06.11.1963

BESTSELLERBiß in die Troddel

Vor vier Jahren erschien sie in der Gesellschaft von Lampedusas Leopard und Nabokovs Lolita. Vor zwei Jahren nahm sie es mit Heinrich Böll, Uwe Johnson und dem Grafen Lehndorff auf, im vergangenen Jahr mit der Gräfin Dönhoff und mit Harper Lee.
In diesem Herbst hat sich Angélique, das "Mädchen mit den blaugrünen Augen und dem schweren, goldkäferfarbenen Haar", zu Günter Graß und Theodor Heuss, zu Bölls Clown, Hochhuths Papst und Friedenthals Goethe auf die Bestseller-Liste gesellt.
Die Literaturkritiker ignorieren die romaneske Ausgeburt der französischen
Schriftstellerin Anne Golon - ihren Bestseller-Erfolg hat das nicht hemmen können: Seit sieben Jahren schwillt in Deutschland, wie anderswo, eine größtenteils weibliche Lesergemeinde, die auch nach nunmehr fünf insgesamt über 2900 Seiten starken Angélique-Romanen von der dauerhaften Titelheldin noch immer nicht genug hat.
Anne Golons subliterarische Fortsetzungssaga aus der Zeit Ludwigs XIV. ist in allen großen Kultursprachen verbreitet, und auch Niederländer und Jugoslawen, Israelis und Finnen brauchen dieses Lesefutter nicht zu entbehren. Die Welt-Gesamtauflage der historisch-erotischen Golon-Wälzer beträgt um zehn Millionen. In Deutschland publizierte der Berliner Blanvalet-Verlag
- 1956: "Angélique" (Auflage bis
heute: 300 000),
- 1959: "Angélique und der König"
(250 000),
- 1961: "Unbezähmbare Angélique"
(75 000),
- 1962: "Angélique, die Rebellin" (60 000).
Vom diesjährigen Golon-Bestseller, "Angélique und ihre Liebe", konnte der Blanvalet-Verlag, der 1962 die Hälfte aller seiner Autorenhonorare allein an Anne Golon zu zahlen hatte, in wenigen Wochen bereits 70 000 Exemplare absetzen*. Schon konkurrieren drei große Buchklubs - der Bertelsmann Lesering, der Deutsche Bücherbund des S.-Fischer-Verlagsteilhabers Georg von Holtzbrinck und die Deutsche Buchgemeinschaft -, um von Blanvalet die Nachdrucklizenz zu erwerben. Sowohl "Quick" als auch "Revue" boten 60 000 Mark für die Abdruckrechte -Verleger Blanvalet lehnte ab, weil er eine Beeinträchtigung seines Buchgeschäfts befürchtete.
Der Berliner Büchermacher will an Angélique, wie er,sagt, "keine goldene Nase verdienen"; mit den Golon-Gewinnen finanziere er "quasi" sein Hobby, die Produktion künstlerisch anspruchsvoller Kinderbücher. Dennoch schwärmt Lothar Blanvalet, 53: "Wenn ich Kinder hätte, könnten wahrscheinlich noch meine Enkel von Angélique leben."
Angélique-Autorin Anne Golon, 36, ihr Ehemann und Mitarbeiter Serge, 59, und ihre vier Kinder Cyril, Nadia, Pierre-Joffrey und Marina-Nathalie können das auf jeden Fall.
Für die geplante Angélique-Verfilmung kassierten die Golons, die sich vor einigen Jahren aus Frankreich in den fiskalisch kulanteren Schweizer Kanton Wallis absetzten, kürzlich 625 000 Franc (500 000 Mark) Honorarvorschuß. Nach Auskunft des Golon-Managers Gerald Gauthier ist diese Summe jedoch "gering im Vergleich zu den Honoraren, die bisher aus den Buchveröffentlichungen und aus dem Fortsetzungsabdruck in Zeitungen und Zeitschriften eingegangen sind". Die Autorin wird denn auch aus dem zweiteiligen Angélique-Farbfilm, den der französische Erfolgsproduzent Raymond Borderie ("Kinder des Olymp", "Lohn der Angst") nächstes Jahr in Ko-Produktion mit Ilse Kubaschewskis "Gloria" drehen will - Außenaufnahmen in Versailles -, noch weitere Einkünfte beziehen: Anne Golon ist an den Einspielerträgen beteiligt. -
Der Erfolg Anne Golons resultiert aus einem Zusammenspiel von ausschweifender Phantasie, Fleiß, dubiosem Geschmack, Fabuliertalent und branchenkundiger Kalkulation.
1946 hatte die Journalistin und Filmdrehbuch-Schreiberin Simone Changeuse, Tochter eines Marineoffiziers aus Toulon, einen Preis für ein Jugendbuch erhalten. Mit dem Preisgeld finanzierte sie 1949 eine Reportagereise nach Afrika. Im Kongo interviewte sie einen französischen
Mineningenieur russischer Abstammung namens Serge Golonbinoff, in Teheran aufgewachsener Sohn eines zaristischen Diplomaten und ebenfalls preisgekrönter Jugendbuchautor. Wenige Wochen später waren die Interview -Partner verheiratet.
Mit einem gemeinsam verfaßten afrikanischen Tierbuch sprach das nach Europa zurückgekehrte Ehepaar, das sich nun Serge und Anne Golon nannte, bei der Pariser Manuskript-Agentur "Opera mundi" vor. Die international erfolgreiche Agentur - sie vermakelt beispielsweise die Memoiren Sorayas akzeptierte das Tier-Skript, aber "Opera mundi"-Generalsekretär Gerald Gauthier riet den Golons zur Herstellung historisch-abenteuerlicher Frauenromane. Vorbilder: Margaret Mitchells Jahrhundert-Bestseller "Vom Winde verweht", Kathleen Winsors "Amber"; Cécil Saint-Laurents "Caroline Chérie".
Der Ratschlag des erfahrenen Lesestoffhändlers wurde mit System befolgt. Eingedenk der Tatsache, daß beim geschichtsbewußten und überdurchschnittlich historisch versierten französischen Publikum ein historischer Roman ohne äußerste Detailgenauigkeit nicht reüssieren kann, machten sich Anne und Serge Golon an eine langwierig-mühsame Recherchierarbeit. Drei Jahre lang studierten sie Bibliothek und Archiv im Schloß von Versailles. Sie exzerpierten historische Fakten aus mehr als 700 Folianten und entdeckten nebenbei vergessene Geheimgänge im Schloß.
Dann schrieb Anne Golon, wie sie sagt, "das Buch, das wir selbst lesen wollten": den Roman einer (so der deutsche Klappentext) "jungen Frau von verführender Schönheit, seltsam anziehendem, schillerndem Wesen, zahllosen Versuchungen ausgesetzt und zuweilen ihnen erliegend, doch im Herzen der großen Liebe treu" - eine kolossalische Schwulstromanze vor akribisch ausgepinselten historischen Kulissen.
Dieser Kombination entsprießen immer wieder Blüten unfreiwilligen Humors: "Jäh erwachte ein animalisches Begehren in ihr... Angélique stöhnte und biß ungestüm in die moirierte Achseltroddel des blauen Rockes."
Daß die Heldin zahllosen Versuchungen und nicht wenigen Vergewaltigungen ausgesetzt wird und ihnen zuweilen erliegen darf ("Dann stürzte alles ein ..."), garantiert nicht nachlassende Leselust; daß sie dennoch im Herzen ihrer großen Liebe zu einem häßlichen, aber genialen Supermann namens Joffrey de Peyrac ("Freigeist, Gelehrter und Künstler der Liebe") treu bleiben, kann, macht sie vor allem vielen Leserinnen vollends zum Wunschtraum -Idol.
Im ersten Band finden und verlieren sich Angélique de Sancé, die Tochter eines Barons aus der französischen Provinz Poitou, und der Graf Joffrey de Peyrac. Er lehrt sie "den kunstvollen Genuß", dann wird er in einen Prozeß wegen angeblicher Hexerei verwickelt und scheinbar hingerichtet. Am Ende des zweiten Bandes erfährt Angélique, daß Joffrey doch nicht tot ist, aber erst im jetzt erschienenen fünften Band, nach mancherlei schaurig - schönen Erlebnissen am Hofe Ludwigs XIV., in der Pariser Unterwelt und in einem marokkanischen Harem, darf sie ihn wiederfinden - als noblen Piraten, der auf
seinem Schiff sie und eine Gruppe französischer Hugenotten vor der Verfolgung nach Nordamerika rettet.
1955 begann Frankreichs größte Tageszeitung, "France-soir", mit dem Vorabdruck des ersten Angélique -Bandes. Die Fortsetzungsserie lief 18 Monate lang, die Auflage der Zeitung stieg in diesem Zeitraum um 100 000. Seitdem hat "France-soir" jeden weiteren Angélique-Band in Fortsetzungen abgedruckt. Manchmal begann der Abdruck, bevor die Autorin, den Roman fertiggeschrieben hatte.
Anne Golon, die handschriftlich täglich 14 bis 20 Manuskriptseiten schafft und sich schon Schwielen erschrieb, gab ihr Letztes. Golon-Manager Gauthier: "Als sie ihr erstes Kind erwartete, schrieb sie bis zur Niederkunft. Hinterher
hat sie mit der einen Hand das Kind gestillt, mit der anderen Hand weitergeschrieben."
Neun Monate braucht die Autorin im Durchschnitt für die Niederschrift eines Romans. Am Fertigfabrikat wird kaum noch gefeilt. Wenn sie einmal gerade nicht schreibt oder ihre Familie und das Haus im Walliser Winterkurort Montana versorgt, liest Anne Golon Kriminalromane, malt Bilder oder sucht Pilze mit ihrem kahlköpfigen Mann, der seinerseits, wenn er nicht gerade Vorarbeiten im Dienst der Angélique-Produktion leistet, Bilder malt, in Tierpsychologie und Okkultismus dilettiert oder Angélique-Tantiemen in Walliser Grundstücken anlegt.
Die erste Buchausgabe des Golon -Werkes erschien nicht in Frankreich: Der von Hugenotten abstammende Berliner Blanvalet war schneller. 1956, vor der Edition bei Hachette in Paris (inzwischen macht "Opera mundi" das französische, Golon-Buchgeschäft über eine eigene Verlagsfirma), brachte
Blanvalet "Angélique" in Deutschland heraus. Den Titel hatte er sich durch ein Preisausschreiben bei deutschen Buchhändlern als angemessen und attraktiv bestätigen lassen. Den französischen Originaltitel "La Marquise des Anges" (Die Marquise der Engel) hatte Blanvalet verworfen: "Der war mir nicht literarisch genug. Klang zu sehr nach Dumas. Ich wollte das Buch woandershin haben."
Tatsächlich hat Verleger Blanvalet, wenn auch vielleicht nicht durch die Titeländerung, die Golon-Bücher in Deutschland etwas höher placieren können, als sie außerhalb Deutschlands gewertet werden. Ihr Deutsch, teils von dem Übersetzer Günther Vulpius, teils
vom Blanvalet-Lektor und Erfolgsautor
Hans Nicklisch ("Vater, unser bestes Stück"), ist, so unglaublich das klingen mag, immer noch stilvoller als die französische Originalversion. Und gegenüber den kinogrellen Angélique-Buchumschlägen anderer Länder - fast alle zeigen die attraktiv aufgemachte Titelheldin; manche nennen als Autor "Sergeanne -Golon" - nehmen sich Blanvalets Bände mit Schrift, stilisiertem Angelika-Kraut und Bourbonen-Lilie geradezu vornehm aus.
Auch der deutsche Angélique-Preis (jetzt 25 Mark), höher als die Angélique-Preise der meisten anderen Länder, sorgt für Distinktion. Deutschen Buchhändlern und deutschen Buchkäufern fällt es leichter, in den Golon -Schmökern "das gute Buch" zu sehen.
Ein Ende der Erfolgsserie ist noch nicht abzusehen. Am Schluß des fünften Bandes sind Angélique und ihr Joffrey, wieder glücklich vereint, in der Neuen Welt gelandet. Beim Blanvalet -Verlag traf aus München die gereimte Anfrage von neun Sekretärinnen der Firma Siemens & Halske ein:
Wir fürchteten schon, daß die Bände mit diesem fünften Buch zu Ende Wir gehen doch darin nicht fehl,
nicht wahr, es kommt doch wohl ein nächstes? Ach bitte, schreiben Sie uns schnell! Wir kaufen liebend noch ein sechstes'
Nach dem Willen von Blanvalet und "Opera mundi", aber auch von Anne Golon ("Das Schreiben macht mir immer noch Spaß"), kommt nicht nur ein sechster Angélique-Band, sondern auch noch ein siebter und achter. Zur Vorarbeit für den nächsten Band, der in Maine, USA, spielen wird, haben sich Anne und Serge Golon bereits umfangreiches historisches Hintergrundmaterial aus Amerika schicken lassen. Im nächsten Frühjahr will das Ehepaar in Maine Milieustudien treiben. In weiteren Bänden soll möglicherweise Angéliques Tochter Honorine, Sproß einer Vergewaltigung aus dem vierten Band, zur neuen Serienheldin aufgebaut werden.
Trotz solcher schönen Aussichten hat Verleger Lothar Blanvalet noch ein zweites Eisen ins Feuer gelegt. Seinem neuen Angélique-Band liegt ein Gutschein bei - wer ihn an den Verlag einsendet, bekommt nicht nur ein Photo von Anne Golon mit Autogramm, sondern auch ein Probekapitel aus dem Roman der französischen "Neuentdekkung" Juliette Benzoni, "Es gibt nur eine Liebe", der im nächsten Herbst erscheinen soll.
Verleger Blanvalet: "Das Probekapitel enthält die Hochzeitsnacht - wer das gelesen hat, der kauft das Buch."
* Anne Golon: "Angélique und ihre Liebe". Lothar Blanvalet Verlag, Berlin; 508 Seiten; 25 Mark.
Bestseller-Autorin Anne Golon, Ehemann, Werke: Für zehn Millionen Leser fünfmal Angélique
Golon-Verleger Blanvalet
Liebend ein sechstes

DER SPIEGEL 45/1963
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/1963
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BESTSELLER:
Biß in die Troddel

Video 02:21

Augenzeugen vom Attentat in Manchester "Überall lagen Schuhe und Handys rum"

  • Video "Augenzeugen vom Attentat in Manchester: Überall lagen Schuhe und Handys rum" Video 02:21
    Augenzeugen vom Attentat in Manchester: "Überall lagen Schuhe und Handys rum"
  • Video "Manchester: Schock und Trauer nach Terroranschlag" Video 01:28
    Manchester: Schock und Trauer nach Terroranschlag
  • Video "Trumps Israel-Reise: Drei Szenen, drei Fragezeichen" Video 01:45
    Trumps Israel-Reise: Drei Szenen, drei Fragezeichen
  • Video "Manchester: Da waren gar keine Sicherheitsvorkehrungen" Video 01:44
    Manchester: "Da waren gar keine Sicherheitsvorkehrungen"
  • Video "Während Trump-Rede: US-Handelsminister vom Schlaf übermannt" Video 00:29
    Während Trump-Rede: US-Handelsminister vom Schlaf übermannt
  • Video "Papst beichtet: Ich war nie gut im Fußball" Video 01:05
    Papst beichtet: "Ich war nie gut im Fußball"
  • Video "#TrumpOrb: Illuminati in Riad?" Video 01:05
    #TrumpOrb: Illuminati in Riad?
  • Video "Staatsbesuch am Golf: Donald Trump beim Säbeltanz im saudischen Königshaus" Video 00:58
    Staatsbesuch am Golf: Donald Trump beim Säbeltanz im saudischen Königshaus
  • Video "Hochgeschwindigkeits-U-Bahn für Autos: Neue Transportvision von Tesla-Gründer Musk" Video 01:38
    Hochgeschwindigkeits-U-Bahn für Autos: Neue Transportvision von Tesla-Gründer Musk
  • Video "Kalifornien: 10-Meter-Wal verirrt sich in Jachthafen" Video 00:47
    Kalifornien: 10-Meter-Wal verirrt sich in Jachthafen
  • Video "Sechs Auto-Lifehacks im Reality-Check: Humbug oder toller Trick?" Video 02:10
    Sechs Auto-Lifehacks im Reality-Check: Humbug oder toller Trick?
  • Video "Bierdusche auf Pressekonferenz: Köln feiert die Rückkehr in den Europapokal" Video 00:52
    Bierdusche auf Pressekonferenz: Köln feiert die Rückkehr in den Europapokal
  • Video "Videoanalyse zum AKP-Parteitag: Erdogan geht es um eine Machtdemonstration" Video 02:14
    Videoanalyse zum AKP-Parteitag: "Erdogan geht es um eine Machtdemonstration"
  • Video "Webvideos der Woche: Das schnellste Gokart der Welt" Video 03:20
    Webvideos der Woche: Das schnellste Gokart der Welt
  • Video "Dicker Affe in Thailand: Uncle Fat muss auf Diät" Video 00:53
    Dicker Affe in Thailand: "Uncle Fat" muss auf Diät