Habemus poetam", verkündete der Erfolgsschriftsteller und Desch -Autor Hans Habe in der "Neuen Ruhr Zeitung", als vergangenen Herbst Henry Jaegers Erstlingsroman "Die Festung" im Münchner Desch-Verlag erschien.
Friedrich Sieburg, dessen Sinn für gutes und schlechtes Schrifttum sonst kaum mit dem Habes übereinstimmt, stimmte diesmal, wenn auch zögernd, zu. Er erwog, ob nicht mit Jaegers "Festung" eine "neue Hoffnung dem kargen Boden unserer Literatur entsprossen" sei.
Und Robert Neumann, gleich Habe Desch-Autor, doch notorischer Sieburg -Feind, sinnierte im März dieses Jahres in einer wohlwollenden "Zeit"-Rezension über den bisher unbekannten Erzähler: "Ein Kaspar Hauser unserer gegenwärtigen Literatur. Woher kommt dieser neue Mann?"
Der neue Mann kam gerade aus dem Zuchthaus.
Dort hatte er während siebenjähriger Haft die "Festung" verfaßt - die ironisch-düstere Geschichte vom ostpreußischen Flüchtling Hugo Starosta, einem Aufschneider, Schwächling, Faulpelz und Schnorrer, der mit seiner Familie in einer westdeutschen Notunterkunft
- einem alten Fort - haust und, paralysiert von Illusionen, immerwährendem Mißgeschick und eigener Unfähigkeit, am Rand der Gesellschaft dahinvegetiert.
"Diese ganze mit schlauen Redensarten aufgeputzte Misere eines Arbeitsscheuen", lobte Sieburg, "der sich, wenn es schiefgeht, ins Bett legt und seine Frau sich abrackern läßt, das alles zieht lebhaft, fast munter an uns vorüber, ohne weitläufige soziale Schlußfolgerungen, ohne spitzfindige Anklage gegen unangreifbare Mächte, die an allem schuld sind."
Während der junge Autor noch in seiner Zelle der Landesstrafanstalt Freiburg im Breisgau aus dem Blechnapf aß und bereits an einem zweiten Roman, "Die Rebellion der Verlorenen", schrieb - das Buch wurde kürzlich ausgeliefert -, bescheinigten ihm die westdeutschen Zeitungen wieder einmal ungewöhnliche Begabung. Es war seine zweite Ruhmeswelle.
Erstes Renommee hat sich Henry Jaeger, 1927 geboren und auf den Namen Karl-Heinz getauft, vor einem Jahrzehnt als Chef der sogenannten Jaeger-Bande erworben (SPIEGEL 48/1955). Düstere Kindheit und Jugend (Jaeger: "Nach dem, was ich als Kind erlebt habe, hätte ich eigentlich Bomben legen müssen") waren vorausgegangen, gefolgt von unterbrochenem Schulbesuch, Kriegsdienst und -gefangenschaft, von Schwarzmarktgeschäften zur Nachkriegszeit und etlichen anderen Trivialdelikten.
1953 hatte Jaeger, 26jährig, Rififi -Reife erlangt. Zusammen mit seinen Kumpanen wurde er unter anderem beschuldigt, den Safe einer Großbrauerei im bayrischen Rosenheim geknackt zu haben. Die Gerichtsverhandlung endete jedoch mit einem Freispruch wegen erwiesener Unschuld, unter anderem deshalb, weil das von der Kriminalpolizei gesicherte Beweismaterial von unbekannten Tätern aus der Asservatenkammer entwendet worden war.
Im selben Jahr erbeutete Jaeger einen Nerzmantel (Wert: 18 000 Mark) aus einem Münchner Pelzwarengeschäft. Die Bande war in einem Citroen mit falschem Nummernschild vorgefahren, hatte das Schaufenster eingeschlagen und war, als ein allzu vigilanter Wachmann seine Maschinenpistole abfeuerte, ohne Beute im Auto geflohen - freilich nicht weit: Der Citroen raste bis zur
nächsten Straßenkreuzung, kam zurück, und während der Ladenhüter erwartungsgemäß nach der Polizei telephonierte, holte sich Jaegers Mannschaft den Nerz und fuhr davon.
Nach Einbrüchen und Diebstählen in Mainz, Duisburg, Düsseldorf, Bielefeld, Kassel und Wetzlar präparierte sich Jaeger auf den großen Coup, mit dessen Ertrag er, wie er heute sagt, ein Medizinstudium zu finanzieren gedachte.
Am 31. Dezember 1954 erschien Jaeger mit zwei Begleitern, ausgerüstet mit drei Pistolen und zwei MP-Attrappen, in der Rentenauszahlungsstelle Oederweg Nr. 37 in Frankfurt am Main und kassierte 80 000 Mark. Es war, so fand die "Frankfurter Neue Presse", "das tollste Gaunerstück seit Jahren".
Die Frankfurter Kriminalpolizei, die Jaeger und Gefährten seit langem schon in Verdacht hatte, den Routiniers aber nie etwas beweisen konnte, bildete schließlich eine Sonderkommission, die auf die Jaeger-Bande angesetzt wurde. Doch der intelligenzbegabte Bandenführer sorgte nicht nur für sichere Alibis, er befahl auch unverdächtiges Verhalten. Jaeger und Gesellen gingen einer geregelten Arbeit nach, trugen weiterhin ihre unansehnlichen Anzüge, und selbst ihre Butterbrote waren, wie Kriminalbeamte feststellten, "mehr als dürftig belegt".
Mehr Erfolg als die Frankfurter Sonderkommission hatte der Mannheimer Staatsanwalt Dr. Willy Angelberger, der einen Einbruch in ein Mannheimer Büromaschinengeschäft aufzuklären versuchte. Durch Andeutungen eines ehemaligen Jaeger-Kumpans und durch Tatorthinweise verdichtete sich in Angelberger die Vermutung, daß auch hier das vielverdächtige, aber nie überführte Einbruchsgenie am Werk gewesen sein müsse.
Am 2. Mai 1955 endlich holten fünfzehn Mannheimer Polizisten den Jaeger-Meister und seine Genossen um sechs Uhr morgens aus den Betten. Angelberger, Mannheims Kriminalpolizei und die Frankfurter. Sonderkommission arbeiteten nun gemeinsam, um die raffiriierteste und erfolgreichste Räuberbande Nachkriegsdeutschlands zu überführen. Nach fünf Monaten waren die Untersuchungshäftlinge weich; sie gestanden, Jaeger als letzter.
Im September des folgenden Jahres eröffnete die 2. Große Strafkammer in Mannheim den Prozeß gegen Jaeger und drei weitere Angeklagte. Staatsanwalt Angelberger, der durch Presseerklärungen und -konferenzen weidlich für öffentliches Interesse gesorgt hatte, verlangte für Jaeger ein abschreckendes Urteil: dreizehneinhalb Jahre Zuchthaus. Die Richter, von der "echten Einsicht für das begangene Unrecht" und der "ehrlichen Sühnebereitschaft" des Delinquenten nicht ganz unbeeindruckt, hielten zwölf Jahre für ausreichend.
Während Staatsanwalt Angelberger acht Tage nach dem Urteilsspruch zum Oberstaatsanwalt in Waldshut avancierte, wurde Jaeger in der Landesstrafanstalt Bruchsal zerniert. Er kam in den sogenannten Schweigehof, in eine Abteilung, deren Insassen der Anstaltsleiter nach Gutdünken und ohne zeitliche Begrenzung reglementieren darf.
Im Schweigehof saß Jaeger in einer Einzelzelle, er mußte seinen täglich halbstündigen Kreisgang im Gefängnishof außerhalb der allgemeinen Spazierzeit absolvieren; hatte völliges Redeverbot und vernahm, vom Morgengruß des Wärters abgesehen, keinen menschlichen Laut.
Nach einem Jahr hatte Jaeger fast vierzig Pfund an Gewicht verloren, nach einem weiteren Jahr Schweigehof war er vollends zerrüttet. Als er, inzwischen ins Zuchthaus Freiburg transferiert, zum erstenmal seinem künftigen Protektor, dem protestantischen Anstaltspfarrer Dr. Kühler, begegnete, vermochte er kaum noch zu sprechen. Nur stotternd formulierte er Worte, die er in zwei Jahren Sprechabstinenz nahezu verlernt hatte.
In Freiburg, wo er weiterhin Tüten faltete, begann Jaeger seine heimlichen Schreibübungen. Mit einem Bleistift, den er sich gegen Zigaretten eingetauscht hatte, beschrieb er vorm Wecken und vor Lichtschluß um 21 Uhr über 2000 Blatt bräunlichen Toilettenpapiers mit Stilübungen und Kurzgeschichten. 1959 endlich verschaffte ihm Pfarrer Kühler eine offizielle Schreiberlaubnis und den Auftrag, die Gefangenenzeitschrift "Die Brücke" redaktionell zu leiten.
Zwei Jahre später, im Sommer 1961, überreichte Jaeger seinem pastoralen Protektor die abgeschlossene "Festung". Kühler war beeindruckt und gab den Roman an den Verleger Kurt Desch weiter. Oberregierungsrat Fraß, der Leiter der Freiburger Strafanstalt, wurde nicht informiert: Jaeger fürchtete für den Fall, daß Desch das Manuskript zurückschickte, den wohlfunktionierenden Nachrichtendienst der Anstalt, den Spott der Wärter und, mehr noch, seiner Mitgefangenen.
Doch die Sorge war unbegründet. Desch laß das Manuskript mit der gleichen Begeisterung wie Kühler. Zwar fand er, daß "man Autor, und Werk nicht völlig isoliert voneinander sehen" dürfe, und erbat sich von Jaegers Anwalt, dem Frankfurter Juristen Werner Stock, vorsorglich die Akten, um die kriminelle Vergangenheit seines künftigen Autors kennenzulernen. Dann jedoch befand er: "Eine böse Vergangenheit, aber dieses Urteil war wohl doch viel zu hart." Er publizierte und sollte es nicht bereuen.
Denn es blieb nicht nur beim bundesdeutschen Rezensenten-Lob und Leser -Appeal: Jaegers Roman wird gegenwärtig in fünf Sprachen übersetzt; im Frühjahr 1964 will Regisseur - Alfred Weidenmann ("Canaris") die "Festung" mit Heinz Rühmann sogar verfilmen.
Noch bevor der internationale Erfolg der "Festung" feststand, taten sich Verleger Desch, Anstaltspfarrer Kühler und Rechtsanwalt Stock zusammen, um Jaeger nach sieben Jahren Haft zur vorzeitigen Entlassung zu verhelfen. "Hier ist", so plädierte Pfarrer Kühler, "der seltene Fall eingetreten, daß ein Inhaftierter an seinem Leid zu einer Persönlichkeit heranreifte ... Jede Verlängerung eines Aufenthaltes in der Anstalt ... könnte eine Wende zum Schlechten bedeuten und seine bisher bestens eingeleitete Resozialisierung schwerstens gefährden ... In den 23 Jahren, die ich als Strafanstaltspfarrer tätig bin, ist dies das erste Mal, daß ich mich derartig stark für die Entlassung eines Gefangenen einsetze."
Der Freiburger Anstaltsleiter Fraß indes blieb unnachgiebig, als ihn Stuttgarts Justizminister Haußmann aufforderte, zum erbetenen Gnadenakt Stellung zu nehmen. Er murrte, weil Anstaltspfarrer Kühler das Romanmanuskript aus dem Zuchthaus "herausgeschmuggelt" habe und weil seines Erachtens Jaeger wenigstens zwei Drittel der Strafe und somit zwei weitere Jahre absitzen müsse.
Justizminister Haußmann ignorierte diesen Einwand und empfahl dem Ministerpräsidenten Kiesinger als der letzten Instanz, Jaeger zu begnadigen. Am 21. Januar 1963 schrieb Kiesinger an Kurt Desch er "hoffe und wünsche, daß dieser Gnadenerweis dem Menschen und dem Autor Karl-Heinz Jaeger zum Glück gerät".
Zehn Tage später gab Karl-Heinz Jaeger, der nunmehr mit standesamtlicher Billigung den Vornamen Henry trägt, seinen Blechnapf ab. Vier Wochen nach der Entlassung war er, durch Deschs Vermittlung, Volontär bei der "Frankfurter Rundschau", kurz darauf avancierte er zum Lokalredakteur.
Jaegers zweiter Roman, "Die Rebellion der Verlorenen", im Zuchthaus begonnen und in der Freiheit beendet, soll nach Deschs Wünschen eine der Großattraktionen der diesjährigen Frankfurter Buchmesse werden. Mehr noch erwartet sich Desch von Jaegers Autobiographie "Die bestrafte Zeit", die er im nächsten Jahr zu veröffentlichen gedenkt. Sie soll nicht nur Jaegers literarischen Ruhm festigen, sondern auch die deutschen Strafvollzieher zu neuen Ideen anregen.
Inzwischen hat der Exhäftling Jaeger erst einmal seinen privaten Frieden mit der Justiz geschlossen: Am 12. Oktober heiratet er die Tochter eines rheinischen Landgerichtsrats.
Autor Jaeger, Josephine Baker: Erstlingswerk im Zuchthaus
Jaeger-Verleger Desch
Ein Pfarrer schmuggelte das Manuskript
DER SPIEGEL 40/1963
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