13.11.1963

Helm auf

Eine Woche lang hatte Edmund Segerts Bahnhofsgastwirtschaft im niedersächsischen Grubenunglücksort Lengede-Broistedt kein Telephon. Inhaber des Anschlusses war in dieser Zeit "Welt"-Reporter Gerhard Mauz. Das Telephon war in einem Volkswagen installiert, auf dessen Rücksitzen der Journalist - eingemummelt in zwei Wolldecken - kampierte.
Reporter Mauz hatte seinen telephonisch erreichbaren Volkswagen knapp 50 Schritt vom Bohrloch postiert, das am Donnerstag letzter Woche den elf eingeschlossenen "Mathilde"-Kumpeln zur Rückkehr ins Leben verhalf. Tag und Nacht hielt Mauz das Bohrloch unter Kontrolle. Sobald er ein nachrichtenträchtiges Ereignis witterte, stieg er auf ein neben den Volkswagen gerolltes Jauchefaß. Mauz: "Mein Aussichtsturm."
Mauz stand an der vordersten Front eines erbitterten Kampfes der modernen Massenmedien. Am gemeinsamen journalistischen Objekt, dem Grubenunglück von Lengede-Broistedt entbrannte die, Konkurrenz zwischen der Presse (365 Reporter) einerseits und dem Fernsehen und Rundfunk andererseits (zusammen 83 Reporter und Techniker) mit niemals zuvor in Deutschland beobachteter Schärfe.
Aus aller Welt - ein kanadisches Fernsehteam hatte mit 8300 Kilometern den längsten Anmarschweg - waren die Berichter herbeigeeilt. Sie erreichten Bataillonsstärke und übertrafen damit die 350 Köpfe zählende Norm-Untertagebelegschaft des Schachts, den sie weltbekannt machten. Sie schliefen in mitgebrachten Wohnwagen und in Autos, auf Gasthofmatratzen und auf Feldbetten im Zelt, und sie faßten Verpflegung an den Gulaschkanonen des Roten Kreuzes.
Daß jeder neben dem Bohrloch kampierende Journalist mit Telephonanschluß ausstaffiert werden konnte, war der Bereitschaft der Einwohner zu danken, eigenen Komfort den publizistischen Notwendigkeiten zu opfern: Die Post verlegte in die Reporter-Autos die Telephonanschlüsse, die Lengeder Bürger freiwillig auf Zeit an die Reporter abgetreten hatten.
Die so präparierte Weltpresse versammelte sich eine Woche lang im Halbkreis am Ort der Rettungsbohrung nach den letzten elf Überlebenden zum Wettstreit um Zitate, Fakten und Informationen. Viele hatten sich mit Bergmannsschutzhelmen ausstaffiert, die sie, wie ein Reporter der "Bild"-Zeitung, auch auf Pressekonferenzen nicht ablegen mochten. Hoch über allem anderen thronten auf Gerüsten die Fernsehkameras und zielten wie Geschütze auf die Bohrstelle.
"Kein Schußfeld für Kamera sieben", schrie eines Nachts ein Fernsehmann. Er bekam es sofort.
Gesamtsieger wurde denn auch die Mattscheiben-Truppe. Ob auf dem Rübenacker bei Barbecke, am Broistedter Friedhof oder in der Nähe des Hauptschachtes "Mathilde" - wo immer gebohrt wurde, beherrschte sie die Lage.
Die Presse - es fehlte weder "Reader's Digest" (New York), Ulbrichts "Neues Deutschland" noch die mit zwei Vertretern erschienene westdeutsche Wochenendpostille "Heim und Welt" spürte stärker als sonst ihren technisch bedingten Nachteil: die verzögerte Aktualität.
Zudem mußten die Presseleute verwinden, daß der Fernsehkonkurrenz stets günstigere Voraussetzungen für gedeihliches Arbeiten beschieden waren. Während gemeine Journalisten Kinnhaken der Werkschutzmänner zu gewärtigen hatten, wenn sie sich auf abgesperrtes Gelände wagten, durften sich die Fernsehleute ungestraft tummeln, wo frische Informationen zu ergattern waren.
Die Beute kam überall freiwillig vor die TV-Linsen. Bergungstechniker und Kumpel ließen sich die Erschöpfungsblässe überschminken, um vor der Kamera mit TV-Reportern die Situation zu erörtern. Bei aller Not ringsumher wurden im Fernsehnotfall sogar Szenen gestellt.
Diese Bereitschaft wurde noch genährt durch den Umstand, daß die Fernsehteams hilfreich an den Bergungsaktionen teilnahmen: Sie leuchteten nachts die Bohrplätze mit ihren Scheinwerfern aus. Rundfunkleute stellten Mikrophone und Aufnahmewagen für den Sprechverkehr mit den Eingeschlossenen zur Verfügung.
Die Mehrheit der Zeitungsleute hingegen sah sich bei Rettern, Gruben -Oberen und Hauern, die als informationsträchtig galten, weniger willkommen. Zwei französische Journalisten beispielsweise biwakierten stundenlang vergebens auf der Treppenschwelle von Hauer Söllingers Wohnung: Der couragierte Bergmann, der kurz zuvor seinem Bergherrn, Direktor Stein, öffentlich Widerpart gehalten hatte, floh durch den Hühnerstall.
Ein anderer französischer Journalist, Jean Yves Grandmange, bezog fünfmal Prügel, weil er seine Informationen an Orten suchte, die er nicht betreten sollte. Den letzten Haken empfing er, als er ein Rote-Kreuz-Zelt betrat. Grandmange war geistesgegenwärtig genug, bei der Flucht einen Helm des Roten Kreuzes mitzunehmen. Er nutzte ihn zur Tarnung, als er zu einem zweiten (erfolgreichen) Versuch ansetzte, den Rettungsdienstarzt Dr. Kellner zu interviewen.
Wer von den Zeitungsleuten sich nicht mit der Teilnahme an den Routine-Pressekonferenzen und hastig erteilten Auskünften der in Schichten arbeitenden fünf Gruben-Pressereferenten begnügen wollte, mußte listig und zäh wie ein Winnetou hinter Berg-Experten und Hauern herspüren oder Aufwand treiben wie die "Bild"-Zeitung.
Das Hamburger Massenblatt hielt während der letzten beiden Wochen das Lengeder Wirtshaus "Zum neuen Krug" besetzt. Der Springer-Verlag hatte im größten Bierhaus am Platze sämtliche Betten gemietet.
Die "Bild"-Leute richteten ein mit eigens herbeigeschafften Laborantinnen besetztes Photolabor ein, stellten einen Bildfunksender auf und ließen täglich zehn Redakteure und vier Photoreporter ausschwärmen.
Wie die Fernseh-Konkurrenz wußte sich auch "Bild" bei den Rettungen nützlich zu machen. Die Zeitung schickte sowohl der Dreier- als auch der Elfergruppe eingeschlossener Bergleute "Minox"-Kameras durch die Röhre. Zwei "Bild"-Photographen erteilten über das Mikrophon Bedienungsanweisungen, so daß die Bergleute Bilder aufnehmen konnten, die den Rettern Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der unterirdischen Gefängnisse ermöglichten.
"Bild" ließ schließlich auch die Eingeschlossenen am journalistischen Schaffen teilhaben und druckte für die beiden Gruppen je eine Untertage-Sonderausgabe, in der Nachrichten, die Beunruhigung auslösen konnten, nicht enthalten waren.
Für die Berichterstattung an der Oberfläche hatte "Bild" Hilfe aus der Verleger-Familie erhalten. Von seiner Frau begleitet, war Verleger-Sohn Axel Springer junior erschienen. In einem stramm sitzenden weißen Drillichdreß, unter einer Kapitänsmütze, zeigte er sich entschlossen, bis zum letzten Tag den Hausphotographenstab an den Bohrlöchern zu verstärken.
Mit dem Komfort im "Neuen Krug" - das Wasser fließt dort nur kalt - zeigte sich der Verlegerssohn allerdings unzufrieden: "Ich werde mich nicht eher wieder waschen", verkündete er letzte Woche seinen Kollegen, "bis das hier vorbei ist - und wenn mir die Pilze aus der Hose wachsen."
Am Donnerstagabend konnte sich Axel junior wieder mit warmem Wasser waschen. Die Rettung war geglückt, und in Hamburg befahl "Bild"-Chefredakteur Boenisch die Schlagzeile für die nächste Ausgabe. Sie sollte lauten: "Gott hat mitgebohrt."
Doch die Redakteure meuterten. Boenisch gab nach und ließ seine Schlagzeile ändern. So verhieß die "Bild" Zeitung ihren mehr als 3,5 Millionen Kunden am vergangenen Freitag: "Gott hat mitgeholfen."
Lengede-Reporter Springer jun.
Schußfeld für Kamera sieben

DER SPIEGEL 46/1963
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