06.11.1963

US-GARNISONDie Gassen-Hauer

Die Frau lag schwerverletzt im Garten des Gelnhäuser Kreiskrankenhauses. Der Untersuchungsbefund des Arztes enthielt ungewöhnlich grausige Details. Die beiden Täter des Notzuchtverbrechens, zwei farbige US-Soldaten, konnte die 37jährige Mutter von zwei Kindern nur ungenau beschreiben.
Mit diesem Überfall erreichte eine kriminelle Welle ihren Höhepunkt, von der die hessische Garnisonstadt Gelnhausen seit Wochen überspült wird. Obwohl amerikanische Truppen schon 18 Jahre lang in den ehemaligen Wehrmachtskasernen hausen, konnten die Bewohner der früheren Barbarossa-Pfalz bis in die jüngste Zeit nicht klagen. US -Krieger und Bürger gingen einander ohne besondere Animosität - aus dem Weg. Lediglich Truppenkommandeure und Stadtprominenz betrieben bei gegenseitigen Höflichkeitsbesuchen, was offiziell als deutsch-amerikanische Verständigung gepriesen wird.
Stadtverwaltung und Kommandantur duldeten die Soldaten-Bars, in denen die Gis nach der Hautfarbe sortiert ungehemmt lärmen konnten; sie schritten auch nicht gegen die Prostituierten ein, die sich an Zahltagen in den Bars der 8000-Einwohner-Stadt einfanden. Dem Chef der neun Mann starken Stadtpolizei, Hauptmeister Knauer, schien diese Toleranz von praktischem Nutzen: "Dann hat man die Leute viel besser unter Kontrolle. Sonst würden sie womöglich in Privathäusern verschwinden."
Die Geinhäuser murrten auch nicht, weil ihre 4000 Besatzer eine Vorliebe für abgestellte Fahrräder hegten. Meistens entliehen sie die Räder nur, um rechtzeitig vor dem Zapfenstreich das Kasernentor zu passieren. In Kasernennähe konnten die rechtmäßigen Besitzer ihre Fahrzeuge am nächsten Tag wieder einsammeln.
Das friedliche Bild änderte sich erst, als im letzten Sommer in der Coleman -Kaserne neue Truppenteile der 3. US -Panzerdivision "Spearhead" (Lanzenspitze) einrückten. Von nun an erlebten die Gelnhäuser soldatische Freizeitgestaltung, die mit zahlreichen Paragraphen des Strafgesetzbuches kollidierte. US-Landser rissen Gartenzäune ein, brachen einen Kiosk auf, zerschlugen Schaufensterscheiben, begingen Raubüberfälle, demolierten eine Tankstelle, benutzten abgestellte Pkw zu Weitsprungübungen und veranstalteten regelrechte Straßenschlachten.
Hatten die Geinhäuser nichts dagegen, wenn die amerikanischen Gäste sich gegenseitig verprügelten, so verdroß es sie doch, daß bei den Schlägereien die regelmäßig als Wurfgeschosse benutzten Steine auch ziviles Gut in Mitleidenschaft zogen.
Beträchtlichen Unwillen erregten auch zwei Soldaten, die sich bei Tage im öffentlichen Park der Stadt mit zwei Mädchen umschichtig vergnügten.
Eine permanente Zuneigung bewiesen die "Lanzenspitzen" insbesondere für eine vor der Kaserne installierte Verkehrsampel. Sie wurde fast täglich außer Betrieb gesetzt.
Gleichzeitig schwand das Vertrauen der Geinhäuser auf den Rechtssinn der Amerikaner überhaupt. Zweimal erlebten Zivilisten, daß Soldaten, die sie auf frischer Tat ertappt und bis zum Kasernentor verfolgt hatten, vom Posten hilfreich in das exterritoriale Gelände geschleust wurden.
Als die US-Krieger selbst vor der städtischen Ordnungsmacht nicht mehr zurückschreckten, erschien Bürgermeister Dr. Kloz und Ortspolizist Knauer der Frevel unerträglich. Hauptwachtmeister Breidenbach hatte sich bei dem Versuch, die Personalien eines Soldaten aufzuschreiben, der gerade die Warnlampen einer Baustelle auf der Bundesstraße 40 entfernte, einen Finger gebrochen.
Kloz und Knauer stellten eine Liste von 21 Missetaten zusammen, verübt in der Zeit vom 8. August bis 25. September, und forderten Abhilfe vom Standortkommandeur, Oberst James Terry. Der Oberst, Reserveoffizier und erst Ende August nach Gelnhausen beordert, versprach für seine Soldaten Besserung.
Von nun an mieden die "Lanzenspitzen" zwar zunächst das Gelnhäuser Pflaster; dafür suchten sie die umliegenden Dörfer heim Auf der Bundesstraße 40 warfen sie Nebelkerzen von einem Lastwagen und verursachten eine Massenkarambolage- deutscher Fahrzeuge; ein farbiger GI drang nachts in das Schlafzimmer eines Ehepaares in Rothenbergen ein und war nur durch eindringliches Geschrei zu vertreiben. Da er seine Schuhe - mit Namenszug im Innenfutter - zurückließ, konnte er gefaßt werden.
Bei den Gelnhäusern hatte sich jedoch herumgesprochen, daß es wenig Sinn habe, Vorkommnisse dieser Art anzuzeigen. Ein junger Postbediensteter, der von US-Soldaten zusammengeschlagen worden war und die Täter in der Kaserne identifiziert hatte, wurde kurze Zeit später von den gleichen Schlägern krankenhausreif geprügelt.
Daß solche Rabauken in der Kaserne und nicht im Militärgefängnis gehalten werden, führt die verfolgte Bevölkerung auf das "Rehabilitations-Programm" der 3. US-Division zurück. Divisionskommandeur General Pugh und sein Vorgänger, General Abrams, waren zu der Überzeugung gekommen, daß die militärischen Strafanstalten für die Rehabilitierung denkbar ungeeignet seien. Beide Generale entwickelten ein Programm, Soldaten mit geringen Verfehlungen vor dem Gefängnis zu bewahren.
Straffällige Angehörige der 3. Panzerdivision wurden nicht mehr eingelocht, sondern innerhalb der Einheit disziplinarisch gemaßregelt und der Seelenmassage des Kommandeurs ausgesetzt. Der Erfolg: Die 3. Division konnte rund 50 Prozent weniger Inhaftierte melden als jede andere vergleichbare Einheit.
Allerdings harmonierten die aufgrund dieses Programms verhängten Bußen nicht immer mit den landläufigen Vorstellungen von Schuld und Sühne. So kam Kompaniechef Hauptmann Jack McClure, der in betrunkenem Zustand einen Verkehrsunfall mit zwei Toten und mehreren Verletzten verursacht hatte, mit einer "Verwarnung" und einer Geldstrafe von 400 Dollar davon.
Die Geinhäuser fanden daher eigene Methoden, um den GIs zu begegnen. Ein Vater, dessenf Tochter mit knapper Not einer Vergewaltigung entronnen
war, stattete sein Kind mit einer Schußwaffe aus, anstatt zur Polizei zu laufen.
Als am 21. Oktober schließlich die 37jährige Frau niedergeschlagen und vergewaltigt wurde, erbitterte sich das "Gelnhäuser Tageblatt": "Es heißt immer, die Amerikaner schützen uns vor den Russen, aber wer schützt uns vor den Amerikanern?"
Oberst James Terry, von seinen Untergebenen erst nach 20 Stunden von dem Vorfall informiert, wußte lediglich eine Entschuldigung vorzubringen. Das Gelnhäuser Gemüt war damit nicht mehr zu beschwichtigen.
Die Stadtverordneten protestierten in einer Sondersitzung einmütig gegen "derartig schwerwiegende Ausschreitungen", und der hessische Finanzminister Conrad beschwerte sich in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter des Kreises Gelnhausen beim US -Hauptquartier in Heidelberg. Bürgermeister Kloz und andere Honoratioren, die bereits zugesagt hatten, einem Konzert des Chors der 7. US-Armee beizuwohnen, verzichteten auf die Darbietungen der Sänger.
Der deutsche Bürgerzorn legte sich etwas, als fünf Geinhäuser Raufbrüder die Situation ausnützten und Rachejustiz auf eigene Faust übten: Sie jagten einen farbigen Soldaten durch die Straßen der Stadt und richteten ihn mit Steinen und Zaunlatten übel zu. Während jedoch die amerikanische CID (Militärische Kriminalpolizei) noch immer nach den Tätern des Notzuchtverbrechens fahndet, konnte Hauptmeister Knauer schon am nächsten Tag seine. Neger-Schläger in Gewahrsam nehmen.
Oberst Terry, verschreckt durch den Proteststurm, kündigte eine Verdoppelung der MP-Streifen an und beschränkte die Ausgabe von Urlaubspässen auf ein Minimum. Daß die Urlaubsregelung lediglich ein Akt guten Willens ist, mußte allerdings auch Terry zugeben. Der altersschwache Zaun um das Kasernengelände weist bereits so viele Löcher auf, daß Ausgänger nicht auf das Kasernentor angewiesen sind.
Dennoch, ist in Gelnhausen ungewohnte Ruhe eingekehrt: Oberst Terry und seine Lanzenspitzen zogen ins Manöver.
Anzeige im "Gelnhäuser Tageblatt"
Neger im Schlafzimmer
Bürgermeister Kloz, US-Standortkommandeur Terry: Nebelkerzen auf B 40

DER SPIEGEL 45/1963
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