28.08.1963

FUSSBALL / BUNDESLIGAGeld im Schuh

Bundesdeutschlands Fußballvolk verbrachte ein hektisches Wochenende. In Autos, Sonderbussen, D-Zügen (in denen die Bundesbahn erstmals Fußball-Rabatt bis zu 60 Prozent gewährte) und Flugzeugen eilten Tausende von Vereinsanhängern kreuz und quer durch das Bundesgebiet. Hanseaten etwa wandten sich gen Westfalen, Bayern nach Berlin, Schwaben reisten nach Gelsenkirchen. Kölner nach Saarbrücken, Kaiserslauterer nach Frankfurt.
Ursache der fußballbeflügelten Reisewut, die sich sonst nur im Mai und Juni während der Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft entlud, war der Anbruch einer neuen Epoche in Deutschlands Kicker-Historie: Die Fans wollten letzten Sonnabend in acht verschiedenen Arenen "die große Wende im deutschen Fußball" (so die Fußball-Illustrierte "Kicker") mitmachen.
Es war der Premierentag der Bundesliga-Meisterschaft, jenes neuen Spielsystems, mit dem der "Deutsche Fußball-Bund" (DFB) - der Welt größter Sport-Fachverband - seine mehr als zwei Millionen Mitglieder in eine bessere Zukunft führen will. Wie diese Zukunft aussieht, beschrieb der "Kicker": "Woche für Woche sehen wir die Besten der Besten aufeinanderprallen. Woche für Woche herrscht hier oder dort 'Endspielstimmung'. Woche für Woche hält uns eine Tabelle in Atem, die immer wieder zur Parade der Elite ganz Deutschlands aufruft."
Mit dem neuen Spielsystem will der DFB nicht nur die Zuschauer beglücken, sondern auch in seinen Elite-Kickern ein völlig neues Ballgefühl wecken: - Spitzenfußballer, die bisher monatlich maximal 400 Mark verdienen durften, können nunmehr von ihren Vereinen monatlich bis zu 1200 Mark, in Ausnahmefällen auch mehr, kassieren. Außerdem winken ihnen zusätzlich pro Jahr Sonderprämien bis zu 2000 und alle zwei Jahre Treueprämien bis zu 10 000 Mark.
- Dafür sollen sie strammere Spiele und höhere Einnahmen produzieren, indem sie die ganze Saison hindurch jene verschärfte Gangart einhalten, die nach dem bisherigen Spielsystem nur die eigentliche Endrunde abverlangte. Denn Deutschlands Fußballmeister wird nicht mehr - wie bisher - in einer sechswöchigen Endrunde mit Endspiel, sondern in einer neunmonatigen Punktrunde ohne Endspiel ermittelt.
"Die Steinzeit im deutschen Fußball ist beendet", begrüßte die "Welt" die Einführung der Bundesliga-Meisterschaft, und "Kicker"-Herausgeber Dr. Friedebert Becker lobte die DFBMänner, "die nun endlich bei uns dem Fortschritt zum Durchbruch verhalfen".
Andere Fachleute äußerten sich weniger begeistert über die neue Einteilung,
die dem deutschen Fußballvolk-durchschnittliche Wochenend-Besucherzahl: 1,25 Millionen - neuen Augenschmaus bescheren soll. Der Hamburger Nationalspieler Jürgen Werner etwa fürchtete den "Beginn der Sklavenzeit" und zog sich von dem führenden Massensport zurück. Der Oldenburger Landwirtschaftsrat Ernst Hornbostel, Vorsitzender des Norddeutschen Fußballverbandes, sann nach über die kommerzielle Bundesliga-Zukunft und fand: "Ein ganzer Teil der Vereine, die heute mit stolzen Hoffnungen in die Bundesliga einziehen, werden bei Halbzeit ein schauerliches Erwachen erleben."
"Wir alle", sagte Günther Mahlmann, Geschäftsführer des Hamburger Sport-Vereins, "haben uns in ein großartiges Abenteuer gestürzt - und keiner weiß, wie es ausgeht."
Den Sturz ins Ungewisse wagten 10 Vereine, die ein Bundesliga-Ausschuß des DFB von 46 Bewerbern wirtschaftlich und sportlich für bundesligareif befunden hatte*:
aus Norddeutschland der- Hamburger Sport-Verein, SV Werder Bremen und Eintracht Braunschweig;
- aus Westdeutschland der 1. FC Köln,
FC Schalke 04, Meidericher Spielverein Duisburg, Borussia Dortmund und SC Preußen Münster;
- aus Süddeutschland der 1. FC Nürnberg, TSV 1860 München, VfB Stuttgart, Karlsruher Sport-Club und Eintracht Frankfurt;
- aus Südwestdeutschland der 1. FC Kaiserslautern und 1. FC Saarbrücken und
- aus Berlin Hertha BSC.
Diese 16 Klubs sind in der Geschichte des deutschen Fußballsports die ersten Vereine, deren beste Spielergarnitur nicht mehr von Mitgliedern, sondern von Angestellten des Vereins gebildet wird. So schreibt es das Bundesliga-Statut vor, das die Geschäfte der neuen höchsten Spielklasse regelt.
Für die bisherige höchste Spielklasse - fünf regionale Oberligen mit zuletzt 74 Vereinen - war eine andere Regelung vorgeschrieben: das sogenannte Vertragsspieler-Statut. Es bestimmte, daß die Vertragsspieler der Oberliga-Mannschaften einschließlich Grundgehalt (50 bis 160 Mark monatlich) und Leistungsprämien nur Monatsentgelte bis zu 400 Mark netto (außerdem bis zu 100 Mark nachgewiesenen Verdienstausfall) erhalten durften.
Sonderprämien bis zu 1000 Mark (für die Erringung der Deutschen Meisterschaft) und Treuegelder bis zu 1500 Mark (für Ableistung von 500 Spielen beim selben Verein) kamen hinzu.
Bei innerdeutschem Vereinswechsel durften die Spieler kein Handgeld verlangen oder annehmen. Ihr Ablösepreis - die Entschädigungssumme für den abgebenden Verein - wurde nach einem komplizierten Schlüssel errechnet und lag im Durchschnitt bei 10000 Mark, für Nationalspieler bei etwa 15 000 Mark. Außerdem wurde ihnen ausdrücklich auferlegt, außer der
Fußballertätigkeit noch einen bürgerlichen Beruf auszuüben.
Demgegenüber nimmt sich das Bundesliga-Statut beinahe luxuriös aus. Es gestattet den 297 lizenzierten Spielern der 16 Bundesliga-Vereine bei Grundgehältern zwischen 250 und 500 Mark nicht nur höhere monatliche Gesamtentgelte (bis zu 1200 Mark), sondern verzichtet auch - im Gegensatz zum alten Vertragsspieler-Statut - auf eine einheitliche Einkommensgrenze nach oben.
Während die Mehrheit der Bundesliga-Lizenzspieler Verträge über monatlich 1200 Mark Bruttogehalt erhielt, konnten einige besonders qualifizierte Spieler, meist Nationalspieler, zu wesentlich besseren Bedingungen, zum Teil sogar zum mehr als doppelten Betrag der 1200-Mark-Norm, anheuern.
So sollen zum Beispiel verdienen:
- Uwe Seeler (Hamburger SV) 2500
Mark,
- Schäfer (1. FC Köln) 2500 Mark,
- Morlock, Wenauer und Reisch (alle
1. FC Nürnberg) je 2000 Mark,
- Küppers und Heiß (beide TSV 1860 München) je 1800 Mark.
Auch die Sonderprämien sind für Lizenzspieler heraufgesetzt worden: Für die Erringung der Deutschen Meisterschaft etwa darf an jeden Spieler der Betrag von 2000 Mark, für den Zweiten Platz 1000 und für den DFB-Pokalsieg 1500 Mark gezahlt werden.
Weitere Vorteile bietet das Bundesliga-Statut den Spielern dadurch, daß bei Vereinswechsel zu einem Bundesliga-Klub eine Ablösesumme bis zu 50 000 Mark für den abgebenden Verein frei vereinbart werden kann und 20 Prozent dieser Summe, maximal mithin 10 000 Mark, als Handgeld an den Spieler gezahlt werden dürfen - nach dem bisher für die Spitzenklasse gültigen Vertragsspieler-Statut durfte überhaupt kein Handgeld gezahlt werden. Seßhafte Bundesliga-Lizenzspieler dürfen - ein weiteres Novum - gleichfalls mit 10 000 Mark, der Treueprämie,
belohnt werden, sofern sie ihren grundsätzlich auf zwei Jahre abzuschließenden Angestellten-Vertrag mit Ihrem Verein verlängern.
Verdreifachte Standardgehälter, Handgelder, Treue-Bonus, höhere Sonderprämien und die Tatsache, daß Bundesliga-Lizenzspieler einen bürgerlichen Nebenberuf nur noch ausüben dürfen, nicht müssen, verkörpern "praktisch ein Berufsspielerturn mit beschränkten Bezügen", wie der DFB-Vorsitzende Dr. Gösmann es nannte. Mit dieser Verbesserung der Ertragslage ihrer Elitespieler hoffen- die deutschen Fußball-Oberen drei Übel zu beseitigen, die sich von Jahr zu Jahr stärker bemerkbar machten:
- Trotz Sieges auf der Weltmeisterschaft 1954 und passabler Placierungen auf den nächsten beiden Weltmeisterschaftsturnieren (Vierter Platz 1958 und Erreichen der Runde der letzten acht 1962) senkte sich das
Leistungs- und Spielniveau des deutschen Fußballs insgesamt immer mehr.
- Zahlreiche erstklassige Spieler entschlossen sich wegen der ungünstigen Tarifverhältnisse unter der DFBFuchtel, höher dotierte Posten als Berufsspieler im Ausland zu übernehmen.
- Die Bezahlungsbestimmungen des DFB wurden trotz Kontrollen und Strafen sowohl von den Vereinen als auch von den Spielern derart systematisch mißachtet, daß ein Mitglied des DFB-Sportgerichts schon vor Jahren resignierend feststellte: "Das Vertragsspieler-Statut ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse."
Das erste Übel - absinkendes Spielniveau - wurzelt unzweifelhaft im Spielsystem, nach dem seit 1903 Deutschlands Fußballmeisterschaften ausgetragen wurden.
Während andere europäische Länder, wie England, Frankreich, Spanien oder Italien, schon die stärksten Klubs des ganzen Landes zu jeweils einer
Spitzenliga zusammenfaßten, bevor überhaupt Deutsche Fußballmeister ermittelt wurden, klammerten sich die Deutschen noch bis vor kurzem zäh an ihre 60 Jahre alte Massenliga-Idee. Vorteil einer auf Spitzenliga-Basis ausgetragenen nationalen Meisterschaft: Das Publikum sieht die ganze Saison hindurch die Zweikämpfe nahezu gleichwertiger Gegner.
In der Bundesrepublik hingegen wurde die Fußballmeisterschaft bisher zweistufig abgehalten. Zunächst ermittelten (nach der letzten Einteilung) 74 Mannschaften in fünf regionalen Oberligen (Nord-, West-, Süd-, Südwestdeutschland und Berlin) ihre regionalen Meister. Diese Oberliga-Punktspiele schleppten sich fast über die ganze Saison hin. Erst am Ende der Saison inszenierten die acht Besten dieser Klubs die eigentliche Meisterschafts-Endrunde und ermittelten zwei Endspielteilnehmer, die dann im Finalspiel den Deutschen Meister auskickten. Letzter Steinzeit-Champion der deutschen Fußballgeschichte: Borussia Dortmund.
So spannend und attraktiv diese sechs Wochen währenden Endrundenspiele waren, so langweilig und unattraktiv waren häufig die sich über neun Monate erstreckenden Punktrunden der Oberligen. Die Qualität der hier produzierten Spiele unterlag großen Schwankungen und war meistens mangelhaft. Das Publikumsinteresse ließ nach, so daß zahlreiche Klubs, die ihre Spieler nach dem Vertragsspieler-Statut bezahlen mußten, bereits in finanzielle Nöte gerieten. Der Hamburger Oberligaklub Concordia etwa wurde nur durch eine 80 000-Mark-Injektion des Hamburger Sport-Vereins, dem finanzstärksten deutschen Fußballklub, vor dem Zusammenbruch gerettet.
Ursache der Misere war, daß die Oberligen an sich zwar die Spitzenklasse verkörperten, in Wahrheit jedoch nur eine Pseudo-Elite darstellten. Das Leistungsniveau der einzelnen Mannschaften war zu unterschiedlich.
Bundestrainer Sepp Herberger bemerkte den Formabfall des bundesdeutschen Fußballsports selbst bei seinen Nationalspielern. Ihnen würden im Rahmen ihrer Oberliga-Klubspiele zu selten Höchstleistungen abgefordert. Herberger war daher von jeher einer der eifrigsten Fürsprecher des neuen Bundesliga-Spielsystems: "Je früher wir die Bundesliga beschließen, desto besser."
Herbergers Sehnsucht nach einer Konzentration der besten deutschen Spieler in einer Bundesliga erklärte sich allerdings ebenso stark aus dem zweiten Übel, das dem bisher gepflegten Spielsystem zu seiner Problematik gereichte. Denn neunzig Prozent aller bei ihm akkreditierten Nationalspieler, die je hohe Angebote ausländischer Klubs erhielten, wurden schwach.
Nur zwei seiner Edlen vermochte Herberger zum Bleiben zu bewegen. Der erste war der Kaiserslauterer Fritz Walter ("Der Alte Fritz"), Kapitän der deutschen Weltmeister-Elf von 1954. Mehrere ausländische Vereine wollten sich seine fußballerischen Feldherrnkünste sichern. Die beste Offerte gab Atletico Madrid ab: Für einen Zweijahresvertrag 225 000 Mark, außerdem 4000 Mark Monatsgehalt, Prämien und freie Wohnung. Walter blieb in Deutschland, nachdem sich Herberger eingeschaltet und der Verein dem vielbegehrten Spieler die Mittel für die Einrichtung einer Wäscherei und eines Kinos vorgeschossen hatte. (Walter ist heute Generalvertreter der Polstermöbelfabrik Friedrich Wagner GmbH, Untersiema bei Coburg, und Fußball-Kommentator.)
Der zweite war der Hamburger Tor-Scharfschütze Uwe Seeler. Auch er bekam mehrere Angebote. Das höchste hinterließ Internazionale Mailand mit 1,1 Millionen Mark, von denen Seeler sofort 500 000 Mark erhalten sollte*. Wieder griff Herberger ein. Er vermittelte dem Hamburger Mittelstürmer eine Generalvertretung der Sportschuhmarke "adidas" (Fabrikinhaber: Nationalmannschafts-Schuster Adolf Dassler), die er später noch durch eine Sporttrikotagen-Vertretung (Firma Krumpholz, Schwabach) und eine Vertretung für den westfälischen Sportball-Produzenten Otto Bierstedt abrundete.
Andere hochkarätige Fußballer, fast ohne Ausnahme Nationalspieler, ließen sich jedoch nicht davon abhalten, ein Vielfaches der für sie in Deutschland erreichbaren Fußballgage künftig im Ausland zu verdienen. So gingen beispielsweise
- Ludwig Janda (Bayern München)
zum AC Novara (1949),
- Horst Buhtz (Karlsruher SC) zum
FC Turin (1952),
- Karl Heinz Spikofski (Bayer Leverkusen) zum FC Turin (1952),
- Helmut Rahn (1. FC Köln) zum SC
Enschede (1960),
- Erwin Waldner (VfB Stuttgart) zu
Spal Ferrara (1960),
- Karl Mai (Bayern München) zu
Young Fellows Zürich (1961),
- Horst Szymaniak (Karlsruher SC)
zum AC Catania (1961),
- Rudolf Kölbl (Kickers Stuttgart)
zum FC Padua (1961),
- Klaus Stürmer (Hamburger SV)
zum FC Zürich (1961),
- Helmut Haller (BC Augsburg) zum
AC Bologna (1962),
- Rolf Geiger (VfB Stuttgart) zum FC
Mantua (1962)
und als letzter prominenter deutscher Nationalspieler im Jahr vor dem Start in die Bundesliga auch
- Albert Brülls (Borussia Mönchengladbach) zum FC Modena (1962).
Alle kassierten als Handgeld fünfbis sechsstellige Summen, wobei Neo-Profi Brülls mit 270 000 Mark die Spitze hielt und sich von allen deutschen Fußball-Emigranten auch das teuerste Auto zulegte: einen Ferrari-Sportwagen.
Ohne Zweifel wären noch viel mehr Angehörige der bundesdeutschen Balltreter-Aristokratie dem Ruf italienischer Einkäufer gefolgt, hätten sie sich nicht - wie etwa der Nürnberger Strehl oder der Saarbrücker Vollmar bereits in Deutschland vertraglich festgelegt, bevor die Offerten eintrafen.
Ebenso unbezweifelbar war allerdings auch, daß alle ins Ausland abgewanderten deutschen Spitzenspieler ihre Koffer gepackt hatten, obwohl sie unterderhand bei ihren alten Vereinen längst einen finanziellen Sonderstatus genossen. Auf sie traf zu, was die "Deutsche Zeitung" so umschrieb: "Ein Nationalspieler lebt während der Saison wie ein Voll-Profi, begünstigt durch eine berufliche Stellung, die ihm Gehalt garantiert, die Arbeitsleistung jedoch in sein Ermessen stellt."
Scheinstellungen, schwarze Kassen und unkontrollierbare Zuwendungen durch fußballbegeisterte Gönner der Vereine für die Spieler bildeten das dritte Übel, das der DFB durch die Gehaltsaufstockungen und den Übergang zur Bundesliga ausrotten will.
Nun scheint es allerdings wie das Biertrinken zur Tradition des deutschen Fußballsports zu gehören, die Bestimmungen über finanzielle Entgelte der Spieler zu durchbrechen. Je publikumswirksamer und geldträchtiger der Fußball nach mageren Gründerjahren wurde, desto stärker trachteten die Spieler danach, sich die Kraft ihrer Wadenmuskeln und Kniegelenke bezahlen zu lassen.
Schon im Jahre 1919 mußten der DFB und seine Unterverbände einen förmlichen Großangriff auf ihr derzeit gültiges Amateur-Statut abwehren. Zwei Männer, die Gebrüder Eydinger aus Budapest, riefen in Berlin den Berufsfußball aus. Sie heuerten einige Amateure an, die nach den offiziellen Bestimmungen keinerlei Entgelte empfangen durften, und wollten von Berlin aus Deutschland erobern.
Der Spuk aus der Pußta war zwar nach sechs Wochen wieder verschwunden, aber die Sportgerichte mußten sich fortan immer häufiger mit Verstößen gegen die Amateurbestimmungen befassen.
Im Jahre 1921 geriet jener Mann vors Tribunal, der 33 Jahre später dem deutschen Fußball zu seinem größten internationalen Triumph verhalf: Josef Herberger. Der Weltmeister-Trainer von 1954 war damals Stürmer beim Sportverein Waldhof-Mannheim. Als ihm der Lokalrivale Phönix rund 5000 Mark bot, schien. Herberger ein Wechsel angezeigt. Er nahm das Geld, gab es jedoch zurück, nachdem er sich entschlossen hatte, einem dritten Mannheimer Klub, dem "Verein für Rasenspiele", beizutreten. Herberger wurde zum Profi erklärt, jedoch bald begnadigt.
Welchen Umfang das Anheizen fußballerischen Kampfgeistes mit heimlichen Zahlungen bald - angenommen hatte, erfuhr die breitere Öffentlichkeit, als' im Jahre 1930 eine Spruchkammer des "Westdeutschen Spielverbandes" über den FC Schalke 04 zu Gericht saß. Acht Schalker Vorstandsmitglieder wurden für schuldig befunden, das Fußball-Amateur-Statut durch Zahlungen an ihre Spieler aus einer schwarzen Kasse verletzt zu haben. Die Funktionäre wurden aus dem Verband ausgeschlossen, 14 Spieler zu Berufsspielern gestempelt.
Damit war die gesamte Erste Mannschaft Schalkes ausgeschaltet. Und obwohl die Schalker wußten, daß andere Vereine ihre Spieler auf die gleiche Weise bezahlten, nahm sich der Vereinskassierer, Willi Nier, das Urteil so zu Herzen, daß er seinem Leben durch einen Sprung in den Rhein-Herne-Kanal ein Ende setzte.
Was vorher den zwei ungarischen Brüdern in Berlin mißglückt war, versuchten jetzt die verurteilten Schalker Spieler in Köln: Sie gründeten eine Berufsspieler-Organisation. Da jedoch außer ihnen selber keine Berufsspieler in Deutschland existierten, ging die Gründung der verzweifelten Schalker bald wieder ein. Nach einem Jahr erst durften sie sich wieder in die Meisterschaften der Amateure einschalten.
Unterdes waren sich auch die Fußball-Oberen darüber klargeworden, daß eine neue Organisation der Meisterschaftsaustragung und eine Legalisierung der Spielerbezahlung vonnöten war. Schon 1930 verkündete der DFB:
"Das Berufsfußballspiel wird von dem Deutschen Fußball-Bund als dem international anerkannten Fußballverband gemäß den FIFA-Satzungen* kontrolliert. Berufsfußballspieler ist, wer aus seiner -Tätigkeit als Fußballspieler unmittelbar oder mittelbar wirtschaftlichen Gewinn erzielt."
Die führenden Vereine waren sich längst über die Einrichtung einer professionellen Reichsliga einig, und der Bundestag des DFB hatte im Jahre 1932 auch schon einen entsprechenden Beschluß gefaßt, da ergriff ein brauner Nichtfußballer die Macht im Sport: Mit Tschammer kam der Jammer. Hitlers Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten löste den DFB und seine Unterverbände auf. Und statt die beabsichtigte Konzentration der Spitzenklasse zu fördern, zerhackte er das Spielsystem in noch kleinere Stücke und bildete 16 Gaue, die ihre eigenen Meisterschaften ausspielen mußten.
Doch konnte selbst Tschammer nicht verhindern, daß die Spieler der großen Vereine weiterhin heimlich ihre verbotenen Zuschüsse kassierten. Das Geld
fand sich meist wie von ungefähr in den Schuhen, die in den Spielerkabinen zurückblieben, Während die Spieler auf dem kurzgeschorenen Felde ihrer Ehre weilten. Erinnerte sich der einstige HSV-Nationalspieler Frido Dörfel: "Wir haben ... in den Schuh geschaut, ob ein Schein drin lag. Bei größeren Beträgen lief alles noch einmal so gut."
Auch in Tschammers DFB-Ersatz "Reichsfachamt Fußball" setzte sich daher bald die Überzeugung durch, daß ein zentralisiertes Spielsystem und eine reguläre Bezahlung der Spieler für die Schlagkraft der Kicker des Dritten Reiches nur förderlich sein konnte. So wurde, 1939, abermals der Aufbau einer Reichsliga geplant. Es blieb wieder nur beim Planen: Die fachamtliche Reichsliga fiel diesmal dem Krieg zum Opfer.
Nach 1945 waren zwar die Gaue verschwunden, dafür aber war das Land in Zonen eingeteilt. Als erster regionaler Verband bildete sich der Süddeutsche Fußballverband.
Er war es auch, der als erste Institution der deutschen Kickergeschichte ein offizielles Bezahlungssystem durchsetzte: Die Spieler der süddeutschen Oberliga-Vereine wurden 1948 zu Vertragsspielern erhoben und durften aufgrund von Verträgen mit ihren Klubs monatlich einen aus Grundgehalt und Leistungsprämien bestehenden Betrag von 320 Mark brutto kassieren. Der Stuttgarter Fußballfunktionär und Regierungsrat Kurt Müller, der das Vertragsspieler-Statut als Basis dieses Bezahlungssystems entworfen hatte, verkündete damals: "Der Vertragsspieler ist nichts anderes als der für deutsche Verhältnisse passende Berufsspieler." Dem DFB, der 1949 wieder auferstand, gefiel das Statut so gut, daß er es noch im selben Jahr auch den übrigen Regionalverbänden zugestand.
Statut-Vater Müller mußte freilich bald erkennen, daß die Spieler mehr verlangten und in den größeren Vereinen insgeheim auch bekamen, als ihnen das Statut zubilligte.
Schon damals entstand bei den Vereinen an Rhein und Ruhr, wo sich neben dem Bierkonsum auch die Fußballbegeisterung am kräftigsten entwickelte, die Idee einer professionellen Deutschland-Liga. Der Westdeutsche Fußballverband trug sie Ende 1952 dem DFB vor und begründete:
"Die großen und kleinen Sünden unserer Vertragsabteilungen sind bekannt... Es muß mit aller Klarheit darauf hingewiesen werden, daß wir bereits den Berufsfußball haben; es kommt lediglich darauf an, das Vertragsspieler-Statut durch ein Statut der Berufsspieler zu ändern."
Als "heiligste Verpflichtung" aller Funktionäre bezeichnete der Verband der Sündenbekenner, "daß die unbedingte Sauberkeit in unserem Lager wiederhergestellt wird".
Allein, das Lager blieb schmutzig. Statt das Statut zu erweitern, drohten die Fußball-Oberen für Verstöße gegen die Bestimmungen schärfere Strafen an
und verpflichteten die Vertragsspieler-Klubs, künftig jedes Vierteljahr eine Bilanz aufzustellen, in die dann vom DFB bestellte Kontrolleure ihre Nasen stecken sollten.
Die sündhafte Wirklichkeit des Vertragsspielertums wurde allerdings zwischen den Buchhalternasen der Vereinsbilanzen kaum sichtbar: "Die Beschaffung der schwarzen Mittel geht außerhalb der Vereinsbuchführung vor sich", stellte Statut-Müller fest.
Der DFB erlaubte daher den Vereinen im Jahre- 1954, die monatlichen Entgelte ihrer Vertragsspieler von 320 Mark brutto auf 320 Mark netto (Steuern und Sozialabgaben durfte nunmehr der Verein zahlen) zu erhöhen. Außerdem durften die Spieler 100 Mark Weihnachtsgeld und in bestimmten Grenzen auch Darlehen vom Verein erhalten. Der damalige DFB-Präses Peco Bauwens lud die Vertreter der Vertragsliga-Klubs nach Köln und nahm ihnen eine Art Gelübde ab, sich künftig strikt an das Statut zu halten. Stehend lauschten die Vereins-Chefs dem von Bauwens gegebenen Motto: "Üb' immer Treu und Redlichkeit."
Was es mit Treu und Redlichkeit im deutschen Fußball in Wahrheit auf sich hatte, konnte man in den folgenden Jahren an -den immer zahlreicheren Sportgerichtsverhandlungen wegen Verstoßes gegen das Vertragsspieler-Statut deutlich ablesen. Einerseits schraubten die Spieler ihre Forderungen immer höher, andererseits waren auch die Vereine bereit, um den Preis einer spielstarken und publikumswirksamen Mannschaft das Statut zu umgehen.
So behauptete sich der Fußball im aufkeimenden Wirtschaftswunder als eine der letzten Bastionen des, Schwarzen Marktes. "Das notwendige Übel", schrieb die Münchner "Abendzeitung", "sind die verbotenen Handgelder, ohne die kein Verein einen wertvollen Spielerzuwachs bekommen kann."
Selbst der hanseatisch-kühl kalkulierende HSV verhakelte sich vor zehn Jahren in den Spielregeln der schwarzen Fußballbörse, als er einen Bremer Ballstrategen namens Willy Schröder gegen ein (verbotenes) Handgeld von 15 000 Mark nach Hamburg heuerte. Der HSV mußte 10 000 Mark Geldstrafe zahlen und auf Schröder verzichten; Schröder mußte die 15 000 Mark zurückzahlen und wurde ein Jahr gesperrt, allerdings wenig später begnadigt.
Wegen ähnlicher Delikte wurden beispielsweise auch die Klubs Schwarz-Weiß-Essen, Duisburger SV, Preußen Münster, SV Wiesbaden, SV Sodingen, TSV 1860 München, SSV Reutlingen, Viktoria Aschaffenburg, Viktoria 89 Berlin, Wuppertaler SV, VfB Stuttgart, Schalke 04, Bayern München, Spielvereinigung Fürth und Borussia Neunkirchen mit Geldstrafen von 1500 bis 10 000 Mark, Spielersperren und Abzug von Tabellenpunkten bestraft.
"Die Tätigkeit im Verein ist die Tätigkeit an der Front", verteidigte sich Dr. Fritz Walter, Vorstandsmitglied im DFB, als der von ihm geführte VfB Stuttgart wegen Manipulationen wider das Statut angeklagt war. Und Eberhard Haaga, Spielausschußvorsitzender des Vereins, sagte dem Sportrichter, dem Hamburger Landgerichtsdirektor Dr. Riebow: "Wenn Sie... an unserer Stelle wären und müßten mit Fußballern über die Strecke kommen, und wir wären an Ihrem Platz, dann möchte ich mal sehen,
ob Sie nicht nach spätestens zwei Jahren da säßen, wo wir heute sitzen."
Nur die Minderheit aller Statut-Sünder wurde gefaßt. Aber sogar Weltmeister-Kapitän Fritz Walter und sein 1. FC Kaiserslautern kamen 1957 auf die Anklagebank. Gegenstand der Anklage waren jene Darlehen (ohne Darlehensvertrag) -über zusammen 45 000 Mark, mit denen Deutschlands populärster Fußballer in die Wäscherei- und Kino: branche einstieg, statt für 225 000 Mark Handgeld und 4000 Mark Monatsgehalt in Spanien Berufsspieler zu werden.
"Er sollte und mußte für den deutschen Fußballsport erhalten bleiben", ging Bundestrainer Herberger damals für seinen Lieblingsschüler auf die Barrikaden. Tatsächlich wurde Walter freigesprochen, "weil er das statutenwidrige Darlehen ohne Schuldbewußtsein angenommen hat", und nachträglich zum "Sonderfall" erklärt. Der Verein dagegen wurde wegen eines "objektiv sehr erheblichen" Verstoßes gegen das Statut zu 3000 Mark Geldstrafe verurteilt.
Der FC Schalke 04, bei dem die Steuerfahndung schon bis 1953 unversteuerte Lohnzahlungen in Höhe von 283 000 Mark ermittelt hatte, setzte sich hingegen derart rigoros über das Statut hinweg, daß die Staatsanwaltschaft sechs Schalker Funktionäre und einen Verwaltungsrat der Stadt Gelsenkirchen wegen Umsatzsteuer-, Lohnsteuer- und Vergnügungssteuerhinterziehung sowie Urkundenfälschung und Betrug angeklagt hat. Die Funktionäre taten allerdings laut Anklageschrift "alles nur für den Verein, für- ihren FC Schalke 04".
Prominentester Angeklagter ist Schalke-Chef Dr. Hans-Georg König, dessen Stellung als Gelsenkirchener Stadtkämmerer Schalkes Finanz-Tricks keineswegs erschwerte. Den Beschuldigten wird angelastet, sie hätten von 1953 bis 1961
- 99 644 Mark Lohnsteuer,
- 30 986 Mark Vergnügungssteuer und
- 11 607 Mark Umsatzsteuer hinterzogen und außerdem
- den Westdeutschen Fußballverband um 14 761 Mark Verbandsabgaben und
- den DFB um 15 505 Mark "Sportgroschen" betrogen.
Einschließlich unkorrekt beschaffter Darlehen werden die Angeklagten insgesamt für 239 650 Mark, die sie als Prämienzahlungen in Fußballspieler investierten, strafrechtlich verantwortlich gemacht. Von dem Geld erhielten laut Anklageschrift etwa die Spieler Zastrau 15 000 Mark, Horst 30 000 Mark, Schulz 25 000 Mark und Kuster 10 000 Mark in bar, die Spieler Kreuz für 4000 Mark, Kördel, Koslowski und Nowak für je 15 000 Mark Möbel.
Inzwischen hatten, obwohl das Vertragsspieler-Statut 1959 nochmals - auf ein monatliches Spielerentgelt von 400 Mark netto - gelockert worden war, die Verfechter einer radikalen Änderung des Spiel- und Bezahlungssystems unablässig gedrängelt und schließlich den Fußball-Bundestag und die DFBInstanzen überzeugt. In Berlin, wo einst ungarische Fußballspieler den deutschen Berufsfußball proklamierten, beschlossen die Fußballer am 29. Juli 1961, die Einführung einer Bundesliga ernsthaft zu prüfen. Ein Jahr später, am 28. Juli 1962 in Dortmund, kamen die Vereinsabgeordneten dann überein, der "Bundesliga - auf Lizenzspieler-Basis" die Erlösung von allem Fußball-Übel anzuvertrauen.
Ausschlaggebender Faktor für diese Flucht nach vorn: der Fiskus. Denn einer Bundesliga-Kommission des DFB war es in Verhandlungen mit den Finanzministerien gelungen, den deutschen Fußballern trotz der - Gehaltserhöhungen ihre Gemeinnützigkeit zu erhalten. Dieser rechtliche Status stuft den Sportklub als "Idealverein" ein (zum Unterschied von der kommerziellen Zweckgemeinschaft), bewahrt ihn vor Körperschafts-, Vermögens- und Gewerbesteuer und gestattet überdies, die Vergnügungssteuer zu ermäßigen. Somit bleiben auch die Bundesliga-Vereine in der Lage, mit den Überschüssen ihre zahlreichen Amateurabteilungen - auch anderer Sportsparten - zu fördern.
Aus diesem Grund muß auch die Vereinsmitgliedschaft der Bundesliga-Lizenzspieler für die Vertragsdauer ruhen und durch ein Angestelltenverhältnis ersetzt werden. Und aus demselben Grund müssen alle Lizenzspielergehälter über-1200 Mark - wie etwa für Uwe Seeler, Morlock und Schäfer vom zuständigen Betriebsfinanzamt ausdrücklich genehmigt werden. Nach gutachtlicher Prüfung dieser Gehaltsfragen durch den Bundesliga-Ausschuß wird die finanzamtliche- Zustimmung nach den bisherigen Erfahrungen nicht verweigert.
Nachdem die Bundesliga beschlossen war, konnten sich die Klubs in Form einer Ausschreibung um einen Platz bewerben. 46 Bewerber reichten ihre Unterlagen ein: Der Ausschuß wählte die Bundesliga-Vereine nach einem Schlüssel aus, der nicht nur die sportliche, sondern auch die wirtschaftliche Qualifikation zugrunde legte - aber nur 16. Vereine durften zugelassen werden.
Dabei ergab sich, daß Vereine wie Bayern München, Kickers Offenbach und Alemannia Aachen, die gewiß die Bunelesliga-Bedingungen erfüllen könnten, nicht berücksichtigt wurden. Trotz wütender Proteste - die Offenbacher wollen sogar gerichtlich feststellen lassen, ob der DFB rechtmäßig gehandelt hat - bleibt diesen Klubs nur die Möglichkeit, sich im nächsten Jahr für die Bundesliga zu qualifizieren.
Dieser harte Weg in die Bundesliga führt über regionale Vertragsligen (Nord, West,- Süd, Südwest und Berlin), die nach den Bedingungen des alten Vertragsspieler-Statuts ihre Meisterschaftsrunden spielen und den Auf- und Abstieg mit der Bundesliga regeln. Zwei Bundesliga-Vereine müssen am Ende der Saison absteigen. Um diese beiden Plätze sollen sich die acht besten Vereine der Regional-Ligen in einer besonderen Punktrunde streiten, sofern sie in die Bundesliga möchten.
Freilich: Nach der sportlichen Qualifikation- müssen diese Vereine vor dem Bundesliga-Ausschuß darlegen, daß sie auch wirtschaftlich für die Spitzenliga geeignet sind. Mithin ist zu befürchten, daß Vereine, die heute noch wirtschaftliche Bundesliga-Reife aufweisen, ihre finanzielle Potenz nach einem Jahr
Spieldauer in der weniger attraktiven Regional-Liga eingebüßt haben.
Es gibt jedoch auch Spieler, die gar nicht in der Bundesliga-spielen wollen. So verließ etwa Stürmer Fritzsche den Bundesliga-Klub HSV, um sich dem Vertragsspieler-Klub KSV Hessen Kassel anzuschließen. Fritzsches Begründung: Als Vertragsspieler verdiene er zwar weniger, könne sich jedoch um seine berufliche Zukunftssicherung kümmern. Das sei einem Bundesliga-Spieler dagegen kaum-noch möglich. Tatsächlich sind sämtliche Bundesliga-Klubs von bisher zweimal wöchentlichem Training bereits auf tägliches und noch härteres Training übergegangen.
Ebenfalls vom HSV stammt ein Bundesliga-Gegner aus ethischen Motiven, Nationalspieler Jürgen Werner: "Selbst für 300 000 Mark in den nächsten fünf Jahren" wollte er nicht Bundesliga-Spieler werden. Er zog sich vom aktiven Fußballspiel ganz zurück, weil er befürchtet, mit dem "großen Geldverdienen" werde eine Art Fronzeit der Hochleistungs-Fußballer beginnen. Daß außerdem unterschiedliche Gehälter gezahlt werden, breche das Gleichheitsprinzip in der Mannschaft und gefährde den Zusammenhalt: "Da Unterschiede gemacht werden, ist jeder des anderen Nebenbuhler, nicht Kamerad."
Die Vereine selber setzen sich nach Meinung zahlreicher Praktiker der Gefahr aus, daß sie infolge der hohen fixen Kosten finanziell überfordert werden, falls sich der erwartete Zuschauerstrom nicht einstellen will. Das Dilemma kann eintreten, wenn schon frühzeitig über Meisterschaft und Abstieg entschieden wird, aber auch generell über Vereine hereinbrechen, die sich für die obere Tabellenhälfte als zu schwach erweisen und somit für das Publikum weniger attraktiv sind.
Ein Bundesliga-Klub ohne Spieler mit Ausnahmegehältern benötigt nach fachmännischen Kalkulationen eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 15 000 Besuchern je Spiel und eine Jahreseinnahme von 800 000 Mark, ein Großverein mit höherem Aufwand sogar 25 000 Zuschauer und etwa 1,3 Millionen
Mark Einnahme. Diese Summen wurden in den Vertragsliga-Meisterschaften der letzten Jahre nur vereinzelt erzielt.
So unsicher das wirtschaftliche Bundesliga-Fundament auch anmutet, so sicher ist ein vom -DFB zur Überwachung eingesetzter Kontrollausschuß, daß Bundesliga-Vereine und -Spieler schon vor dem ersten Anstoß gegen ihr neues Statut verstoßen haben:
- Schalke 04 und der Karlsruher SC wurden vom Kontrollausschuß angeklagt und vom DFB-Sportgericht zu je 10 000 Mark Geldstrafe und Abzug von vier Punkten verurteilt, weil sie nach Ansicht des Gerichts ein unzulässiges Koppelgeschäft abwikkelten. Begründung: Die Karlsruher hätten ihren von Schalke umworbenen erstklassigen Stürmer Herrmann nicht für die höchstzulässige Ablösesumme von 50 000 Mark hergeben wollen und erst ziehen lassen, nachdem Schalke auch den weniger qualifizierten Karlsruher Reservespieler Lambert für 50 000 Mark zu übernehmen bereit war. Die verurteilten Vereine legten Berufung ein.
- Lizenzspieler Kraus (TSV 1860 München) wurde mit acht Monaten Sperre bestraft, weil er bei Verhandlungen mit dem Karlsruher SC (Kraus: "Ich kannte damals das Statut noch nicht genau") statt der zulässigen 10000 Mark Handgeld 50 000 Mark verlangt hatte. Kraus konnte nach der Verurteilung nur hoffen, daß die Berufungsinstanz, das DFB-Bundesgericht, seinen Fall günstiger beurteilen werde.
Weitere Gerichtsfälle zeichnen sich ab. Das Nürnberger "Sport Magazin" teilte mit, es "könnte aus dem Handgelenk zehn Spieler aufzählen, die nie und nimmer für das erlaubte Handgeld von 10 000 Mark ihre Vereinsfarben wie das
wöchentliche Hemd gewechselt haben". Und: "Wenn Amateure vor Unterzeichnung eines Vertrages (bei einem Vertragsspieler-Klub) schon 10 000 Mark Handgeld und einen nagelneuen Wagen im Werte von 10 000 Mark fordern, dann verkaufen sich erstklassige Fußballer mit Namen doch nicht billiger. Die Bestimmungen für Lizenzspieler ... werden genauso mit Füßen getreten wie das ...Vertragsspieler-Statut."
Dessenungeachtet zog Bundestrainer Herberger bereits sportliche Bundesliga-Bilanz im Hinblick auf -seine Nationalspieler: Es gehe ihnen "jetzt schon im Verein in Fleisch und Blut über, was ihnen ansonsten erst in der Nationalmannschaft begegnete ... Die Spieler kommen besser vorbereitet zu den Länderspielen, als das in den hinter uns liegenden Jahren der Fall war".
Einen weiteren Hauptzweck kann die Bundesliga allerdings auf keinen Fall erfüllen. Dr. Bauwens, damals noch DFBPräses, argumentierte noch vor anderthalb Jahren: "Wir müssen auch den Ausverkauf unserer guten Spieler durch die Bundesliga verhindern." Und noch bis vor kurzem herrschte im DFB-Vorstand die Überzeugung: "2000 Mark in Deutschland sind unseren Spielern lieber als 4000 Mark in Italien." Doch die Lage an der Fußballfront blieb auch hier ernst.
Denn bevor noch der erste Bundesliga-Ball getreten war, hatten sich abermals zwei der stärksten deutschen Nationalspieler nach Italien verdungen: Karl-Heinz Schnellinger (1. FC Köln), "Fußballer des Jahres 1962", schlüpfte für 1,1 Millionen Mark (davon 500 000 Mark Handgeld) in das Trikot des FC Mantua, Jürgen Schütz (Borussia Dortmund) ging für 800 000 Mark (400 000 Mark Handgeld) zu AS Roma.
Der ständige Aderlaß wird vermutlich erst aufhören, wenn deutsche Bundesliga-Spieler keinen Nebenberuf mehr ausüben dürfen und wirklich konkurrenzfähige Bezüge erhalten, wenn mithin eintritt, was Bundesliga-Spielleiter Walter Baresel aus Hamburg jüngst prophezeite: "In fünf Jahren haben wir richtigen Profi-Fußball in Deutschland."
* Auf DFB-Beschluß durften nur 16 Vereine für die Bundesliga zugelassen werden, und zwar je fünf aus West- und Süddeutschland, einer aus Berlin, drei aus Nord- und zwei aus Südwestdeutschland.
* Die von italienischen Profiklubs angebotenen Summen umfassen in der Regel das Handgeld für den Spieler, die Ablösesumme (Transfergeld) für den abgebenden Verein und eine Art Importzoll für den italienischen Fußballverband.
* FIFA = Internationaler Fußball-Verband.
Endspiel-Fans 1963, Sieger Borussia Dortmund: Steinzeit beendet
HSV-Bundesligaspieler im Training: Sklavenzeit eröffnet
Bundesliga-Star Uwe Seeler (liegend): Elite kassiert doppelt
Fußballer Herberger 119291
5000 Mark zurückgegeben
Reichssportführer Tschammer, Fußballer (1936): Heimlich in den Schuh gezahlt
DFB-Chefs Gösmann, Bauwens
Stehend Treue gelobt
Bundesliga-Gegner Werner
Nebenbuhler verabscheut
Weltmeisterkapitän Fritz Walter, Ehefrau Italia: Waschsalon bevorzugt
Die Zeit
Sport oder Handel?
Fußballer Schütz
Trotz Bundesliga... Fußballer Schnellinger
... nach Italien

DER SPIEGEL 35/1963
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