenplänen, als hätte er die Schrift an der Wand nicht gesehen und das Wort nicht gehört.
Als der junge Mann gegangen war, sagte Bismarck, was ihn bedrückte: Zwanzig Jahre nach Friedrichs des Großen Tod sei Preußen bei Jena und Auerstedt von Napoleon geschlagen worden. Zwanzig Jahre nach seinem, Bismarcks, Tod werde für das von ihm geschaffene Reich "der große Krach" kommen.
Einundzwanzig Jahre später, im Herbst 1918, kam "der große Krach". Das Reich kapitulierte, der Kaiser ging, das Werk Bismarcks hatte jenen ersten fürchterlichen Stoß erhalten, von dem es sich nie, mehr erholen sollte.
Willenskraft und Ehrgeiz waren die beherrschenden Charakterzüge Bismarcks, aber der Sold, den der Mann ohne Furcht für seine titanische Schöpferkraft zu zahlen hatte, war die Angst - vor allem die Angst um sein Werk.
Angst, war auch ein wesentlicher Inhalt seiner Religiosität. Gott war für ihn der rätselhafte Herr der Geschichte. Immer wieder, sein ganzes politisches Leben hindurch, hat, er beschrieben, wie er die Ratschlüsse Gottes zu erspähen trachtete - im Sprung nach dessen Mantelzipfel haschend, gleich einem Jäger, seine Spuren entziffernd, wie ein Spieler in seine Karten lugend, wie ein Kind im Dunkeln tappend, wie ein verspäteter Reisender einem Eisenbahnzug "nachhumpelnd".
Es war viel unterdrückter Zorn und viel geheime Empörung in diesem Gottes-Verhältnis. In biblischem Stil beklagte er, daß vor Gott "Staaten und ihre Macht und Ehre" nichts anderes sind "als Ameisenhaufen und Bienenstöcke, die der Huf eines Ochsen zertritt oder das Geschick in Gestalt eines Honigbauern ereilt". Gott, sagte er am Vorabend von Königgrätz, ist ein "launischer Herr".
Die Angst vor dem "Ochsen", der seinem Gott zum Verzweifeln ähnlich sah, hat ihn nie verlassen. Auch auf den Höhepunkten seines Lebens ist ihm, allenfalls für kurze Augenblicke das Bewußtsein dafür geschwunden, welches Wagnis das von ihm gegründete Reich darstellte und über welchen-Abgründen seine eigene Existenz, schwebte.
Aus ihm werde dereinst, hatte er als junger Mann gesagt, entweder "der größte Verbrecher" oder der "erste Mann" in Preußen Kein Staatsmann der Weltgeschichte - die Volksführer des alttestamentlicher Israel ausgenommen - hat den Namen Gottes so oft im Munde geführt wie er. Es gibt kaum eine politische Äußerung von ihm, in der er nicht manchmal verehrend, meistens bohrend, selten vertrauend, fast immer zweifelnd - nach Gottes Ratschluß fragte.
Die meisten deutschen protestantischen Historiker sahen und sehen darin einen Beweis seiner Gläubigkeit. Aber das Grundgefühl seines Verhältnisses zu Gott war Angst - und Angst ist, nach den Begriffen der Theologie, doppelsinnig. Sie kann demütige Gottesfurcht bedeuten, sie kann aber auch Sünde sein: Abfall von Gott.
Ob er ein Christ sei, war ihm sein Leben lang zweifelhaft, und zweifelhaft ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Je nach dem Ablauf der europäischen Geschichte erfuhren Bismarck und der von ihm geschaffene Staat durch die Geschichtsschreibung eine jeweils neue Bewertung.
Mal galt er den Historikern als nachtschwarzer Zyniker, mal als Gläubiger; mal das Reich, das er schuf, als Urübel der europäischen Geschichte, mal als Garant eines europäischen Friedens, der fast ein halbes Jahrhundert dauerte.
Bereits bei seinem 80. Geburtstag umfaßte die Bismarck-Literatur 650 Werke. Bis 1908 schwoll sie auf 3500 Titel an. Seit 1912 hat sie niemand mehr gezählt. Sie ist unübersehbar.
"Mit Ausnahme Napoleons hat keine andere Gestalt der modernen Geschichte Europas so viel Interesse erregt wie Otto von Bismarck" - so Otto Pflanze, Professor an der Universität von Minnesota (USA) und jüngster Biograph Bismarcks*. Die "Anziehungskraft" des "genialen Junkers" sei noch
heute so "magnetisch" wie eh und je, schrieb Pflanze. "Die Flut der Bücher und Aufsätze geht immer noch weiter, nichts deutet auf ihr Nachlassen hin." 1945 - 130. Jahre nach Bismarcks Geburtstag (1. April 1815) - ging das Bismarck-Reich unter. Adolf Hitler, aus jenem Österreich kommend, das der Gründer einst aus Deutschland herausgedrängt hatte, zerstörte Bismarcks Werk. Gleichwohl reihten ihn nun Deutsche und Ausländer in die Ahnenreihe des Zerstörers ein.
Die schier endlose Phalanx der Beschuldiger, die in Bismarck den "Wegbereiter des Dritten Reiches" sahen, reichte von dem amerikanischen Entnazifizierer in Hessen, Teitelbaum, bis zu Karl Barth, dem Baseler Theologen.
So rückten angesichts des deutschen und europäischen Desasters der Mensch Bismarck, seine Moral und Religiosität, seine sittliche Verantwortung und Verantwortlichkeit in den Vordergrund der historischen Betrachtung. Das "Problem Bismarck", wie es der deutsche Historiker Franz Schnabel 1949 nannte, wurde zum Thema deutscher und ausländischer Forscher.
Die äußersten und extrem gegensätzlichen Positionen der nun entstehenden Diskussion hatten jedoch bereits während des Zweiten Weltkrieges zwei Deutsche in umfänglichen Bismarck -Biographien formuliert:
- der emigrierte Rechtsanwalt Erich Eyck in London und
- Geschichtsprofessor Arnold Oskar Meyer; der 1944 in Berlin das Leben verlor.
Jener beschrieb Bismarck mit den Worten Machiavellis als einen "Fuchs" und einen ",Löwen", als einen Mann von "ungeheurer Kraft und tyrannischer Energie", als "eine Gestalt nicht zum Lieben, geschweige denn zum Nacheifern, aber zum Erforschen und Studieren und - bei aller Kritik und allem Vorbehalt - zum Bewundern". Für Eyck war Bismarck in summa die Quelle allen Unheils.
Dagegen nannte Arnold Oskar Meyer seinen Helden "eine ebenso keusche wie große Seele" und bescheinigte ihm einen "Glauben, ohne den sein ganzes gewaltiges Werk undenkbar wäre".
Die Epoche der unwidersprochenen Bismarck-Schelte dauerte nur kurze Zeit. Schon bald nach 1945 meldeten sich Anwälte des lädierten Bismarck -Prestiges zu Wort, als erster (1947) und mit besonderem Gewicht der deutsche Historiker Hans Rothfels, der damals noch in amerikanischer Emigration lebte.
Im Jahre des 140. Bismarck-Geburtstags, 1955, legte der Schweizer Historiker Leonhard von Muralt eine Schrift über "Bismarcks Verantwortlichkeit" vor. Das Buch, in dem Bismarck als "christlicher Staatsmann" charakterisiert wurde, erregte auch außerhalb Deutschlands Aufsehen, und das Jahrzehnt, das am 1. April 1965 mit dem 150. Geburtstag Bismarcks abschließt, erbrachte ein vertieftes, im allgemeinen wohlwollendes Urteil über den Reichsgründer. 36 Jahre nachdem sich Bismarck-Verehrer Hitler im Mausoleum von Friedrichsruh vor dem Sarg des Reichsgründers photographieren ließ (siehe Seite 67), setzte Bismarck-Verehrer Gerstenmaier durch, daß der Bundestag diese Woche des ersten Reichskanzlers des Hohenzollern-Staates in feierlicher Sitzung gedenkt.
Bereits 1959 verzeichnete der deutsche Historiker Wilhelm Mommsen - Enkel des genialen Darstellers des Alten Rom. Theodor Mommsen, der einst seinen Zeitgenossen Bismarck der "Knechtung des deutschen Geistes" beschuldigt hatte -, daß sich ein "viel positiveres Urteil" über Bismarck entwickelt habe. Mommsen mußte die Historiker-Gilde gar vor "zu viel des Guten" warnen*.
1961 schrieb der Amerikaner Gordon A. Craig, Verfasser einer Geschichte der preußisch-deutschen Armee und Professor an der amerikanischen Elite -Universität Princeton, in einem Essay über deutsche Staatskunst: "Man sollte an der Echtheit von Bismarcks Glauben und an dessen Bedeutung für seine Staatskunst keinen Zweifel entstehen lassen."
1955 erschien in England die Bismarck-Biographie des Oxford-Professors A. J. P. Taylor. Der sonst eher zu Spott und frivolen Deutschland-Kommentaren neigende Historiker bekundete darin: "Bismarck hatte ein tiefes Gefühl für moralische Verantwortlichkeit, das gewiß tiefer als das irgendeines anderen Staatsmannes seiner Zeit war." Freilich - Muralts, Craigs und Taylors positive Urteile blieben nicht unbestritten.
Henry Vallotton, französisch-sprachiger Schweizer und zeitweilig Präsident des schweizerischen Bundesparlaments, meinte 1961 in einer Bismarck-Biographie, der junge Bismarck sei in Glaubensfragen mehr als "skeptisch" gewesen - nämlich "zynisch". Auch dem reifen und dem alten Bismarck glaubt Vallotton die christliche Gläubigkeit nicht. Bismarck habe keine moralischen Verpflichtungen gekannt, er habe "dem Diktator Adolf Hitler den Weg geebnet".
Etwas vorsichtiger äußerte sich der Amerikaner Otto Pflanze in seinem 1963 erschienenen Bismarck-Werk. Zwar gestand er dem Staatsmann einen "unleugbaren Sinn für ethische Verantwortlichkeit" zu, doch schränkte er ein: "Der Besitz eines wirksamen, auf religiösen Glauben gegründeten Gewissens ist kein zureichender Ersatz für legale und institutionelle Kontrollen des Machtgebrauchs." Durch seinen absolutistischen Umgang mit der Reichsverfassung habe Bismarck "einen unglücklichen Präzedenzfall" geschaffen, "den sich schließlich Männer von ganz anderen Zielen und ganz anderen Gewissen zunutze machen sollten".
Der Zwiespalt der Bismarck-Forschung ist der Zwiespalt Bismarcks selbst. Unter der Oberfläche fast aller seiner Treue-, Liebes- und Glaubensbekundungen, mochten sie nun dem Vaterland oder Gott, der Ehefrau oder dem König gelten, lauerten unter dem glatten Meeresspiegel, gleich Raubfischen, Spott und Ironie.
"Ich neige mich", schrieb er als junger Mann, "voller Hochachtung vor Gott und Jesus Christus", fügte dann aber hinzu, daß er sich auch "eine lebhafte Bewunderung für den Teufel" bewahrt habe.
Er war ein liebender Hausvater und Gatte, aber als Johanna ihr erstes Kind geboren hatte, fand er für seine Erleichterung ob - des guten Ausgangs keine bessere Wendung als diese: "Wenn es auch eine Katze gewesen wäre, so hätte ich doch Gott auf meinen Knien gedankt."
Seine gefräßige Phantasie und sein erbarmungslos scharfer Intellekt ersparten ihm niemals den Anblick der banalen Seite des Lebens. In einem Brief an seine Frau, in dem er über den Wert der ewigen Seligkeit Betrachtungen anstellte, schrieb er: "Die Dummen und die Klugen sehen, reinlich skelettiert, ziemlich einer wie der andere aus."
Benjamin Disraeli verglich ihn mit einem großen französischen Skeptiker: "Er spricht, wie Montaigne schreibt." Laut Eyck ähnelte er einem anderen großen frivolen Konservativen: "Spöttisch und satirisch wie Heinrich Heine."
Nahezu zahllos sind seine Äußerungen der Verehrung gegenüber seinem König, gegenüber der Dynastie der Hohenzollern und der monarchischen Ordnung, aber als junger Mann und als alter Mann bekannte er, im Herzen ein Republikaner zu sein, was er, wie er sagte, "von Natur" sein ganzes Leben lang war.
Selbst auf dem Höhepunkt seines Zusammenwirkens mit dem oft in den ehrerbietigsten Wendungen gepriesenen Wilhelm I. scheute er sich nicht vor rustikalen Formulierungen geheimer Verachtung. Er wäre, sagt er, 1870 vor Paris, "dem ganzen Hofe schon" längst mit dem Sitzzeug ins Gesicht gesprungen", wenn er nicht Christ wäre.
Als alter Mann drehte er die Bilder gekrönter Häupter, die sein Arbeitszimmer in der Wilhelmstraße schmückten, zur Wand. Er konnte ihre Gesichter nicht ertragen.
In dem Widerstreit seiner Meinungen spiegelte sich seine tief zerklüftete Natur. Ob er ein ständig zweifelnder "Gottsucher" war, wie Muralt meint, oder ein "Neurotiker", wie Taylor schreibt - unzweifelhaft ist, daß er die Spannungen seines privaten Lebens und noch mehr die der Politik mit unerhörter Intensität durchlitt. Dabei spielte sicher seine protestantische Religiosität eine Rolle. Sie gestattete ihm keine Flucht aus der persönlichen Verantwortung. Wichtig war aber auch seine nervöse Empfindlichkeit. Er erlebte Politik unter körperlichen Schmerzen.
Seine Gesundheit ist oft als "bärenstark" gerühmt worden. Doch Bismarcks Riesenkörper - er wog, als Schweninger ihn 1883 in die Kur nahm, 246 Pfund war mit einem Nervensystem von höchster Sensibilität ausgestattet. Nächtens erinnerte er sich an vermeintliches oder wahres Unrecht, das ihm vor vielen, manchmal dreißig Jahren widerfahren war; und schlief erst in den Morgenstunden ein. Er habe, sagte er dann, "die ganze Nacht gehaßt".
Noch der Arzt seiner Greisenjahre - Schweninger - fand an ihm keine organischen Schäden, nur nervöse Ursachen für die Leiden, denen Bismarck seit seinem 25. Lebensjahr unterworfen war.
Der Willkür-Akt an den Fürstenbildern in seinem Amtszimmer zeigt, wie intensiv seine Nerven auf bloße visuelle Ereignisse reagierten.
Viele, die ihm begegneten, witterten das Unheimliche unter der Oberfläche diplomatischer Gewandtheit und charmanter Plauderkunst. Kurz bevor er 1862 preußischer Ministerpräsident wurde, lehnte der preußische König ihn, den damals 47jährigen, als "zu gewalttätig" und "zu flatterhaft" ab, und dessen Frau, die spätere Kaiserin Augusta, spürte, daß er "frivol" sei und "anmaßend". Sie ahnte, daß er "großen Anfechtungen ausgesetzt" sei.
Diese Anfechtungen waren intellektueller und leidenschaftlicher Natur. Mit 16 hörte er auf zu beten, weil es ihm unlogisch erschien, einen Gott, dessen Ratschlüsse unerforschbar sind, um etwas zu bitten.
Als Student in Göttingen und Berlin verlor er bald den Respekt vor der Wissenschaft. Sein Studium betrieb er mit der linken Hand. Hörsäle suchte er nur selten auf. Das Examenswissen besorgte er sich beim Repetitor.
Als Dreißigjähriger brachte er auch dem Staat keine Achtung mehr entgegen. In einem Brief an seinen Korpsbruder Gustav Scharlach, dessen Urgroßneffe heute dem Kanzler-Enkel, dem Fürsten Otto von Bismarck in Friedrichsruh, freundschaftlich verbunden ist, beschrieb er die preußische Bürokratie als "krähwinkelig" und "lächerlich".
Zwischen 16 und 36 langweilten ihn Gott, Staat und Wissenschaft. Er suchte Zerstreuung in Raufhändeln, beim Kartenspiel und in leidenschaftlichen Abenteuern. Seine "an Lebensüberdruß grenzende Gelangweiltheit" vermochten sie nicht zu überwinden. Sein Verhältnis zu Frauen war in jungen Jahren von einer Nonchalance geprägt, die nicht weit von Zynismus entfernt war. Eine Zeitlang war "Ehrgeiz" sein
"Lotse", dann versuchte er, sich "durch Spiel und Trunk zu zerstreuen", dann focht er - als Reservist eines Ulanenregiments "gegen Staub und markirte Feinde", doch als er, auch "im Drange dieser Thaten" seine "Ruhe nicht fand", wurde er wieder "liederlich".
In diesem Brief an Scharlach berichtete der dreißigjährige Bismarck auch von seiner Affäre mit einer "bildschönen Engländerin". 1836, 21 Jahre alt, war er Regierungsreferendar in Aachen geworden. Sein Dienst dort endete mit einem Eklat.
Er lernte jene "Bildschöne" kennen und reiste ihr sechs Monate lang ohne
Urlaub nach. "Ich nöthigte sie endlich zum Beilegen, sie strich die Flagge, doch nach zweimonatlichem Besitz ward mir die Prise von einem einarmigen Obristen mit 50 Jahren, 4 Pferden und 15 000 fl. Revenüen wieder abgejagt."
Der spöttische Ton, in dem Bismarck seine Liebesgeschichte ein Jahrzehnt später abhandelte, dürfte, von Ausnahmen abgesehen, charakteristisch für sein Verhältnis zu Frauen sein.
1863 begegnete er in Biarritz der Fürstin Katharina Orlow, die er "Kathi" nannte. Aber ob das Verhältnis zu der Frau des späteren russischen Gesandten in Paris ernst war, ist ebenso zweifelhaft wie im Falle der Sängerin Lucca, mit der er sich 1865 in Ischl photographieren ließ (siehe Bild Seite 54). Johanna, seine Frau, verzieh ihm freilich dieses Bild bis an ihr Lebensende nicht.
Am Rande des Greisenalters verehrte er eine Dame namens Babette Meyer, die später den Maler Graf Kalckreuth heiratete.
Ähnlich wie Friedrich der Große sich in besonderem Maße zu seiner Schwester Wilhelmine, der späteren Markgräfin von Bayreuth, hingezogen fühlte, stand Bismarck seiner Schwester Malwine, genannt Malle, nahe. Rund zwölf Jahre jünger als er, besaß sie, solange er lebte, großen Einfluß auf ihn.
Bismarck hatte 1839 den Staatsdienst quittiert, danach zunächst Kniephof, ein Familiengut in Pommern, verwaltet, und sich dann nach dem Tode seines Vaters auf Schloß Schönhausen niedergelassen, wo er als Gutsherr, Deichgraf und ländlicher Lebemann ein wildes und unstetes Dasein führte.
1843 kam Malwine, damals eine Sechzehnjährige, nach Schönhausen. Die Nachbarn erinnerten sich später: "Er war mit ihr wie mit einer Braut." Schon ein Jahr später heiratete Malle den Junker Oscar von Arnim, doch Bismarcks Briefe an sie blieben so zärtlich wie vorher. Er nannte sie "Mein Schatz", "Mein Engel", "Meine Angebetete", und die geheime, gefährliche Attraktion der Geschwister mag mitgespielt haben, als später Malwines Tochter Sybille den Sohn Bismarcks - Wilhelm, genannt "Bill" - heiratete. Johanna übertrug auf die Nichte und Schwiegertochter die Eifersucht, mit der sie auch Malwine begegnete. Sybille beging 1945 in Varzin Selbstmord, als sich die Russen dem Familiensitz näherten.
Im Jahre der Heirat Malwines - 1844 - reiste Bismarck nach Norderney und verspielte dort seine Barschaft. Die Jahre 1843 bis 1847 waren die dramatischsten seines Privatlebens. Später erzählte er, daß er damals "alle Sünden für erlaubt" gehalten habe. Noch 1851, bereits vier Jahre verheiratet und inzwischen Diplomat geworden, schilderte Bismarck in einem Brief, welchen sittlichen Anfechtungen er ausgesetzt war.
Die Briefstelle, in der Bismarck dieses Geständnis ablegte, war bis 1955 unbekannt. Erst Leonhard von Muralt veröffentlichte sie und rechtfertigte diesen Akt mit einem ähnlichen Vorgang.
Um 1830 hatte der Züricher Chorherr Johannes Schultheß einen Brief Huldreich (Ulrich) Zwinglis gefunden, in dem der schweizerische Reformator den Umgang mit einer Dirne beichtete. Schultheß war einen Augenblick lang versucht, das Dokument zu verbrennen. In Gegenwart eines Schülers brachte er es in die Nähe einer brennenden Kerze, zog es dann aber zurück: "Nein, der Protestantismus ist die Wahrheit, Wahrheit unter allen Umständen."
Bismarcks Brief, datiert vom 4. Juli 1851 aus Frankfurt, war an seinen Freund Hans von Kleist-Retzow gerichtet. Er schrieb unter anderem: "Die Haupthandhabe, an der mich d. (er) Böse angreift, liegt nicht in
äußerem Glanz, sondern in einer brutalen Sinnlichkeit, die mich so nahe an die größten Sünden führt, daß ich mitunter verzweifle, den Zugang zur Gnade Gottes zu finden, und jedenfalls die Gewißheit habe, daß der Same des göttlichen Wortes in meinem von Jugend auf verwilderten Herzen den guten Boden nicht gefunden hat, sonst könnte ich nicht in dem Maße der Spielball der Versuchung sein, die sich bis in mein Gebet drängt.
"Jede unbeschäftigte Einsamkeit führt mich zum Kampf mit den Gebilden des Abgrundes einer verdorbenen Phantasie, die mit unheimlicher Behendigkeit von dem trostreichen Bilde dessen, der für unsre Sünden litt, zu neuen sündigen Gedanken springt ... Tröste mich, Hans, aber verbrenne dieß, ohne mit jemand davon zu sprechen."
"Brutale Sinnlichkeit", ein "verwildertes Herz", eine "verdorbene Phantasie" voll "unheimlicher Behendigkeit" - so schilderte Bismarck noch als 36jähriger seinen inneren Zustand. Die Dramatik dieses Geständnisses wird dadurch noch vertieft, daß Bismarck damals bereits fünf Jahre lang ein bekennender Christ war.
1843, also in seinen wildesten Jahren, hatte Bismarck ein Fräulein Marie von Thadden-Trieglaff kennengelernt, damals die Braut, später die Frau seines Freundes Moritz von Blanckenburg.
Marie gehörte zu einem Pietisten-Zirkel des pommerschen Adels. Doch war sie sich stets der verführerischen Kraft des Spötters Bismarck, seines Charmes und des geheimen Reizes seiner dämonischen Natur bewußt. Kurz bevor Marie im November 1846 starb, ließ sie ihm vom Sterbebett bestellen, daß es für ihn nun höchste Zeit sei, sich zu bekehren.
Der Bescheid der Sterbenden gilt heute als das Ereignis, das Bismarck zum Christentum zurückführte. Tatsächlich hatte Bismarck an Marie von Thadden erlebt, daß der Glaube eine persönlichkeits-bildende Kraft ist und dem Gläubigen Stärke und Überlegenheit sogar angesichts des Todes verleiht. In einem Brief an Malwine bewunderte er die "ungetrübte Heiterkeit", mit welcher Marie dem Tode entgegenging.
Kurze Zeit nach Mariens Tod - in den Weihnachtstagen 1846 - schrieb Bismarck im "Hotel de Prusse" zu Stettin einen berühmten Werbebrief an den Vater Johannas, Heinrich von Puttkamer. Er legte darin eine Beichte und ein Bekenntnis zum Gott der Christen ab.
Er lebte fast 50 Jahre mit Johanna, und die Ehe war glücklich. Am 40. Hochzeitstag dankte er ihr in einem Telegramm für die 14 610 Tage, 2088 Sonntage und zehn "29. Februare" ihrer Ehe: "gute und schlimme, aber doch viel mehr gute".
Die Harmonie dieser Ehe war freilich wohl auch darauf zurückzuführen, daß Johanna ihn geistig nicht
strapazierte. Sie sei "facile à vivre" (es sei leicht mit ihr zu leben), bemerkte er als Bräutigam mit jenem spöttischen Unterton, der ihn auch in Momenten der Gefühlsbewegung nicht verließ.
Johanna war schon als Verlobte eine frauliche Erscheinung, und sie wußte, daß ihr "Ottochen" das schätzte. Als ihr ältester Sohn Herbert ihr seine - etwas zierliche - Braut vorstellte, fragte sie sich, wie die nach Art der Zeit üppig ausstaffierte junge Dame wohl im ehelichen Schlafgemach aussehen werde: "Was bleibt dann für den armen Herbert?"
Wie Bismarcks Lebens-Freund, der baltische Graf Keyserling, beobachtete, folgte Bismarck in der Liebe "dem Naturtrieb ohne Skrupel". An Scharlach hatte Bismarck geschrieben: "Ich bin zwar fortwährend excessiv verliebt, wechsle aber häufig den Gegenstand meiner Neigung."
Die Frauen sind für Bismarck offenkundig nie ein ernsthaftes Problem gewesen. Seine wohl größte Liebe war die zu Marie von Blanckenburg - und dieses Erlebnis war vorwiegend geistiger Natur. Es war die Begegnung mit einem Menschen, der durch Glauben jene Tugenden erworben hatte, die er selbst je länger, desto schmerzlicher entbehrte: Selbstbeherrschung und Selbstzucht.
Die Leidenschaften, an deren Beherrschung er zwanzig Jahre seines Lebens hindurch scheiterte, waren Ehrgeiz und eine Herrschsucht, die, wie er gestand, in seiner Sinnlichkeit verankert war. Er könne, schrieb er in seinen Bräutigamsbriefen, es schwer ertragen, "in irgendeiner Beziehung hinter jemand zurückzustehn". Er gestand, daß die "Auszeichnungen", die großen Staatsmännern und Soldaten der Geschichte zuteil wurden, eine "jede Überlegung ausschließende Anziehungskraft" auf ihn ausübten.
Er berichtete seiner Braut, daß er sich Mühe gegeben habe, seiner Leidenschaften durch "nüchterne und unbefangene Reflexion" Herr zu werden. Doch wird aus seinen Briefen klar, daß diese Anstrengungen am Ende zu einem anderen, nicht geringeren Übel führten: zum Gefühl der Leere und Langeweile.
Wie zwiespältig er diesem. Übel begegnete, schilderte er der Braut. Gerade die "nicht ganz leichtfertigen, oberflächlichen Menschen" neigten - meinte er - zum "Hervorheben der Zerrissenheit, der Nichtigkeit, des Schmerzes, die unser hiesiges Leben beherrschen ..."
Aber: Obwohl diese Haltung imponierend und ergreifend sei, so sei dabei doch immer die "Verwandtschaft mit dem gefallnen Engel" erkennbar, "der schön ist, aber ohne Frieden, groß in seinen Plänen und Anstrengungen, aber ohne Gelingen, stolz und traurig".
Kein Zweifel, die Eigenschaften des Stolzes und der Trauer, der Schönheit und der Friedlosigkeit, des großen Planens und des Nichtgelingens, die er Luzifer zuschrieb, waren seine eigenen.
Marie von Thadden hatte ihm vorgelebt, daß Selbstbeherrschung nicht nur durch "Reflexion", sondern positiver noch durch Glauben zu erreichen sei. Tatsächlich spielte er eine Zeitlang mit dem Gedanken, sich an die Spitze eines karitativen Unternehmens zu stellen. Aber Zufall und wohl auch seine geheimen Wünsche führten ihn am Ende doch zur Politik.
Auf diesem Felde gingen sein Ehrgeiz und sein durch Marie von Thadden entzündeter Glaube das Bündnis ein, um dessen Stabilität er sein Leben lang rang. Im Glauben an Gott fand er die Rechtfertigung des Ehrgeizes, die ihm die "Reflexion" versagt hatte - und nicht wenige Biographen Bismarcks meinen, er habe den Glauben mißbraucht, um sich selbst und seine Zeitgenossen über seinen nackten Ehrgeiz zu täuschen.
Zweifelsfrei ist, daß er ohne den Glauben, ob ernst oder zutiefst doch unernst, nicht zu jenem Willensmenschen und politischen Täter geworden wäre, der er wurde. "Ich begreife nicht", schrieb er 1851, "wie ein Mensch, der über sich nachdenkt und doch von Gott nichts weiß oder wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile tragen kann."
Und 1870 vor Paris sagte er: "Wenn ich nicht an eine göttliche Ordnung glaubte, die diese deutsche Nation zu etwas Gutem und Großem bestimmt hätte, so würde ich das Diplomatengewerbe gleich aufgeben oder das Geschäft gar nicht übernommen haben" - eine Geisteshaltung, aus der dann bei Wilhelm II. "unser großer Alliierter" wurde, der "deutsche Gott".
Die Hoffnung, daß Gott mit den Deutschen Gutes und Großes vorhabe, ist Bismarck allerdings, je älter er wurde, desto zweifelhafter geworden: 1888 sprach er im Reichstag das berühmte Wort: "Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt." Später, als man ihm Geschenke mit dem gestickten und gravierten Spruch zu verehren begann, stöhnte er auf plattdeutsch: "Hadd ik dat Wurt man nich seggt!"
Im Sommer 1847 hatte Bismarck geheiratet. Aber schon vorher hatte ihm der Zufall die Chance politischer Betätigung zugeworfen. Am 11. April desselben Jahres war er - als Ersatzmann für den eigentlich gewählten Abgeordneten von Brauchitsch - in den preußischen Landtag gelangt. Von da an ließ ihn die Politik nicht mehr los.
Bis 1852 blieb Bismarck Parlamentarier. 1851 ernannte ihn Friedrich Wilhelm IV., dem er während der Revolutionswirren des März 1848 mit einem Bauernaufgebot hatte zu Hilfe kommen wollen, zum preußischen Gesandten beim Bundestag des Deutschen Bundes in Frankfurt.
Von 1859 bis 1862 war er Gesandter in Petersburg und von Mai bis September 1862 Gesandter am Hofe Napoleons III.
Am 22. September desselben Jahres ernannte ihn König Wilhelm nach einem langen Spaziergang im Garten von Schloß Babelsberg zum Ministerpräsidenten. Der König trug sich damals mit Rücktrittsgedanken, weil ihm das Abgeordnetenhaus das Geld für eine Heeresreform verweigert hatte. Bismarck, den Wilhelm noch kurz zuvor als zu "gewalttätig" abgelehnt hatte, war der Mann der gefährlichen Stunde und einer Zukunft voller Wagnisse.
Er führte drei Kriege: 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870/71 gegen Frankreich.
Er gründete das Deutsche Reich und diente drei Kaisern:
vom 18. Januar 1871, dem Tage der Kaiser-Proklamation in Versailles, an, dem Kaiser Wilhelm I. bis zu dessen Tod am 9. März 1888,
- von da an bis zum 15. Juni desselben Jahres dem unglücklichen Friedrich III. und
- bis zu seiner eigenen Entlassung am 20. März 1890 dem jungen Wilhelm II.
Nachdem Bismarck, 1847, die Bühne der Politik betreten hatte, erwarb er sich bald den Ruf eines Gewaltmenschen. Emanuel Geibel dichtete ihn als "Nibelungenenkel" an:
Daß er die Zeil, den toll gewordnen Renner,
Mit ehrner Faust regier und ehrnem Schenkel,
Die Kreuz-Zeitung huldigte ihm 1849:
Hui, Bismarck, Nie klingt Deine Rede so gut!
Hui, Bismarck, wie flammst Du in Löwenmut!
"Löwenmut" und ein "ehrner Schenkel" wurden ihm zeitlebens nachgerühmt. Als er abtrat, hieß er im In- und Ausland der "eiserne Kanzler".
Doch mit dein Lob über den "Eisernen" schlich sich - anfänglich bei Bismarcks Bewunderern und später auch bei seinen Tadlern - ein Mißverständnis seines Wirkens ein.
Schon zu seinen Lebzeiten bemächtigte sich der nationalistische Teutonismus des Namens Bismarck. Man verbog und verkitschte ihn zum leibhaftigen Wodan eines kraftprotzenden Pangermanismus.
Noch A. O. Meyer begeisterte sich an Bismarcks "hünenhafter Reckengestalt" und an seiner "urgermanischen Kampfesfreude".
Erst die jüngere Forschung hat begonnen, den Schutt des teutonischen Bismarck-Kults abzutragen und das Bild des feinnervigen, von Krankheiten, religiösen Skrupeln und politischen Bedenken geplagten Staatsmannes freizulegen.
Bismarck war, als er Politiker wurde, alles andere als ein Nationalist. Ihm war, ebenso wie dem von ihm bewunderten Metternich, die Verbindung von Nationalismus und Demokratie unheimlich. Der Ruf nach deutscher Freiheit und Einheit, wie er schon Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland erscholl und wie er auf dem Hambacher Fest der deutschen Demokraten 1832 dröhnend laut wurde, beunruhigte ihn.
Männer wie Robert Blum, der Märtyrer der deutschen revolutionären Demokratie (erschossen am 9. November 1848 in Wien), wollten einen deutschen
Staat auf völkischer Basis errichten. Blum propagierte die Auflösung des habsburgischen Vielvölkerstaates und verlangte, daß alle Deutschen in einem zentralistischen Einheitsstaat zusammengefaßt werden sollten. Ähnliche Wünsche waren auf dem Hambacher Fest vorgetragen worden und rumorten im Frankfurter Paulskirchen-Parlament.
Bismarck war gegen diese Pläne. Er sah, daß die Zerstörung Österreich -Ungarns zu unübersehbaren Ereignissen "revolutionärer Natur" führen würde, und Franz Schnabel stellte 1949 fest: Bismarck habe zwar die "Ansätze zu einer freiheitlichen und demokratischen Entwicklung" in Deutschland abgewiesen, zugleich aber sei "der europäische Nationalismus ... durch ihn eingedämmt worden, der aus bestimmten, historisch nachweisbaren Gründen in enger Verbindung mit den freiheitlichen und konstitutionellen Ideen emporgekommen war, aber überall, wo er sich auswirken konnte, in die Diktatur, die zentralistische Einheitsrepublik und schrankenlose Expansion eingemündet war".
Laut Schnabel gehört also nicht Bismarck in die geistige Ahnen-Reihe Hitlers, sondern eher noch der Demokrat Blum, der 1848 den großdeutschen Einheitsstaat gründen wollte.
Die Tendenzen "schrankenloser Expansion", die, laut Schnabel, schon 1848 das notwendige Ergebnis einer deutschen "Einheitsrepublik" gewesen wären, versuchte Bismarck zu entschärfen, indem er ein "groß-preußisches Deutschland" schuf.
Er hoffte, durch seine kleindeutsche Lösung (ohne Österreich) die pangermanistischen Leidenschaften der deutschen Demokraten zugleich befriedigen und bändigen zu können, und er hoffte, daß die Regierungen Europas sich mit der relativ bescheidenen "preußischen" Lösung der deutschen Frage abfinden würden. "In der Tat", schrieb Schnabel, "fürchtete man in den Kabinetten mehr die Ideologie der deutschen Liberalen
und Demokraten als die Machttendenzen des preußischen Staatsmannes."
Das europäische Staatensystem, das Metternich 1814/15 auf dem Wiener Kongreß neu befestigt hatte, war für Bismarck das Ideal europäischer Staatskunst. Ein durch die Zucht des preußischen Etatismus gezügeltes und durch die Weisheit eines christlichen Staatsmannes vor Expansionsgelüsten geschütztes Deutschland werde, so hoffte er, sich in dieses europäische System einfügen.
Ähnlich wie Heinrich Heine, der im christlichen "Kreuz" einen "zähmenden Talisman" gegen die "unsinnige Berserkerwut" der Deutschen sah, betrachtete Bismarck das Christentum als ein Instrument politischer Zucht. Ähnlich wie Heine wurde er freilich den zweifel an der Kraft dieses "Talismans" nicht los.
"Wenn ich nicht ein strammgläubiger Christ wäre", sagte er 1870 zu Freunden, "wenn ich die wundervolle Basis der Religion nicht hätte, so würden Sie einen solchen Bundeskanzler (des damaligen Norddeutschen Bundes) gar nicht erlebt haben" - und fügte dann Wunsch und Zweifel hinzu: "Schaffen Sie mir einen Nachfolger mit jener Basis, so gehe ich auf der Stelle - aber Ich lebe unter Heiden." Die Vorstellung, daß er "unter Heiden" lebe, umfaßte seine ganzen Zweifel an der Zukunft des Reiches, noch ehe er es geschaffen hatte.
Bismarck war Protestant, und sein Verhältnis zu Gott war das eines Einsamen zum Herrn der Geschichte. Kirchliches Zusammenleben und kirchliche Gebote waren ihm zuwider.
Als er an einem Sonntag im englischen Hafen Hull pfeifend an Land gegangen war, machte ihn ein Bekannter vom Schiff auf das christliche Gebot der Sonntagsstille aufmerksam. Bismarck kehrte sofort auf das Schiff zurück.
Er war sich des Risikos seines einsamen Verhältnisses zu Gott durchaus bewußt. Er beneidete den Staatsmann "katholischer Politik, der im Besitz der (kirchlichen) Absolution ist, und den die mehr protestantische Frage, ob er seine eigene Absolution hat, nicht kümmert". Es ging ihm als Staatsmann und Mensch um seine "eigene Absolution", um die Rechtfertigung vor seinem eigenen Gewissen. Manchmal nannte er auch Gott als Gewissens-Instanz, aber zumeist war ihm klar, daß von Gott gerade dann kein Rat zu erfahren war, wenn gehandelt werden mußte.
So beschrieb er in seinen Memoiren, den "Gedanken und Erinnerungen", die Einsamkeit des Staatsmannes, dessen Verantwortung und die gesundheitlichen Wirkungen dieser Verantwortung:
Die Erwägung der Frage, ob eine Entschließung richtig sei, und ob das Festhalten und Durchführen des auf Grund schwacher Prämissen für richtig Erkannten richtig sei, hat für jeden gewissenhaften und ehrliebenden Menschen etwas Aufreibendes; es wird verstärkt durch die Tatsache, daß lange Zeit vergeht, oft viele Jahre, bevor man in der Politik sich selbst überzeugt, ob das Gewollte und Geschehene das Richtige war oder nicht.
Das innere Drama des mit der alleinigen Verantwortung belasteten, "ehrliebenden" Staatsmannes, das er hier rückblickend beschrieb, war das Drama seines Lebens. Gott und die politische Wirklichkeit, sein Gewissen und seine physische Gesundheit spielten dabei mit und standen dabei auf dem Spiel.
Die "Ungewißheit des Erfolges einer jeden politischen Entschließung" sei von "aufreibender Wirkung", schrieb er. Die Gürtelrose, an der er 1878 erkrankte, brachte er mit dem im gleichen Jahr stattfindenden Berliner Kongreß in Verbindung, auf dem er die Verantwortung für die, Lösung der Balkan-Krise übernahm. "Nicht die Arbeit ist das Aufreibende", klagte er, "die Zweifel und Sorgen sind es, und das Ehrgefühl, die Verantwortlichkeit."
In Momenten höchster politischer Spannung genügten Kleinigkeiten, um
ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. An einem Dezembertag 1870 vor Paris war ihm der Zutritt zum König verweigert worden. Der König habe Migräne, wurde er beschieden. Als Bismarck aber durch Zufall beobachtete, daß ein Hofbeamter zu Wilhelm ging, erlitt er einen Wutanfall und verließ das Zimmer mit der Erklärung, nach Hause fahren zu wollen. Wilhelm ließ ihn zurückholen, aber noch nach der Audienz warf Bismarck sich unter heftigem Schluchzen auf ein Kanapee.
Seine Gesundheit, sein Glaube und seine staatsmännische Tätigkeit bildeten einen Funktionszusammenhang, in dem - das eine Element das andere stützte oder auch schwächte.
Freilich: Ob sein Glaube seinen politischen Mut stärkte oder umgekehrt, ob Gesundheit seinen Glauben festigte oder umgekehrt, ob seine politische Tatkraft seine Gesundheit steigerte oder umgekehrt - ist nicht entzifferbar. Erkennbar ist jedoch, daß sein Glaube seine Gesundheit und seine Tatkraft unauflösbar ineinander verstrickt waren.
Bismarcks Krankengeschichte begann, als er 25 Jahre alt war (1840), mit einem Anfall rheumatischer Schmerzen. Krisen dieser Art - besonders mit Schmerzen in den Lenden und Hüften verbunden - suchten ihn von da an immer wieder heim.
Von seinem 35 Lebensjahr (1850) an litt er an Blutandrang im Kopf, Erkältungen (Reizbarkeit der Atmungsorgane), an Erschöpfungserscheinungen und Verdauungsbeschwerden und deren organischen Folgen.
Seine Verdauungsbeschwerden hatten allerdings begreifliche Gründe. Er war ein gewaltiger Esser. Er schlief lange, und der Tisch seines ersten Frühstücks
- um 11 Uhr - war überladen mit kalten Koteletts und Gänsebrust, Spickaal und Eiern, Räucherfisch, Wurst, Butter und Honig.
Zu Abend ließ er sich Suppe und Braten, Aale, Langusten und Schinken auftragen, trank Champagner und Bier (manchmal mit Milch gemischt), Rheinwein und Rotwein, zuweilen auch französische Liköre und deutsche Branntweine. Noch als 78jähriger trank er, wie die Frau von Spitzemberg beobachtete, "vier Gläser Buttermilch auf einmal und Kognak darauf". Tagelang war er danach krank, und die kluge Spitzemberg fand es "tieftraurig zu sehen, wie klein und schwach er ist, wenn es heißt, den eigenen Willen brechen".
Seit seinem 44. Lebensjahr (1859) entwickelten sich ein ständiger Schmerzzustand und eine chronische Erschöpfung, die zeitweilig mit Depressionen verbunden waren.
Akute Erkrankungen - Leberschmerzen, Mai 1859, und eine Lungenentzündung, Herbst 1859 - beeinträchtigten seinen Gesamtzustand weiter. Er begann unter neurotischen Schwierigkeiten (Schlaflosigkeit, allgemeine Aufgeregtheit) zu leiden, bekam Krampfadern, überstand eine Gelbsucht und litt fast ständig unter rheumatischen Schmerzen, insbesondere im Gesicht. In Friedrichsruh ließ er Hecken pflanzen, um sich vor Zugwind zu schützen.
Die Krankengeschichte Bismarcks ist 1921 von einem Sanitätsrat in Mönchen-Gladbach - Dr. med. A. Müller - aufgezeichnet worden. Er bemerkte bei deren Studium den Zusammenhang von Politik und Gesundheit Bismarcks. Die Kriege 1864, 1866 und 1870 hätten bei Bismarck jeweils, schrieb Müller, das "plötzliche Verschwinden aller Beschwerden" verursacht - "dem aber jedesmal um so stärkere Erschöpfung und plötzliche starke Schmerzanfälle folgten": Leberkrise im Herbst 1864, Ischias und ein Weinkrampf im Juli 1866, Podagra 1871.
In demselben Rhythmus schwang auch Bismarcks Religiosität auf und ab, über deren täglichen Ablauf die Öffentlichkeit erst relativ spät unterrichtet worden ist.
1864 hatte Bismarck von seinem Freund Hans von Kleist-Retzow ein Andachts- und Notizbuch erhalten: "Die täglichen Loosunigen und Lehrtexte der Brüder-Gemeine". 1933 veröffentlichte A. O. Meyer Auszüge aus den Notizen, die Bismarck in dem jährlich erscheinenden "Loosungs-Buch" gemacht hat.
Bismarck las die "Loosungen" täglich. Sehr häufig strich er an und machte Bemerkungen über den Tagesablauf, wie "Maikäferfraß in Eichen" oder "warme Mondnacht" oder "rothe Dorn blüht" oder (als Wilhelm I. gestorben war) "Imperator obiit!"
An seinem 76. Geburtstag las er die Losung:
Wer lebet im Herrn
Der stirbet auch gern
Und fürchtet sich nicht ...
Er schrieb über "stirbet": "Lieber noch nicht."
Im Juni 1878 verübte ein junger Mann namens Nobiling ein Attentat auf Wilhelm I. Der Kanzler las die Losung:
Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib tödten und die Seele nicht mögen tödten. - und notierte: "Schufte aber sind sie".
Am Rande der Losung vom 20. August 1889: "Der Herr wird Dir in allen Dingen Verstand geben", bemerkte er: "Möchte Er!"
Die Gewohnheit der Losungs-Lektüre teilte Bismarck mit anderen Preußen. Während der Feldzüge in Böhmen (1866) und Frankreich (1870) freute er sich beim Frühstück mit den Losungslesern Wilhelm I. und Roon, wenn der Tagesspruch besonders verheißungsvoll lautete.
Die Intensität und Häufigkeit der Bismarckschen Anstreichungen und Anmerkungen schwankte freilich - und zwar, wie A. O. Meyer bemerkte, je nach Bismarcks politischer Aktivität und je nach seinen Gesundheitszustand: In "Stunden des Zweifels und des Schmerzes ... geriet seine religiöse Zuversicht eher ins Wanken".
Und: "Nie vor- oder nachher in seiner ganzen Ministerzeit hat er ein ähnlich starkes Bedürfnis nach religiöser Lektüre gehabt wie während des Krieges von 1870/71."
In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ging die Zahl seiner Anstreichungen und Anmerkungen auffallend zurück. In derselben Zeit begann er, im
Reichstag (1887) Zweifel an der Stabilität des auf "Granit" gegründeten Reiches zu äußern. Sich selbst nannte er 1889 einen "sinkenden Petrus". In Gegenwart des Grafen Keyserling bekannte er 1890, daß er "während der Kämpfe der letzten Jahrzehnte dem Herrn ferner gerückt" sei und daß er dies "schmerzlichst" empfinde.
Bismarcks Glaube, Gesundheit und politische Tatkraft zerfielen. Seine religiöse Betätigung wurde geringer. Aber es gab darin gewaltsame Aufschwünge - wie ein Bericht des Bismarckschen Leibkutschers Patzke in Varzin aus dem Jahre 1888 zeigt.
"Ich fuhr", erzählte Patzke, "mit Durchlaucht im Herbst 1888 den 'Totenweg' in den Püstower Bergen, als der Fürst rief: 'Anhalten! Ich will mir die (Fichten-) Kultur ansehen ...' Es dauerte zehn Minuten - zwanzig Minuten, mir wurde bange. Ich band die Pferde an einen Baum und ging in der Richtung, die der Fürst genommen hatte, nach. Nach etwa 3 - 400 Schritten sah ich ihn vor einer Kiefer auf beiden Knien liegen, die gefalteten Hände gegen den Stamm gestemmt und die Stirn darauf gelegt. Tyras und Flörchen (die Doggen) saßen neben ihm. - Ich schlich mich leise zurück. Es dauerte wohl noch eine Viertelstunde, bis Durchlaucht wiederkamen, sehr blaß, sagten nur, freundlich wie immer: 'Tuth mir leid, daß es so lange gedauert hat. - Nach Hause!'"
Wie heikel Bismarcks Gottes-Verhältnis in dieser Zeit war, zeigte seine Reichstagsrede am 6. Februar 1888. Er erklärte dort: "Jede Großmacht, die außerhalb ihrer Interessensphäre auf die Politik der anderen Länder zu drücken und einzuwirken und die Dinge zu leiten sucht, die periklitiert außerhalb des Gebietes, welches Gott ihr angemessen hat, die treibt Machtpolitik und nicht Interessenpolitik, die wirtschaftet auf Prestige hin ..."
Aus diesem Satz ergab sich, daß laut Bismarck "Interessenpolitik" göttliches Gebot, daß hingegen "Macht- und Prestige-Politik" wider Gottes Willen sei, und es stellte sich danach die Frage, ob das Gebiet, welches, laut Bismarck, Gott dem Reich "angemessen" haben sollte, nicht einfach durch die Reichweite von Krupps Kanonen bestimmt sei.
Bismarcks Gott ähnelte damals der Realität der Machtverhältnisse und Interessen zum Verwechseln.
Bismarcks staatsmännische Frömmigkeit hatte ihren Kern in der Erkenntnis, daß die Realität niemals ganz durchschaubar ist. Bismarck war fromm, indem er sich der Schwäche menschlicher Einsicht stets bewußt blieb. Er hatte sein Leben lang Angst - und insofern bestimmte seine Gottesfurcht tatsächlich seine politischen Entschlüsse: Den "Präventivkrieg" lehnte er ab, da man "die Wege der göttlichen Vorsehung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen" könne.
Bismarcks Reichskonzept strebte einen Staat unter Führung eines christlichen, sollte heißen: gewissenhaften Staatsmannes an. Aber schon Bismarcks Zeitgenossen erkannten das Fragwürdige des Konzepts. Mit Gott, schrieb der Nationalliberale Ludwig Bamberger, verständige sich Bismarck "im stillen Kämmerlein" - doch: "Niemand ist dabei, und der Gott protestiert nicht."
Bismarck selbst begann, je älter er wurde, desto häufiger Zweifel an seinem eigenen Konzept auszusprechen. 1892, schon entmachtet, meinte er, es sei "ein gefährliches Experiment, wenn man heutzutage im Zentrum Europas absolutistischen Ideen zustrebt ... weil man Gott zu gehorchen glaubt, während man in Wahrheit dem Geheimrat gehorcht".
Sicher war diese Äußerung als Kritik an dem jungen Wilhelm II. gemeint, und am Geheimrat Holstein. Doch: "Absolutistisch" war auch seine, Bismarcks, Regierungsweise gewesen. Zwar hörte er nicht auf Geheimräte, dafür aber auf seinen Privatgott, den sonst niemand befragen durfte. Mit der schwindenden Tatkraft, mit dem schwächer werdenden Glauben tauchte der Mensch Bismarck von einst wieder auf - freilich nicht der "tolle Bismarck", der in den vierziger Jahren die Pietisten Pommerns in frommen Schrecken versetzt hatte, sondern ein alter, menschenscheuer, verbitterter, habgieriger und ständig kränkelnder Greis, zynisch wie jener und manchmal sentimental. Vieles, auch das, was er vor dem Niedergang seines Glaubens getan hatte, erschien nun in einem bösen Licht.
Gehaßt hatte er immer, aber je älter er wurde, desto niederträchtiger verfolgte er seine Feinde und desto beschwerlicher wurde er seinen Freunden.
Nach einem Pistolen-Duell (1852) mit dem Abgeordneten Georg von Vincke bekannte Bismarck seiner Schwiegermutter, er habe "Mißbehagen" empfunden, "als ich durch den Dampf sah und mein Gegner aufrecht stehen blieb".
Als Eduard Lasker, sein liberaler Gegner, 1884 in New York gestorben war, verweigerte er dem Toten eine offizielle Ehrung, griff ihn im Reichstag an und sandte eine Beileids-Erklärung des amerikanischen Repräsentantenhauses an den US-Gesandten zurück. 1888 veröffentlichte die "Deutsche Rundschau" Auszüge aus dem Tagebuch Kaiser Friedrichs III. Es handelte sich um Notizen, die der damalige Kronprinz 1870 vor Paris gemacht hatte. Es ging aus ihnen hervor, daß Friedrich jede Gewaltanwendung mißbilligte, die Bismarck damals auf die deutschen Bundesgenossen ausübte, um die Reichsgründung zu erlangen.
Bismarck ließ die "Rundschau" -Nummer mit den Tagebuch-Notizen "wegen Landesverrates" beschlagnahmen, den Veröffentlicher, einen Professor Geffcken, verhaften und behauptete in einem Immediat-Bericht, er halte "dies Tagebuch in der Form, wie es vorliegt, nicht für echt".
Dabei hatte er am Tage vor der Veröffentlichung dieses Berichts offen bekannt, daß die Notizen zweifellos echt seien.
In dem Immediat-Bericht versetzte er dem toten Friedrich und dessen noch lebender Frau, der aus dem englischen Königshause stammenden Viktoria, einen hinterhältigen Stoß. Er behauptete, der König habe ihm 1870 verboten, "intimere Fragen unserer Politik" mit Friedrich zu besprechen, "weil S.M. ... Indiskretionen an dem von französischen Sympathien erfüllten englischen Hof fürchteten". Er verdächtigte also die Kaiserin einer landesverräterischen Haltung.
Des alten Bismarcks Herrschsucht und Haß richteten am Ende auch in der eigenen Familie Unglück an. 1881 wollte Bismarcks Lieblings-Sohn Herbert die Fürstin Elisabeth Carolath-Beuthen heiraten. Sie hatte sich von dem Fürsten scheiden lassen und erwartete im April 1881 den damaligen Erbgrafen Herbert in Venedig.
Inzwischen kam es zu unglaublichen Szenen im Hause Bismarck. Der Reichsgründer drohte seinem Sohn "unter schluchzenden Tränen" das eine Mal, sich das Leben zu nehmen, und das andere Mal: Er, der Reichskanzler,
werde mit ihm, Herbert, zusammen nach Venedig fahren.
Für die maßlose Erregung des Greises gibt es bis heute keine völlig einleuchtende Erklärung. Zwar widersprach die Heirat mit einer geschiedenen Frau den aristokratischen und religiösen Vorstellungen Alt-Preußens, doch hatte Bismarck bei ähnlichen Situationen eine liberale Einstellung gezeigt.
Am wahrscheinlichsten ist noch die Erklärung, daß er in Herbert ein Instrument seiner Herrschsucht sah, durch das er gleichsam noch über das eigene Grab hinaus regieren könnte. Vielleicht wollte er eine Art Hausmeier-Dynastie der Bismarcks gründen und meinte, dieser Plan'werde durch die Heirat mit einer geschiedenen Frau zerstört.
Tatsächlich zerstörte er seinen Plan selbst. Herbert reiste zwar nicht nach Venedig, zerbrach aber an dem Verzicht.
Tiefes Befremden lösten sogar unter seinen Verehrern die Geldgeschäfte des alternden Bismarck aus.
1847, unter dem noch frischen Eindruck Marie von Blanckenburgs, war es ihm wie "Diebstahl an den Armen" vorgekommen, wenn er 30 Taler für eine Reise zu seiner Braut ausgeben sollte.
Als preußischer Ministerpräsident gab er beträchtliche Gelder für private Wohltätigkeit aus.
Doch als Kanzler begann er, sich
- über seinen Finanzberater, den Berliner Bankier Gerson von Bleichröder an Geldmanipulationen zu beteiligen, auf deren Erfolg er als Regierungschef einen bedeutenden Einfluß hatte.
Im März 1870 wurde durch Gesetz die "Preußische Central-Boden-Credit-AG" gegründet. Durch Vergünstigungen, die eigentlich der preußischen Konkursordnung widersprachen, wurde die, "Central-Boden" in die Lage versetzt, schneller als andere Geld-Institute Kredite zu beschaffen und eine höhere Realverzinsung zu fordern. Über Bleichröder konnte sich Bismarck mit einer Zeichnung von wahrscheinlich 415 000 Talern an dem Aktien-kapital der Central -Boden beteiligen. Er war einer der Gewinnler des "Gründungsschwindels", der dem Sieg über Frankreich folgte.
Schon 1866 hatte Bismarck eine Dotation in Höhe von 400 000 Talern erhalten, wofür er sich das pommersche Varzin kaufte. 1871 erhielt er den Sachsenwald bei Hamburg, gleich etwa einer Million Taler. Sein Gesamtvermögen dürfte sich damals schon auf 1,68 Millionen Taler belaufen haben. Mit 8900 Hektar bildet der Sachsentwald heute einen der größten Grundbesitze der Bundesrepublik. (Zwölf Besitze sind noch größer.)
In Varzin erteilte Bismarck einer
Firma die Konzession zum Bau einer Papierfabrik und Holzschleiferei. Als die Behörde den Arbeitsschutz in seiner Pulverfabrik Düneberg bemängelte, wurde der zuständige Beamte versetzt, ein Regierungsangestellter fristlos entlassen.
Im Winter 1880/81 scheute sich Bismarck nicht, in einer Reichstagsrede sich über seine Besteuerung durch die Stadt Berlin zu beklagen. Dabei handelte es sich zum Teil um lächerliche Beträge - wie er selbst sagte, um "eine Art Pferdesteuer".
Noch 14 Jahre später ärgerte sich Theodor Fontane über diese Reichstagsrede des teils von ihm verehrten Kanzlers. "Diese Mischung von Übermensch
und Schlauberger", schrieb er an seine Tochter, "von Staatengründer und Pferdestall-Steuerverweigerer ... von Heros und Heulhuber, der nie ein Wässerchen getrübt hat ... läßt eine reine, helle Bewunderung in mir nicht auf kommen." Als zu seinem siebzigsten Geburtstag eine öffentliche Sammlung für ihn durchgeführt wurde (sie erbrachte über zwei Millionen Mark), paßte es ihm nicht, daß er die Spende für einen öffentlichen Zweck verwenden sollte. Widerwillig rückte er schließlich rund eine Million Mark für Oberlehrer heraus.
Bis 1876, so stellte jüngst ein Autor fest*, zahlte Bismarck für den Sachsenwald überhaupt keine Grundsteuer: "Die Zahlungsaufforderung ließ er einfach unbeantwortet."
Als er mit dem Landkreis Lauenburg, dem Friedrichsruh unterstand, wegen der Insel in einem See in Streit geriet, drohte er, die Artillerie-Garnison in Mölln abzuziehen. Man schenkte ihm daraufhin die Insel, doch Mölln verlor die Garnison gleichwohl - weil es stets liberal wählte.
Als die Volksschule in Aumühle bei
Friedrichsruh einen zweiten Lehrer erhalten sollte, erschien Bismarck persönlich in der Vorstandssitzung und verhinderte die Verwirklichung des Planes.
Die Verbitterung des alten Mannes in Friedrichsruh - der am Ende wie, der Alte Fritz die Hunde liebte, "je mehr ich die Menschen kennen lerne", der von seinen eigenen Söhnen enttäuscht war und seinen von ihm selbst verbogenen Ältesten, Herbert, "einen Tier- und Menschenquäler" nannte - war auch der Reflex der Sorge um das Reich.
Er hatte die Deutschen durch preußische Zucht, durch die Treue zu den angestammten Fürstenhäusern und den christlichen Glauben des leitenden
Staatsmannes zu zähmen versucht. Er wußte, daß eine kleindeutsche Lösung das Äußerste war, was man Europa an deutscher Macht zumuten durfte, daß diese Zumutung nur dann von Europa auf die Dauer hingenommen werden würde, wenn Deutschland sich an seine ständig wiederholte Mahnung hielt, "saturiert" zu sein, wenn Deutschland auf nationalistische Leidenschaften und auf expansive Tendenzen verzichtete.
Aber er sah - noch ehe er das Reich gegründet hatte -, daß der nationale Hochmut, den der siegreiche Feldzug in Frankreich unter den Deutschen ausgelöst hatte, alle zügelnden Vorkehrungen, die er geplant hatte, sprengen werde. Sein Auge sah scharf und seine Worte waren voll bitterem Hohn. Der preußische Generalstab sei "kaiserwahnsinnig" geworden, schrieb, er bereits im November 1870 von Versailles nach Hause. Grimmig war damals auch sein Spott über die süddeutschen Minister, die nach Versailles kamen, um "das neue 1000jährige Reich" zu beraten.
Der Untergrund dieses Hohns war Angst. "Ich ängstige mich oft", schrieb er, "daß diese anmaßende Selbstüberschätzung an uns noch gestraft werden wird."
Zu Beginn seines bewußten Lebens, in seiner wilden Zeit, war er ein "Pantheist", im Grunde seines Herzens ein Fatalist gewesen. Marie von Blanckenburg, geborene von Thadden' lehrte ihn die bändigende, persönlichkeitsbildende Kraft des Christentums. Aber je älter er wurde, desto mehr erfuhr er, daß die private Frömmigkeit des leitenden Staatsmannes nicht ausreichte, die Deutschen zu zähmen: Er lebte, wie er 1870 vor Paris sagte, "unter Heiden".
Je älter er wurde, desto stärker kam auch wieder der fatalistische Pantheismus seiner Jugendjahre zum Vorschein. Zu einem seiner letzten ausländischen Besucher, dem chinesischen Vizekönig Li Hung-tschang, sagte er: "Alles fließt, alles stürzt einmal zusammen."
* Otto Pflanze: "Bismarck and the Development of Germany"; Princeton 1963.
* Zu den wichtigen Werken der neuen deutschen Bismarck Literatur zählen Walter Bussmann: "Das Zeitalter Bismarcks", in Justs "Handbuch der deutschen Geschichte" III/2, Konstanz, 1956; Ludwig Reiners: "Bismarck (bis 1871), Bd. 1 und 2, München, 1957/58; Otto Becker: "Bismarcks Ringen um Deutschlands Gestaltung". Heidelberg, 1957; Wilhelm Mommsen: "Bismarck. Ein politisches Lebensbild", München, 1959; Werner Richter: "Bismarck", Frankfurt, 1962.
* Ulrich Küntzel: "Die Finanzen Großer Männer". Econ Verlag, Wien-Düsseldorf; 580 Seiten; 24,80 Mark.
Bismarck-Besucher Wilhelm II.
(3. v. l.), Gastgeber (4. v. l.). in Friedrichsruh: Den Zusammenbruch des Reiches auf das Jahr genau vorausgesagt
Karikatur über BismarckDeuter (1892)
Eine Titanen-Gestalt, nicht zum Lieben ...
... aber zum Bewundern: Bismarck-Deuter Muralt, Eyck, Mommsen, Barth, Rothfels, Taylor
Ehepaar Bismarck (1849): Dank für 14 610 Tage.
Bismarck-Freundin Marie Thadden
Botschaft vom Sterbebett
Bismarck-Freundin Babette Meyer
Liebe im Alter
Sängerin Lucca, Freund: Photo nicht verziehen.
Bismarck-Freundin Katharina Orlow
Spott in der Liebe
Bismarck-Schwester Malwine
Pech im Spiel
Deutsche Bismarck-Darstellung (1870)
"Der Schmied des Reiches"
Russische Bismarck-Darstellung (1890)
"Der Abschied von Berlin"
Französische Bismarck-Darstellung (1887)
"Das Ungeheuer Europas"
Englische Bismarck-Darstellung (1890)
"Der Lotse geht von Bord"
Kanzler, Wilhelm I. (l.)
Drei Kriege geführt
Kanzler, Friedrich III.
Ein Reich gegründet
Kanzler, Wilhelm II.
Drei Kaisern gedient
Kranker Bismarck, Leibarzt Schweninger: 58 Jahre Schmerzen
Bismarck-Sohn Herbert
Väter drohte mit Selbstmord
Kaiser-Geschenke Varzin, Friedrichsruh: Im Reichstag eine Rede gegen Pferdesteuer
Bismarck-Verehrer Hitler in Friedrichsruh (1939): "Alles stürzt einmal zusammen"
* Bismarck als Gesandter am Frankfurter Bundestag 1858 (r.), als preußischer Landtagsabgeordneter um 1848 (l. oben), als Reichskanzler 1871 (l. unten).

DER SPIEGEL 14/1965
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GESCHICHTE / BISMARCK:
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