31.03.1965

GEPÄCKERLEICHTERUNG MIT 70

Der Schriftsteller Siegfried Lenz, 39, ist durch Erzählungen ("So zärtlich war Suleyken"), Romane ("Stadtgespräch"), Hörspiele ("Das schönste Fest der Welt") und Theaterstücke ("Zelt der Schuldlosen") bekannt geworden. Er erhielt den Bremer Literaturpreis und den Gerhart-Hauptnann-Preis der Freien Volksbühne Berlin.
Partielle Blindheit gehört jedoch zum Plan.
Ernst Jünger (letztes Vorwort zu "Der Arbeiter", 1963).
Nun ist der "capitano" selbst an eine
Zeitmauer geraten; sein kosmischer Spähtrupp hat ein (vorläufiges) Ende gefunden; der alte Patrouillengänger gewährt sich selbst Gepäckerleichterung und legt die schon veredelte Beute nieder, die in sehr subtilen Grabenkämpfen der Erkenntnis gewonnen wurde.
Ernst Jünger ist am 29. März siebzig Jahre alt geworden, und rechtzeitig zu seinem Geburtstag erscheint der zehnte und letzte Band der Gesamtausgabe seiner Werke, all die blitzenden Orakel, die herrischen Einsichten in Leben und Tod, die Gleichnisse aus Rauchglas sind in einer bedachtsamen editorischen Leistung zu einem literarischen Monument vereinigt, dessen ungerührte Exklusivität immer noch frösteln, dessen stilisierte Einsamkeit abermals nachdenklich macht.
Mit "Heliopolis", diesem epischen Kurierbericht aus einer marmornen Stadt, ist ein zehnbändiges Unternehmen abgeschlossen, das den Autor Ernst Jünger nicht weniger als zehn Jahre in Anspruch nahm. Das große Planspiel ist also vorüber. Man fühlt sich zur Lagebesprechung angehalten.
Und heute, nach der Wiederlektüre eines Werks, in dem mittlere Lagen, mittlere Konflikte und Leiden keinen Platz haben, nach der Wiederbegegnung mit diesem hochalpinen, vereisten Monument in Prosa möchte man sich doch fragen, wieviel Verlaß noch auf Ernst Jünger ist, wie weit man mit ihm noch rechnen kann nach den schmerzhaften Lektionen, die uns die Geschichte erteilte. Wie, so fragt man sich, glückte dem "vom Geist getriebenen Krieger" der Rückzug zum Waldgänger? Und zu welchem Preis, wenn überhaupt, wandelte sich der hochdekorierte, narbenbedeckte Landsknecht des Ersten Weltkrieges, der einen absoluten Sinn für die "Farbensymphonien der Materialschlacht" bewies, zum fragenden Einzelgänger, der über Sanduhr, Linie und Schleife meditiert?
Unermeßlich und vertrackt ist doch der Weg von "In Stahlgewittern" (1920) und "Der Kampf als inneres Erlebnis" (1922) bist zu "Am Sarazenenturm" (1955) und "An der Zeitmauer" (1959); daher ist wohl die vergröberte Neugierde entschuldigt, die herausfinden möchte, bis zu welchem Maß man Ernst Jünger selbst immer noch Ernst Jünger vorwerfen kann. Es ist doch denkbar, daß der große Zauberer auf dem Grunde seines Huts einen Tausch vorgenommen, daß er den nationalen Knallfrosch durch das weiße Kaninchen des Humanismus ersetzt hat.
Wie ihn die Legende pflegt und eine unbewegliche Erinnerung, das ist ja leicht - und leider zu leicht - gesagt: Der Jünger der zwanziger und dreißiger Jahre kann gar nicht verstanden werden ohne seine Verherrlichungen des Krieges und ohne die, sagen wir, "bräutliche" Todeshaltung, ohne einen dünkelhaften Nationalismus und das feudale Frostblumen-Ideal seiner Ästhetik. Der Jünger von ehedem, der anspruchsvolle Stoßtruppführer, der Diagnostiker in "salamandrischer Ruhe", der in Typen dachte und sich von Typen etwas versprach, der Zeitdenker, der sich mit durchsehendem Auge über eine disparate Welt beugte wie über ein Herbarium - er ist längst bestimmt und bezeichnet, ist längst von der Literaturkritik, wenn auch unterschiedlich, aufbereitet.
Jedenfalls, ein Bildnis anzufertigen vom frühen Jünger, das geht schon; da sitzt er eindeutig Porträt und verwirrt nicht den Stift durch vieldeutige Regungen. Und wenn es heißt: der frühe Jünger, so meint man aus Gewohnheit den "prekären" Jünger, den Autor von "Feuer und Blut" und "Die totale Mobilmachung", den gelassenen Verächter ziviler Niederungen, dessen Äußerungen oft anmuten, als habe sich ein norddeutscher Mystiker am Regimentsaushang erklärt.
Aber gerade das "Prekäre" an Jünger führte ihm damals ja auch besondere Anhänger zu, bestimmte ihre Zahl und Qualität - Anhänger, die allerdings die gleiche Zurechtweisung durch die Geschichte erfuhren wie ihr Idol. Hat Ernst Jünger selbst diese Zurechtweisung empfunden? Sah er sich zu Korrekturen genötigt? Drängte es ihn womöglich, den prekären jungen Autor selbst akzeptabler zu machen mit Retuschen, die die Altersmilde eingab?
Daß der zeitgenössische Ernst Jünger eine andere Position einnimmt als der frühe, das zeigt sich im Denken, zeigt sich aber auch in einer Bemerkung seines ehemaligen Sekretärs Armin
Mohler: "Der Mann, der - mit Recht auf seinen Pour le merite immer so stolz war, nahm den unkriegerischsten aller Orden, das Bundesverdienstkreuz, an. Der Mann, der sich sein Leben lang von allem Literaturbetrieb ferngehalten hatte, nahm plötzlich zwei Literaturpreise an, und zwar nicht einmal ,große'."
Auch wenn er selbst sein Werk als Einheit verstanden wissen möchte: wir müssen heute mit einem anderen Ernst Jünger rechnen, müssen die Wandlung zu einer mitunter stoischen Gemütslage feststellen, zu hochempfindlichem Einzelgängertum, wir müssen vor allem den Suchenden bemerken anstatt den hochmütigen Bescheidwisser, der sich für einen irrtumslosen Seismographen hielt.
Wie aber dieser siebzigjährige Ernst Jünger über den früheren Ernst Jünger denkt, das zeigt sich unwillkürlich an der Art, wie der eine den anderen bei Gelegenheit der Gesamtausgabe durchsieht, redigiert, bearbeitet und kommentiert.
In einem Nachwort "Auf eigenen Spuren" (im jetzt erschienenen letzten Band) rechtfertigt der Autor seine Bearbeitung, verteidigt Streichungen und Veränderungen und stellt fest: "In der Jugend neigt der Mensch zu Überheblichkeiten, in der Mitte des Lebens zu Banalitäten, im Alter zu Wiederholungen. Es ist gut, wenn er diese Mängel beim Blick auf das Ganze seines Werkes bemerkt."
Sind es tatsächlich nur diese Mängel, die er beseitigen will?
Vergleicht man, beispielsweise, die erste und die letzte Fassung der "Strahlungen" miteinander, so stellt man zunächst fest, daß Namen ausgelassen oder geändert wurden, daß Ortsbezeichnungen wegfielen, Gespräche verkürzt wurden - das mag hingehen. Nicht frei von Staunen ist man indes bei der Entdeckung, daß der Autor beinahe methodisch dasjenige verknappte oder eliminierte, was doch das "Jüngersche" an diesem Kriegstagebuch zu einem Teil ausmachte: nämlich in einer leidenden Welt über Orchideen, Landschaften, Kochkunst zu sprechen, inmitten unerhörter Bedrängnisse mit der Ätherflasche loszuziehen, die Stimmung der Schilfwälder zu genießen oder über den Reiz zerstreuter Blütenblätter unter großen Vasen zu meditieren.
Diese Wahrnehmungen von exquisiter Schönheit, die uns herausforderten durch ihre Gleichzeitigkeit mit exquisitem Grauen, sind offensichtlich reduziert, ich möchte sagen: in ihrer provokanten Eigenschaft gemildert. Was dem frühen Jünger soviel galt, der ältere scheint Anstoß daran genommen zu haben, empfindet jedenfalls den Wunsch zur Revision des Tagebuchs.
Worauf dabei verzichtet wird, was verloren geht, zeigt ein beliebiges Beispiel; unter dem 18. Juni 1943 heißt es in der Erstausgabe der "Strahlungen":
Gegen neun Uhr Ankunft in Paris. Schlief dort zunächst zwei Stunden in meiner kleinen Boite im Raphael, die auch ein wenig vom Fuchsbau hat. Sodann mit Neuhaus, Humm und dem Präsidenten im Coq Hardl. Dort ließ ich mir vom Präsidenten über das Schicksal des Gefangenen berichten, das dunkel ist.
Die gleiche Stelle in der vom Autor durchgearbeiteten Gesamtausgabe liest sich nun so:
Gegen neun Uhr Ankunft in Paris. Ich ließ mir sogleich vom Präsidenten über das Schicksal des Gefangenen berichten, das dunkel ist.
Ich halte solch eine Veränderung und besonders in einem Tagebuch, durchaus nicht für eine Kleinigkeit und für einen Vorteil, wie er Jünger doch vorgeschwebt hat, schon gar nicht. Der außerordentliche Unterschied beider Fassungen wird sofort evident, wenn man zwischen Ankunft und Erkundigung nach dem Gefangenen Zeit verstreichen, eine Begegnung an einem bezeichneten Ort stattfinden, mit einem Wort: das Schicksal wirtschaften läßt. Zwei Stunden Schlaf. Gespräche und mutmaßlicher Umtrunk kommen jedenfalls in der letzten Fassung nicht vor, und vielleicht wäre dies für einen Tshechow gerade der Angelpunkt des Dramas.
Aber manches kommt in der letzten Fassung nicht vor, womit der Autor in der ersten einverstanden war, etwa die scharfsinnige Selbstanalyse, die unter dem 18. Juli 1943 notiert wurde: "Meine moralische Schwäche könnte mir ein solches Abweichen durchaus als wünschenswert erscheinen lassen, ich könnte dem Verrate willensmäßig zustimmen, allein es würde mir die Ausführung unmöglich sein. Ich gebe zu, daß mein Charakter nicht genügen würde, dem Dienste und der Bestechung durch falsche Mächte zu widerstehen - allein mein Wesen widersteht."
Was der Hauptmann Jünger im besetzten Paris von sich bekannte - der altersweise Waldgänger widerspricht ihm nicht einmal, sondern macht das erregende Bekenntnis ungeschehen, indem er es wegläßt. Sollte Jünger möglicherweise hier und da Jünger beanstanden, zurechtweisen, mißbilligen?
Zumindest empfindet er ihn als revisionsbedürftig, selbst da, wo es um die Entlehnung eines für ihn so wichtigen Schlüsselbegriffs wie "Desinvoltura" geht. Ein Vergleich der beiden Fassungen von "Heliopolis" macht das nicht nur deutlich, sondern läßt außerdem erkennen, was Jünger an Jünger entbehrlich scheint.
In der ersten Fassung hieß es:
Dies eine ist Desinvoltura - so nennt man eine Art der höheren Natur, wie sie den freien Menschen ziert, der zwanglos sich in dem Kostüm bewegt, das ihm von Gott verliehen ist. Desinvoltura wird gewonnen an den Höfen der Fürsten, in ihrem stolzen und edelen Gefolge und in der freien Rede, die sich in ihrem Rat erhebt. Du findest sie dort bei den Spielen, den Tournieren, den Jagden, den Banketten und im Feldlager, wo sie den Waffen ritterlichen Glanz verleiht
Dagegen heißt es nun in der Gesamtausgabe:
Désinvolture ist eine Art der höheren Natur -zwanglose Bewegung des freien Menschen im angeborenen Gewand. Du findest sie bei
Spielen, Turnieren, Jagden, bei Banketten und im Feldlager, wo sie den Waffen Glanz verleiht.
Die soziale Stratosphäre, das feudale Panorama, der ganze Kodex ritterlichen Waffenganges, in dem Ernst Jünger so bewandert ist - sie erweisen sich heute als entbehrlich. Sie taugen wohl nicht mehr als bestimmendes Signalement, wie so vieles in schwarzen Trümmern dahintreibt, was einst einen Maßstab lieferte.
In jeder Revision, glaube ich, schlummert ein Richterspruch, und zwar objektiver und subjektiver Art; da gibt es wohl keinen Zweifel, in welcher Gestalt hier der alte Autor dem jüngeren begegnet, dessen Namen er trägt. Und nicht nur hier: Mit Ausnahme von "Das Abenteuerliche Herz" und "Der Arbeiter", die unverändert in die Gesamtausgabe aufgenommen wurden, finden wir oft einen besorgten Autor bei der Durchsicht seines Werks, einen durchaus nicht milden Korrektor, der wohl spürt, wie weit er sich von sich selbst entfernt hat.
Man kann das auch Wandlung nennen. Wer lange lebt, kann vieles überleben
- mitunter auch sich selbst, und ist da
nicht der Wunsch verständlich, die Brechungen zu mildern, die Irrtümer zu beseitigen, die eigene Person rückschauend neu zu definieren? Aufgehoben die schöpferische Teilnahmslosigkeit, vergessen die alten anspruchsvollen Verschwörungen, die seismographische Starre überwunden und den exklusiven Herrenrsinn beschädigt: wer möchte da nicht von Veränderungen sprechen?
Der nun in seiner abgeschlossenen Gesamtausgabe gefangene Schriftsteller, allein mit seinem Lied, das von keiner Jugend mehr aufgenommen wird, allein auf subtiler Jagd nach dem Absoluten, das uns nicht schert - Ernst Jünger, gebeugt über sein rissiges Selbstbildnis, wird siebzig Jahre alt. Ich weiß kein anderes Geschenk als das, worum er wohl selbst einmal bat, als er sich zu den Wenigen rechnete: Widerspruch. Er verdient ihn.
Ernst Jünger:
"Werke in
zehn Bänden"
Verlag
Ernst Klett
Stuttgart
5504 Seiten
235 Mark
Lenz
Schriftsteller Jünger
Zwei Stunden Schlaf gestrichen
Von Siegfried Lenz

DER SPIEGEL 14/1965
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