31.03.1965

DIE LETZTE CHANCE: PAPSTREISE NACH BERLIN

Der päpstliche Nuntiaturrat Alberto Giovannetti ist der einzige Historiker, der bisher von der Kurie die Erlaubnis erhielt, die diplomatischen Geheimakten des Vatikans einzusehen. Mit solcher einzigartigen Aktenkenntnis schrieb Giovannetti das Buch "Der Vatikan und der. Krieg', in dem er die vatikanische Außenpolitik vor und noch Kriegsausbruch beschreibt und auch über die Friedensvermittlurig des Papstes Pius XII. im August 1939 Auskunft gibt**.
Am 24. August 1939 berichtete der Berliner Nuntius Orsenigo, daß der Reichskanzler Hitler dem englischen Botschafter Henderson gesagt habe, er sei entschlossen, militärische Maßnahmen gegen Polen zu ergreifen, und zwar wegen der unmenschlichen Behandlung der deutschen Minderheiten seitens der Polen.
Der Nuntius sagte, weil ja die gleiche Anklage auch von den Polen bezüglich ihrer Minderheiten in Deutschland erhoben worden sei, habe ein Diplomat die Meinung ausgesprochen und die Hoffnung geäußert, daß der Heilige Vater noch einmal einen Friedensschritt versuchen könne, indem er beide Teile zu einem "Burgfrieden" in der Frage der jeweiligen Minderheiten einlade.
Am 25. August ließ man den Nuntius in Berlin wissen, daß der Papst geneigt sei, diesen Schritt zu unternehmen, daß er aber vorher zu wissen wünsche, ob ein Schritt zugunsten eines "Burgfriedens in der Minderheitenfrage" von Deutschland günstig aufgenommen werden würde.
Am 26. August teilte Monsignore Orsenigo mit, daß es ihm nicht möglich gewesen sei, über die Absichten der Reichsregierung Genaueres zu erfahren. Indes halte er dafür, daß sie auf einen ähnlichen Schritt mit dem Verlangen antworten würde, man möge Verhandlungen einleiten.
In einem solchen Falle hätte der Heilige Stuhl diese Bitte nach Warschau übermitteln und sie dort empfehlen können, oder Polen hätte auf Einladung des Heiligen Stuhles sich bereit erklären können, Mißhandlungen zu unterlassen, sofern auch Deutschland eine gleiche Verpflichtung auf sich nähme.
Dieser letzte Vorschlag wurde am gleichen Tage auf Weisung des Papstes dem Nuntius in Warschau telegraphisch übermittelt.
Neben den Bemühungen, einen Ausgleich in der Minderheitenfrage zu schaffen, zielten in jenen Tagen andere Schritte des Heiligen Stuhles darauf ab, direkte Verhandlungen zwischen Deutschland und Polen zu fördern.
So verfehlte man zum Beispiel nicht, dem Berliner Nuntius am 29. August zum eventuellen Gebrauch nach seinem Ermessen den von einem fremden Diplomaten gemachten Vorschlag zur Kenntnis zu bringen, -man -möge aus dem Korridor und den anliegenden Gebieten einen unabhängigen Staat, etwa nach der Art der Fürstentümer Monaco und Liechtenstein, machen, garantiert oder verwaltet von nichtinteressierten Mächten, und zwar so, daß für alle Nationalitäten volle- Rechte wie auch volle Freiheit für den Handelsverkehr gesichert würden.
Früher schon hatte man dem Nuntius in Warschau mitgeteilt, daß es nach Ansicht einiger diplomatischer Kreise noch Möglichkeiten gebe, falls Polen geneigt sei, eine gewisse Genugtuung für Danzig zu bieten, und daß es, immer nach Ansicht dieser Kreise, dann nicht unmöglich sei, zu einem Einverständnis zu kommen.
Am 28. August wurde Pater Tacchi-Venturi beauftragt, sich zu Mussolini zu begeben und ihn im Namen des Heiligen Vaters zu bitten, seine Anstrengungen angesichts der sich verschärfenden Gefahr verstärken zu wollen.
Der italienische Regierungschef zeigte sich der dem Jesuiten anvertrauten Mission gegenüber sehr geneigt. Er sagte wiederholt, es sei notwendig, für den Frieden zu arbeiten, denn - so drückte er sich aus - ein Krieg könne wahrhaftig das Ende der Kultur sein.
Bezüglich der Art und Weise, auf die man das Unheil vermeiden könne, rief Mussolini zu einem persönlichen Schritt des Heiligen Vaters beim Präsidenten der polnischen Republik, Moscicki: Polen möge sich nicht der Rückkehr Danzigs in das Reich widersetzen und direkten Verhandlungen mit Deutschland über die schwebenden Fragen - Korridor und Minderheiten - zustimmen.
Ein solcher Schritt war nicht frei von Unzuträglichkeiten für den Heiligen Stuhl. Der Schritt wäre ja. gewiß öffentlich bekannt geworden, und der Heilige Stuhl würde in diesen Augenblicken höchster Erregung den Anschein erweckt haben, als ob er das Spiel Hitlers spiele.
Alle diese Erwägungen wurden im Vatikan mit größter Sorgfalt angestellt, als man den Vorschlag Mussolinis untersuchte. Am Ende entschied Plus XII., man könne nicht davon absehen, ihn dem Präsidenten der polnischen Republik durch Vermittlung des Warschauer Nuntius bekanntzugeben.
Der Heilige Stuhl machte sich nicht den Vorschlag selbst zu eigen; er wollte nur, daß die polnische Regierung aus zuverlässiger Quelle wisse, solche Vorschläge seien gemacht worden. Es geschah dies alles am 30. August.
Am 31. August ließ der Nuntius wissen, der Präsident der Republik habe nicht die eigentliche Leitung der Staatsgeschäfte, und vielleicht sei es besser, eine Vermittlung vorzuschlagen.
Am selben Abend um 23 Uhr sprach der Nuntius über die Angelegenheit mit dem Unterstaatssekretär im Außenministerium, weil Minister Beck abr wesend war. Der Unterstaatssekretär nahm Kenntnis und versprach eine Antwort für den folgenden Tag.
Am folgenden Tag, am 1. September 1939, in der Frühe, drangen deutsche Truppen in-Polen ein.
Kam dem Papste in diesen Tagen auch der Gedanke, sich auf dem- Luftwege nach Berlin und nach Warschau zu begeben, um persönlich eine Beilegung der Zwistigkeiten zu versuchen? Stimmen im Vatikan behaupten es.
Tatsache ist, daß Pius XII. mit eigener Hand für den "Osservatore Romano" eine Notiz schrieb, in- der er eine von etlichen englischen Zeitungen verbreitete Nachricht nicht in Abrede stellte. Hier der Text der offiziellen Mitteilung, die vom Papst gewollt und ge' schrieben ist, und zwar- mit vielen Korrekturen, die seine innere Not verraten, und die im vatikanischen Organ am 15. September 1939 erschien:
"Wir sind in der Lage zu versichern, daß Seine Heiligkeit bis in die letzten Stunden, die den Feindseligkeiten vorausgingen, sich ununterbrochen bemüht hat, sie zu beschwören, und zwar nicht nur in der bereits allgemein bekannten Weise, sondern auch mit vertraulichen Schritten und solchen praktischer Art.
"Seine Heiligkeit hat alle Möglichkeiten erschöpft, die in irgendeiner Weise noch eine Hoffnung boten, den Frieden zu erhalten oder wenigstens eine unmittelbare Kriegsgefahr auszuschließen."
Es war ein vergebliches, wenn auch edelmütiges Bemühen. Der seit Jahren im Namen der Rasse, des Übermenschen, der Weltanschauung des Lebensraumes, der Parteimystik gepredigte Groll einerseits und ein unüberwindlicher, egoistischer Konservatismus auf seiten der Besitzer der Reichtümer der Erde andererseits, wie auch der nach dem ersten Weltkrieg aufgezwungene Friede trugen nunmehr ihre Früchte.
** Alberto Giovannetti: "Der Vatikan und der Krieg"; Verlag J. P. Bachem, Köln; 1961; 348 Seiten.
Nuntius Orsenigo, Begleiter* (1939)
Hitlers Spiel gespielt?
* Deutscher Protokollchef von Dörnberg.
Von Alberto Giovannetti

DER SPIEGEL 14/1965
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