04.09.1963

SCHRIFTSTELLER / GRASSZunge heraus

Einen "Brocken, an dem Rezensenten und Philologen mindestens ein Jahrzehnt lang zu würgen haben", so nannte Hans Magnus Enzensberger 1959 die "Blechtrommel".
In diesen Tagen, das Jahrzehnt ist noch nicht herum, gibt "Blechtrommel"-Autor Günter Graß der literarischen Welt einen neuen, nicht minder monströsen Brocken zu würgen: den 684-Seiten-Roman "Hundejahre".
Fast vier Jahre lang, seit Fertigstellung der "Blechtrommel", hat der heute 35jährige Erzähler, Dramatiker, Lyriker und Graphiker Graß an seinem zweiten Roman gearbeitet. Als er zwischendurch einmal nicht recht vorankam, schob er die Novelle "Katz und Maus" ein - sie konnte sein Renommee kaum mehren oder mindern. Erst die "Hundejahre" werden den ungewöhnlichen Erfolg des aus Danzig stammenden, in Berlin lebenden Autors auf die Probe stellen: Mit der "Blechtrommel" hatte Günter Graß der deutschen Nachkriegsliteratur einen ihrer wenigen Welterfolge erschrieben.
Das realistisch-phantastische 734-Seiten-Epos vom deutsch-kaschubischen Glas-Zersinger Oskar Matzerath, der als Dreijähriger sein Wachstum einstellt, um die Welt, die er als universales Schlamassel erkannt hat, nur noch aus der Giftzwerg-Perspektive zu sehen, hatte 1959 den größten Teil deutscher Nachwuchsdichtung in den Schatten gestellt.
Grotesk und obszön, lästerlich und tendenzfrei, vital, aber alles andere als naiv, machte die "Blechtrommel" Furore und Skandal, erregte sie Ekel und Enthusiasmus. Sie lehrte schließlich auch das Ausland, daß von zeitgenössischer deutscher Literatur nun wieder mehr zu erwarten war als lederne Zeitkritik und verblasenes Experiment, mehr als Gesinnungsernst und Einfallsarmut, als brave Moral und stumpfer Stil. Mit seinem "wilden und bizarren Gesang", so befand der Pariser "Express", habe Graß der "zahmen deutschen Literatur wieder Klang verliehen".
Was keinem hochliterarischen deutschen Buch nach 1945 gelang, schaffte der Graß-Roman: "Le tambour" wurde 1961 in Frankreich, "The Tin Drum" 1963 in den USA zum Bestseller. Die französische Auflage liegt heute bei 60 000, die amerikanische über 90 000. Im nächsten Frühjahr kommt eine Paperback-"Blechtrommel" auf den US-Markt; Erstauflage: 100 000. Die deutsche Gesamtauflage (einschließlich Taschenbuch- und Buchklub-Ausgaben) beträgt rund 300 000. In Frankreich wurde die "Blechtrommel" von einer Jury unter dem Vorsitz des "Zazie"-Autors Raymond Queneau zum "besten ausländischen Buch des Jahres" erwählt; vier US-Buchklubs setzten sie auf ihre Listen.
Mit Anstrengung und Ausdauer kauten die Kritiker den epischen Brocken durch. Der "durch die Erinnerungen eines pikaresken Zwerges vermittelte Alptraum vom Deutschland des 20. Jahrhunderts" ("Saturday Review") wurde als Allegorie oder Satire, als avantgardistischer Heimatroman, moderner Schelmenroman oder travestierter Bildungsroman gedeutet. Grimmelshausen, Rabelais, Sterne, Jean Paul, E. T. A. Hoffmann, Melville, Joyce, Döblin ("Berlin Alexanderplatz") und die Gebrüder Grimm wurden dem jungen Autor als Vorbilder nachgesagt. Blechtrommler Oskar wurde mit Simplicius Simplicissimus und Tristram Shandy, mit Max und Moritz und dem Rattenfänger von Hameln verglichen, er wurde zu Parzival, Wilhelm Meister und Felix Krull in Beziehung gesetzt.
Graß, resümierte "Time", "ist wahrscheinlich das erfindungsreichste Talent überhaupt seit Kriegsende".
An Erfindungs- und Einfallsreichtum, an Witz und Präzision ("Amsels Kniestrümpfe mit Gummizug schnürten unterm Knie die dicklichen Waden ab: rosa Fleisch warf ein Puppenwülstchen") steht das neue Graß-Werk "Hundejahre" hinter der "Blechtrommel" nicht zurück. Aber auch an Überlänge und Übergenauigkeit, an heißlaufender Phantastik und drastischer Rücksichtslosigkeit kann es sich mit dem Erstlingsbuch messen.
Kernfabel ist die Geschichte einer komplizierten Blutsbrüderschaft: die Kain-und-Abel-Variante vom zähneknirschenden Müllersohn, Schüler, KP-Mann, SA-Mann, Schauspieler, Antifaschisten und Heimkehrer Walter Matern und seinem pfiffigen halbjüdischen Freund, dem Krämersohn, Schüler, Künstler, SA-Opfer, Ballettmeister und Vogelscheuchen-Fabrikanten Eduard Amsel.
Der kräftige Knabe Walter beschützt den dicklichen Eddi vor seinen Altersgenossen, die ihn "Itzig" hänseln. Der SA-Mann Matern schlägt seinen Jugendfreund zusammen und "rollt" ihn im Schnee. Dem schmelzenden Schneemann entsteigt ein schlanker Amsel, der unter falschem Namen Naziregime und Krieg überlebt. Nach dem Krieg versucht der Heimkehrer und Anti-Nazi Matern die Erinnerung an den mißhandelten Freund zu verdrängen, doch er kann Amsel, kann der ironischen Zuneigung des verratenen Blutsbruders schließlich nicht entgehen.
Amsel bedenkt das Volk, "unter dem es zu leiden galt, vor und nach dem Schneemann", mit "perfiden Lobsprüchen" und "zynischem Lorbeer": "Nein, lieber Walter, Du magst Deinem großen Vaterland noch so sehr grollen - ich jedoch liebe die Deutschen. Ach, wie sind sie geheimnisvoll und erfüllt von gottwohlgefälliger Vergeßlichkeit! So kochen sie ihr Erbsensüppchen auf blauen Gasflammen und denken sich nichts dabei. Zudem werden nirgendwo auf der Welt so braune und so sämige Mehlsoßen zubereitet wie hierzulande."
In dieses deutsche "Märchen" hineinverwoben sind eine skurrile Allegorie der Kunst als Herstellung von Vogelscheuchen ("Die Vogelscheuche wird nach dem Bilde des Menschen geschaffen") und die Chronik des Schäferhundes Prinz, der als Lieblingshund Hitlers "Geschichte macht", den Führer überlebt, am 8. Mai 1945 die Elbe durchschwimmt und sich "westlich des Flusses einen neuen Herrn" sucht.
Schon der Blechtrommler Graß hatte, nach eigenem Zeugnis, "das Dritte Reich entdämonisieren" wollen. Dieselbe Absicht verfolgt er in seinem Hundejahrbuch. Gegen Ideologen-Bombast und Historiker-Pathos, gegen Mythen- und Theorien-Schwulst verschreibt Graß die penetrante Komik des Trivialen. Die Geschichte ist blutig, aber lächerlich; sie wird grundsätzlich von unten anvisiert und im banalen Detail erfaßt.
In der "Blechtrommel" krochen die Ameisen um den Vater Matzerath, der sein Parteiabzeichen verschluckt hatte, bevor er von einem Rotarmisten erschossen wurde, auf einen geplatzten Zuckersack zu: "Denn jener ... Zucker hatte während der Besetzung der Stadt Danzig durch die Armee Marschall Rokossowskis nichts von seiner Süße verloren." In "Katz und Maus" wurde Joachim Mahlke nur wegen seines monströsen Adamsapfels zum Held und Ritterkreuzträger. Hundejahre, mehr nicht, sind Hitler-Deutschlands "große Zeit", sind die nicht zu bewältigende Vergangenheit und die konjunkturfrohe Gegenwart. Graß, der aggressive Infantilist, streckt - wie der Hund auf dem von Graß gezeichneten Buchumschlag - aller Prätention die Zunge heraus.
Auch in seinem neuen Roman hat der Autor Fiktion und Zeitgeschichte zu einem krausen Muster verstrickt. Hundeheld Prinz, der dem Führer zum 46. Geburtstag von Danzigs Gauleiter Forster geschenkt wird - Graß fand den Hund in den Memoiren des ehemaligen Danziger Senatspräsidenten Rauschning erwähnt -, ist auf dem Obersalzberg dabei, wenn Hitler "von Stiel und Stumpf, von Strasser, Schleicher, Röhm, von Stumpf und Stiel" spricht und dazu Apfelkuchen ißt, "den Frau Raubal gebacken hatte". Prinz stiehlt sich am 20. Juli 1944 davon, als Stauffenberg, der "ungelernt nicht aufs Ganze ging ... und sich aufsparen wollte für große Aufgaben nach geglücktem Attentat", seine Bombe placiert.
Historische und privateste Anspielungen jagen sich fast zu Tode: Die Berlin-Krise und der Tod des "naturgetreuen Landesvaters" Hinrich Kopf, Weiningers "Geschlecht und Charakter" und der Horney-Film "Befreite Hände", eine Berliner Ballettomanen-Kneipe, in der man "den kleinen Bredow ... Reinholm ... Kläuschen Geitel" trifft, der WDR und die DDR ("Oh, wie anders riechen die Bockwürste im sozialistischen Friedenslager! Fort und verweht ist aller kapitalistische Currygeruch!"), die Zeche "Pluto" zwischen Schalke-Nord und Wanne-Eickel, die "große fußbodengekachelte warme strengsüßriechende heilige katholische Männertoilette des Hauptbahnhofs Köln", "Datscha"-Wirt Mattner und der Ostberliner Dichter Bobrowski, Nachfahr eines gleichnamigen Räuberhauptmanns, kommen vor, spielen eine Rolle, werden erwähnt oder zitiert.
Graß-Kritiker Hans Magnus Enzensberger: "Ein Hagelschauer von Einfällen und Provokationen" (siehe Seite 70).
Es gibt fachmännische Exkurse über Schlag- und Faustballspiel, über Ballet-Exercise und Freibankfleisch, Großmutter-, Zigeuner-, Nonnen-, Ritter- und Pennäler-Geschichten: brillante, aber meistens allzu ausführliche Geschichten. Es gibt ausgesuchte Scheußlichkeiten - etwa eine Kopulation im Beichtstuhl - und poetische Wortspiele, wie die Beschreibung eines Hundefells: "... glänzte sein Haar schwarz, regenschirmschwarz, priesterschwarz, witwenschwarz, schutzstaffelschwarz, schultafelschwarz, falangeschwarz, amselschwarz, othelloschwarz, ruhrschwarz, veilchenschwarz, tomatenschwarz, zitronenschwarz, mehlschwarz, milchschwarz, schneeschwarz."
Ein Bravourstück liefert der "Zigeunervirtuose unter den jungen deutschen Erzählern" (Marcel Reich-Ranicki über Graß) mit einem Kapitel, in dem das Wirtschaftswunder einmal nicht sozialkritisch bejammert, sondern grotesk veralbert wird.
Graß läßt die nachkriegsdeutsche Presse-, Politiker- und Industrie-Prominenz Revue passieren - als Klientel der prophetisch begabten Mehlwürmer des heimatvertriebenen Müllers Matern. Springer, Bucerius, Augstein (siehe Seite 74), Flick, Mannesmann, Phoenix-Rheinrohr, Hoesch, Krupp, Beitz, Nordhoff, von Bülow-Schwante, Münemann, Neckermann, Grundig, Schlieker, Reemtsma, Pferdmenges, Ruhrgas, Abs, Mercedes, Bayer, Feldmühle und Hertie erhalten von den Mehlwürmern Tips für Gründungen und Entflechtungen, für Investitionen, Transaktionen und Fusionen, fürs Abstoßen, Ausschütten, Aufstocken und Majorisieren: "Du, glücklicher Portland-Zement, heirate!" Erhard darf einen Mehlwurm verschlucken und wird dadurch selbst zum Konjunktur-Propheten: "Von Anfang an war im Vater des Wirtschaftswunders der Wurm drinnen, wundersam wunderwirkend."
Eine andere Glanznummer im Roman-Zirkus Graß ist die Geschichte von Walter Materns schaurig-komischer Entnazifizierungs-Tour.
Kreuz und quer reist der Heimkehrer aus einem englischen Antifa-Lager mit dem ihm zugelaufenen Ex-Führerhund Prinz, jetzt Pluto genannt, durch Nachkriegsdeutschland, um sich an ehemaligen Nazis zu rächen. Matern sucht Göttingen, München, Stade, Witzenhausen, Kleve, Freudenstadt und Rendsburg heim, ferner Oldenburg, Detmold, Passau und Bielefeld, "wo die Makkowäsche blüht und der Kinderchor singt". Er trifft im Heide-Versteck den gewesenen Pimpfenführer Uli Göpfert, der sich später "nach Umwegen den Liberalen anschließen und als sogenannter Jungtürke in Nordrhein-Westfalen Karriere machen" wird.
Doch Materns private Spruchkammer-Praxis zeitigt nur Halbheiten: Dem einen Ex-Nazi verbrennt er die wertvolle Briefmarkensammlung, einem anderen defloriert er die Tochter. Der Heimkehrer prallt am dicken Fell seiner moralisch nicht irritierbaren Landsleute ab. Hauptmann Hufnagel in Altena, der Matern einst vors Kriegsgericht brachte, hat sogar schon Borchert bewältigt: "Ohne mich stünden Sie nicht hier und spielten den wildgewordenen Beckmann. Übrigens ausgezeichnetes Theaterstück. Hat die gesamte Familie sich in Hagen, notdürftiges Zimmer-Theaterchen. Geht an die Nieren, der Stoff ..."
Der Rache-Reisende Matern erliegt schließlich den immer neuen erotischen Freuden, mit denen er auf seiner Tour de force durch das Milieu der alten Kämpfer beschwichtigt wird. In Saarbrücken zieht er sich ein Leiden zu, für das Graß, neben vielen anderen Umschreibungen, die Volksmundprägung "Edelschnupfen" parat hat.
Die "Hundejahre" sind, was der "New York Times" schon der Roman vom Blechtrommler Oskar war: "ein teutonischer Nachtmahr".
Und wiederum nimmt alles seinen Anfang dort, wo schon der erste Graß wurzelte, wo er auch "Katz und Maus" spielen ließ. Nicht nur Trommelbube Oskar ist am Rande wieder mit von der Partie, auch seine Väter, der deutsche Kolonialwarenhändler Matzerath und der polnische Postsekretär Bronski, finden Erwähnung. Tulla Pokriefke, das gräßliche Gör aus "Katz und Maus", wuchs in "Hundejahre" zu einer Hauptfigur heran. Die "Stäuberbande" aus der "Blechtrommel", die Studienräte Brunies und Mallenbrandt aus "Katz und Maus" kommen vor, und auch die Aale sind wieder da - diesmal hängen sie, Milch säugend, an Kuheutern.
Mit der "Blechtrommel" und mit "Katz und Maus" hatte Graß seine Vaterstadt Danzig - genauer: Danzig-Langfuhr -, hatte er ihre deutsche und polnische Bevölkerung und den überlebenstüchtigen Slawenstamm der Kaschuben, hatte er die Landschaft der Weichselmündung und die "bräsig-werdersche" Mundart, "die bald, mit den Flüchtlingsverbänden, aussterben wird", weltliterarisch notifiziert.
Mit dem neuen Roman wird deutlich, daß Graß, unbekümmert um mögliche Grenzen des Leserinteresses, auch weiterhin und nun erst absichts- und planvoll auf der Suche nach der verlorenen Heimat schreibt. Graß: "Ich fürchte, mit diesem Thema bin ich noch lange nicht fertig."
Im Kleinbürger- und Arbeiter-Vorort Danzig-Langfuhr, der dem "Hundejahre"-Erzähler welthaltig genug erscheint, in der Welt Oskar Matzeraths und Walter Materns, wurde Günter Wilhelm Graß am 16. Oktober 1927 geboren. Der Sohn eines Kolonialwarenhändlers und einer Mutter von kaschubischer Abstammung zeigte sich schon früh vielseitig begabt: Er zeichnete, malte und machte sich als 13jähriger, angeregt durch ein Preisausschreiben der NS-Schulzeitschrift "Hilf mit!", an die Niederschrift seines ersten Romans. Titel: "Die Kaschuben".
Die Kindheit versorgte den Schriftsteller mit einigen seiner wichtigsten Motive: mit kindlicher Affinität zum Unappetitlichen und Unheimlichen, mit Böse-Buben-Trotz und infantiler Grausamkeit, mit Aberglauben, Kinderängsten und Abzählvers-Magie; mit dem scheinheiligen Kinderlieder-Tonfall seiner Lyrik ("Wer lacht hier, hat gelacht? Hier hat sich's ausgelacht") und mit der verfremdeten Märchenerzähler-Syntax seines Prosa-Stils: "In Danzig-Langfuhr also ... wohnte ein Mädchen, das hieß Tulla Pokriefke und war schwanger, wußte aber nicht, von wem."
Graß durchlief die generationstypischen Stationen als Pimpf, Hitlerjunge und Luftwaffenhelfer. 1945 durfte er noch eben in Hitlers Endkampf eingreifen, dem er im "Hundejahre"-Buch ein virtuoses satirisches Kapitel gewidmet hat: Graß schildert - getreu seinem Prinzip der "Entdämonisierung" - den letzten Akt des Dritten Reiches aus der Perspektive des entlaufenen Führerhundes Prinz und in einem Stil, der gleichzeitig NS-Propaganda, militärische Kommando-Sprache und Heidegger-Philosophie parodiert.
Der einst hitlerfreundliche Philosoph Martin Heidegger (Graß: "Der wurde geboren in Meßkirch. Das liegt bei Braunau") wird als "alemanische Zipfelmütze" und "skilaufendes Nichts" verhöhnt, seine esoterische Sprache wird als mystifizierende Umschreibung von NS-Ideologie und NS-Terror geschmäht. Über den "Weltdämmer" im Führerbunker heideggert Graß:
Darauf verabschiedet sich die Zuhandenheit in der Unauffälligkeit des Unverwendbaren ... Daraufhin spielen letzte Sender Götterdämmerung. Umwillen seiner... Daraufhin tritt im Regierungsviertel der Reichshauptstadt Funkstille ein. Die Platzganzheit, die Nichtung, angstbereit und zusammenstückbar. Die Großheit. Die Gänze. Die Hergestelltheit Berlin. Die Verendlichung. Das Ende...
An Führers letztem Geburtstag wurde der 17jährige Graß bei Kottbus verwundet. Er kam nach Marienbad (Tschechoslowakei) ins Lazarett und von dort nach Bayern in amerikanische Gefangenschaft. Im Frühjahr l946 wurde er ins Rheinland entlassen. Er arbeitete zunächst bei Bauern, dann in einem Kalibergwerk bei Hildesheim. Von einem Versuch, in Göttingen das Abitur nachzuholen, nahm der unfertige Gymnasiast nach kurzem Anlauf wieder Abstand. Graß: "Als der Geschichtslehrer von der Emser Depesche anfing, hatte ich die Nase voll."
Seine Pütt-Zeit hat Graß im "Hundejahre"-Roman auf eine für ihn bezeichnende Weise ausgewertet. Er verwandelte jenes reale Bergwerk in die phantastische Vogelscheuchen-Fabrik des Herrn Brauxel alias Eduard Amsel, die im Schlußkapitel des Romans zu einer infernalisch-satirischen Menschheits-Allegorie, zur "durchorganisierten Hölle" wird. Andererseits lokalisierte er sein Phantasie-Bergwerk durchaus realistisch zwischen Hildesheim und Sarstedt und beschrieb den Grubenbetrieb technisch exakt.
Um seine Erinnerung zu überprüfen und seine Erzählung verifizieren zu können, war Graß ("Ich kann nur über das schreiben, was ich wirklich kenne") 1962 noch einmal in eine Schwestergrube des Kalibergwerks eingefahren, in dem er 1947 gearbeitet hatte. Um seine Danzig-Erinnerungen aufzufrischen, reiste der Romancier bisher dreimal in die heute polnische Stadt. Graß: "Ich muß das Phantastische so genau wie möglich beschreiben, ich muß es mit möglichst viel Realität beschweren, damit es nicht einfach davonfliegt, zu Luft wird."
Graß schreibt seine Bücher in drei Etappen. Die erste Niederschrift folgt dem Einfall, der Erinnerung, der Phantasie. Dann füllt er "Lücken" mit dokumentarischem Material. Für die "Hundejahre" wertete er unter anderem die "Lagebesprechungen im Führerhauptquartier", das "Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht" und mehrere Fachbücher über das Schlagballspiel aus; für die Wirtschaftswunder-Satire holte er sich Rat bei Berlins Wirtschaftssenator Professor Schiller. Zuletzt pflegt Graß diese zweite Fassung so lange zu feilen, bis die eingefügten Fakten nicht mehr als Fremdkörper wirken.
Ende 1947 wollte sich Graß in Düsseldorf an der Kunstakademie einschreiben. Weil die Akademie wegen Kohlenmangel geschlossen war, ging er einstweilen bei den Düsseldorfer Firmen Göbel und Moog in die Steinmetz-Lehre. Bis 1948 meißelte er - wie sein Oskar - hauptsächlich Grabsteine. "Nach der Währungsreform", erinnert sich Graß, "begann dann das große Fassadengeschäft". In Düsseldorf hatte er auch seine Schwester vorgefunden, die in einem Krankenhaus als Hebamme tätig war. Sie machte den hungrigen Bruder mit der Küche des Hauses und vielen hilfreichen Krankenschwestern bekannt. Graß wurde im Spital, so sagt er, "in jeder Hinsicht verköstigt".
1949 öffnete sich dem jungen Kunstwilligen die Akademie. Bei dem Bildhauer Sepp Mages und dem Maler Otto Pankok, die in der "Blechtrommel" unter den Namen Maruhn und Kuchen karikiert sind, lernte Graß modellieren und zeichnen. Nebenbei jazzte der Kunststudent als Waschbrett-Rhythmiker und Begleiter des Graphikers und Blockflöten-Solisten Horst Geldmacher (in der "Blechtrommel": Egon Münzer, genannt Klepp) in Düsseldorfer Altstadt-Lokalen; nebenbei schrieb er Gedichte und Theaterszenen. Graß: "Mein Frühstil schwankte zwischen Rilke, Ringelnatz und Lorca."
Die Düsseldorfer Erlebnisse fanden im Graß-Werk zwiespältigen Niederschlag: Die grotesken Szenen im Snob-Lokal "Zwiebelkeller", wo sich die Gäste durch tränenförderndes Zwiebelschälen und Oskars Getrommel enthemmen lassen, markierten den Beginn des Wirtschaftswunders. In den "Hundejahren" wird Düsseldorf auf der Höhe neudeutscher Prosperität gezeigt: Der "Zwiebelkeller" ist inzwischen von der "Leichenhalle" übertroffen worden, wo die Bardamen durch "Animierärzte", wo Messer, Gabel und Löffel durch Sezierbestecke ersetzt sind: "Alles bewußt schockierend. Doll."
"Hundejahre"-Held Walter Matern, wie sein Autor von Danzig nach Düsseldorf verschlagen, schmäht die rheinische Kommerz-Metropole und "Patenstadt" Danzigs:
. . . diese butzenscheibenverklebte Pestbeute, diese Beleidigung eines nicht vorhandenen Gottes, dieser Mostrichklaks, angetrocknet zwischen Düssel und Rhein, dieses stockwerkhoch abgestandene obergärige Bier, dieser Abortus, liegengeblieben, nachdem Jan Weiten die Loreley besprungen. Kunststadt nun, Ausstellungsstadt, Gartenstadt. Das biedermeierliche Babel. Die niederrheinische Dunstglocke und Landeshauptstadt ... Hier litt und stritt Grabbe. "De hatt jet mettjemaht. Dem simmer quitt. De es öwer Land jetrocke." Denn selbst Christian Dietrich möchte nicht hier, will lieber in Detmold abkratzen ...
Von Düsseldorf zog Graß 1953 nach Berlin. Er wurde Schüler des Metallplastikers Karl Hartung. In Berlin kam er - zunächst weniger durch eigene Initiative - auch der Literatur näher. Ein Freund, der Maler und Plastiker Ludwig Gabriel Schrieber, übergab einige Graß-Gedichte an Karl Hofer, der sie Gottfried Benn vorlegte. Altmeister Benn, damals auf der Höhe seines zweiten Ruhmes, prüfte die Lyrik-Proben, bescheinigte Talent, gab aber den Rat, der junge Nachwuchsautor solle sich erst einmal in Prosa üben.
Der Ratschlag wurde nicht befolgt. Zwar machte Graß damals schon Pläne und Notizen zu einem epischen Prosawerk, der späteren "Blechtrommel", doch einen Roman, so sagt er heute, habe er sich nicht zugetraut. Er zeichnete, modellierte und schrieb vorerst weiter Verse, verfaßte außerdem Dramatisches und Ballett-Libretti.
1955 erhielt er den Dritten Preis in einem Lyrik-Wettbewerb des Süddeutschen Rundfunks. Dichtergattin Anna Margareta - Graß heiratete die Schweizer Tänzerin aus gutsituiertem Hause 1954 - hatte einige Verse aus der Schublade genommen und nach Stuttgart eingesandt. Der Funk-Preis trug dem bis dahin unbekannten Autor eine Einladung der "Gruppe 47" ein, sein Auftritt in Hans Werner Richters literarischem Wander-Salon verhalf ihm zu einem Verlag: 1956 erschien bei Luchterhand das erste Graß-Buch: "Die Vorzüge der Windhühner". Der Gedichtband war mit Graß-Graphik angereichert und, wie auch alle folgenden Graß-Bücher, mit einem vom Autor entworfenen Umschlag versehen. Zu der Umschlagzeichnung für "Katz und Maus" - sie zeigt eine Katze mit umgehängtem Ritterkreuz - ließ Graß sich durch ein SPIEGEL-Titelbild Erich Mendes inspirieren.
Als Zeichner betätigt sich Graß auch heute noch, zum Beispiel immer dann, wenn er beim Schreiben ins Stocken gerät. Im "Hundejahre"-Buch hat er einen Hinweis auf seine graphische Produktion versteckt: "Endlich sind die Graphiken angekommen", meditiert der Bergwerksdirektor Brauxel, "... mittelgroße Formate: 'Laufende Nonnen beim Treppensteigen' . . . Dann die großformatigen Blätter, DIN A I, schwarze Tusche zum Teil ausgezogen: 'Einkleidung einer Novizin' ... ein gelungener Wurf. Fünfhundert DM verlangt der Künstler. Angemessen, durchaus angemessen."
Die Bildhauerei dagegen hat Graß aufgeben müssen: "Das ist so anstrengend wie Romanschreiben. Da muß man acht Stunden am Tag arbeiten und hat dann gerade eine Kniescheibe fertig."
Graß-Graphik und Graß-Lyrik (1960 erschien der zweite Gedichtband, "Gleisdreieck"), von Hans Arp, Alfred Kubin und immer noch Ringelnatz beeinflußt, sind motivisch eng mit dem übrigen Graß-Werk verknüpft. Was in den Zeichnungen Figur, in den Versen Metapher ist - ein Arsenal extrem privater Fetische und höchst subjektiver Symbole: Nonnen, Puppen, Hühner, Köche, Vogelscheuchen -, findet sich, zur Erzählung oder zur Szene entfaltet, in den Romanen und Stücken wieder. Die Graß-Prosa ist stellenweise lyrisch gegliedert, die Komposition der Romane vom Formgefühl des Plastikers und Graphikers geprägt.
Mit seiner Lyrik fand Graß naturgemäß nur geringe Resonanz. Aber auch mit seinen Theaterstücken ("Beritten hin und zurück", "Hochwasser", "Onkel, Onkel", "Noch zehn Minuten bis Buffalo", "Die bösen Köche", "Zweiunddreißig Zähne") hatte er wenig Erfolg. Die kleinen und mittelgroßen, farcenhaft-poetischen Spiele, die seine Kritiker zumeist mißbilligend mit den Pariser Absurdisten verglichen, wurden entweder nicht oder nur in Studio-Theatern oder aber - so meint der Autor - schlecht und falsch aufgeführt.
Graß besteht heute nicht mehr unbedingt darauf, daß der Mißerfolg alle seine Stücke zu Unrecht getroffen habe. Doch aus Ärger über das Theater, so behauptet er nach wie vor, habe er sich schließlich auf die Epik geworfen: In der "Blechtrommel" verarbeitete er mehrere Schauspiel-Ideen.
1956 zog das Ehepaar Graß nach Paris. Frau Anne wollte sich tänzerisch weiterbilden, der Schriftsteller suchte an der Seine "literarischen Abstand vom Berliner Jargon", der ihm "vor allem als Bühnenautor zu verführerisch" erschien. In einem Pariser Hinterhaus, Avenue d'Italie 111, entstand das Buch von Oskar, von Danzig, den Kaschuben und Düsseldorf.
Es waren entbehrungsreiche Jahre. Graß, der vom Luchterhand-Verlag mit monatlich 300 Mark unterstützt wurde, hat nie die Verdienstmöglichkeiten genutzt, die viele seiner Kollegen ernährten: Er schrieb und schreibt keine Hörspiele, Features und Nachtprogramme und nur selten für Zeitungen. Als Nothelfer bewährte sich "Akzente"-Herausgeber Walter Höllerer, der Graß-Texte in seiner Literatur-Zeitschrift abdruckte und großzügig honorierte. Ein firmengeschichtlicher Aufsatz, den die traditionsreiche Berliner Meierei Bolle für eine Jubiläumsschrift bei Graß bestellte (Überschrift: "Heiden bekehren oder Milch verkaufen"), brachte dem Dichter 300 Mark ein.
Ziemlich abgebrannt fuhr Graß im Oktober 1958 zur Tagung der "Gruppe 47" nach Großholzleute im Allgäu. Er las aus dem "Blechtrommel"-Manuskript vor und erhielt den durch Verleger-Spenden auf 5000 Mark gesteigerten Gruppenpreis. In der Ulmer "Hochschule für Gestaltung", die Richters Dichtern nach der Tagung einen Empfang gab, tanzte der trunkene Preisträger die Nacht hindurch Krakowiak. Zeitungsberichte aus Großholzleute machten die noch unfertige "Blechtrommel" schon ein Jahr vor ihrer Veröffentlichung berühmt. Graß war gemacht.
Mit seinem Erstlingsroman etablierte sich der Graphiker-Dichter im Ersten Rang der deutschen Gegenwartsliteratur. Auch durch einschränkende und ablehnende Rezensionen klang Anerkennung für das stürmische Erzähltalent des jungen Autors, das im ausgedörrten deutschen Nachkriegsschrifttum besonders auffallen mußte.
Graß, dem der epische Einfall und die realistische Präzision über alles gehen, der auf chronologischer Erzählweise besteht und manche Kollegen wegen der Verwendung moderner Stilmittel, wie innerer Monolog oder Rückblende, der "Schreibfaulheit" bezichtigt, Graß, der Abstrakte und "Labordichter", Walter Jens und Max Bense, action painters und nouveaux romanciers bespöttelt, prägte sich mit der "Blechtrommel" dem Publikum als eine Art Kraftmeier des Fabulierens ein.
Doch dieses Graß-Bild unterschlägt den sorgfältig kalkulierten Formalismus, die Stil-Artistik und die vertrackten Ironien des Graß-Werks. In dem Sammelband "Schriftsteller der Gegenwart" hat der Kritiker und Lektor im Verlag S. Fischer, Klaus Wagenbach, den Graß-Stil als "prinzipiell interpretationsfeindlich" beschrieben: "Die Interpretation wird abgewehrt und in die Irre geführt." "Es ist die scheinbare Mühelosigkeit der Kunst von Herrn Graß", schrieb "The Times Literary Supplement", "die es so schwer macht, sie zu beschreiben oder einzuordnen. Seine Kunst ist immer zur gleichen Zeit unschuldig und raffiniert."
Graß, der seine Kunst von jedem politisch-ideologischen Engagement frei halten will ("Kunst mit 'Aussage' ist unkünstlerisch"), erklärt dazu:, "Ich weiß, daß ich auf dem Seil balanciere, aber wenn man nicht Unterhaltungsliteratur machen will, kann man heute gar nicht mehr 'einfach' schreiben."
Als der Senat der Stadt Bremen Ende 1959 den von einer unabhängigen Jury Graß zuerkannten Bremer Literaturpreis (8000 Mark) dem Blechtrommler vorenthielt, war auch sein Ruf als Deutschlands führender Schock-Schriftsteller gesichert. Obszönität und Blasphemie, an denen die hanseatischen Stadtväter Anstoß genommen hatten, gelten seitdem als Graß-notorisch. Sie trugen seinen Büchern bis heute etwa zwei Dutzend - erfolglose - Strafanzeigen ein.
Der literarische Buhmann Graß rechtfertigt die Anstößigkeiten als Details der Realität, die unterschiedslos präzise beschrieben werden müsse: "Eine Liebesszene genauso wie ein Mittagessen." Graß mokiert sich über die von anderen Autoren geübten Rücksichten: "Wenn es ins Schlafzimmer geht, wird es bei denen dunkel." Und: "Bei Böll kommen die Jungen mit roten Köpfen hinter den Büschen hervor - das ist doch lächerlich."
Einleuchtender erklärt Graß die erotische Drastik aus seinem "Sinn für groteske Komik". Und außerdem schreibt er solche Szenen "natürlich auch, weil es mir Spaß macht".
Lästerung und Antiklerikalismus im Graß-Werk korrespondieren absonderlich mit der katholischen Herkunft des Danziger Autors, der "keinen Grund" sieht, "aus der Kirche auszutreten", und seine Kinder katholisch erziehen läßt: "Die können dann später selbst merken, was damit los ist."
"Hundejahre"-Held Matern schmäht katholische Nazi-Kollaborateure, aber Pilenz, der fiktive "Katz und Maus"-Erzähler, sagt über sein Verhältnis zum Katholizismus: "Kann von dem Zauber nicht lassen." Autor Graß fühlt sich, wie er sagt, "von dem heidnischen Element im Katholizismus angezogen", und er distanziert sich von puritanisch gesinnten Kirchenkritikern: "Ich bin keiner, der das Gold von den Kathedralen abkratzen will."
"Blechtrommel"-Erfolg und -Skandal, die Ruhm und Image des Schriftstellers Graß begründeten, etablierten ihn auch finanziell. Von den Tantiemen seines Erstlingsromans allein könnte Graß, seit 1960 zurück in Berlin, heute gut leben. Die Originalausgabe, die deutschen Taschenbuch- und Buchklub-Lizenzen, die französischen, englisch-amerikanischen, italienischen, skandinavischen, mexikanischen und jugoslawischen Übersetzungen des Bestsellers - portugiesische und niederländische werden vorbereitet - brachten dem Autor in vier Jahren rund 400 000 Mark ein. An "Katz und Maus" (deutsche Auflage des Originalbuches: 30 000) verdiente er seit 1961 über 50 000 Mark. Vom "Katz und Maus"-Taschenbuch, das Anfang August herauskam, konnte der Rowohlt-Verlag in vier Tagen 36 000 Stück absetzen.
Nicht-Autobesitzer, Mützen-Fan und Feten-Freund Graß, der seine Gesprächspartner mit Pseudo-Expertisen über Aktienbesitz und Börsenspekulationen, aber auch auf andere Weise zu foppen liebt, hat "keine Mühe" mit seinem Geld: "Was ich zur Zeit nicht gebrauchen kann, das bringe ich wie jeder andere auf eine Sparkasse oder auf eine Bank."
Der photo- und telegene Autor, der unter schwarzem Stalin-Schnauz quasi zähneknirschend zu grinsen versteht, gab in einem Fernsehinterview aus seinem besseren Leben zum besten: "Ich koche gerne, ich koche zum Beispiel gern Linsen. Linsen und Glück, das ist für mich so etwas Ähnliches. Und in Paris hab ich, wenn ich Linsen kochte, dazu Hammeldünnung nehmen müssen, niedrige Preissorte. Heute kann ich es mir erlauben, schon eine etwas bessere Hammelqualität dazuzulegen. Aber die Linsen, ob in Paris gekocht oder in Berlin gekocht, wenn sie gut gekocht sind, vermitteln mir noch immer das gleiche Glücksgefühl."
In Berlin-Grunewald, Karlsbader Straße 16, im zweiten Stock eines verfallenden Altbaus ohne Namensschilder an der Haustür, bewohnt Graß mit seiner Frau und drei Kindern - Zwillinge Franz und Raoul, 5, Tochter Laura, 2 - eine sparsam und kunstverständig mit viel Biedermeier möblierte Vier-Zimmer-Wohnung ohne Fernsehapparat und ohne Telephon.
Eine Leiter führt aus der geräumigen, partyfesten Wohnung in das darüber liegende Arbeitszimmer des Geschichtenerzählers. Hier schrieb er - mehrfarbige Kompositions-Skizzen und Zettel mit Motiv-Stichworten sowie Stadtpläne von Danzig an der Wand - die Novelle "Katz und Maus" und den Roman "Hundejahre".
Die "Blechtrommel"-Tantiemen ermöglichten Graß, sorgenfrei fast vier Jahre Schreibarbeit, regelmäßig vor- und nachmittags, für seinen zweiten Roman aufzuwenden, der ursprünglich "Kartoffelschalen" heißen sollte: Graß hatte eine kartoffelschälende Magd als Zentralfigur vorgesehen; an den sich abwickelnden Schalen sollten die Episoden und Kapitel des Romans aufgereiht werden. Doch dieser Einfall erwies sich als nicht tragfähig. Erklärte Graß: "Die Schalen wurden nicht lang genug."
Nach den "Hundejahren" kann Graß mit Sicherheit ohne Sorgen und ohne Hast weiterschaffen: Schon einen Monat vor der Veröffentlichung des Romans waren 25 000 Exemplare von den Buchhandlungen fest vorbestellt. Der Bestsellerautor will nun "von Zeit zu Zeit ein Gedicht machen", will das im "Hundejahre"-Roman beschriebene Ballett "Die Gärtnerstochter und die Vogelscheuchen" zu einem regulären Libretto ausarbeiten und, nachdem die geplante "Katz und Maus"-Verfilmung durch den Tod des Regisseurs und Graß-Freundes Walter Henn vereitelt wurde, für den Berliner Produzenten Pohland einen neuen, originalen Filmstoff entwickeln. Einen neuen Roman plant er noch nicht, doch meditierte er bereits über die epische Ergiebigkeit des Themas "Vertriebenentreffen".
Im März dieses Jahres hatte Graß die "Hundejahre" abgeschlossen und den Roman - wie schon die "Blechtrommel" - in Zürich mit seinem literarischen Vertrauensmann Theodor Wieser, einem Redakteur der "Neuen Zürcher Zeitung", durchkorrigiert. Außer von Wieser läßt Graß sich vom Fischer-Lektor Wagenbach beraten, bevor er seine Werke dem Luchterhand-Verlag überläßt. Von seinen deutschen Schriftsteller-Kollegen, über die er nicht allzu viele Artigkeiten äußert, ist ihm der ebenfalls in Berlin lebende Uwe Johnson besonders befreundet - was ihn nicht hindert, Johnsons modernistische Stil-Marotten zu glossieren. Graß: "Ich habe in mein Exemplar vom ,Dritten Buch über Achim' einfach Kommas eingezeichnet - dann ist es nämlich ganz leicht zu lesen."
1960 erhielt Graß für die "Blechtrommel" den Berliner Kritikerpreis, 1963 wurde er in die Berliner Akademie der Künste gewählt. Der Autor, der vor kurzem dem Pen-Club einen Korb gab, akzeptierte die Berliner Akademie-Mitgliedschaft, "weil man sich in Berlin noch sinnvoll engagieren kann". Tatsächlich hat sich Graß von Berlin aus, wo er unlängst Kennedys Hand drücken durfte - Willy Brandt hatte ihn zusammen mit anderen Berlin-Prominenten ins Schöneberger Rathaus geladen -, vielfach als anteilnehmender Zeitgenosse engagiert.
Als Gast des Ostberliner "V. Deutschen Schriftstellerkongresses" überrumpelte er im Mai 1961 Ulbrichts Literaturfunktionäre mit unvorhergesehener Kritik an der DDR. Nach dem 13. August forderte er die DDR-Nationalpreisträgerin Anna Seghers zu öffentlichem Protest gegen die Mauer auf - er seinerseits versprach, gegen Globke zu kämpfen und in die mit antisemitischen Bildern geschmückte Kirche von Deggendorf zu spucken. Er polemisierte gegen die "irreale Position unserer Flüchtlingsverbände", empfahl die Ansiedlung von Zigeunern nahe der Berliner Mauer und konnte mit sich zufrieden sein, weil er die mißverständliche SPIEGEL-Resolution der "Gruppe 47" nicht mitunterzeichnet hatte.
Von Resolutionen und Manifesten hält Graß heute nicht mehr allzuviel. "Der Schriftsteller", meint er, "sollte sich nicht überschätzen. Er hat die Funktion des Erzählens, des Unterhaltens, des Zeitvertreibens, jedenfalls ist er nicht das 'Gewissen der Nation'." Als "Staatsbürger mit bestimmten Fähigkeiten" jedoch will der Erfolgsautor sich für einen praktischen politischen Zweck auch in Zukunft einsetzen: für den Sieg der SPD bei der nächsten Bundestagswahl.
In dem Rowohlt-Taschenbuch "Die Alternative", in dem sich 21 westdeutsche Literaten zur letzten Bundestagswahl äußerten, hatte Graß die Nonnen aufgefordert, SPD zu wählen: "Schlagt der Äbtissin ein Schnippchen!" Überdies hatte er sich 1961 aber auch als Stilist und Gagman für Willy Brandt betätigt: Er reicherte Brandt-Reden mit Kernsätzen, Schlußfloskeln und Zitaten an. Graß: "Die meisten nahm ich aus dem Büchmann oder aus der Bibel."
Diese Hilfsarbeit will der Autor der "Hundejahre" im Wahljahr 1965 verstärken und systematisieren. "Zum Beispiel", sagt Günter Graß, "spricht Willy Brandt ein sehr gutes R. Er muß also sehr viele Sätze mit R bekommen."

DER SPIEGEL 36/1963
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