07.08.1963

GRUNDBESITZBöhmische Wälder

Der Handel war perfekt: Die nord - ostbayrische Grenzstadt Waldsassen kaufte von der tschechischen Grenzstadt Cheb, ehemals Eger, 500 Quadratmeter Waldboden für 275 Mark.
Dem Grundbuchinspektor Fröhlich, der den Kauf eintragen sollte, kam die Sache böhmisch vor: Im Vertrag war als Bodenverkäufer die "Stadt Cheb" verzeichnet, im Waldsassener Grundbuch als Bodenbesitzer jedoch die "Stadt Eger".
Fröhlich konsultierte den Amtsgerichtsrat Schwind, der sodann in einem "rechtsgutachtlichen Beschluß" die Nichtigkeit des Kaulvertrages feststellte. Weil die Einwohnerschaft Egers 1945 "durch eine völlig fremdstämmige Bevölkerung ersetzt" worden sei, könne das heutige Cheb im Namen des früheren Eger keine Rechtsgeschäfte tätigen.
Cheb/Eger, von der Bundesgrenze knapp fünf Kilometer und von Waldsassen etwa zehn Kilometer entfernt, hat seit der Zeit der böhmischen Könige Waldbesitz auf bayrischem Gebiet.
Auch die böhmischen Städte Asch (As) und Plan (Planá) besitzen auf bayrischem Staatsgebiet Grund und Boden.
Umgekehrt besaßen bayrische Grenzlandgemeinden wie Bärnau, Waidhaus und Waldmünchen in der Oberpfalz bis zur entschädigungslosen Enteignung 1945 Hunderte Hektar Wald in Böhmen.
Diese Enteignung bayrischen Gemeindebesitzes durch die Tschechen ließ bei den Heimatvertriebenen schon 1949 Vergeltungsideen aufkommen. Der damalige Sprecher der Sudetendeutschen, der 1962 verstorbene Dr. Lodgman von Auen, beantragte die Einsetzung einer Pflegschaft für den auf bayrischem Gebiet gelegenen Egerer Stadtwald; das Bayrische Oberste Landesgericht lehnte sein Ersuchen endgültig ab.
Der Stadtwald wurde im Jahre 1950 einem Bevollmächtigten der Tschechoslowakei übergeben. Die Tschechen heuerten den deutschen Fofstmann Fedor Scholz an und versuchten alsbald, die 643 HektaranKapitalisten abzustoßen.
An Interessenten mangelte es nie, obwohl die Tschechen für Wald und Forsthäuser fünfeinhalb Millionen Mark verlangten. Aber jedesmal, wenn man in Verhandlungen eintrat, muckten die Heimatvertriebenen auf. Sie wünschten die Tschechen-Wälder ohne deutsche Gegenleistung zu kassieren.
Selbst Bayerns Staatsminister für Landwirtschaft und Forsten, Alois Hundhammer, der sich in Verkaufsgespräche mit den Tschechen eingelassen hatte, zog sich 1961 erschreckt vor dem "Sturm der Entrüstung" zurück, den seine diskreten Bemühungen, böhmische Wälder heim ins Reich zu holen, bei den Vertriebenenfunktionären entfacht hatten.
Hundhammers eigener Staatssekretär, der Schlesier Erich Simmel, bezeichnete die Kaufabsichten seines Ministers als "unmöglichen Schildbürgerstreich" und "nationale Würdelosigkeit".
Aus Furcht vor Flüchtlingsemotionen blieb der tschechische Wald auf deutschem Boden bis heute in den Händen des Hüters Fedor Scholz. Sogar zahlungsfreudige Ruhrbarone und ein Schweizer Konsortium kapitulierten vor der Wachsamkeit der Heimatvertriebenen.
Was Ministern und Millionären nicht gelang, schien den Waldsassen zu glükken: der unauffällige Kauf. Die Stadt brauchte tschechischen Grund, um bei den Quellen der Waldsassener Wasserleitung eine größere Entsäuerungsanlage errichten zu können.
Die Tschechen wiederum, vertreten durch den Münchner Rechtsanwalt Dr. Hans Hertkorn, wollten mit dem Verkauf des 500 Quadratmeter großen Teilstückes ein Präjudiz schaffen.
An der Aufmerksamkeit des Grundbuchinspektors Fröhlich zerbrach der Modellkauf. Rechtsanwalt Dr. Hertkorn ging für seine tschechische Partei vors Landgericht Weiden. Doch die 3. Zivilkammer des Landgerichts schloß sich Mitte Juli den Ansichten des Amtsgerichtsrats Schwind grundsätzlich an: Der Kaufvertrag gilt nicht.
Die Heimatvertriebenen - vertreten durch den Vorsitzenden des sogenannten "Egerer Landtags", Edmund Rücker
- jubilierten. Rücker: "Ich freue mich
sehr über dieses Urteil."

DER SPIEGEL 32/1963
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