21.08.1963

KUNSTGALERIEEchter Mies

Zwischen den "Federblumen" von Paul Klee und dem "Zirkustraum" von Marc Chagall wird durchs Fenster das rauchgeschwärzte Gehäuse des Bahnhofs Zoo sichtbar; Ernst Barlachs "Vision" erscheint zwischen verschossenen Vorhängen, ein Selbstbildnis von Käthe Kollwitz steht neben einem unansehnlichen Heizungskörper: Westberlins "Galerie des 20. Jahrhunderts", eine Gründung aus dem Jahre 1949, ist in einem Notquartier untergebracht.
"Vor ein paar Jahren stank's hier auf der Straße noch nach Heringen", erinnert sich Senatsbaudirektor Werner Düttmann, Honorarprofessor der Technischen Universität und Erbauer der Akademie der Künste im Hansa-Viertel. Derzeit veranstaltet die Polizei vor den Türen der Galerie gelegentlich Razzien auf schwere Jungen und leichte Mädchen.
Um die Galerie aus dieser anrüchigen Nachbarschaft zu befreien, beschloß der Berliner Senat vor zweieinhalb Jahren, ihr einen idyllischen Flecken zuzuweisen: Im neuen Kunstzentrum zwischen Tiergarten und Landwehrkanal, auf Rufweite von der Mauer am Potsdamer Platz entfernt, entsteht neben dem bizarren Neubau der Philharmonie, fünf Staatlichen Museen und der Staatsbibliothek ein "Gebäude für repräsentative Kunstausstellungen", das zugleich die Gemälde und Skulpturen der Galerie des 20. Jahrhunderts aufnehmen soll.
"Das ist weltstädtischer Bedarf", meint Professor Dr. Leopold Reidemeister, der Generaldirektor der Staatlichen Museen. Er folgert: "Weltstädtischer Bedarf erfordert einen weltbedeutenden Architekten." Berlin fand ihn in dem heute 77jährigen Architektur -Pionier Ludwig Mies van der Rohe.
Der in Aachen geborene Architekt hatte nach dem Ersten Weltkrieg erste Hochhäuser aus Stahl und Glas entworfen, im Jahre 1929 den deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Barcelona gebaut und Anfang der dreißiger Jahre die Direktion des "Bauhauses" innegehabt. Von den Nazis verfemt, emigrierte er im Jahre 1937 nach Amerika. So kam es, daß in Deutschland - außer einigen Früh- und Nebenarbeiten - "kein echter Mies steht", wie Reidemeister bedauert.
Um diese "ganz große Unterlassungssünde" gutzumachen, suchte der Berliner Senat den renommierten Architekten schon 1957 für die Berliner "Interbau"-Ausstellung zu gewinnen. Damals lehnte der betagte Künstler allerdings "wegen Überlastung" ab. Als er im März 1961 seinen 75. Geburtstag beging, nutzte Berlins Bausenator Schwedler jedoch einen Gratulationsbrief zu einem neuen Antrag - diesmal mit Erfolg.
Mies schickte einen Entwurf, der im Mai dieses Jahres von einem sechsköpfigen Sachverständigengremium genehmigt wurde. So soll aus Stahl, Glas und Naturstein während der Jahre 1964/65 für 15 Millionen Mark ein zweigeschossiges Museum entstehen:
- Ein rundum verglaster Pavillon mit Flachdach und 2000 Quadratmeter Fläche ist für wechselnde Ausstellungen vorgesehen.
- Im Souterrain, hinter einer 90 Meter langen Glasfront, werden die Galerie des 20. Jahrhunderts (2300 Quadratmeter) sowie Magazin und Verwaltungsräume untergebracht.
- Auf dem Dach des Souterrain und vor der Glasfront ist ein "Skulpturen-Garten" eingeplant.
Das Modell fand allerdings bei Berliner Künstlern nicht den erhofften Beifall. Als Kritiker betätigte sich vor allem der Spandauer Kunstmaler Fritz Blau, Vorsitzender des Vereins "Berliner Juryfreie Kunstausstellung". Er weist darauf hin, daß die unteren Räume des Mies-Museums, in denen die Galerie des 20. Jahrhunderts untergebracht werden soll, "nur von einer Seite Tageslicht erhalten . . . wodurch nur ein Teil der Ausstellung sachgemäß beleuchtet" werde.
Berlins Juryfreie wagen sich jährlich einmal für vier Wochen in den Messehallen am Funkturm an die Öffentlichkeit. Die Tatsache, daß sie in diesem Jahr von 900 ausgestellten Werken "ganze fünf Stück" verkaufen konnten, führt Maler Blau auf die kurze Dauer der Ausstellung zurück. So fordert er für seine Kollegen "ein repräsentatives Ausstellungslokal", in dem sie mehrere Monate lang ausstellen können.
Für die Monstre-Ausstellung der Berliner Maler aber sei der Entwurf von Mies van der Rohe "denkbar ungeeignet": Das Haus sei viel zu klein - eine Beanstandung, die im Büro der Galerie des 20. Jahrhunderts mit der "Kritiklosigkeit des Künstlers den eigenen Werken gegenüber" erklärt wird. Eine Ausstellung von tausend Bildern sei "doch grauenvoll", urteilen die Mies-Befürworter, "da wird man ja erschlagen, und wer will das schon alles sehen und so lange?"
Auch Professor Düttmann findet, es sei unrentabel, die Ausstellungsfläche zu vergrößern. Und Reidemeister meint: "Bevor ich baue, zähle ich meine Kinder, und dann baue ich für sie - aber doch nicht für die eine große Cocktailparty im Jahr!"
Kleinliche Kritik an Mies van der Rohe empfindet der Generaldirektor der Berliner Museen ohnehin als unangemessen: Man habe es "in erster Linie mit einem selbständigen Kunstwerk" zu tun. "Bei Schlüter im Schloß", so erinnert er sich, "tummelten sich lauter dicke goldene Weiber, und als das Kunstgewerbe-Museum reinging, mußte man sich eben anpassen."
Architekt Mies van der Rohe
Vor Baubeginn ...
... die Kinder gezählt: Berliner Mies-van-der-Rohe-Galerie (Modell)

DER SPIEGEL 34/1963
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