31.07.1963

WOLSBlumen des Bösen

Er verabscheute die Öffentlichkeit,
den Ruhm und das Geld und erkannte, er könne "nur im Schmerz und in Armut arbeiten". Denn die Malerei, so fand der Maler Wolfgang Schulze, der mit dem Namen Wols signierte, "ist keine Ware. Sobald ein Bild verkäuflich ist, hört es auf, ein Bild zu sein."
Heute, zwölf Jahre nach seinem Tod, werden seine Bilder zu fünf- und sechsstelligen Summen auf dem Kunstmarkt gehandelt, die Kritiker preisen ihn als den "ersten Maler der Atom-Ära" und den "Vater des Tachismus".
In einer ersten deutschen Wols-Monographie, die der Verlag DuMont Schauberg jetzt herausbringt, rühmt Werner Haftmann, unerschrockener Apologet der Moderne: "Wols ist der Primitive (einer) neuen Sensibilität*."
Und Jean-Paul Sartre vergleicht im selben Buch die unheimlichen Strichgewebe und mikroskopischen Strukturen des einstigen Freundes und Proteges Wols - "dieser herrlichen Termite", "dieses grausamen Invaliden", "dieses tragischen Genies" - mit der poetischen Symbolwelt des Schweizer Malers Paul Klee: "Beide sind auf das Ganzheitliche und Kosmische gerichtet."
Wols hat auf den Zetteln, die er mit sich herumtrug, noch andere Wahlverwandte registriert. Er fand sie unter den Mystikern des Ostens, in den Nacht - und Schatten-Dichtern Novalis, Baudelaire, Poe und Rimbaud, in Modigliani und van Gogh, die - wie er meinte "durch die Gesellschaft, und schneller als das Schlachtvieh" getötet worden seien.
Der Verwandtschaftsanspruch war berechtigt. Das Werk des Otto Alfred Wolfgang Schulze, der 1913 als Sohn des späteren Chefs der Sächsischen Staatskanzlei Alfred Schulze in Berlin geboren wurde und 38jährig in Paris starb, war nicht minder exzentrisch als das seiner Geistesgenossen, sein Dasein nicht minder exaltiert, abartig und düster.
Außergewöhnliches Kunsttalent hatte Wolfgang Schulze schon in seiner Kindheit und Jugend bewiesen. Er erhielt mit sieben Jahren ersten Geigenunterricht und brachte es mit achtzehn zu einer solchen Virtuosität, daß Fritz Busch, damals Generalmusikdirektor an der Dresdner Oper, sich erbot, ihn als Konzertmeister zu vermitteln.
Wols lehnte ab. Er wurde Photograph, arbeitete vorübergehend als Automechaniker in den Dresdner Mercedes-Werkstätten, plante ein Ethnologie-Studium am Frankfurter Frobenius-Institut und meldete sich schließlich 1932 mit Photomontagen und gegenständlich-surrealistischen Zeichnungen bei László Moholy -Nagy, Lehrmeister am "Bauhaus".
Doch auch zu einem "Bauhaus"-Studium kam es nicht. Moholy, von den durch Klee inspirierten Arbeiten beeindruckt, riet vom Besuch einer Kunstschule ab. Wols ging nach Paris. Moholys Empfehlungsbriefe verschafften ihm die Bekanntschaft mit Fernand Leger, Hans Arp und Alberto Giacometti; er arbeitete als Porträtphotograph, gab Deutschunterricht und lernte seine spätere Ehefrau Gréty kennen.
Nach einem kurzen Abstecher nach Dresden, wo er sein väterliches Erbteil kassierte, ging Wols, versehen mit Gréty, einem altertümlichen Automobil, etlichen Photoapparaten und einem Projektionsgerät mitsamt Bildschirm, auf große Fahrt. Der Plan, mit einem Wanderkino durch Südfrankreich zu ziehen, schlug mangels Arbeitserlaubnis fehl; statt dessen reiste das Paar für zwei Jahre nach Spanien.
In Barcelona wurde für den inzwischen 22jährigen Vaganten der Auslandsaufenthalt zur politischen Emigration: Wols hatte sich geweigert, seiner Arbeitsdienstpflicht in Deutschland nachzukommen. Die Folge waren Mißhelligkeiten durch deutsche Konsulate, Denunziationen und schließlich, nach drei Monaten Gefängnishaft, die Ausweisung nach Frankreich.
Vier Jahre danach kam es zum zweiten Freiheitsentzug. Wols wurde nach Kriegsausbruch interniert und verbrachte vierzehn Monate in französischen Lagern. Um einer dritten Verhaftung, diesmal durch die deutschen Besatzungstruppen, zu entgehen, retirierte er nach seiner Entlassung Ende 1940 in den unbesetzten Teil Frankreichs. Mit Gréty, die er inzwischen geheiratet hatte, etablierte er sich in dem Küstenort Cassis bei Marseille, zwei Jahre später, wiederum auf der Flucht vor, seinen nachrückenden Landsleuten, in einer brüchigen Hütte außerhalb des Provence-Fleckens Dieulefit.
In den Einsiedeleien von Cassis und Dieulefit fand Wols hinreichend Muße, seiner Malerei und seiner Neigung zum Alkohol, den er im Lager schätzengelernt hatte, nachzugehen. "Seine erste Sorge war, die Schnapsflasche zu füllen", erinnerte sich der Schriftsteller und Wols-Freund Henri-Pierre Roché: "Wenn sie voll ist, fühlt man sich ruhig. Er trinkt von Zeit zu Zeit einen ganz kleinen Schluck, regelmäßig, den ganzen Tag. Er feuchtete sich an wie der Docht im Feuerzeug."
Derart angefeuchtet, arbeitete er an seinen Zeichnungen und Aquarellen in allerkleinstem Format. "Das Maß der Handfläche ist heilig", erklärte er, "ein winziges Blatt Papier kann die ganze Welt enthalten."
Doch die Welt, die Wols nun auf seinen Miniaturblättern fixierte, war nicht mehr so hell und auch nicht mehr so leicht verständlich wie die seiner früheren Bilder.
An die Stelle annähernd naturalistisch geformter Fabelwesen und surrealistischer Traumgespinste trat jetzt, vergleichbar etwa den Gedankenassoziationen im modernen Roman, die Improvisation, die psychische Regungen unmittelbar festzuhalten versuchte; an die Stelle der "Traumgärten Klees" traten - so Haftmann - "Ausdünstungen des Bösen, Blumen des Phallischen, Haß des Geschlechts, die abstrakte Wut und immer wieder die blutende Wunde der Welt ... Eine neue Spontaneität, außerhalb jeder Kontrolle, überwältigt die Ausdrucksmittel."
Diese neue Spontaneität, Gestalt gewordenes Delirium, produzierte eine Art von alptraumhaft-vieldeutigen Vexierbildern, in denen Gestein sich belebt, Augen aus wuchernden Pflanzen blicken, Gewürm menschliche Formen annimmt und Wurzelwerk sich in Tiere verwandelt. Es wimmelt von Spinnen, Kraken und Krustentieren, die zugleich auch Menschenklumpen sein könnten.
Diese panische Exaltation, genährt von Mangel an Schlaf, Appetitlosigkeit und einem sich steigernden Alkoholkonsum, nahm noch zu, als Wols, zusammen mit Gréty und einer Tragtasche voller Steine, 1945 nach Paris zurückkehrte. Wols wurde vollends zum Sonderling.
Um eine erste. Wols-Ausstellung, die auf Betreiben von Ehefrau Gréty und Freund Roche in der Galerie René Drouin eröffnet wurde, zu verhindern, bemühte er sich um ein polizeiliches Verbot - allerdings vergebens. Die Vernissage fand statt, blieb jedoch ohne Erfolg.
Auch sonst hielt er mit Eigenheiten nicht zurück. Als sein gelber Hund und "engster Vertrauter" (Roché) ein kleines Mädchen In den Schenkel gebissen hatte, malte er ein Aquarell in Rosa und Rot nach der Wunde des Kindes.
Ein weiteres Gemälde ließ Wols, der inzwischen auch großformatig arbeitete und mit seinen chimärischen Leinwand -Bildern eine neue Art Malerei, "Abstraction Lyrique" oder "Tachismus" genannt, begründet hatte, auf der Klosett-Tür einer der zahlreichen Wohnungen zurück, die er um Saint-Germaindes-Prés bezog und "unter fürchterlichen Szenen" (Haftmann) wieder verließ. Die Miete beglich Freund Sartre.
Und während. Gréty, ärmlich gekleidet, mit seinen Bildern hausieren ging - er hinterließ, neben rund hundert Ölbildern, mehrere Tausend Aquarelle -, lag Wols überwach in seinem Hotelasyl und starrte auf die riesige Himmelskarte, die er an die Decke geheftet hatte; er klimperte auf dem Banjo Bach-Melodien oder arbeitete an einem seiner Blätter.
Sartre erinnert sich dieser letzten Jahre seines Freundes: "Die Haltung von Wols radikalisiert sich jetzt ... Großherzig ohne Wärme, aufmerksam aus Gleichgültigkeit, so betrieb dieser prinzliche Vagabund Tag und Nacht seinen fruchtbringenden Selbstmord ... Jeden Tag war er ein bißchen mehr tot."
1951 ließ sich Wols, der jetzt unter Sehstörungen litt, zu einer Alkohol -Entziehungskur ins Hospital einliefern. Gefährtin Gréty fand währenddessen ein Domizil auf dem Lande, und Wols kehrte nach zwei Monaten Kur, einigermaßen wiederhergestellt, zurück und begann weiterzuarbeiten. "Seine Flasche", entsann sich Roché, "steckte nicht mehr in der Tasche."
Wenige Monate später, am 1. September 1951, starb Wols, vom jahrelangen Rum-Verbrauch geschwächt, an einer Pferdefleischvergiftung.
In seiner Aphorismen-Sammlung hatte er vermerkt: "Malerei - oder keine Malerei, Wols ist das schnuppe."
* Wols: "Aufzeichnungen". Verlag M. Du-Mont Schauberg, Köln; 80 Seiten, 12 Farbtafeln, 14 Zeichnungen; 56 Mark.
Wols-Gemälde "Verhextes auf dem Marsch": Chimären aus der Flasche
Wols-Zeichnung
Die herrliche Termite ...
Maler Wols
... beging Selbstmord bei Tag und Nacht

DER SPIEGEL 31/1963
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 31/1963
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WOLS:
Blumen des Bösen

Video 00:43

Längste Meeresbrücke der Welt 55 Kilometer über das Wasser

  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung" Video 00:43
    US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt
  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show" Video 03:48
    TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"
  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld" Video 00:32
    Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas" Video 02:50
    Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen