11.09.1963

LANDTAGSNEUBAUWohl unschön

Der hannoversche Stararchitekt Professor Dieter Oesterlen ist bereit, für sein Prestige als Konstrukteur imposanter Gebäude auf 3200 Mark Honorar zu verzichten.
Diese Summe schuldet ihm das Landtagsneubauamt Hannover, und es denkt nicht daran, zu zahlen. Oesterlen aber zögert mit einer Klage. Ein Prozeß würde alle Welt über Usancen des Stararchitekten unterrichten, die in einem internen Schriftsatz des Landtags "wohl als unschön" bezeichnet wurden.
Den Grund zu dieser Rüge sahen die Hausjuristen des niedersächsischen Landtags in Oesterlens Versuch, die Schuld an schwerwiegenden Mängeln in dem von ihm mit knapp 20 Millionen Mark Kosten neugebauten Parlament seinem Kollegen Professor Thienhaus anzulasten.
Die Mängel machten sich ausgerechnet in jenem Teil des Neubaus bemerkbar, der schlechthin als Herzstück eines Parlamentsgebäudes gilt: im Plenarsaal. Schon die Einweihungsrede, die Bundespräsident Lübke am 11. September vorigen Jahres hielt, war in manchen Reihen nur als Wispern zu vernehmen gewesen.
In ausnahmslos jeder der seither veranstalteten 25 Plenarsitzungen führte die verschrobene Akustik des Saals zu Unmutsäußerungen wie etwa: "Herr Präsident, hier ist kein Wort zu verstehen." Oder: "Herr Präsident, ich weiß nicht, worum es sich handelt, weil ich einfach nichts verstehen konnte."
Der damalige Landtagspräsident Karl Olfers, gelernter Zimmermann, der dem Architekten Oesterlen bei der Eröffnungssitzung noch den Dank des Hauses "für diese einmalige Leistung" ausgedrückt hatte, war zunächst geneigt, über die akustischen Besonderheiten des Plenarsaals zu scherzen.
Als Olfers eine seiner Ansprachen stehend hielt und die Abgeordneten, die nichts hören konnten, ihm zuriefen, er möge sich hinsetzen, erwiderte der Präsident: "Dann ist die Anlage sehr gut, weil sie für mich bequem ist."
Aber Richard Lehners, der nach der Neuwahl des Landtags die Präsidentschaft übernahm, erinnert sich: "Ich war damals noch Abgeordneter. Vorn konnte man den Präsidenten und hinten die Redner nicht verstehen."
So beschloß das Landtagspräsidium, von dem Göttinger Akustik-Professor Meyer ein Gutachten einzuholen und Fachleute der Firma Siemens um die provisorische Behebung des Defekts zu bitten.
Die Siemens-Leute, die fortan während der Plenarsitzungen mit Meßgeräten durch die Abgeordneten-Reihen huschten, ließen die feinen Hölzer der Wandbekleidung mit tristen grauen Wolldecken verhängen, und Akustik-Professor Meyer gutachtete; Das starke Echo im Saal rühre unzweifelhaft von der unvorteilhaften Rundung der Rückwände her. Meyers Therapie: Umbau des gesamten Saals. Schaden: 100 000 Mark.
Das Landtagspräsidium akzeptierte die Roßkur. Zugleich ließ es nachprüfen, inwieweit Hausarchitekt Oesterlen
für den Schaden verantwortlich gemacht werden könnte. Dabei ergab sich, daß Oesterlen sich auf den mit ihm abgeschlossenen Vertrag berufen konnte, wonach die "akustischen Sonderfragen" nicht von ihm zu bearbeiten waren.
Auf Vorschlag Oesterlens war für die Akustik eigens der Professor Thienhaus engagiert worden, der in Detmold das sogenannte Tonmeister-Institut der Nordwestdeutschen Musik-Akademie leitet und den Oesterlen häufig zu akustischer Beratung heranzieht.
In seinem Akustik-Vertrag mit dem Landtagsneubauamt hatte Thienhaus - entgegen jeder Regel - tatsächlich "volle Garantie" für gutes Hören im Plenarsaal übernommen und mitgeteilt, er werde "in jedem Fall" für Schäden bis zu 10 000 Mark einstehen.
Hinzu kam, daß Oesterlen einen Brief präsentieren konnte, in dem Thienhaus
am 7. Januar 1963 bestätigte, "alle für die Akustik wichtigen Zeichnungen des Plenarsaals gesehen zu haben, die in Zusammenarbeit mit mir entstanden sind. Hinzufügen möchte ich, daß die Verantwortung für die inzwischen festgestellten Mängel selbstverständlich bei mir als dem akustischen Berater liegen und nicht auf Ihrer Seite".
Dieses schriftliche Schuldbekenntnis schien den hannoverschen Landtags -Oberen nicht recht mit den mündlichen Beteuerungen übereinzustimmen, die Thienhaus vor den Herren des Neubauamts verschiedentlich abgegeben hatte.
Laut Protokoll hatte Thienhaus bei einer Unterredung im Neubauamt beispielsweise eröffnet, er habe als Akustiker immerfort versucht, "von bestimmten gestalterischen Bindungen" freizukommen, sei aber "in der Zusammenarbeit mit dem Architekten aus einer gewissen Gutmütigkeit heraus der Schwächere gewesen".
- Zur Rede gestellt, erzählte Thienhaus schließlich eine dritte Version: Durch ein Telephonat mit seiner Sekretärin habe Oesterlen ihn schon vor Weihnachten 1962 "dringend darum bitten lassen, alle Schuld auf mich zu nehmen; er (Oesterlen) würde ... schon dafür sorgen, daß die Angelegenheit für mich glimpflich abliefe".
Während des Plenarsaalbaus, so offenbarte Thienhaus in einem vertraulichen Schreiben an das Neubauamt, habe Oesterlen ihn dringend gebeten, seine Bedenken nicht zu erwähnen, weil sonst die architektonische Wirkung des Saals zerstört werden könnte.
Thienhaus: "Gewiß war es falsch, diesem Ersuchen des Architekten nachzugeben." Doch sei dies vielleicht "aus menschlichen Gründen verständlich".
Kein menschliches Verständnis fanden Präsidium und Neubauamt des Landtags allerdings angesichts einer weiteren Enthüllung, die Thienhaus zu machen hatte: Das Schuldbekenntnis war dem Akustik-Professor vom Architekten Oesterlen in die Feder diktiert worden.
Bekannte Thienhaus: "... rief mich Herr Professor Oesterlen an und erbat sich von mir den besagten Brief, dessen Text er mir am Telephon diktierte". Oesterlen "fügte hinzu, den Brief lediglich zu seiner eigenen Beruhigung haben zu wollen".
Angesichts solcher besonderen Umstände befanden die Hausjuristen des Landtags trotz der eindeutigen, für Oesterlen günstigen Vertragslage: "Moralisch trägt Professor Oesterlen ... die Mitverantwortung." Und: "Wenn jetzt Professor Oesterlen jede Mitschuld ablehnt, so ist das ein Verhalten des Professors Oesterlen, das wohl als unschön bezeichnet werden darf."
Rein rechtlich indes, so mußten die Landtagsjuristen einsehen, verspreche "die Geltendmachung eines Schadenersatzanspruchs ... keine Aussicht auf Erfolg", so daß der 100 000-Mark-Schaden nur zu einem Teil gedeckt werden kann.
Thienhaus (Honorar: 1900 Mark) soll mit den von ihm gewährleisteten 10 000 Mark in Anspruch genommen werden. Oesterlen (Honorar: 312 000 Mark) erhält 3200 Mark Resthonorar nicht ausgezahlt.
Landtagspräsident Lehners: "Soll er doch klagen, dann kommt die ganze Geschichte heraus."
Parlaments-Architekt Oesterlen
Dem Kollegen am Telephon ...
Plenarsaal in Hannover
... das Schuldbekenntnis diktiert?

DER SPIEGEL 37/1963
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