13.11.1963

BRECHTKunst und Krethi

Wenn Sie hierhergekommen sind, um ein Theaterstück zu sehen, sind Sie im falschen Haus. Sie können noch gehen", warnte ein Ansager das Publikum. Dann wurde es wieder hell, und die vergoldeten Saaltüren im einstigen "Theater am Schiffbauerdamm" am heutigen Bertolt-Brecht-Platz in Ostberlin öffneten sich noch einmal.
Doch niemand ging. Vor vollem Haus hob sich um 19.06 Uhr der mit
Picassos Friedenstaube bemalte Vorhang und gab den Blick frei auf Gips und Plüsch: Im flackernden Fackellicht einer düster-romantischen Säulenhalle lagen - "Hamlet", 5. Akt, letzter Auftritt - die dekorativen Leichen des dänischen Königspaares, des Laertes und des zaudernden Prinzen aus Helsingör. Gleich darauf brandete aus versteckten Lautsprechern Beifallsgetöse, ein roter Samtvorhang schloß und öffnete sich mehrere Male, dankbar lächelnd dienerten die Akteure.
Und dann endlich, während Bühnenarbeiter die Kulissen geräuschvoll beiseite trugen, begann, was der Programmzettel im Untertitel avisiert hatte: Auf nahezu leerer Bühne führten - erstmals Mitte Oktober und letzte Woche erneut - ein Philosoph, ein Dramaturg, ein Schauspieler und eine Schauspielerin "nächtliche Gespräche über eine neue Art, Theater zu spielen". Titel der Darbietung: "Der Messingkauf".
Es war, nach zwei Soireen mit Gedichten und Liedern des "armen B. B.", die das "Berliner Ensemble" vergangenen Herbst und in diesem Frühjahr gab, der "Brecht-Abend Nr. 3" der Witwe-Weigel-Truppe.
Als Vorlage diente ihr das bisher unveröffentlichte "Messingkauf"-Fragment, das Brecht in den Jahren 1939 und 1940 neben dem "Leben des Galilei" im dänischen Exil verfaßt hatte, um seinen sogenannten Verfremdungs-(V-) Effekt zu erläutern und seine Auffassung vom "epischen Theater" und vom "Theater eines wissenschaftlichen Zeitalters" darzulegen*.
Diese Fachsimpelei im "Viergespräch", ursprünglich als Gebrauchsanweisung für die Schauspieler Brechtscher Stücke gedacht, schien dem Ostberliner Theaterkollektiv auch fürs große Publikum lehrreich genug, um so mehr, weil, laut Brecht-Jünger Manfred Wekwerth, "wir immer wieder gefragt wurden, was eigentlich das 'Epische Theater' und was der 'Verfremdungs-Effekt' sei".
Teils den nachgelassenen Plänen Brechts folgend, zum Teil nach eigenem Gutdünken, ergänzten die Ostberliner Brecht-Erben das Fragment durch andere theoretische Bruchstücke, etwa durch den in Dialoge aufgelösten Brecht -Essay "Die Straßenszene - Grundmodell einer Szene des epischen Theaters", durch einen Dialog "Über die Theatralik des Faschismus" und durch eine Szene aus dem "Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui".
Gleichfalls eingelegt wurden Ausschnitte aus der Brecht-Adaptation von Gorkis "Mutter" und aus dem "Mutter Courage"-Film, der Brecht-Sketch vom "Streit der Fischweiber", der altgriechische "Wettkampf des Homer und Hesiod" und die "Übungen für Schauspieler" eines ungenannten Autors aus dem Berliner Ensemble.
Das Ergebnis dieser dramaturgischen Collage waren drei Stunden kabarettistische Kurzweil. Vergnüglich wurde es vor allem, als nach dem "Hamlet" -Finale der Darsteller des marxistischen Philosophen auf die Bühne trat und sich in einen großväterlichen Schaukelstuhl fläzte, den er dann kaum mehr verließ: Ekkehard Schall, Ehemann der Brecht-Weigel-Tochter Barbara, präsentierte sich, Zigarren paffend, eine Schlägermütze auf dem fast kahlen Schädel und eine Nickelbrille
vorm Gesicht, in der Maske seines Schwiegervaters Bertolt Brecht.
Der Brecht-Doppelgänger enträtselt den befremdlichen Titel der Bühnenschau. Sein Interesse an der Schauspielerei, erklärt er, sei das eines Menschen, "der als Messinghändler zu einer Musikkapelle kommt und nicht etwa eine Trompete, sondern bloß Messing kaufen möchte".
Und er erläutert: "Ich suche ein Mittel, Vorgänge unter Menschen zu bestimmten Zwecken nachgeahmt zu bekommen, höre, ihr (Schauspieler) verfertigt solche Nachahmungen und möchte nun feststellen, ob ich diese Art Nachahmung brauchen kann."
Während der Dramaturg und das Schauspielerpaar fürs erste auf dem bürgerlichen Illusionstheater und auf der Trennung zwischen Kunst auf der Bühne und "Krethi und Plethi" im Saal beharren (Wolf Kaiser als "Schauspieler": "Für die Kunst, Herr, sind Sie schlicht und einfach lediglich Anwesende"), verlangt der Philosoph, seine nächtlichen Gesprächspartner sollten ihre naturalistische Spielweise aufgeben, weil sie damit den Zuschauer "bannen" (Brecht: "Welcher Ausdruck aus dem Mittelalter stammt, der Zeit der Hexen und der Kleriker") und in ihm die Illusion erwecken, "vor einem Schlüsselloch zu sitzen", wodurch seine Fähigkeit zur Kritik an der gesellschaftlichen Wirklichkeit verhindert werde.
Anstelle des "Theaters der Gemütsbewegungen" möchte der paukende Philosoph seinen Widersachern eine von "wissenschaftlichen (marxistischen) Zwecken" diktierte Novität schmackhaft machen, die er "Thaeter" nennt.
Wesentlichstes Mittel in diesem Thaeter ist der "V-Effekt", über den die vier Nachtwächter bei Brecht nachlesen dürfen: Auf einem Laufband fahren - vielbeklatschter, selbstironischer Regie-Gag im Ostberliner Brecht-Theater - zwei Körbe Brecht-Literatur aus zwei Jahrzehnten auf die Bühne. Die Protagonisten lesen einander daraus vor.
Das Gewohnte, Alltägliche und daher unabänderlich Erscheinende soll, so lautet die Belehrung, durch Verfremdung "Erstaunen und Widerspruch" beim Publikum provozieren. Zur Erläuterung gibt es Beispiele im Stil eines Pennäler-Ulks: "Wenn einer seinen Lehrer in Unterhosen sieht, entsteht ein V-Effekt." Und: "Durch die Definition des Eskimos: 'Das Auto ist ein flügelloses, auf dem Boden kriechendes Flugzeug', wird das Auto verfremdet."
Doch der "Messingkauf" fördert nicht nur Brechtsche Dogmen zutage; die Vorzüge des neuen Thaeters werden durch Exerzitien kunterbunt illustriert.
So folgt der klassischen Szene des Königinnen-Streits im dritten Akt von Schillers "Maria Stuart", der vor dem Philosophen und den Theaterleuten aufgeführt wird (Maria: "Spreng' endlich deine Bande, tritt hervor aus deiner Höhle, lang verhaltner Groll"), ein entsprechender Auftritt keifender Fischweiber im Proletarier-Milieu.
Und um zu zeigen, wie Theater nicht sein sollte, muß der Schauspieler, der sich schließlich mit seinen Kollegen vom Philosophen überzeugen läßt, seine Mütze auf die Bühne legen und mit ihr umgehen, als sei sie eine Ratte. "Man fragt sich", kommentiert der Philosoph diese Übung, "ob eine Technik, welche einen befähigt, das Publikum da Ratten sehen zu machen, wo keine sind, wirklich geeignet sein kann, die Wahrheit zu verbreiten."
Der Publikumsbeifall, angeheizt noch durch den Oldtime-Jazz, der zum Schluß aus den altmodischen Logen des Ostberliner Theaters hervortrompetete, ähnelte dem Tonband-Applaus zu Beginn.
Ob allerdings die durchtrainierte Bühnenmannschaft des Berliner Ensembles - gegenwärtig die beste Gesamtdeutschlands - das Ziel des Verfremders Brecht ganz verwirklichen konnte ("Es gilt zwei Künste zu entwickeln: die Schauspielkunst und die Zuschaukunst"), ist fraglich.
Brechts Forderung: "Laßt ihn (den Zuschauer) gewahren, daß ihr nicht zaubert, sondern arbeitet, Freunde", blieb unerfüllt. Den Gästen am Bertolt -Brecht-Platz war der technisch perfekte Bühnenzauber kulinarischer Genuß. Sie empfanden, so die "Neue Zeit" der Ost-CDU, "daß Theater hier wieder einmal umwerfend schön war".
"Messingkauf"Szene des "Berliner Ensembles": Vor Beginn vier Leichen
Brecht-Imitator. Schall
In der Maske des Schwiegervaters ...
Lehrstück-Autor Brecht
... ein Bühnengespräch über Thaeter
* "Der Messingkauf" erscheint im Band 5 von Bertolt Brechts "Schriften zu Theater" im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

DER SPIEGEL 46/1963
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1963
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BRECHT:
Kunst und Krethi

Video 01:35

"Viking Sky" Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera

  • Video "Viking Sky: Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben" Video 01:52
    "Viking Sky": "Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben"
  • Video "Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens" Video 45:07
    Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens
  • Video "Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf" Video 00:50
    Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf
  • Video "Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde" Video 00:38
    Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Video "Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung" Video 02:31
    Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Video "Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn..." Video 01:18
    Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn...
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Video "Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan" Video 01:07
    Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Video "Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet" Video 01:13
    Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet
  • Video "Kerber-Frust in Miami: Größte Drama-Queen aller Zeiten" Video 01:49
    Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Viking Sky: Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera" Video 01:35
    "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera