25.09.1963

ITALIEN / KUNSTRAUB

Herkules nach Pasadena

Rodolfo Siviero, 45, alarmierte in der letzten Woche von Rom aus Interpol. Der vermögende Florentiner, ehrenamtlicher Chef des italienischen Amtes für die Wiedergewinnung verschleppter Kunstschätze, hatte über einen englischen Konfidenten den Aufenthaltsort eines Stillebens des niederländischen Meisters Jan van Huysum aus dem 17. Jahrhundert ermittelt.

Es ist eines von zehn Miniatur-Gemälden, "Montagnana-Gruppe" genannt, die, im Krieg gestohlen, vom Kunst -Detektiv Siviero - bis auf drei - wieder aufgestöbert und repatriiert worden sind.

Die weltweite Irrfahrt der zehn Miniaturen begann im Frühjahr 1944. Italiens faschistische Regierung hatte die weltberühmten florentinischen Gemäldesammlungen des Palazzo Pitti und der Uffizien in ein Schloß nahe der Arnostadt verlagert. Als die Front näherrückte, sollte eine Einheit der deutschen 362. Infanterie-Division den Gemäldehort in ein Südtiroler Refugium schaffen. Bei diesem Transport verschwand eine kleine Kiste, die zehn Gemälde enthielt.

19 Jahre lang forschte Rodolfo Siviero, von dem Polit-Philosophen und damaligen Minister Benedetto Croce 1944 mit der Suche nach verschwundenen Kunstwerken betraut, vergebens nach den Bildern.

Erst 1963, als Italiens Regierung schon resigniert hatte und Siviero nur noch ehrenamtlich weitersuchte, gelangte ein erster Hinweis über die Montagnana -Gruppe nach Rom.

Ein Kunsthändler aus Los Angeles informierte Siviero, daß zwei der gesuchten Gemälde bei ihm aufgetaucht seien.

Der vor zwölf Jahren eingewanderte Deutsche Johann Meindl aus Pasadena hatte dem kalifornischen Kunstexperten Antonio del Pollaiuolos Gemälde

"Herkules im Kampf mit der Hydra"

und "Herkules im Kampf mit Antäus", jedes 10 mal 30 Zentimeter groß, zur Restaurierung und Schätzung übergeben.

Kunst-Detektiv Siviero flog nach den USA. Meindl behauptete, die Bilder in Deutschland erworben zu haben, und weigerte sich, sie dem Italiener zu überlassen. Er rückte die Bilder jedoch heraus, als Siviero mit gerichtlichen Aktionen Roms drohte.

Zugleich gab der einstige Unteroffizier der 362. Infanterie-Division, jetzt Restaurant-Besitzer in Pasadena, einen wertvollen Hinweis. Andere Gemälde aus dem Schatz, so sagte er aus, befänden sich im Besitz des früheren Landsers und heutigen Fleischermeisters Hans Lindermayer in München.

Noch in derselben Woche - es war im Februar dieses Jahres - überraschte die via Interpol zu Hilfe gerufene Münchner Kripo den bayrischen Schlachter. Schreckensbleich, ohne auch nur eine Minute lang zu widerstreben

- "Wie eine Zentnerlast drückte diese Sache zwei Jahrzehnte auf mich" -, holte der 49jährige einstige Offiziersfahrer fünf sorgsam in Seidenpapier eingewickelte Gemälde aus einem Versteck hervor, in dem er sie selbst vor seiner Familie verborgen hatte: ein Selbstbildnis des Lorenzo di Credi, die Kreuzabnahme von Agnolo Bronzino, das Gleichnis vom Weinberg von Domenico Fetti, eine Verkündigung aus der Bologneser Schule und eine Darstellung der Geburt Christi aus der Schule des Correggio. Wert: mehrere Millionen Mark.

Der Fleischermeister hatte die Bilder nach seinen Worten 1944 während des Abtransports "sichergestellt, weil die Kiste aufgebrochen war und die Bilder die Fahrt nach Südtirol nicht überstanden hätten".

Sein Unteroffizier Meindl habe ihn überrascht, als er die schadhafte Kiste eben wieder zusammennagelte. Die beiden hätten sich die Meisterwerke geteilt und nach Hause geschmuggelt.

Die sieben wiedergewonnenen Meister wurden Ende Februar einige Tage in den Uffizien ausgestellt und dann zum Restaurieren gegeben. Von den fehlenden drei Miniaturen, die nach Sivieros Theorie von Meindl verkauft worden sind, hat der italienische Bilder -Detektiv jetzt eine bei einem Schweizer Sammler aufgestöbert; die beiden letzten sollen sich noch in Amerika befinden. Siviero hofft, auch sie bereits in den nächsten Wochen den Restauratoren übergeben zu können.

"3000 verschleppte italienische Kunstwerke haben wir seit Kriegsende gefunden", berichtet Siviero, "aber 600 fehlen uns noch."

Bilder-Detektiv Siviero

Spur zum Münchner Schlachter


DER SPIEGEL 39/1963
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