23.10.1963

USA / MONDPROGRAMM

Milliarden gestrichen

Amerikas Marsch zum Mond gleicht

der Echternacher Springprozession drei Schritte vorwärts, zwei Schritte

zurück. In den letzten Wochen mehren sich, wie die "New York Times" notierte, wieder die Anzeichen "für zwei Schritte zurück".

Diesmal ist das Mondprogramm in eine dreifache Krise geraten: politisch, technisch und finanziell. Geschürt wurde sie von Präsident Kennedy, der Ende September - in einem radikalen Kurswechsel - die Sowjets zum Gemeinschaftsflug auf den Mond einlud. Bis dahin war den Amerikanern eingehämmert worden, sie müßten noch vor den Sowjets, im Alleingang, einen Menschen auf den Mond setzen.

Kennedys plötzliche Wendung - vor der Uno in New York demonstriert - überraschte die Demokratische Partei, die jahrelang auf den nationalistischen Mondkurs eingeschworen war, ebensosehr wie die Weltraumbehörde Nasa, die den Anspruch auf die für absehbare Zeit bedeutendste Weltraum -Ersttat verwirklichen sollte. Die Nasa hatte sogar in letzter Zeit immer häufiger Vorwürfe hinnehmen müssen, durch Management-Mängel Amerikas Position im Mond-Wettrennen mit den Sowjets zu schwächen. Neuerdings wälzt die Nasa einen Teil der Schuld auf die amerikanische Industrie ab.

Da außerdem eine breite öffentliche Diskussion in Gang gekommen war, ob Amerika den Mond überhaupt mit Hilfe eines dollarverschlingenden "crash programm (SPIEGEL 35/1963) besteigen solle, sahen sich die Kongreßabgeordneten in Washington einem ganzen Bündel von Zweifeln ausgesetzt, als sie das diesjährige Weltraum-Budget berieten.

In den Jahren zuvor hatten die Parlamentarier im Enthusiasmus über Glenns Raumflug oder unter dem Alpdruck der sowjetischen Weltraumerfolge der Nasa jeden Cent einstimmig gewährt. Nun aber ließ das Kalendarium der Budget-Debatten den Eindruck aufkommen, als zähle es sich Amerika an den Knöpfen ab, ob es rasch auf den Mond gelangen wolle oder nicht:

- Die ursprüngliche Budget-Forderung

der Nasa für das Haushaltsjahr 1964 belief sich auf 24,8 Milliarden Mark.

- Die Regierung strich zwei Milliarden

Mark und leitete im Februar dem Kongreß einen Budget-Voranschlag von 22,8 Milliarden zu.

- Der Raumfahrt-Ausschuß des Repräsentantenhauses

empfahl im Juni eine weitere Kürzung auf 20,8 Milliarden Mark; das Repräsentantenhaus stimmte zu.

- Der Raumfahrt-Ausschuß des Senats

wiederum hielt Anfang August für ratsam, das geschrumpfte Budget um 1,2 Milliarden auf 22 Milliarden aufzustocken; der Senat stimmte im August zu.

- Ein Vermittlungsausschuß empfahl

wenig später beiden Häusern ein Kompromiß-Budget von 21,4 Milliarden Mark; Repräsentantenhaus und Senat stimmten zu.

- Der Bewilligungsausschuß des Repräsentantenhauses

nahm Anfang dieses Monats wieder eine Änderung vor. Er beschloß, das Nasa-Budget auf 20,4 Milliarden Mark zu verringern.

Der Vorsitzende des Bewilligungsausschusses, Clarence Cannon, tat die Kürzung als formelle Geste ("token cut") ab. Aber Nasa-Direktor James Webb sah das amerikanische Ziel, den bemannten Mondflug noch in diesem Jahrzehnt zu unternehmen, gefährdet. Wernher von Braun beschwor den Bewilligungsausschuß in einem Brief, die Kürzung rückgängig zu machen: Andernfalls gestehe Amerika ein, im Wettrennen zum Mond Verlierer zu sein.


DER SPIEGEL 43/1963
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