20.11.1963

HAIFANG Mit Rubby-Dubby

Englands Haifischangler zählten ihre Beute. Das Resultat alarmierte sie: In der jüngst beendeten Fangsaison 1963 sind vor den Felsklippen von Cornwall im Englischen Kanal nur 1800 Haie an die Haken gegangen.
Aus den gleichen Gewässern, die unter Sportanglern wie kein anderes europäisches Seegebiet für Haifischfänge berühmt sind, waren noch in den beiden vergangenen Jahren jeweils mehr als 6000 Haie an Land gezogen worden.
Durch das ungunstige Fangresultat der Saison 1963 sehen die Kapitäne der Haitangboote von Cornwall die größte Fischfang-Attraktion bedroht, die Südenglands Badeküste Sportanglern und Feriengästen zu bieten hat. Seit über zehn Jahren kamen jede Saison Tausende von Sportanglern nur zum Haifischangeln nach Cornwall. Sie verschafften den Badeorten zusätzliche Einnahmen von mehr als einer Million Mark pro Saison. Die Fangboot-Kapitäne befürchten nun, daß die schlechte Strecke dieses Sommers im nächsten Jahr viele potentielle Hai-Angelkunden abschrecken wird.
Daß der Haifischfang zu Cornwalls speziellem und lukrativstem Angelsport aufsteigen konnte, war einem heute 73 jährigen britischen Militär zu danken, der das Haifischangeln im Kanal vor fast 20 Jahren begründete.
Brigadier John Alan Lyde Caunter entdeckte im Sommer 1944, daß die im warmen Golfstrom bis etwa auf die Höhe des fashionablen Badeorts Torquay (nordöstlich Plymouth) heraufziehenden Haie für Sportangler hervorragende Gegner sein konnten. Anlaß für seine Entdeckung war im Grunde nur der Zorn, den Caunter gegen seinen Oberbefehlshaber Montgomery empfand.
Der alte Haudegen Caunter sollte bei der Invasion im Jahre 1944 ursprünglich eine Panzerdivision befehligen. Doch Montgomery wollte das Kommando keinem Offizier über fünfzig anvertrauen. Wütend ließ Caunter sich pensionieren und widmete sich fortan nur noch seinem Angelsport. Aus Ärger darüber, daß ihm Haie die Fische wegfraßen, spezialisierte sich der Krieger auf den Haifang - und schon Anfang der fünfziger Jahre hatte sich die Jagd auf den Hai
an der Südküste Cornwalls als bevorzugter Angelsport durchgesetzt.
Die Hai-Angler schlossen sich unter Caunters Führung zum "Shark Angling Club of Great Britain" zusammen. Klubmitglied kann werden, wer nachweislich und waidgerecht einen Hai von mindestens 34 Kilogramm geangelt hat und bereit ist, 35 Mark Aufnahmegebühr und zwölf Mark Jahresbeitrag zu zahlen. Der Klub gehört der "International Game Fish Association" (Sitz: Miami, USA) an und zählt heute über 1100 Mitglieder. Ihre Fangtechnik ist originell:
Schon lange vor Erreichen des eigentlichen Fanggebietes schleppt das Boot mehrere "Rubby-Dubby" nach, kleine
Netzbeutel, die prall mit Köpfen und Innereien des von Kanalhaien besonders geschätzten Fisches Pilchard gefüllt sind. Das unablässig ausströmende Fischöl bildet einen "Geruchspfad", der die auf den Geschmack gebrachten Tiere zum Fangplatz locken soll. Dort warten an langer Schnur die großen Haihaken, bestückt mit ganzen Fischen, reichlich umspült von Fischöl, getragen von Korkflößen.
Beißt ein Hai an, ist es Sache des Anglers, den Fisch fachgerecht "anzuhauen" (Festschlagen des Hakens), ihn mit Hilfe der am Angelstock befestigten schweren Rollvorrichtung zu "drillen" (Ermüden des meist kräftig davonziehenden Fisches) und schließlich an Bord zu hieven.
Dabei müssen sportliche Vorschriften eingehalten werden. Das in anderen Fanggebieten der Welt übliche Ermüden
des angehakten Haifisches mit dem Schnellboot etwa gilt in England, "um es gelinde zu sagen, nicht als sportlich" (Caunter) und ist daher verpönt. Vor Cornwall werden die Haie nur vom treibenden Boot aus und nach der von Caunter geprägten Devise "Behandle den Hai mit Respekt und Entschlossenheit" gefangen.
Den guten Sitten der Haifischangler entspricht auch, daß vermeintliche Rekordfänge nach Begutachtung durch Klubmitglieder noch vor einem Notar beschworen werden müssen.
Das Durchschnittsgewicht der bisher vor Cornwall gefangenen Haie - vornehmlich Blau- und Makohaie - beträgt zwar nur 30 Kilogramm bei 1,80 Meter Länge, aber der Fang eines 100 -Kilogramm-Hais ist keine Seltenheit. Fischer Buckland aus Falmouth ist seit 1960 Inhaber des englischen Hai-Angler -Rekords; er fing einen 173 Kilogramm schweren Makohai. Das ist wenig im Vergleich zum Klassen-Weltrekord: Ein 1943 vor Neuseeland gefangener Makohai wog 450 Kilo. Absoluter Weltrekord: 950 Kilogramm wog ein 1952 vor Australien geangelter Menschenhai.
Als Haifänger akzeptieren die Kapitäne der Fangboote (Bestand in der letzten Saison: 20 Boote im Haifangzentrum Looe, vier in Torquay, drei in Falmouth und etwa zehn weitere an Cornwalls Atlantikküste) jeden Sportangler, der die rund 130 Mark Charter zahlt. Angelgeschirr und Zubehör werden gestellt. Bei größeren Angler-Partys reduziert sich der Preis bis auf 30 Mark pro Kopf.
Wie mißvergnüglich eine Fangfahrt allerdings auch verlaufen kann, berichtete der im August 1963 zum Hai-Angeln nach Looe gereiste Hamburger Sportangler Jürgen Petersen:
"Wir fuhren auf dem Boot des Haifängers Frank Pengally 15 Seemeilen weit hinaus. Das dauerte drei Stunden. Drei weitere Stunden verweilten wir im Fanggebiet. Das Boot schaukelte derart, daß fast alle der neun Fanggäste seekrank wurden. Meine Frau fiel in die mit Köderfischen gefüllte Fischkiste. Kein Hai biß an."
Immerhin mußten Sportangler in Cornwall selbst im Spätsommer gewöhnlich drei Tage warten, ehe ihnen ein Fangbootplatz zugeteilt werden konnte. Die Klubmitglieder führen das Interesse am Haifang auf die Gruselfaszination zurück, die sich allgemein mit dem Hai verbindet. Dabei haben Cornwalls Kanalhaie bisher noch keinen Menschen gebissen
Umgekehrt haben auch die Menschen an den Kanalhaien keinen Geschmack finden können. Die gefangenen Tiere werden nur zum Wiegen, Vermessen und Photographieren an Land gebracht und bei der nächsten Ausfahrt in den Fanggebieten versenkt.
Alt-Angler Caunter glaubt nicht, daß in diesen Fanggebieten wegen der schlechten Fänge der Saison 1963 im nächsten Jahr weniger Hai-Angler als bisher erscheinen werden. Caunter: "Die Haie sind in diesem Jahr einfach weniger zahlreich gekommen, weil sich das Wasser infolge des ungewöhnlich kalten Winters nicht genügend erwärmte."
Viele cornische Berufsfischer erklären die abbröckelnde Haifang-Prosperität anders: Das Gewässer sei von den immer zahlreicher aufgekreuzten fangbegierigen Touristen "überfischt" worden.
Haifisch-Angler Caunter, Beute: Beißt nicht, schmeckt nicht

DER SPIEGEL 47/1963
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.