13.11.1963

NAGOLDTiefste Gangart

Gefreiter Hans-Dieter Raub, Gruppenführer in der Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie 6/9 auf dem Eisberg bei Nagold, befahl dem Rekruten Volker Weidemann Gesang. Der Abiturient Weidemann konnte nicht singen - aber der Rekrut Weidemann sang, wann immer es dem Gefreiten Raub gefiel: Er sang vor versammelter Mannschaft und allein, er sang im Flur, im Lehrsaal und vor dem Kompaniegebäude, beim Waffenreinigen und beim Wehrsoldempfang.
Rekrut Weidemann sang nicht nur. Er robbte auch unter 20 Stühlen hindurch, kroch durch einen Kehrichthaufen, unterbrach die Waffenausbildung durch einen Kopfstand (Raub: "Damit das Blut in den Kopf kommt und er dann besser denken kann"), drehte in der Stube Runden "im Entengang" und machte am Himmelfahrtstag "Häschen hüpf!"
Und als sich Weidemann, ohne die Hände benutzen zu dürfen, durch eine 1,80 Meter große Lehmpfütze geschlängelt hatte, befahl der 22jährige Gruppenführer Raub dasselbe noch einmal - rückwärts.
Raub hielt den Rekruten auch abends in Trab. Als Weidemann zum Stubendienst eingeteilt war und Raub als
"Unteroffizier vom Dienst" fungierte, leerte Raub bis anderthalb Stunden nach Mitternacht in kurzen Abständen Weidemanns Spind.
Gegen Raub, der inzwischen fristlos aus der Bundeswehr entlassen wurde, und gegen zehn weitere Ausbilder und Hilfsausbilder der Kompanie 6/9 in Nagold beginnt im Dezember vor dem Schöffengericht der südwürttembergischen Kreisstadt Calw eine Serie von neun verschiedenen Strafverfahren wegen
- fortgesetzter entwürdigender Behandlung von Untergebenen (Paragraph 31 Wehrstrafgesetz);
- vorsätzlicher körperlicher Mißhandlungen von Untergebenen (Paragraph 30 Wehrstrafgesetz);
- Mißbrauchs von Befehlsbefugnis und Dienststellung (Paragraph 32 Wehrstrafgesetz)
und ähnlicher Delikte, wie sie so massiert in der achtjährigen Geschichte der deutschen Bundeswehr noch nicht gerichtskundig geworden sind.
Ebenso massiv und einmalig war auch die Reaktion des Bundeswehr-Generalleutnants Leo Hepp: Der Kommandierende General des für die Nagolder Ausbildungskompanie 6/9 zuständigen 11. Korps verfügte mit Tagesbefehl vom 29. Oktober, daß
- "die Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie 6/9 ... mit sofortiger Wirkung aufgelöst" wird,
- "die Nummer der Kompanie ... zu tilgen" und ihr Stammpersonal "unverzüglich zu anderen Einheiten zu versetzen" ist.
Den Tagesbefehl ließ Hepp vom 29. Oktober an drei Tage lang am Schwarzen Brett sämtlicher Kompanien der 1. Luftlandedivision aushängen.
"General Hepp sah die Ehre der Kompanie besudelt", erläuterte die Tübinger "Südwest-Presse": "Früher hat man in einem solchen Fall einer Einheit die Fahne genommen, heute löst man diese Einheit auf."
Preußenkönig Friedrich II. beispielsweise drohte vor seinen Schlachten an, allen Regimentern, die den Feind nicht unverzüglich angriffen, die Litzen und Tressen abnehmen zu lassen. 1808 wurden bei der Neugründung der preußischen Armee unter Friedrich Wilhelm III. alle jene Regimenter nicht mehr aufgestellt, die beim Kampf gegen Napoleon kapituliert hatten. Und im Frühjahr 1945 befahl Adolf Hitler, die Leibstandarte seines Namens solle die Ärmelstreifen ablegen, weil sie beim Kampf gegen die vorrückenden Alliierten versagt habe.
Korps-Kommandierender Hepp, 56, der in seiner Heimatstadt Ulm mit seinem Korps-Stab residiert, ging über diese Maßnahmen weit hinaus. Zur Kompanieauflösung entschloß sich der General sogar ohne vorherige Fühlungnahme mit dem Verteidigungsministerium. Er konsultierte lediglich seinen Rechtsberater Dr. Ehmer und seinen für Personalfragen zuständigen Generalstabsoffizier Oberstleutnant Reichenberger.
Hepp zum SPIEGEL: "Kritik von meinen Vorgesetzten wegen des Tagesbefehls bekam ich bisher nicht zu hören."
Eine Rüge aus der Bonner Ermekeil -Kaserne, dem Hauptquartier der Bundeswehr, hat Generalleutnant Hepp deshalb noch nicht erhalten, weil die militärischen und zivilen Experten des Verteidigungsministeriums sich nicht klar darüber sind, ob der Korps-Kommandeur seine Befugnisse überschritten hat oder nicht. Da es in der Geschichte der preußischen, der kleindeutschen und der großdeutschen Armee nach der Erinnerung der Bonner Fachleute die Auflösung einer ganzen Kompanie noch nicht gegeben hat, stehen sie diesem "unerhörten Vorgang" (Generalinspekteur Foertsch) vorerst ratlos gegenüber.
Den Mitgliedern seines Stabes hat Generalinspekteur Foertsch allerdings bereits lautstark seine Meinung über den Fall gesagt: "Ein Korps-Kommandeur kann doch nicht einfach eine Kompanie auflösen, die im Aufstellungsplan des Verteidigungsministeriums steht. Für so etwas ist er gar nicht zuständig. Außerdem war es doch gar nicht so schlimm, was in Nagold passiert ist. Fallschirmjäger sind schließlich Leute, die sich freiwillig zu dieser Truppe gemeldet haben und erwarten, daß sie hart angepackt werden."
Gegen den Vorwurf, er habe kein Verständnis für die rauhen Fallschirmjägersitten, wehrt sich Nicht-Fallschirmjäger Hepp: "Es ist einfach töricht, zu behaupten, ich hätte einen Tick gegen die Fallschirmjäger. Aber was nicht in Ordnung ist, muß ausgemerzt werden."
Das Ausmerzungsverdikt des Generals konnte die Nagolder Eisberg-Kaserne nicht unvorbereitet treffen. Denn auch beim Wehrbeauftragten des Bundestags, Vizeadmiral a. D. Heye, gilt Nagold als "neuralgischer Punkt" der Bundeswehr.
Der Ortsname des Schwarzwaldstädtchens stand bis zum Hepp-Befehl zumeist stellvertretend für die Fallschirmjäger-Ausbildungskompanie 6/9 - eine der neun Ausbildungskompanien im Bereich der 1. Luftlandedivision, aber seit langem die umstrittenste und von den meisten Skandalen heimgesuchte Kompanie der gesamten Bundeswehr. General Hepp: "Die Vorgänge bei dieser Kompanie sind eine Schande für das ganze Korps."
Im Befehlsbereich des zackigen Nagolder Fallschirmjägeroberleutnants Jürgen Schallwig - bis zum August Chef der Ausbildungskompanie und dann innerhalb der Eisberg-Kaserne strafversetzt - bildeten Schikane und Schleiferei einen nahezu selbstverständlichen Bestandteil der Vierteljahres -Grundausbildung, zu der Schallwig und seine 45 Stamm-Männer an jedem Quartalsersten 150 neue Rekruten empfingen. Ein Ausbilder: "Fallschirmjäger sind besondere Diamanten, und Diamanten müssen geschliffen werden."
Harten Fallschirmjäger-Schliff mußten sich beispielsweise jene Rekruten, deren Wehrdienst am 1. April 1963 in Schallwigs 6/9 begonnen hatte, bereits
am achten Tag ihrer Soldatenzeit gefallen lassen.
Bei einem Nachtmarsch über 20 bis 25 Kilometer brachen mehrere, solchen Strapazen nicht gewachsene Rekruten zusammen. Unteroffizier Ingo Fischer, 22, widmete ihnen Sonderbehandlungen:
- Den Rekruten Peter Schuldt, den er zuvor durch fortgesetzte Stöße mit einem hölzernen Stock zum Weitermarschieren angetrieben hatte, traktierte Fischer mit Koppelschlägen und Fußtritten. Schuldt: "Ich hörte Schreie: 'Sie dummes Schwein, aufstehen!', und schon zischte es, und ich hatte wieder einen Schlag ab."
- Einen anderen am Boden liegenden Rekruten packte Unteroffizier Fischer am Hemdkragen und zog ihn einen halben Meter hoch. Dann ließ er den nahezu besinnungslosen Jung-Soldaten wie einen Sack fallen und an Ort und Stelle liegen, bis ihn ein Transportkommando in die Kaserne zurückfuhr.
Ein 6/9-Unteroffizier ermunterte bei demselben Nachtmarsch einen Schlappmachenden: Solange er noch sprechen könne, könne er auch marschieren. Dann versetzte er dem Soldaten einen heftigen Stoß und warf ihn in den Straßengraben, wo ihn die Aufräumer zusammenklaubten.
Der nächste Rekrutenschub, der den Nagolder Ausbildern am 1. Juli 1963 anvertraut worden war, sammelte gleichfalls spezielle Marscherfahrungen: Ihren 25. Tag als Staatsbürger in Uniform würzte Kompaniechef Schallwig, trotz glühender Hitze, mit jenem 15-Kilometer-"Gewöhnungsmarsch", nach dem Rekrut Trimborn am 1. August dieses Jahres starb (SPIEGEL 34/ 1963).
Die vom Tübinger Oberstaatsanwalt Dr. Frey nach Trimborns Tod angestellten Ermittlungen ergaben zwar, daß sich aus Trimborns Hitzekollaps kein strafrechtlicher Vorwurf gegen die militärischen Vorgesetzten herleiten lasse,
weil bei Trimborn ein akutes Leber - und Nierenleiden mitbestimmend gewesen sei.
Dr. Freys weitere Untersuchungen förderten aber zutage, daß der Hitzemarsch vom 25. Juli beinahe noch ein weiteres Todesopfer gefordert hätte: In dem von Unteroffizier Fischer befehligten 3. Zug der Ausbildungskompanie 6/9 brachen vier Rekruten zusammen, einer - Jäger Werner Bernhardt - verlor das Bewußtsein.
Die drei anderen erholten sich rasch wieder, Jäger Bernhardt indes mußte in lebensgefährlichem Zustand ins Kreiskrankenhaus Nagold eingeliefert werden. Er erlangte erst am Abend gegen 22 Uhr wieder das Bewußtsein und leidet als Folge des Hitzschlags heute noch unter Kopfschmerzen und Schwindelanfällen.
Dazu der forsche Fischer: "Ich bin der Meinung, daß die Soldaten noch nicht am Rande ihrer Leistungsgrenze gewesen sind."
Gleicher Meinung waren auch zwei dem Fischer als Hilfsausbilder beigeordnete Gefreite; dem Umfallen nahe Rekruten trieben sie mit Gewehrlaufstößen in den Rücken und mit dem Gebrüll an: "Auf geht's, los geht's, keine Müdigkeit vorschützen!"
Die Schleifer und Hilfsschleifer der Schallwig-Kompanie hielten Sondereinlagen nicht nur für Geländemärsche, sondern auch für den normalen Alltag der 6/9 parat.
Gefreiter Raub beeindruckte in zwei verschiedenen Quartals-Ausbildungsabschnitten jeweils einen Rekruten mit dem einprägsamen Vers: "Ich habe drei Freunde in der Kompanie. Zwei sind schon tot, der dritte sind Sie!"
Einem anderen Rekruten befahl Raub, das leicht verschmutzte Flatterventil seiner ABC-Schutzmaske in den Mund zu nehmen und "so lange darauf herum(zu)kauen, bis es weiß wird".
Einem Rekruten, gegen den Raub handgreiflich geworden war und der daraufhin entrüstet fragte: "Ist es jetzt
schon so weit, daß man sich schlagen lassen muß?" gebot Raub kurz und präzise: "Halt's Maul!"
"Da ein Mann in der Gruppe gesprochen hat", befahl ein 6/9-Unteroffizier der ganzen Gruppe, zwei Stunden lang ABC-Schutzmasken zu tragen und über eine stark verschmutzte Panzerstraße mit 15 Zentimeter tiefen Wasserlachen zu kriechen.
Derselbe Ausbilder ließ nach Dienstschluß seine Rekruten wochenlang 1000 -Meter-Läufe und Klimmzüge machen als "Konditionstraining". Er will auch heute noch nicht einsehen, daß derartiges Training nach Dienstschluß von ihm gar nicht angeordnet werden durfte.
Ein Gefreiter, der wegen seiner Jugend vor dem Jugendschöffengericht erscheinen wird, gebot einer Rekrutengruppe, sich beim Außenrevierreinigen auf den lehmig-nassen Boden zu legen und im Kriechen Papierfetzen und Unrat aufzusammeln. Die Soldaten durften zur Vorwärtsbewegung ihre Beine nicht gebrauchen, sie mußten sich beim Aufsammeln der Abfälle mit den Händen nach vorwärts ziehen. Auf diese Weise krochen die Rekruten, eine Stunde lang Unrat sammelnd, im strömenden Regen umher.
Das Gewehrreinigen wiederum belebte ein anderer Gefreiter so: Rekruten, die versehentlich ein Gewehrteil fallen ließen, mußten Liegestützen über einer Öllache üben, um "Bodenberührung zu vereiteln": Der Hilfsausbilder zu seinem Opfer: "Wenn du mit dem Körper ganz 'runtergehst, denk dran, das Zeugs geht schlecht aus der Uniform 'raus."
Überhaupt waren Liegestützen und Bodenberührung ein wesentliches Element der 6/9-Ausbildungsquartale.
Ein 18jähriger Gefreiter - bei der Bundeswehr seit 7. Januar 1963 und bereits am 1. April von Oberleutnant Schallwig zum Hilfsausbilder für das neue Rekrutenaufgebot bestellt - befahl seinen Soldaten Liegestützen über einem geöffneten Taschenmesser, Spitze nach oben, eine Übung, die auch schon bei der Fallschirmtruppe Hermann Görings gebräuchlich war. Das Messer liegt jetzt als Beweismittel dem Gericht vor.
Ein 19jähriger Gefreiter verordnete seiner Rekrutengruppe selbst noch beim Duschen Liegestützen. Die nackten Soldaten mußten sich aus Platzmangel kreuz und quer, durch- und übereinander legen. Ein Rekrut, der gleichwohl keinen "Liegeplatz" fand, hatte zur Strafe mit vorgehaltenem Stuhl in Hockestellung 30 Meter weit den Flur entlangzuhüpfen. Nach zehn Metern gab er wegen Erschöpfung auf.
Ein 22jähriger Gefreiter befahl einem Rekruten 20 Liegestützen mit der lapidaren Begründung: "Mir paßt Ihr Gesicht heute nicht." Der gleiche Ausbilder verdonnerte Rekruten auch dazu, sich "nur in der tiefsten Gangart", also kriechend, zum Abort vorzuarbeiten.
Dazu der Gefreite, der seine Grundausbildung selbst bei der 6/9 empfangen hatte: "Meine Ausbildung habe ich so fortgesetzt, wie ich es in meiner eigenen gelernt habe."
Bei dieser Traditionspflege war der Kompaniechef Jürgen Schallwig, 27, seinen Ausbildern leuchtendes Vorbild:
Schallwig, seit 1956 bei der Bundeswehr und seit 1959 Fallschirmjäger-Offizier, beurteilt die Verfehlungen seiner Unterführer auch jetzt noch, nach den staatsanwaltlichen Anklagen, sehr milde und orientiert sich an den Ruhmestaten der deutschen Weltkrieg-II-Fallschirmjäger sowie an den im Dschungelkampf hartgesottenen französischen "Paras", die sich im Algerienkrieg besonders hervorgetan haben.
Schallwig, gegen den inzwischen ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde, gehört zu jenen Nagolder Springern, die das französische Sprungabzeichen erworben haben und seitdem im Kreis Gleichgesinnter gern französischen Militärjargon ("mon capitaine") pflegen.
Der Oberleutnant sorgte auch dafür, daß die Unterkunft der 6/9 mit martialischen Springer- und Schlachtenbildern geschmückt wurde; außerdem mit Bildtafeln, die den Rekruten den Erbauungsspruch aus dem Germanen-Epos "Die Edda" einprägen sollten: "Besitz stirbt, Sippen sterben, du stirbst wie sie - Eins weiß ich, was ewig lebt, der Toten Tatenruhm." Einer seiner Stabsunteroffiziere gab im letzten Sommer zwei Soldaten den dienstlichen Befehl, den vor dem Kompaniegebäude aufgestellten "Gedenkstein der Fallschirmtruppe" durch Strammstehen und Handanlegen an die Kopfbedeckung zu grüßen.
Nach Fallschirmjäger-Tradition hielten Schallwigs Ausbilder wie eine verschworene Gemeinschaft zusammen. Sie konnten überdies mit einer Solidarität des Schweigens beim - Stammpersonal der anderen Eisberg-Kasernenbesatzungen rechnen.
Weder die beiden Ausbildungskompanien, die neben der 6/9 in der Eisberg-Kaserne stationiert sind, noch das dort liegende Fallschirmjäger-Bataillon 252 (Kommandeur: Oberstleutnant Stobbe) haben von den Vorkommnissen in Schallwigs Kompanie je Notiz genommen.
Sogar auf den folgenschweren Hitzemarsch am 25. Juli mußten Ministerium, Wehrbeauftragter und Öffentlichkeit erst durch empörte Zivilisten aufmerksam gemacht werden - etwa durch den Nagolder evangelischen Pfarrer Schlenker, dessen Bericht die Eisberger Härteprediger freilich mit der Bemerkung abqualifizierten, der Pfarrer sei ja Wehrdienstgegner.
Korps-General Hepp hat für diese Art verschworenen Gemeinschaftsgeistes der Fallschirmjäger nichts übrig: "Richtig verstandene Kameradschaft schließt die Verantwortung für das Handeln des Nebenmannes mit ein."
Und Hepps Rechtsberater Dr. Ehmer: "Selbst den Rekruten war nur schwer der Mund zu öffnen. Die Division stieß bei den Ermittlungen auf eine Kameraderie des Schweigens."
Erst den von der Staatsanwaltschaft eingesetzten fünf erfahrenen Kriminalbeamten gelang es, die Fallschirmjäger -Kameradschaft zu knacken.
Freilich mußten die Ermittlungsbeamten, wie sich Oberstaatsanwalt Frey erinnert, dazu "eine unheimliche Menge von Leuten" vernehmen. Frey: "Praktisch die ganze 6/9."
Mindestens die halbe 6/9, etwa 75 Mann mit Ex-Kompaniechef Schallwig an der Spitze, sind von der Staatsanwaltschaft nun als Zeugen für die bevorstehenden
Gerichtsverfahren benannt worden, so daß der in Schande aufgelösten Schallwig-Schleifschule immerhin im Gerichtssaal zu Calw eine zeitweilige Wiedervereinigung beschieden sein wird.
Dem Calwer Oberamtsrichter Fielitz ist vor dem Aufmarsch der Fallschirmjäger nicht bange. Der Umgang mit ihnen ist ihm geläufig: Im Calwer Amtsgerichtsgebäude, in dessen rechtem Flügel der Kommandeur der Fallschirmjäger-Brigade 25, Oberst Hans -Gotthard Pestke, seine Dienstwohnung hat,
- gilt im Jahresdurchschnitt etwa die Hälfte aller Verfahren vor dem Schöffen- und Jugendschöffengericht irgendwelchen Fallschirmjäger -Komplexen, sei es Befehlsverweigerung, Fahnenflucht, Diebstahl;
- verhandelte Fielitz außerdem im Juni vorigen Jahres gegen drei Leutnants und zwei Feldwebel vom Nagolder Eisberg, die mutwillig einen Posten überfallen und verschleppt hatten.
Das Schöffengericht verurteilte diese fünf Angeklagten zu drei bis sechs Monaten Einschließung. Bei der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Tübingen konnte auch der Fallschirmjäger-Reservegeneral und SPIEGEL-Anzeiger Professor von der Heydte als Verteidiger die fünf Nagolder Uniformträger nicht vor der Verurteilung bewahren. Am 7. August dieses Jahres verwarf das Oberlandesgericht Stuttgart die von den fünf Postenklauern angestrengte Revision.
Das "Schwäbische Tagblatt" berichtete über die Tübinger Berufungsverhandlung am 1. Dezemnber 1962: "Es ergaben sich wiederholt Situationen, die
Landgerichtsdirektor Rauscher mit der Bemerkung charakterisierte, man könne sich ob der Vorstellungswelt der Angeklagten eines Lächelns nicht erwehren."
Mit den Vorgängen in Nagold werden sich nicht nur die ordentlichen Gerichte zu befassen haben. General Hepp: Unabhängig von der strafrechtlichen Verfolgung werde die Bundeswehr selbst Disziplinarverfahren gegen alle Soldaten einleiten, die sich in diesem Zusammenhang eines Dienstvergehens oder eines Versäumnisses bei der Handhabung der Dienstaufsicht schuldig gemacht haben.
Abgelöster Kompaniechef Schallwig, Soldaten: Diamanten müssen geschliffen werden
Kommandeur Hepp (M), Kameraden*. "Eine Schande für das Korps"
Generalinspekteur Foertsch**
"Nicht so schlimm"
Wandschmuck in der Nagold-Kaserne: Neun Strafverfahren eingeleitet
Zusammengebrochener Rekrut Trimborn*
Marsch in den Tod
* Mit den Generalen Speidel (l.) und Zerbel.
- SPIEGEL-Titel 41/1962.
* Trimnborn trug eine Augenbinde, weil er - auch in den Augenhöhlen - an akutem Flüssigkeitsmangel litt.

DER SPIEGEL 46/1963
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