31.03.1965

„Mit festem Schritt ins Neue Reich“

6. Fortsetzung
Im April 1933 erhielt Papst Pius XI. aus Deutschland eine Nachricht, in der ernste Besorgnis über die antisemitischen Ziele der Nationalsozialisten geäußert und der Papst gebeten wurde, eine Enzyklika über die Judenfrage zu erlassen.
Dieser Brief stammte von der Philosophin Edith Stein, einer Jüdin, die zum katholischen Glauben übergetreten war und später als Schwester Teresia Benedicta a Cruce im Karmeliterinnenorden bekannt wurde. Edith Steins Bitte wurde nicht erfüllt. Neun Jahre später, im August 1942, verhaftete die Gestapo sie in einem holländischen Kloster, wo sie Zuflucht gesucht hatte, und schickte sie nach Auschwitz.
Auch sie wurde ein Opfer des Massenmordes an den Juden Europas. Seit langem debattiert man darüber, ob Papst Pius XII. diesen Massenmord hätte verhindern können oder ob er nicht wenigstens energisch dagegen hätte protestieren sollen. Diese Debatte hat sich an Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" erneut entzündet.
Als im Frühjahr 1939 Kardinal Pacelli zum Papst gewählt wurde, bestieg ein Mann den Stuhl des heiligen Petrus, der für seine deutsch-freundlichen Gefühle und für sein diplomatisches Geschick bekannt war.
Hochhuths Papst - ein Mann, der "aristokratische Kälte" ausstrahlt und dessen Augen eine "eisige Glut" haben - ist vielleicht ein bißchen stilisiert, aber alle Biographen sind sich darüber einig, daß Pius XII., im Gegensatz zu seinem Vorgänger, nüchtern und leidenschaftslos war und die doppelsinnige Diplomatensprache meisterhaft beherrschte.
So versuchte Papst Pius XII. vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zwischen den westlichen Verbündeten und den Achsenmächten zu vermitteln; er setzte seine Friedensappelle fort, bis Deutschland Polen angriff. Doch als der Krieg einmal begonnen hatte, nahm der Heilige Stuhl die traditionelle neutrale Haltung
Der britische Botschafter beim Vatikan schlug am 1. September 1939 dem päpstlichen Staatssekretär Maglione vor, der Veröffentlichung des noch in letzter Minute erlassenen und leider erfolglosen Friedensappells von Papst Pius ein Bedauern darüber beizufügen, daß die deutsche Regierung die Welt trotz des päpstlichen Friedensaufrufs in den Krieg gestürzt habe. Aber Maglione lehnte diese Forderung als eine zu gezielte Einmischung in die internationale Politik ab.
In einer Ansprache an die polnische Kolonie in Rom, zu der auch der kurz zuvor eingetroffene polnische Primas, Kardinal Hlond, gehörte, brachte Pius XII. am 30. September in vorsichtiger Formulierung sein Mitgefühl und seine Hochachtung für das polnische Volk zum Ausdruck; aber es fiel auf, daß er mit keinem Wort von dem deutschen Angriff gegen Polen sprach.
Am 14. Oktober erläuterte ein Artikel im "Osservatore Romano", daß die Trauer des Papstes über das polnische Schicksal sich nicht in einer Form äußern könne, die mit seiner Stellung als Vater aller Gläubigen unvereinbar sei.
Nachdem England und Frankreich dem Dritten Reich den Krieg erklärt hatten, riefen die katholischen Bischöfe dieser beiden Länder zusammen mit den polnischen Bischöfen zu einem Kreuzzug gegen das nationalsozialistische Deutschland und für Freiheit und Brüderlichkeit auf. Aber Pius XII. hielt sich zurück: Er bedeutete allen Katholiken, mutig und mit christlicher Nächstenliebe zu kämpfen, auf welcher Seite sie auch stünden.
Wie der Soziologe Gordon Zahn sagt, reduziert diese Art von Ratschlag
"die ganze Struktur der Theologie eines gerechten oder ungerechten Krieges auf den Status einer ganz offenkundig nutzlosen und sozial bedeutungslosen Gymnastik des Intellekts". Aber was sollte der Papst tun?
Letzten Endes entsprang seine Haltung nicht so sehr einem persönlichen Versagen, einem Mangel an Mut bei der Verteidigung der Gerechtigkeit, sondern vielmehr den Forderungen einer kirchlichen Institution, die seit nahezu zweitausend Jahren all ihre Kräfte darauf konzentriert hat, um zu überleben und sich weiter für die Rettung der Seelen einsetzen zu können; die Forderungen ihres eigenen Evangeliums wurden dabei als zweitrangig betrachtet.
Der Papst schrieb den französischen Bischöfen, er habe volles Verständnis für ihre Lage, und es sei ihr gutes Recht als treue Bürger der französischen Nation, alle Maßnahmen zu unterstützen, die dazu dienten, die Sicherheit und Zukunft des Vaterlandes zu gewährleisten.
Einige Wochen bevor die Italiener England und Frankreich den Krieg erklärten, schrieb Papst Pius an die Erzbischöfe Italiens, sie sollten im Kriegsfall alle gerechtfertigten patriotischen Pflichten erfüllen, aber dabei nicht die übernatürlichen Werte der Sanftmut und der Liebe vergessen.
Und im Dezember 1939 verschickte der Papst einen Hirtenbrief an alle Militärgeistlichen der kriegführenden Nationen und rief sie auf, ihren verschiedenen Militärbischöfen volles Vertrauen zu schenken.
Der gegenwärtige Krieg, erklärte Pius XII., solle als eine Offenbarung der göttlichen Vorsehung betrachtet werden, als der Wille eines himmlischen Vaters, der immer das Böse zum Guten wandle. Der Papst forderte von ihnen, "als Kämpfer unter der Fahne ihres eigenen Landes auch für die Kirche zu kämpfen".
Die Militärbischöfe beteten unterdessen auf allen Seiten zum gleichen Gott, und sie beteten darum, daß er den Truppen ihres Landes - und nur ihres Landes - die Gnade des Sieges gewähre. Wessen Gebet sollte der allmächtige Gott erhören?
Am 20. Oktober 1939 gab Papst Pius XII, seinie erste Enzyklika heraus; sie war an die Bischöfe der ganzen Welt gerichtet. Wieder mahnte der Papst, die internationalen Konflikte auf friedlichem Wege zu lösen, und er gab seinem Mitgefühl für alle seine Kinder, besonders die verfolgten und unterdrückten, Ausdruck:
"Das Blut ungezählter Menschen, auch von Nichtkämpfern, erhebt erschütternde Klage, insbesondere auch über ein so geliebtes Volk wie das polnische, dessen kirchliche Treue und Verdienste um die Rettung der christlichen Kultur mit unauslöschlichen Lettern in das Buch der Geschichte geschrieben sind und ihm ein Recht geben auf das menschlich-brüderliche Mitgefühl der Welt."
Die westlichen Alliierten verbreiteten den Text der Enzyklika in einer Rundfunksendung und warfen Flugblätter mit einer deutschen Übersetzung über dem Reich ab. Aber der Gestapo erschien die päpstliche Verlautbarung harmlos und zweideutig genug - sie erlaubte, daß die Enzyklika von den Kanzeln verlesen wurde.
Nach dem mißglückten Attentat auf Hitler in München am 8. November 1939
überbrachte der päpstliche Nuntius in Berlin am 10. November außer den Glückwünschen des diplomatischen Korps auch die persönlichen Glückwünsche von Papst Pius XII. zu der wunderbaren Rettung des Führers. Vier Tage später suchte der Nuntius Staatssekretär von Weizsäcker auf, um auch die Reichsregierung zur Rettung Hitlers zu beglückwünschen.
Am 30. November griffen die Russen Finnland an. Zu dieser Aggression konnte der Papst sich offener äußern: Hier waren nur die Interessen einer katholischen Minderheit in Gefahr.
In seiner Weihnachtsansprache an das Kardinalskollegium verdammte Papst Pius den wohlüberlegten Angriff gegen ein kleines, fleißiges und friedliebendes Volk unter dem Vorwand einer Bedrohung, die weder besteht noch gewollt noch überhaupt möglich ist", als einen Verstoß gegen das Völkerrecht.
Beamte in Rosenbergs Amt für die weltanschauliche Schulung der NSDAP meinten, dieser Satz richte sich gegen Deutschlands Angriff auf Polen. Aber der Papst scheute wenige Tage später keine Mühe, dem deutschen Vatikanreferenten Menshausen zu versichern, daß er die totalitären Staaten nicht ablehne.
Menshausen bemerkte, daß die Alliierten der Auffassung seien, der Papst habe sich mit seiner Erklärung gegen die Achsenmächte aussprechen wollen. Darauf erwiderte Papst Pius, auch Deutschland lege seine Worte zu eigenen Gunsten aus; er habe mit besonderer Sorgfalt seine Erklärungen so formuliert, daß sie nicht mißverstanden werden könnten.
In der Zwischenzeit hatte der "Osservatore Romano" wiederholt Berichte über die Verfolgung der polnischen Kirche veröffentlicht, und Radio Vatikan hatte am 28. September 1939 Kardinal Hlond erlaubt, eine Rundfunkbotschaft an die Polen in aller Welt zu richten.
Der Papst war über die Anwesenheit des polnischen Primas in Rom nicht gerade glücklich und hätte es nicht ungern gesehen, wenn dieser nach Polen zurückgekehrt wäre, aber die deutsche Regierung verweigerte dem deutschfeindlichen Kardinal die Rückkehr.
Am 6. Januar 1940 unterbreitete Kardinal Hiond Pius XII. einen neuen, detaillierten Bericht über die Deportationen und Festnahmen polnischer Priester, über die Schließung von Kirchen und die brutale Behandlung der polnischen Bevölkerung.
Über Radio Vatikan waren am 23. Januar Ausschnitte aus diesem Bericht zu hören. Die Deutschen legten jetzt einen scharf formulierten Protest vor, und am 29. Januar konnte Botschafter Bergen berichten, der päpstliche Staatssekretär habe die sofortige Einstellung all dieser Sendungen angeordnet.
Als Hitler am 10. Mai in Holland, Luxemburg und Belgien einfiel, gab Pips XII. für einen kurzen Augenblick die bisher so streng eingehaltene Neutralität auf. Seine Sympathie-Telegramme an die Herrscher der drei Länder, deren Neutralität verletzt worden war, nannten die Schuldigen nicht beim Namen, aber die Bezugnahme auf Menschen, die den Grausamkeiten des Krieges "gegen ihren Willen und ihr Recht ausgesetzt seien, war unverhohlen gegen den Angreifer, also Deutschland, gerichtet.
Als der Duce sich besorgt über diese Telegramme äußerte, verteidigte der Papst sein Verhalten als oberhirtliche Sorge und betonte, er habe absichtlich ein politisches Wort wie "Invasion" vermieden.
Auch Botschafter Bergen erfuhr, daß der Papst den deutschen Angriff nicht verurteilen wollte. Aber diese Erklärungen wären offensichtlich diplomatische Gesten, und das Verhalten des Papstes zog scharfe Kritik der verärgerten deutschen Regierung und gewisser NS-freundlicher Katholiken nach sich.
In einer Botschaft an die Fuldaer Bischofskonferenz vom August 1940 verteidigte Papst Pius die drei Telegramme:
Ein deutscher Staatsmann habe 1914 die Invasion Deutschlands in Belgien als einen außerhalb des internationalen Rechts liegenden Akt bezeichnen dürfen, ohne daß man seinen Patriotismus in Frage gestellt habe. Warum könne dann der Vater der Christenheit nicht den Nationen, die zum Heiligen Stuhl diplomatische Beziehungen unterhielten, bei einer Befremden auslösenden Wiederholung eines solchen Aktes seine Sympathie bekunden?
Die einzigen Gründe für seine Erklärung, schrieb Pius, seien moralische Erwägungen; es handle sich nicht um eine unfreundliche politische Geste, die gegen das deutsche Volk gerichtet sei. Nur wer die oftmals wiederholten Versicherungen der deutschen Regierung anzweifele, nach Kriegsende Gerechtigkeit walten zu lassen, könne die Hoffnung des Papstes auf Wiederherstellung der Unabhängigkeit dieser drei Länder als deutschfeindlich ansehen.
Der Papst betonte seine absolute Neutralität, fügte aber hinzu, daß eine Unparteilichkeit nicht mit Schweigen angesichts von Ungerechtigkeit gleichgesetzt werden dürfe. Es befremde ihn, daß die Wochenzeitschrift "Der neue Wille" und ein "Lehrer der heiligen
Wissenschaft" seine moralische Besorgnis falsch gedeutet hätten*.
Den tadelnden Bemerkungen des Papstes über die Zeitschrift "Der neue Wille", einem katholischen, nazifreundlichen Blatt, das von Bischof Rarkowski empfohlen wurde, folgte schon bald eine deutschsprachige Sendung von Radio Vatikan, in der Militärbischof Rarkowski unmißverständlich kritisiert wurde.
Radio Vatikan kommentierte Rarkowskis Hirtenbrief zum ersten Jahrestag des Kriegsausbruchs, in dem er behauptet hatte, Deutschland kämpfe einen gerechten Krieg.
In dieser Sendung hieß es: "Der deutsche Episkopat hat es bisher vermieden, über seine seelsorgliche Pflicht den Gläubigen gegenüber hinaus zu diesem Kriege Stellung zu nehmen, und wenn der Armeebischof gelesen und gehört hat, was das Oberhaupt seiner Kirche über das an Polen begangene Unrecht wiederholt und unzweideutig gesagt hat, muß er sich der Diskrepanz zwischen seiner Behauptung und der Stellungnahme des Heiligen Stuhls bewußt sein.
"Weiteste Kreise des katholischen Volkes teilen ebenfalls durchaus nicht die politische und historische Ansicht des Armeebischofs, sondern sind leider der Überzeugung, daß dieser Hitlerkrieg durchaus kein gerechter Krieg ist, und daß darum der Segen Gottes nicht auf ihm ruhen kann."
Das Auswärtige Amt ordnete einen scharfen Protest gegen diese Sendung an, aber Bischof Rarkowski hat wahrscheinlich nie etwas davon oder überhaupt nichts von einer Kritik an seinen Hirtenworten durch den Heiligen Stuhl gehört.
Die italienische Opposition gegen die Politik der Redaktion des "Osservatore Romano" nahm nach der Veröffentlichung der drei Telegramme von Papst Pius an die Oberhäupter von Holland, Belgien und Luxemburg zu.
Nachdem Italien als Deutschlands Verbündeter in den Krieg eingetreten war, verlangte die italienische Regierung, daß die Zeitung nur das militärische Kommunique der Achsenmächte drucke; sonst, so drohte die Regierung, werde man den Verkauf der Zeitung in Italien verbieten.
Die Redaktion des "Osservatore Romano" beschloß daraufhin, überhaupt keine militärischen Berichte zu veröffentlichen und setzte ihre Leser am 14. Juni von diesem Beschluß in Kenntnis. Von nun an verhielt sich die halboffizielle Zeitung des Vatikans streng neutral.
Die Kritik an der Neutralität des Papstes wurde zusehends stärker, besonders in der englischsprechenden Welt, denn immer mehr Informationen über die brutale Behandlung der polnischen Kirche und über die harte Besatzungspolitik der Nationalsozialisten sickerten durch.
Eine englischsprachige Sendung von Radio Vatikan verteidigte im September 1940 das "Schweigen des Papstes". Das Oberhaupt der Kirche sei der Vater von vierhundert Millionen Katholiken, und "je weniger er sich einseitig festlegt, desto tiefer werden Achtung und Verehrung sein, die man ihm entgegenbringt".
In der Sendung wurde zugegeben, daß niemand in moralischen Fragen neutral bleiben könne, aber in vielen Fällen sei noch nicht ersichtlich, was gerecht und was ungerecht sei. Radio Vatikan gab sehr deutlich zu verstehen, daß weder auf der einen noch auf der anderen Seite eindeutig von einem gerechten Krieg gesprochen werden könne.
Der unsichere, neutrale Kurs des Heiligen Stuhls forderte auch weiterhin Kritik in Deutschland heraus. Rosenbergs Propagandamaschine hörte nicht auf, den Papst zu beschuldigen, er stehe auf seiten der westlichen Verbündeten.
Im Februar 1941 teilte Kardinal Bertram den deutschen Bischöfen mit, diese Anschuldigung treffe nicht zu, der Heilige Vater sei völlig unparteiisch. Noch im selben Monat versicherte Pius XII. Bischof Galen, seine Liebe erstrecke sich auf alle Kinder der Kirche, ganz gleich, zu welchem Land oder Volk sie gehörten, ganz gleich, auf welcher Seite der feindlichen Fronten sie stünden.
Der Heilige Stuhl blieb auch neutral, als Deutschland im Juni 1941 die Sowjet-Union angriff und gar die deutschen Bischöfe zu einem Kreuzzug gegen den Bolschewismus aufriefen. Aber der Vatikan war vermutlich gar nicht so unglücklich über diese neue Aggression.
Botschafter Bergen erfuhr kurz nach der deutschen Invasion in Rußland von einem Gewährsmann, daß nach Ansicht des Vatikans die westlichen Demokratien jetzt, da das atheistische Rußland sich auf ihre Seite gestellt habe, kaum noch von einem Kreuzzug für das Christentum sprechen könnten. Darum begrüße der Vatikan die neue Wendung der Dinge, schrieb Bergen; man erwarte im Vatikan auch, daß Rußland durch die Kriegshandlungen in seiner Macht geschwächt würde.
Als Hitlers Vormarsch in Rußland ins Stocken geriet, wuchs die Befürchtung des Vatikans, der Bolschewismus könne sich auf Mittel- und Westeuropa ausdehnen.
Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte der prominente Exil-Katholik Waldemar Gurian geschrieben: "Man kann mit Sicherheit sagen, daß der Vatikan alles zu vermeiden wünscht, was wie eine Mitarbeit an der antifaschistischen Front aussieht. Ein anderer, nicht unwichtiger Faktor ist der Entschluß, den atheistischen Bolschewismus nicht indirekt zu unterstützen, indem man aktiv gegen Hitler vorgeht."
Als die sowjetischen Armeen westwärts marschierten, wurden die alten Befürchtungen wieder lebendig; darum vermied der Heilige Stuhl mit großer Vorsicht, irgend etwas zu tun oder auszusprechen, was die deutschen Kriegsanstrengungen schwächen konnte.
Im Januar 1943 schrieb Papst Pius einen ermutigenden Brief an die deutschen Katholiken; darin betonte er: "Für alle ohne Ausnahme erstreben wir einen wahren und dauerhaften Frieden, der alle Lebensbedingungen sicherstellt."
In einem Begleitbrief an Kardinal Bertram überließ es der päpstliche Staatssekretär dem deutschen Episkopat, darüber zu entscheiden, ob und wann er den Brief des Papstes veröffentlichen wolle. Man solle alles vermeiden, schrieb Maglione nachdrücklich, was den Eindruck erwecken könne, daß der Papst Deutschland schaden wolle.
Der neue Botschafter beim Vatikan, Ernst von Weizsäcker, berichtete im September 1943, Maglione sei der Ansicht, "das Schicksal Europas hänge von dem siegreichen Widerstand Deutschlands an der russischen Front ab". Wenn die deutschen Armeen dort zusammenbrächen, würde das einzig mögliche Bollwerk gegen den Bolschewismus fallen, und die europäische Zivilisation wäre verloren.
Der Wunsch des Heiligen Stuhls, die deutsche Widerstandskraft gegen Rußland nicht zu schwächen, war einer der wichtigsten Gründe dafür, daß die Alliierten trotz aller Bemühungen den Vatikan nicht dazu bewegen konnten, die deutschen Greueltaten, einschließlich der Ausrottung der Juden in Europa, öffentlich anzuprangern.
In der Zwischenzeit war immer mehr die Kritik laut geworden, daß der Papst nicht öffentlich gegen die nationalsozialistischen Greueltaten, besonders gegen den Judenmord in den polnischen Todesfabriken, protestiere.
Harold H. Tittmann, der Berater des persönlichen Vertreters von Roosevelt beim Heiligen Stuhl, Myron C. Taylor, wies im Juli- 1942 den Vatikan darauf hin, daß die Kurie mit ihrem Schweigen ihr "moralisches Prestige gefährde und das Vertrauen in die Kirche und den Heiligen Vater selbst untergrabe".
Im Auftrag des US-Außenministers Hull ersuchten Tittmann und einige andere diplomatische Vertreter beim Vatikan im September 1942 den Papst in aller Förmlichkeit, die "unglaublichen Schreckenstaten" der Nationalsozialisten zu verdammen.
Wenige Tage danach übermittelte Taylor dem päpstlichen Staatssekretär Luigi Maglione ein Memorandum der jüdischen Vertretung für Palästina; darin wurde über Massenhinrichtungen von Juden in Polen und dem besetzten Rußland berichtet und über Deportationen in Todeslager aus Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich und der Slowakei gesprochen.
Taylor fragte an, ob der Vatikan diese Berichte als zutreffend bestätigen könne; für den Fall, daß sie der Wahrheit entsprächen, fragte Taylor, "ob der Heilige Vater Vorschläge zu machen hat, wie die Macht der zivilisierten öffentlichen Meinung praktisch genutzt werden könne, um eine Fortsetzung dieser Barbareien zu verhindern".
Am 10. Oktober beantwortete der Heilige Stuhl Taylors Note: Im Augenblick lasse sich noch nicht mit Sicherheit sagen, ob die Berichte über die harten Maßnahmen gegen die Juden der Wahrheit entsprächen. "Es ist bekannt, daß der Heilige Stuhl jede Gelegenheit wahrnimmt, um das Schicksal der Nicht-Arier zu lindern."
In Gesprächen mit hohen Beamten der Kurie erfuhr Tittmann, daß es drei Gründe gebe, warum der Papst schweige. Der Heilige Stuhl wolle in dem weltweiten Konflikt streng neutral bleiben; es sei wichtig, daß die päpstlichen Erklärungen die Zeit überdauerten, und er befürchte, durch einen offenen Protest die Lage der Katholiken in den nationalsozialistisch besetzten Ländern noch zu verschlimmern.
Tittmann erfuhr auch, daß der Papst zögere, die deutschen Greueltaten zu verurteilen, weil er sich später nicht von den Deutschen vorwerfen lassen wolle, die Katholische Kirche sei schuldig an einer eventuellen Niederlage Deutschlands.
Nachdem die westlichen Alliierten im Dezember 1942 heftig gegen die kaltblütige Ermordung der Juden protestiert hatten, fragte Tittmann erneut beim päpstlichen Staatssekretär an, ob der Heilige Stuhl nicht eine ähnliche Erklärung abgeben könne.
Maglione erwiderte, der Heilige Stuhl müsse neutral bleiben und könne daher nicht gegen Greueltaten im einzelnen protestieren, er beschränke sich deshalb darauf, unsittliche Taten im allgemeinen zu verdammen.
Zwei Tage später richtete Papst Plus im Verlauf einer langen Weihnachtsbotschaft, die von Radio Vatikan gesendet wurde, einen seiner vielen Appelle an die Welt, sich bei ihren Feindseligkeiten menschlicher zu verhalten. Die Menschheit müsse sich entschließen, eine bessere Welt aufzubauen für "die Hunderttausende, die, persönlich schuldlos, bisweilen nur um ihrer Nationalität oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind".
Als der Papst im Juni 1943 zum Kardinalskollegium sprach, erwähnte er seine zweifache Pflicht: neutral zu sein und auf moralische Irrtümer hinzuweisen. Er habe seine besondere Aufmerksamkeit auf diejenigen gerichtet, die ohne persönliche Schuld immer noch wegen ihrer Nationalität oder Herkunft verfolgt würden und der Vernichtung ausgesetzt seien.
Viel sei für die Unglücklichen getan worden, worüber man heute noch nicht sprechen könne. Jede öffentliche Kundgebung müsse sorgfältig abgewogen werden, "im Interesse der Leidenden selber, um nicht ungewollt ihre Lage noch schwerer und unerträglicher zu gestalten".
Leider hätten, sagte Pius XII., die Bitten der Kirche für Mitgefühl und Beachtung der elementarsten Gesetze der Menschlichkeit Türen gefunden, "die kein Schlüssel zu öffnen vermochte".
Was die Kirche vor dem Juni 1943 wirklich getan hat, ist bis heute nicht bekannt. Wir wissen, daß Nuntius Orsenigo in Berlin sich mehrmals nach den Massenerschießungen und nach dem Schicksal der deportierten Juden erkundigt hat.
Ernst Woermann, Leiter der Politischen Abteilung im deutschen Auswärtigen Amt, schrieb am 15. Oktober 1942 in einer Aktennotiz, der Nuntius sei mit "einiger Verlegenheit und ohne Nachdruck" vorstellig geworden.
Staatssekretär Weizsäcker sagte bei einer anderen Gelegenheit zu Monsignore Orsenigo, der Vatikan habe sich bisher in diesen Dingen "sehr klug" verhalten; er hoffe, daß dies so bleibe.
Der Nuntius verstand die Anspielung und "wies darauf hin, daß er dieses Thema nicht eigentlich angeschnitten habe und dies auch in Zukunft nicht zu tun gedenke".
Als Himmler während seines Rom-Besuches im Oktober 1942 von dem italienischen Außenminister Graf Ciano empfangen wurde, lobte er die "Diskretion" des Vatikans.
Es gab noch andere diplomatische Aktionen. Im Frühjahr 1942 wurden in der Slowakei 52 000 Juden deportiert. Im Sommer dieses Jahres gab der Vatikan der deutschfreundlichen Regierung des katholischen Priesters Dr. Josef Tiso zu verstehen, daß die Juden nicht zur Zwangsarbeit deportiert worden seien, sondern zur Vernichtung.
Eichmann befahl seinem Abgesandten, keine weiteren Juden zu deportieren, weil er angewiesen worden war, "politische Komplikationen" zu vermeiden. Danach ließ man die slowakischen Juden bis zum September 1944 relativ unbelästigt.
Doch die katholische Slowakei war ein Sonderfall. Im ganzen muß man dem Papst recht geben, der in seiner Ansprache beklagte, daß es dem Heiligen Stuhl nicht gelungen sei, Türen zu öffnen, um das Schicksal der unglücklichen Opfer möglicherweise zu erleichtern. Hat aber der Heilige Stuhl alle seine Schlüssel probiert?
Die Neutralitätspolitik des Papstes wurde entscheidend auf die Probe gestellt, als im Herbst 1943 die Nationalsozialisten die 8000 Juden in Rom bedrängten.
Zuvor jedoch hatten die Nationalsozialisten der jüdischen Gemeinde Roms mitgeteilt, man werde 300 Geiseln festnehmen, wenn die Gemeinde nicht binnen 36 Stunden 50 Kilogramm Gold (das sind etwa 225 000 Mark) aufbringe.
Es stellte sich heraus, daß die Juden nur 35 Kilogramm zusammenbringen konnten; daraufhin erbat der Oberrabbiner, Israel Zolli, bei der Schatzkammer des Vatikans den Rest der Summe als Anleihe und erhielt sie auch. Das geschah mit Billigung des Papstes.
Jeder aber fragte sich: Wie wird wohl der Papst auf die Deportation der Juden aus der Ewigen Stadt reagieren?
In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1943 trieb man Juden zusammen. Noch während dieser Aktion wurde dem deutschen Stadtkommandanten von Rom, General Stahel, ein Brief überbracht, der von Bischof Hudal, dem Rektor der deutschen Katholischen Kirche in Rom, unterzeichnet war.
Darin hieß es: "Eben berichtet mir eine hohe vatikanische Stelle aus der unmittelbaren Umgebung des Heiligen Vaters, daß heute morgen die Verhaftungen von Juden italienischer Staatsangehörigkeit begonnen haben.
"Im Interesse des guten bisherigen Einvernehmens zwischen Vatikan und dem hohen deutschen Militärkommando, das in erster Linie dem politischen Weitblick und der Großherzigkeit Eurer Exzellenz zu verdanken ist und einmal in die Geschichte Roms eingehen wird, bitte ich vielmals, eine Order zu geben, daß in Rom und Umgebung diese Verhaftungen sofort eingestellt werden; ich fürchte, daß der Papst sonst öffentlich dagegen Stellung nehmen wird, was der deutschfeindlichen Propaganda als Waffe gegen uns Deutsche dienen muß."
Am Tag darauf berichtete der neue deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl, Ernst von Weizsäcker, nach Berlin, der Vatikan sei beunruhigt, besonders weil sich die Deportation sozusagen unter seinem Fenster abgespielt habe:
"Uns feindlich gesinnte Kreise in Rom machen sich den Vorgang zu Nutzen, um den Vatikan aus seiner Reserve heraus, zudrängen. Man sagt, die Bischöfe in französischen Städten, wo ähnliches vorkam, hätten deutlich Stellung bezogen. Hinter diesen könne der Papst als Oberhaupt der Kirche und als Bischof von Rom nicht zurückbleiben."
Im Gegensatz zu Hudals und Weizsäckers Befürchtungen aber schwieg der Mann im Vatikanpalast. Am 18. Oktober wurden über 1000 römische Juden
- mehr als zwei Drittel waren Frauen und Kinder - in das Todeslager Auschwitz transportiert. Davon blieben 14 Männer und eine Frau am Leben.
Ungefähr 7000 römische Juden - also sieben von acht Juden - konnten den Häschern entkommen, weil sie sich versteckten. Über 4000 fanden mit Wissen und Einverständnis des Papstes Zuflucht in zahlreichen Klöstern und Häusern der religiösen Orden in Rom, und einige Dutzend wurden im Vatikan verborgen. Die übrigen wurden von ihren italienischen Nachbarn versteckt, bei denen die antijüdische Politik der Faschisten nie populär gewesen war.
Die Deutschen fühlten sich sichtlich erleichtert, daß es ihnen gelungen war, einen öffentlichen Protest des Papstes zu verhüten - daß einige Tausend Juden dem Vernichtungsapparat entgangen waren, spielte dabei eine geringere Rolle.
Am 28. Oktober konnte Botschafter Weizsäcker berichten: "Der Papst hat sich, obwohl dem Vernehmen nach von verschiedenen Seiten bestürmt, zu keiner demonstrativen Äußerung gegen den Abtransport der Juden aus Rom hinreißen lassen.
"Obgleich er damit rechnen muß, daß ihm diese Haltung von seiten unserer Gegner nachgetragen und von den protestantischen. Kreisen in den angelsächsischen Ländern zu propagandistischen Zwecken gegen den Katholizismus ausgewertet wird, hat er auch in dieser heiklen Frage alles getan, um das Verhältnis zu der Deutschen Regierung und den in Rom befindlichen deutschen Stellen nicht zu belasten."
Als am 1. Dezember 1943 ein italienisches Gesetz die Internierung aller Juden in Konzentrationslagern und Beschlagnahme ihres Eigentums vorsah, kritisierte der "Osservatore Romano" diese Maßnahmen als zu scharf.
Aber Weizsäcker beruhigte Berlin: "Kommentare tragen keinen offiziösen
Charakter. Sie sind durch Vatikansender nicht verbreitet worden." In den folgenden Monaten fanden regelmäßig Durchsuchungen nach Juden statt. Der Papst übte weiterhin Nächstenliebe und schwieg.
Man kritisiert Plus XII., weil er es versäumt habe, gegen den Massenmord an den Juden Europas, einschließlich der Juden seiner eigenen Diözese Rom, zu protestieren.
Oft wurde die Ansicht vertreten, wie Hochhuth es in jüngster Vergangenheit getan hat, daß der Papst viele Menschenleben hätte retten, ja sogar den Vernichtungsapparat stoppen können, wenn er öffentlich Stellung bezogen und mit dem Interdikt oder der Exkommunikation Hitlers, Goebbels' und anderer führender katholischer Nationalsozialisten gedroht hätte.
Was öffentliche Proteste bewirken können, hat sich bei dem entschlossenen Widerstand des deutschen Episkopats gegen das Euthanasieprogramm gezeigt.
In zahlreichen Fällen, besonders in der Slowakei, Ungarn und Rumänien, gelang es der beharrlichen Intervention der päpstlichen Nuntien, den Deportationen, wenn auch nur vorübergehend, Einhalt zu gebieten, weil sie den Quisling-Regierungen androhten, der Papst würde diese Maßnahmen öffentlich verurteilen.
Es wird vielfach der Standpunkt vertreten, Plus XII. hätte die Massenmorde öffentlich verurteilen müssen. Wenn eine solche Verurteilung über Radio Vatikan und von den Bischöfen von den Kanzeln verlesen worden wäre, hätte sie eine breite Öffentlichkeit erreicht; auf diese Weise hätten Juden wie Christen zumindest erfahren, was es mit der Deportation in den Osten auf sich hatte.
Es ist natürlich unmöglich, die Richtigkeit dieser Vermutungen nachzuweisen. Ob eine Exkommunikation Hitlers den Führer von der Ausführung seines Plans, die Juden zu vernichten, abgehalten hätte, ist sehr zweifelhaft. Eine Aufkündigung des Konkordats durch den Heiligen Stuhl würde Hitler noch viel weniger gestört haben.
Wäre es aber zu einem flammenden Protest gegen den Judenmord gekommen und hätte man gleichzeitig über ganz Deutschland das Interdikt verhängt oder alle Katholiken exkommuniziert, die irgendwie mit dem Vernichtungsapparat der Endlösung zu tun hatten, dann hätte man eine abschreckendere und wirksamere Waffe in der Hand gehabt. Auf diese Weise wären ganz sicher viele gewarnt worden, die sich täuschen ließen, wenn die Deutschen ihnen versprachen, sie gut zu behandeln.
In jedem Fall aber hätte der Papst die Treue der deutschen Katholiken auf die Probe stellen müssen. Der deutschen Bevölkerung war das Schicksal der Juden ziemlich gleichgültig, und die Haltung der deutschen Hierarchie zum Antisemitismus der Nationalsozialisten hatte sich als sehr ambivalent erwiesen; hätte der Papst zur Judenfrage eindeutig und fest Stellung genommen, so wären möglicherweise viele deutsche Katholiken der Kirche untreu geworden.
Als Dr. Edoardo Senatra, Korrespondent italienischer Zeitungen in Berlin, Pius XII. fragte, ob er beabsichtige, gegen die Judenvernichtung zu protestieren, soll der Papst ihm geantwortet haben: "Lieber Freund, vergessen Sie nicht, daß in den deutschen Heeren Millionen Katholiken sind. Soll ich sie in Gewissenskonflikte bringen?"
Der Papst wußte, daß die deutschen Katholiken nicht bereit waren, Märtyrer für die Kirche zu werden; noch weniger waren sie allerdings bereit, sich den Zorn ihrer nationalsozialistischen Obrigkeit wegen der Juden zuzuziehen, die nach der jahrelang geäußerten Auffassung der katholischen Bischöfe einen schädlichen Einfluß im deutschen Leben darstellten.
Der Historiker Poliakov hat recht, wenn er sagt, daß letztlich "das Schweigen des Papstes nur die tiefwurzelnden Gefühle der katholischen Masse von Europa widerspiegelte" - besonders der Katholiken Deutschlands und Osteuropas. Weil der Papst versagte, versagte die Kirche, denn sie brachte es nicht fertig, ihr Evangelium der brüderlichen Liebe und der Menschenwürde in lebendige Wirklichkeit umzusetzen.
Einige Autoren sind der Auffassung, daß ein öffentlicher Protest des Papstes für die Juden nicht nur erfolglos geblieben wäre, sondern sogar zusätzlichen Schaden angerichtet hätte - für die Juden, die "Mischlinge", die Kirche, die Unantastbarkeit des vatikanischen Territoriums und die Katholiken im ganzen von den Nationalsozialisten besetzten Europa.
Man ist versucht, diese Argumente mit der Frage zu widerlegen, ob das Schicksal der Juden noch schlimmer hätte werden können, als es schon war.
Da eine Verschlechterung der Lage für die Juden durch einen päpstlichen Protest kaum denkbar gewesen wäre, sondern höchstens eine Verbesserung, könnte man weiter fragen, warum die Kirche das Wohl und die Sicherheit der Katholiken und des Vatikans nicht aufs Spiel gesetzt hat. Warum versuchte sie nicht wenigstens, den Juden zu helfen?
Die katholischen Bischöfe von Holland wagten diesen Einsatz. Im Juli 1942 protestierten sie zusammen mit der Reformierten Kirche in einem Telegramm an den deutschen Reichskommissar gegen die Deportationen holländischer Juden und drohten, ihren Protest an die Öffentlichkeit zu bringen, wenn den Deportationen nicht Einhalt geboten werde.
Die Deutschen antworteten mit dem Angebot, Nicht-Arier, die vor 1941 zum Christentum übergetreten waren, von der Deportation auszunehmen, wenn die Kirche schweigen würde. Die Reformierte Kirche Hollands ließ sich auf den Handel ein, aber der katholische Erzbischof von Utrecht lehnte ab und gab einen Hirtenbrief heraus, in dem er das den Juden zugefügte Unrecht verurteilte.
Die Deutschen rächten sich, indem sie alle auffindbaren katholischen Nicht-Arier verhafteten und deportierten, darunter auch die schon erwähnte Philosophin Edith Stein.
Wenn man also die Ansicht teilt, daß der Papst nicht in der Lage war, die Masse der Gläubigen zu einem entscheidenden Kampf gegen die Nationalsozialisten aufzurütteln, dann kann man die Behauptung nicht ohne weiteres von der Hand weisen, daß ein öffentlicher Protest vielleicht einiges verbessert, aber auch manches verschlechtert hätte, wenn nicht für die Juden, so doch wenigstens für die "Mischlinge" und die Katholiken.
Das Schweigen des Papstes hatte andere, vielleicht wichtigere Gründe. Wie Tittmann durch hohe Beamte der Kurie erfuhr, wollte der Heilige Stuhl seine Neutralität durch eine Verurteilung der deutschen Greueltaten nicht gefährden.
Der Vatikan wollte seinen guten Ruf erhalten, bei den Deutschen wie bei den westlichen Alliierten, und der Papst war nicht bereit, sich später vielleicht nachsagen zu lassen, er habe Partei ergriffen und zur deutschen Niederlage beigetragen.
Außerdem wollte der Vatikan Deutschlands Kampf gegen Rußland nicht untergraben und schwächen.
Im Spätsommer 1943 äußerte der päpstliche Staatssekretär Luigi Maglione, das Schicksal Europas hänge von einem siegreichen Widerstand Deutschlands an der Ostfront ab, und Pater Leiber, Privatsekretär von Pius XII., erinnerte daran, daß der verstorbene Papst den russischen Bolschewismus immer für gefährlicher gehalten hat als den deutschen Nationalsozialismus.
Schließlich ist man geneigt, den Schluß zu ziehen, daß der Papst und seine Berater - unter dem Einfluß der langen Tradition des gemäßigten Antisemitismus, der in Vatikan-Kreisen weitgehend akzeptiert wurde - die schlimme Lage der Juden nicht als wirklich dringend und moralisch empörend ansahen.
Diese Behauptung ist nicht nachweisbar, aber man kann sich der Schlußfolgerung nur schwer entziehen. Pius XII. unterbrach seine streng neutrale Politik im Zweiten Weltkrieg, um seiner Besorgnis Ausdruck zu verleihen, als Deutschland im Mai 1940 die Neutralität Hollands, Belgiens und Luxemburgs verletzte.
Weil einige deutsche Katholiken ihn wegen dieser Handlungsweise kritisierten, schrieb der Papst den deutschen Bischöfen, daß Neutralität nicht gleichbedeutend sei "mit Unempfindsamkeit und Schweigen, wo sittliche und menschliche Erwägungen ein offenes Wort bedingten". Bedingte nicht der Mord an einigen Millionen Juden ein ähnlich "offenes Wort"?
Die Diskussion darüber, ob eine päpstliche Verurteilung den Juden genützt oder geschadet hätte, läßt die eine Frage unberührt, die vielleicht die wichtigste ist. Sie betrifft die moralische Integrität der Kirche, die Vorstellung von der Kirche als Hüterin des Sittengesetzes.
Diese Frage richtet sich an den Papst, den Bischof von Rom und das Haupt der Kirche, wie auch an alle anderen Bischöfe, die zur moralischen Führung ihrer Gläubigen berufen sind.
In seiner ersten Enzyklika an die Welt vom Oktober 1939 umschrieb Pius XII. seine Pflichten als Stellvertreter Christi mit diesen Worten: "Wir sind Stellvertreter desjenigen, der in entscheidender Stunde vor dem Vertreter der höchsten irdischen Macht von damals das große Wort sprach: 'Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme' (Joh. 18, 37).
"Als solcher erachten Wir es gerade auch in unsern Tagen als besondere Pflicht Unseres Amtes, mit apostolischem Freimut der Wahrheit Zeugnis zu geben. Diese Pflicht umfaßt notwendig die Darlegung und Widerlegung der menschlichen Irrtümer und Fehlungen, die erkannt werden müssen, wenn sie behandelt und geheilt werden sollen: ,Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen' (Joh. 8, 32).
"In der Erfüllung dieser Unserer Sendung werden Wir Uns von irdischen Rücksichten nicht beeinflussen lassen; weder Mißtrauen und Widerspruch, Ablehnung und Unverständnis, noch die Furcht, mißverstanden oder falsch ausgelegt zu werden, kann Uns davon abhalten."
Auch die deutschen Bischöfe bekannten sich immer wieder zu ihrer Pflicht, das Wort Gottes mutig zu predigen und die Ungerechtigkeit furchtlos zu verdammen.
"Der Bischof", predigte Kardinal Faulhaber 1936, "wäre nicht mehr Diener Christi, wenn er Menschen zu Gefallen reden oder aus Menschenfurcht schweigen würde."
Bischof Galen erklärte in einer Predigt im Juli 1941: "Ich bin mir bewußt, daß ich als Bischof, als Verkünder und Verteidiger der von Gott gewollten Rechts- und Sittenordnung, die jedem einzelnen ursprüngliche Rechte und Freiheiten zuspricht, vor denen nach Gottes Willen alle menschlichen Ansprüche haltmachen müssen, berufen bin... die Autorität des Rechts mutig zu vertreten und eine verteidigungslose Verdammung Unschuldiger als himmelschreiendes Unrecht zu verurteilen."
Aber diese edlen Gefühle blieben leere Worte angesichts der jüdischen Tragödie.
Es gab Katholiken, die das Versagen ihrer Kirche erkannten. Unter dem Eindruck der deutschen Greueltaten in Polen und der Unterwerfung Frankreichs im Juni 1940 schrieb Kardinal
Tisserant, ein hoher Beamter der Vatikan-Bibliothek, an Kardinal Suhard, Erzbischof von Paris:
"Ich fürchte, die Geschichte wird dem Heiligen Stuhl vorzuwerfen haben, er habe eine Politik der Bequemlichkeit für sich selbst verfolgt, und nicht viel mehr. Das ist äußerst traurig, vor allem, wenn man unter Pius XI. gelebt hat. Und jedermann verläßt sich darauf, daß, nachdem Rom zur Offenen Stadt erklärt ist, an der Kurie niemand etwas zu leiden haben wird; das ist eine Schande." IM NÄCHSTEN HEFT:
Widerstand gegen Hitler für Katholiken ein Kirchenvergehen - Die Gestapo fälscht eine Predigt Bischof Galens - Gauleiter Wagner weicht vor katholischen Demonstranten zurück - Kardinal Foulhaber verurteilt den 20. Juli 1944
Copyright: Verlag R. Piper & Co, München.
* Gemeint war der Tübinger Theologe Karl
Adam, der die Kirche beschuldigt hatte, der rechten Kriegsbegeisterung zu entraten.
Deportation italienischer Juden (1943): "Soll ich Millionen Katholiken im deutschen Heer...
Papst Pius XII. (1943)
...in Gewissenskonflikte bringen?"
Münchner Bürgerbräukeller, Trümmer*
"Wunderbare Rettung des Führers"
Deutscher Feldgottesdienst: Wessen Gebet...
... sollte Gott erhören?: Amerikanischer Feldgottesdienst
Geflohener Kardinal Hlond
Die Wahrheit über Polen...
Kardinalstaatssekretär Maglione
... verstummte im Vatikan
Deutscher Einfall in Holland (1940): Für Katholiken päpstlicher Trost
Deutscher Einfall in Rußland (1941): Für Bolschewisten päpstlicher Zorn
US-Sendbote Taylor, Pius XII. (1939): Bannfluch gegen Hitler?
Slowakischer Staatschef Tiso, Gastgeber: Ein Nuntius stoppte den Judentod
Gastgeber Mussolini, Gast Himmler in Rom* (1942): Befehle zur Judenvernichtung...
... unter den Fenstern des Papstes: Deutsche Soldaten in Rom (1943)
* Nach dem Attentat auf Hitler am 8. November 1939.
* Neben Himmler: Heydrich, Daluege, Wolff.
Von Lewy, Guenter

DER SPIEGEL 14/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.