16.10.1963

ARCHITEKTURMusik mit Wänden

Der Konzertsaal war abgedunkelt. Nur auf das Podium fiel Tiefstrahlerlicht. Dort hob ein Mann einen Trommelrevolver. Aus dem Dunkel kommandierte eine Stimme: "Jetzt! Gleich alle fünf!" Der Mann auf dem Podium richtete den Revolver gegen die Saaldecke und feuerte in schneller Folge fünf Schüsse ab.
Auf dem Podium, wo der Professor der Technischen Universität Berlin Lothar Cremer noch in der letzten Woche mit Hilfe von Revolverschüssen akustische Messungen vornehmen ließ, wird am Dienstag dieser Woche Herbert von Karajan den Taktstock heben, um Beethovens "Neunte" zu dirigieren.
Das Konzert dient der Einweihung eines Gebäudes, das der "Monat" als "revolutionär, möglicherweise epochemachend" bezeichnete, das der "Tagesspiegel" schon jetzt als "denkmalswürdig" empfindet und das der Kunstprofessor Will Grohmann als "eines der Wunderwerke der modernen Baukunst" wertet: die Westberliner Philharmonie.
Das neue Konzerthaus der Berliner Philharmoniker (künstlerischer Chef: Herbert von Karajan) ist der erste Neubau in einem vom Berliner Senat geplanten Kunstzentrum zwischen Tiergarten und Landwehrkanal, auf Rufweite von der Mauer am Potsdamer Platz entfernt. In den Jahren 1964 und 1965 soll in der Nähe der Philharmonie eine "Galerie des 20. Jahrhunderts" entstehen (SPIEGEL 34/1963). Kunst - und Musikhaus werden auf engstem Raum zwei Spielarten der modernen Architektur veranschaulichen:
- Die Galerie entwarf der 77jährige Ludwig Mies van der Rohe im geradlinig-rechtwinkligen "Bauhaus"-Stil, der heute schon fast traditionell wirkt;
- die Philharmonie entwarf der 70jährige Hans Henry Bernhard Scharoun, der das "Organische Bauen" propagiert und mit seinem Prinzip, "jedes Haus von innen nach außen zu entwickeln", dem rationalistisch-technizistischen Mies-Stil widerspricht.
Mit der Eröffnung der neuen Berliner Philharmonie kulminiert Professor Scharouns lange, von manchen Enttäuschungen beschwerte Baumeister-Karriere. Der "große Outsider" (Grohmann über Scharoun) sieht in dem ungewöhnlich geformten Neubau zum erstenmal seine architektonische Forderung, "innere Wahrheit sichtbar zu machen", kompromißlos realisiert. Schon prophezeite der Sender "Rias": "Mit diesem Bau beginnt Hans Scharoun auch in den Vorstellungen weiter Kreise das zu werden, was er ist: ein großer Baumeister, ein Musiker hohen Ranges, ein Komponist, der mit Wänden und Öffnungen, mit Räumen musiziert."
Bereits im Jahre 1925 lobte das Fachblatt "Bauwelt", Scharoun sei "einer der phantasiestärksten, gänzlich modernen Baukünstler Deutschlands". Doch immer wieder fand er, wie er sagt, "zu wenig die Bereitschaft, die Phantasie gelten zu lassen". Viele seiner Entwürfe wurden preisgekrönt, bei weitem nicht alle wurden verwirklicht; Ängstlichkeit von Bauherren, Kleinmut in Behörden, Engpässe im Etat oder auch provinzielle Intrigen verhinderten die Realisierung phantasievoll-"organischer" Scharoun-Projekte. Scharoun: "Die Leute wollen eben Rezepte."
Der bullige, wortkarge Nachtarbeiter und Nichturlauber, emeritierter Ordinarius für Städtebau an der Technischen Universität Berlin und Präsident der Westberliner Akademie der Künste, stammt aus Bremen, studierte in Berlin und diente im Ersten Weltkrieg als Landsturmmann in Ostpreußen. Noch während des Krieges beschäftigte ihn der Wiederaufbau lädierter ostpreußischer Städte. Er baute an der Weißenhof -Siedlung in Stuttgart (1927), entwarf den Lageplan für die Berliner Siemensstadt (1930) und regte den Bau Berliner Appartementhäuser an, deren Wohnräume sich über die gesamte Hausbreite erstreckten, so daß die Mieter sowohl von Osten als auch von Westen besonnt wurden.
Die Nationalsozialisten, die den Bauneuerer als entartet und als "Kultur bolschewisten" verfemten, begingen
- laut Scharoun - "Verrat am Leben":
"An die Stelle des organischen Wachstums trat die gewaltsame Organisation." In der NS-Zeit baute Scharoun Einfamilienhäuser in der Berliner Umgebung; nachts aquarellierte er Hunderte von Raumkompositionen. 1945 wurde Scharoun vom Großberliner Magistrat zum Leiter der Abteilung Bau- und Wohnungswesen berufen. Ein Jahr später gründete er das "Berliner Kollektiv", das einen revolutionären Plan für den Neuaufbau der zerstörten ehemaligen Reichshauptstadt entwarf. Die Spaltung der Stadt machte den Plan illusorisch; Scharoun blieb als Architektur-Professor in Westberlin. Er baute "Wohngehöfte" in Charlottenburg-Nord, Wohnhochhäuser in Stuttgart und das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Lünen. Andere in Wettbewerben prämiierte Entwürfe - so seine Projekte für Theater in Kassel und Mannheim -, ferner Pläne für eine Schule in Darmstadt und ein Altersheim in Berlin kamen nicht über die Modelle hinaus.
Als Scharoun 1956 den Ersten Preis im Wettbewerb um den Neubau der Berliner Philharmonie gewann, fragte denn auch sogleich Hans Heinz Stuckenschmidt in der "Welt": "Wird das Beste nicht gebaut?" Doch zwei Monate später konnte die "Frankfurter Allgemeine" melden: "Das Unwahrscheinliche ist Ereignis geworden." Der Auftrag zur Ausführung war an Scharoun ergangen er sollte tatsächlich den Berliner Philharmonikern ihr erstes Eigenheim erbauen.
Das berühmte Orchester, das viele exzellente und namhafte Solisten zu seinen Mitgliedern zählt und das Land Berlin in diesem Jahr rund 2,7 Millionen Mark an Gagen kostet, hatte von 1882 bis 1944 in einer umgebauten Rollschuhbahn in der Bernburger Straße musiziert. Das Gründerzeit-Haus war Bau-Ästheten ein Greuel, doch Arthur Nikisch, Hans von Bülow, Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter dirigierten die Philharmoniker in einem Saal, dessen "optimaler Klang" von Musikern aus aller Welt gepriesen wurde. Am 29. Januar 1944 wurde das Haus zerbombt; während der letzten Kriegsmonate und ersten Nachkriegsjahre gastierte das Orchester in unterschiedlichsten Lokalen.
Planung, Vorbereitung und Bau der neuen Philharmonie nahmen nicht weniger als 14 Jahre in Anspruch - die ganze Ära Adenauer. 1949 wurde mit dem Ziel, dem unbehausten Klangkörper ein neues eigenes Logis zu verschaffen, eine "Gesellschaft der Freunde der Berliner Philharmonie" gegründet. Sieben Jahre später billigte der Berliner Senat das Projekt: Der Neubau sollte an der Bundesallee, Nähe Kurfürstendamm, stehen und nicht teurer als sieben Millionen Mark sein.
Im August 1956 wurde der Architekten-Wettbewerb ausgeschrieben. Mit 9:4 Stimmen entschieden sich die Juroren im Dezember 1956 für den Scharoun -Entwurf (SPIEGEL 5/1957). Fast drei Jahre später beschloß der Senat, den Neubau von der Bundesallee an den Kemper Platz im Tiergarten zu verlegen, und veranschlagte als endgültige Bausumme 13,5 Millionen Mark. Auf 17,5 Millionen wird die Endsumme heute geschätzt. Als am 19. September 1960 endlich der Grundstein gelegt wurde und Herbert von Karajan den symbolischen Hammerschlag vollführte, schickte der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses einen Stoßseufzer in den Herbstwind: "Möge die Bauzeit kürzer als die Vorbereitung sein!"
Tatsächlich stellte der Architektur -Organiker Scharoun die ausführenden Baumeister vor ungewohnte Probleme. Er nennt als "einfachste Formel" für sein revolutionäres Werk: "Musik im Mittelpunkt". Und er erläutert seinen Bau:
"Das Orchester ist in den Mittel-, den Schwerpunkt des Saales gerückt, und die Masse der Zuhörer ist aufgegliedert und in verschiedenen Ebenen um das Orchester gruppiert. Ich folge dem Bild einer Landschaft: Der Saal ist wie ein Tal gedacht, auf der Sohle das Orchester, umringt von energisch aufsteigenden Gründen und Hängen. Wie Weinberge an den Hängen eines breiten Tales steigen die Sitzreihen, in Gruppen gegliedert, rund um das Orchesterpodium empor. Das Musizieren und das gemeinsame Erleben der Musik finden also an einem Ort statt, der in seiner baulichen Konzeption nicht vom Formal-Ästhetischen ausgeht, sondern vom Vorgang. Wir realisieren die Beziehung: Mensch, Raum, Musik."
Als erstaunlichste Neuerung beschert Scharouns Philharmonie ihren Besuchern die Möglichkeit, dem Dirigenten nicht nur auf die Frackschöße, sondern auch ins Gesicht blicken zu können: Nahezu die Hälfte der 2218 Konzertgäste, die am Dienstag dieser Woche das ausverkaufte Haus zum erstenmal füllen, wird Herbert von Karajan von vorn dirigieren sehen - ein Aspekt, den, der gefeierte Stabführer gewiß nicht zu scheuen braucht.
"Schwere Bedenken" gegen Scharouns "Musik im Mittelpunkt"-Theorie meldete indessen der Musikkritiker des "Tagesspiegel", Werner Oehlmann, an. Die Rundum-Placierung des Publikums, fand Oehlmann, "mag für primitive Verhältnisse, für die Musikveranstaltungen von Naturvölkern und die Promenadenkonzerte der Militär- und Kurkapellen gelten", sie ignoriere jedoch "das Gegenüber von Werk und Hörer", das vor allem für die symphonische Musik des 19. Jahrhunderts erforderlich sei; Scharouns "verschwommene romantischpoetisierende Formbegriffe" förderten die "Gefahr, daß zugunsten einer architektonischen Sensation die rechte, sinngemäße Vermittlung der großen Musik verfälscht wird".
Der Herr der Philharmoniker jedoch, Herbert von Karajan, der Scharouns "Zirkus Karajani" (Berliner Volksmund) mit der berühmtesten symphonischen Musik des 19. Jahrhunderts einweiht, fürchtet die von Oehlmann genannte
Gefahr durchaus nicht. Karajan gehörte zu den entschiedensten Fürsprechern des Scharoun-Entwurfs, dem ah Kühnheit allenfalls der preisgekrönte, aber bisher nicht realisierte Entwurf des finnischen Architekten Alvar Aalto für ein neues - "organisch" geformtes - Opernhaus in Essen zu vergleichen ist.
Die realisierte Scharoun-Maxime "Von innen nach außen" bestimmte auch den bizarren Anblick, den der Neubau für Passanten bietet: ein vielzipfeliges, theresiengelbes Monstrum inmitten einer enttrümmerten Parklandschaft. Schräggestellte grüne Sonnenfenster wechseln mit Bullaugen, Rosetten und rechteckigen Gucklöchern. Im Foyer fügen sich Decken-Kiele, Pfeiler, geschwungene Wände, vielfarbige Bodenmosaiken (von Erich Reuter) und Glasfenster (von Alexander Camaro), Lampenbündel, Geländer und eine abstrakte Plastik von Bernhard Heiliger zu einem Raumbild, das an die expressionistischen Dekorationen des Stummfilms "Das Kabinett des Dr. Caligari" erinnert. Dem amerikanischen Fachblatt "Architectural Forum" erschien schon dieses Foyer "wie ein Musikinstrument". Durch ein reizvolles Labyrinth aus Treppen und Fluren findet der Besucher in den 60 mal 55 Meter großen, vieleckigen, vollklimatisierten Saal, dessen Boden mit Eichen-Riemchen ausgelegt ist, dessen Wände aus Kambala-Teak und Sichtbeton sind.
Vor Baubeginn wurde an einem Modell
im Verhältnis 1 :9 das Hauptproblem aller Konzerthaus-Bauten studiert: die Akustik. Die auch in der Außenansicht auffallenden gefalteten und geneigten Wände sowie die zeltähnliche Decke dienen allein dem guten Ton. Zehn schalenförmige Reflektoren aus Kunststoffmasse sowie 136 pyramidale Schallkörper an der Saaldecke sollen den Orchesterklang auf alle Plätze - auch auf die der Musiker, die nicht mehr vom gewohnten Schallraum der traditionellen Konzertsaal-Bühne umschlossen sind - gleichmäßig gut verteilen. Bohrlöcher in der Wandtäfelung dienen als Schallschlucker.
Der Idealwert für musikalische Darbietungen in geschlossenen Räumen ist eine Nachhalldauer von 2,2 Sekunden. Alte Kirchenbauten haben zumeist längere, moderne Konzertsäle meist kürzere Hallzeiten. Längerer Nachhall verwischt den Ton, kürzerer nimmt ihm den Glanz. Langer Nachhall garantiert den richtigen Klang für klassisch romantische, kurzer den für moderne Musik.
Die notwendigen Korrekturen an den Schallreflektoren der neuen Berliner Philharmonie überläßt Professor Scharoun getrost seinem Kollegen, dem Akustik-Professor Cremer. Das Haus ist zwar noch nicht ganz fertig - das Eröffnungskonzert am Dienstag wurde aber von den in diesem Jahr wenig glanzvollen "Berliner Festwochen" als Finale-Attraktion dringend benötigt. Der Architekt sieht jedoch der Premiere seines bisher bedeutendsten Bauwerks mit Zuversicht entgegen. Einem Besucher, den er letzte Woche durch die Philharmonie führte, zeigte er, daß auch in den Nebenräumen des avantgardistischen Musiktempels alles aufs beste gerichtet ist.
Scharoun: "Und hier sitzt der Karajan ... Hier hat er seinen Schreibtisch, hier hat er seine Liege, hier hat er seinen Schrank, und hier kriegt er seinen Vorhang davor. Und hier hat er seinen Lokus. Und dann hat er's."
Scharoun-Neubau Berliner Philharmonie: Für den unbehausten Klangkörper...
Architekt Scharoun ... ein Saal wie ein Tal
Grundsteinleger von Karajan
Von vorn und hinten gesehen
Saal der Berliner Philharmonie: Von innen nach außen gebaut

DER SPIEGEL 42/1963
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