13.11.1963

IN DER KAUE SPRACHEN SIE VOM ALTEN MANN

Von Hess, SPIEGEL-Redakteur Ernst

Was erste überirdische Geräusch, das die Elf nach 14 Tagen unter Tage aufnahmen, war das Flügelgeknatter eines Hubschraubers, in dem neugierige Amerikaner über der Zeche "Mathilde" kreisten. Der erste Blick ins Tageslicht nach 227 Stunden totaler Finsternis und 109 Stunden Notbeleuchtung traf auf eine mattgelbe Herbstsonne, vor der die Samariter des Roten Kreuzes sie hastig durch dunkle Brillen zu bewahren suchten, von der Sie aber ihre verklärten Stoppelgesichter einfach nicht abkehren wollten.

Der süßliche Fäulnisgeruch der Zuckerrübenernte zog über die Felder um Lengede und, da Polizisten und Sanitäter über Lautsprecher alle Augenzeugen der Rettung schon lange zuvor ermahnt hatten, ihre Zigaretten "fairerweise" - nämlich aus Rücksicht auf die zunächst noch zum Nichtrauchen verurteilten Geretteten - zu löschen, war der Geruch der Zuckerrüben vermutlich das erste, was den aus der Rettungsbombe geholten Kumpeln in die Nase stieg. Ihre Wangen waren nicht bleicher als die vieler ausgepumpter, übernächtiger Retter, die Kopf an Kopf, eine kleine Armee unter gelben Kunststoffhelmen, stumm und andachtsvoll auf sie starrten, als stiegen sie gleich Lazarus aus dem Grabe.

Nur einer kam aus der Unterwelt wie ein Sieger: der 27jährige Helmut Webranitz. Er schien auf eine derartige Begrüßung gefaßt zu sein und wehrte sich - "Hört auf, hört auf!" - vergeblich dagegen, von besorgten Rote -Kreuz-Helfern auf den Arm genommen zu werden. Doch auch er wurde schweigend empfangen. Beifall stellte sich erst ein, als zum Schluß Nr. 12 und Nr. 13, die beiden Steiger Ax und Habich aus der Rettungsbombe kletterten, die hinabgefahren waren, um den letzten Akt des Dramas zu beschleunigen und die Mikrophonverbindung mit dem Loch dort unten zu zertrennen.

Niemand, so wünscht es die Zechenleitung, soll das rettende Verlies in 62 Meter Tiefe je wieder betreten, es sei denn, wie der Direktor Stein nicht ohne Hintersinn nach dieser Woche publizistischer Prüfungen anbietet, "die Herren von der Presse".

Er lacht zum erstenmal genußvoll und unverkrampft nach all den Tagen, in denen er, wie seine Presseabteilung entschuldigend mitteilte, aus reiner Nervosität oft in ganz und gar ungeeigneten Momenten gelächelt hatte.

Auf der Plattform des riesigen Bohrgerätes, das an eine Raketenrampe erinnert, drängen sich die Bohrmänner und ihre Helfer, die Bierflasche in der Rechten, die frisch entzündete Zigarette zwischen den Lippen, wie ein siegreicher Sportklub zum Gruppenphoto zusammen. Einige Dankbare aus Lengede haben ihnen neun magere Nelken und ein Veilchensträußchen hinaufgereicht, winzige Farbtupfen inmitten eines Haufens schmutzbespritzter Kraftgestalten, die damit ein rührendes Hallo veranstalten, während die elf Geretteten mit ihren Frauen und Bräuten in elf Krankenwagen den Krankenhäusern ihrer Wahl entgegengleiten.

Das Schlußbild scheint vollkommen, und als gelte es jetzt nur noch, den Blick der 400 Journalisten von der leidigen Schuldfrage auf das Positive hinzulenken, bekennt der Steiger Habich, mittlerweile in gutem Anzug, in der letzten Pressekonferenz: Wenn es Schicksal oder Fügung gäbe, so sei er davon überzeugt, "daß nirgends anders Gott in Erscheinung hätte treten können als gerade hier".

Es ist das dritte Mal in wenigen Tagen, daß ein Bergarbeiter sich entgegen aller Gewohnheit zu öffentlichen Erklärungen hinreißen läßt. Der vor Erregung bebende Steiger, der die Presse beschuldigt, ins Privatleben hilfloser Kumpel und ihrer Familien vorzudringen, kann freilich nicht ahnen, daß ein Beauftragter seiner Firma im Direktionsgebäude zu Peine schon lange vor der Rettung der elf Kameraden über deren Copyright mit deutschen Massenblättern verhandelte. Zu der Stunde, da der Bohrer endlich durchstieß und das Preßluftgebläse den elf Männern im "alten Mann" eine mörderische Wolke zermahlenen Gesteins entgegenfegte, war in Peine der Pegel allein für die deutschen Druckrechte bereits weit über die 100 000-Mark-Grenze gestiegen.

Drei Tage vor dem Auftritt des Steigers Habich hatte sich jener Zwischenfall ereignet, der Schlagzeilen in der ganzen Welt erzeugte und dem Hauer Söllinger und seinem Mitläufer Ossatnik fürs erste die Ruhe raubte. Ebenfalls in einer Pressekonferenz hatten die beiden, gerade von der Schicht kommend, reichlich unpräzise Vorwürfe erhoben: Nicht erst an jenem ominösen Sonnabend, an dem das für elf der 40 Totgesagten schicksalswendende Gespräch zwischen dem Hauer Hütter und der Direktion stattgefunden hatte, sei der Hinweis auf die Zufluchtsmöglichkeiten im "alten Mann" ausgesprochen worden, sondern bereits viel früher.

Hildesheims Oberstaatsanwalt Erich Topf war schon im Hause und sorgte dafür, daß die beiden sogleich von Polizeibeamten ins Verhör genommen wurden, woraus sich postwendend die Vernehmung von einem Dutzend weiterer Männer aus der Zeche ergab. Journalisten, die der Frage, ob hier fahrlässig die Hinweise ortskundiger Bergmänner in den Wind geschlagen worden seien, selbst auf den Grund gehen wollten, belagerten Söllingers kleines Reihenhaus neben dem Standesamt von Lengede bei Tag und Nacht und hielten teilweise ihre Mahlzeiten auf seiner Vorgartenschwelle.

Der anfangs mitgerissene Bandmeister Ossatnik sagte sich nach 48 Stunden mit einem wilden, herzergreifenden Gestammel vor den im Zechengebäude versammelten Reportern wieder von Söllinger los. "Seit Montag", rief er, die glühende Zigarette zwischen den Fingern, "seit Montag finde ich mein seelisches Gleichgewicht gar nicht wieder." Und: "Licht aus, hört auf zu photographieren, seid doch mal fair!" Und: "Ich habe 'ne Familie, Mensch, und gestern kommen Nachrichten ... daß wir von Osten gesteuert sind."

Er will seinen Frieden, ist ganz voller Reue, ganz verzweifelt darüber, daß etwas, vor ein paar hundert Journalisten gesagt, gleich solche Kreise ziehen muß. "Habe... selber gesagt, die sind vielleicht schon tot." So wie die Direktion es auch gesagt habe, meint er.

Kopfschüttelnd verschwindet der gedrungene, schwarzmähnige Mann in der Menge: "Wenn ich", seufzt er, "nur gewußt hätte, was da auf mich zukommt." Direktor Stein, beschwörend zu den ratlosen Zuhörern gewandt: "Ich habe nichts dazu gesagt, nichts dazu getan."

Hauer Söllinger ist aus einem anderen Stoff. "Die Kumpels haben alle zu wenig Courage, das ist wegen der Werkswohnungen", sagt er. Andere sagen es auch, aber sie haben wegen der Werkswohnungen nicht soviel Courage, es offen zu sagen.

Die Werkswohnungen, die kleinen Eigenheime in der brettebenen Gartenlandschaft, die Darlehen von der Hütte: das sind Bindemittel, die den Bergmann auch im Zeitalter der Vollbeschäftigung respektvoll und folgsam machen - und schweigsam wie das Denkmal des erzenen Kumpels, das vor dem Direktionsgebäude des Schachts "Mathilde" im zerstampften Rasen aufragt.

Wer hat nun wann zu wem gesagt, man solle im "alten Mann" suchen? Ein Bandmeister, sagt Manfred Söllinger dem Vernehmungsbeamten, habe ihm das schon am 26. Oktober erzählt, also zwei Tage nach dem Durchbruch des Klärteiches. Aber der Bandmeister sagt, er habe da nur so allgemein gesprochen, nicht speziell von der Katastrophenstrecke. Ebenfalls ganz allgemein will der Betriebsleiter Bilges über Rettungsmöglichkeiten gesprochen und dabei ganz allgemein, versteht sich, die Feststellung getroffen haben, man laufe eben, wenn das Wasser komme, "in die Brüche".

Es waren Gespräche in der Waschkaue und in den Kneipen, aber über die Klassenschranke, die im Bergbau offenbar noch höher ist als anderswo, kamen diese lebenswichtigen Gedanken nicht. Zu der hohen Direktion ist nichts gedrungen vor jenem Sonnabend 20.30 Uhr, als der Hauer Hütter sich endlich ein Herz nahm und den technischen Direktor Ferling ansprach und damit zum Werkzeug des Wunders von Lengede wurde.

Immerhin, Oberstaatsanwalt Topf, dieser adrette Herr mit der Hornbrille und der schneidend-freundlichen Stimme hält es trotzdem noch für notwendig, zu betonen, der Hauer Hütter habe sein rettendes Wissen über den Bruch nicht etwa daher bezogen, daß er ihn erkletterte, was ja strengstens verboten sei, sondern nur, indem er dort vor der Katastrophe herumleuchtete.

Der Bergwerksingenieur Dr. Clemens Baar aus Kassel, Ostflüchtling und der einst Spezialist für Wassereinbrüche in den Kaligruben Thüringens, ein grauhaariger, braungebrannter Mann, den angeblich die Sorge um die allzuschnell abgebuchten Opfer nach Lengede bewegte, versichert, er sei bereit, einen Eid darauf zu leisten, daß er schon am Dienstag nach dem Wassereinbruch gegen Mittag im Büro des Betriebsrates auf die Wahrscheinlichkeit hingewiesen habe, mit der es Überlebende geben müsse, und darauf, daß man sie eventuell im Bruchfeld oberhalb des Wasserspiegels zu suchen habe. Doch die versammelten Gewerkschaftsfunktionäre und Sicherheitsexperten hätten ihn nur mit Hohn überschüttet.

Hinter seinem Rücken raunt man sich bedeutungsvoll den Hinweis auf seine Ostvergangenheit zu, er dagegen weist sich durch einen Brief als registrierter Sachverständiger der Vereinten Nationen aus.

Auch Hauer Söllinger hatte noch nicht recht den Mund aufgetan, da wurde er schon anonym und schnell der östlichen Beeinflussung verdächtigt. Eine Mystifikation, die immerhin ausreichte, den flinken Oberstaatsanwalt Topf zu Recherchen zu veranlassen. Bald darauf verkündete er: "Es haben sich keinerlei Anhaltspunkte dafür ergeben." Immerhin schmähen anonyme Anrufer die Presseabteilung der Ilseder Hütte dafür, daß sie in Bonn akkreditierte ostdeutsche Journalisten zur Berichterstattung auf dem Zechengelände zugelassen hat.

Bei der Aussicht auf derlei Unbequemlichkeiten scheint es verständlich, daß die Kumpel gegenüber Fremden, die ihnen beim Kneipenwirt Gust allzu bohrende Fragen stellen, nun gelegentlich sogar mit Fäusten ihre Ruhe verteidigen. Die Angst vor den Oberen und die Angst vor dem Osten macht sie auch in Lebensfragen recht wortkarg.

"Wer hätte es denn gewagt, so etwas vorzutragen", sagt der Kohlhaas Söllinger, wenn man von ihm wissen will, wieso er und seine Kollegen nicht dagegen aufgetreten seien, daß man unter dem Klärteich Erz abbaute.

Im blaugepolsterten Mercedes, hinter dem schweren Kopf eine weißüberzogene Nackenstütze, kam 24 Stunden vor der Befreiung der Eingeschlossenen, an ihrem 13. Leidenstag, Heinrich Gutermuth, der stimmgewaltige Boß der Bergarbeiter-Gewerkschaft, und donnerte, das Gerede auf den Dörfern

müsse nun aufhören. "Es ist", entschied er, "niemand beim Betriebsrat gewesen und hat ihm vorgeschlagen, wo Bohrungen unternommen werden sollen."

Entschlossen, der ganzen Sache die heiterste Seite abzugewinnen, berichtete Gutermuth nach einem Acht-Minuten -Gespräch, das er mit den eingeschlossenen elf Mitgliedern seiner Gewerkschaft geführt hatte: "Das einzige, worüber sie sich beklagt haben, war, daß der Raum so eng ist." Er selbst beklagte sich bei dieser Gelegenheit ein bißchen darüber, daß es zu seiner Arbeit gehöre, immer Trostworte zu sprechen wie auch wieder in diesen acht Minuten.

Dieses Mikrophon im grauen Übertragungswagen Nr. 11, durch das schüchtern und an ihrem Kummer würgend die Frauen der Eingeschlossenen Trost in die Tiefe zu sprechen versuchen, reichte nicht, den in herzhaft hartem Zuspruch geübten Gewerkschaftshünen so recht erschauern zu lassen.

Bundeskanzler Erhard dagegen, der nach Abschuß grüner Leuchtraketen wenige Minuten später aus dem Nebel hervor mit einem Hubschrauber der Bundeswehr landete und, am ausgelaufenen Klärteich vorbei, zum Bohrturm gefahren wurde, wirkte wie ein Mann, der mit einem schweren Erlebnis fertig zu werden hat.

Gedankenverloren streifte er die Zigarrenasche an seiner linken Manteltasche ab, während Niedersachsens stellvertretender Regierungschef Carlo Graaff mit der ihm unentbehrlichen Brillantnadel in der Krawatte und dem Brillanten am kleinen Finger auch hier den Eindruck zierlicher Gepflegtheit verbreitete.

Hauer Siegfried Ebeling nahm die überraschend zeremoniellen Worte Erhards entgegen, der den Männern, die verdreckt und hinfällig 60 Meter unter ihm in ihrem winzigen Gefängnis kauerten, mit bewegter Stimme eine nach Vorbereitung klingende Rede hinuntersprach: "Meine lieben deutschen Landsleute, es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, heute zu ihnen an die Unglücksstelle zu kommen und ihnen Mut und Zuversicht zuzusprechen... Ich glaube, alle deutschen Herzen sind im Augenblick bei ihnen in der Hoffnung und in der Zuversicht, daß sie wieder das Licht des Tages erblicken werden." Zwei Dutzend Kumpel begannen trotz der Bergungsarbeiten damit, den Weg in den Stollen Osten 92 wieder freizulegen. Entgegen dem Wunsch mißtrauisch gewordener Arbeitnehmer, die mit dem Kampfruf: "Das Loch muß zu!" fordern, die Grube endgültig aufzugeben, hat der Hüttenvorstand in Peine schon drei Tage nach der Wasserkatastrophe - lange vor Beginn der großen Rettungsbohrungen - beschlossen, "die Förderung in Gang zu bringen".

Wie der Grubenbetriebsführer dazu in einem zusätzlichen Anschlag bekannt gibt, geschieht das auch zwecks "Bergung der noch fehlenden Belegschaftsmitglieder". Als er das hektographieren ließ, fehlten noch 43. Jetzt fehlen 29.

Wer aus dem Orkus wiederkam, darf auf Gewerkschaftskosten mit Frau nach Königswinter und sich erholen. Die Hütte zahlt zwei Wochen den Lohn in voller Höhe weiter. Daß man großzügig sei, sagt Direktor Stein, verstehe sich wohl von selbst. Und mit einer Handbewegung hinüber zu der verwaisten Bohrstelle, aus der vor wenigen Minuten der letzte Eingeschlossene ans Licht gebracht wurde: "Sonst hätten wir das da nicht aufgezogen."

Geretteter Bergmann Lübke: Nach 336 Stunden wie Lazarus aus dem Grabe

Hauer Söllinger, Chef

Wer dachte zuerst ...

Hauer Hütter

... an Zuflucht im Bruch?


DER SPIEGEL 46/1963
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