27.11.1963

IFAGEEhe auf Provision

An der Unglücksgrube in Lengede, beim Schatzsuchen im Toplitzsee und während des Big-Lift-Manövers surrten die Kameras eines neuen TVUnternehmens: Am 1. Oktober tat sich die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mit dem European Television-Service (ETe-S)* der Wiesbadener Internationalen Fernseh-Agentur (Ifage) zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, um fortan den Bildschirm-Guckern die letzten Neuigkeiten ins Haus liefern zu können.
Auf deutschen Bildschirmen werden die Produkte des Fernsehdienstes freilich nur gelegentlich zu sehen sein, denn das Programm ist in erster Linie für ausländische Zuschauer bestimmt.
Mit der Wahl des neuen Geschäftspartners arbeitet die bisher offiziell unabhängige Deutsche Presse-Agentur zum erstenmal öffentlich Hand in Hand mit der Bundesregierung:
- Bester Kunde der Internationalen Fernseh-Agentur GmbH ist das Bundespresseamt. Seit Jahren bezieht es von den Wiesbadener TV-Leuten Filmstreifen für Deutschland-Werbung im Ausland.
- Die Ifage-Geschäftsanteile liegen zu je 50 Prozent in Händen des Kaufmanns Helmut Wisser und des Filmfachmanns Karl Friedrich Franck.
Franck war bis 1960 Film- und Fernsehreferent im Bundespresseamt, zu dem er auch heute noch fruchtbare Kontakte pflegt.
Geschäftszweck der 1956 gegründeten Internationalen Fernseh-Agentur ist laut Handelsregister: "Die Herstellung, der Vertrieb und die Vermittlung von Fernsehsendungen und Filmen aller Art für die Verbreitung über das Fernsehen und den Film, vorwiegend deutscher Programme im Ausland."
Da sich der Geschäftszweck der Ifage weitgehend mit den Aufgaben des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung deckt - das Amt gibt allein in diesem Jahr 49,2 Millionen Mark für die "politische Öffentlichkeitsarbeit ,Ausland'" aus -, kamen die Wiesbadener Fernsehfilmer mit dem Bonner Informationsbeamten bereits frühzeitig ins Geschäft und wurde bald aktivster Lieferant Bonner Public-Relations-Auftragsproduktionen.
In der Praxis entwickelten sich zwei Formen der Zusammenarbeit: Entweder vertreibt die Ifage die Filme gegen eine Extraprovision gleich über eigene Kanäle ins Ausland, oder aber sie liefert das - bestellte Gut beim Bundespresseamt ab, das dann die Werbesendungen mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes über die konsularischen Vertretungen im Ausland an den Mann bringt.
Die Ifage-Geschäfte gediehen so prächtig, daß Wisser und Franck ihr Arbeitsprogramm 1961 erweitern konnten. Unterstützt von Francks ehemaligem Brotgeber - dem Bundespresseamt, das für den Aufbau eine Starthilfe gab -, hoben sie E-Te-S aus der Taufe. Chefredakteur des Dienstes wurde Gerhard Reiche, den kurz zuvor das Fernsehurteil des Bundesverfassungsgerichtes daran gehindert hatte, bei Konrad Adenauers Freiem Fernsehen die aktuelle Tagesschau zu leiten.
Neben den weniger aktuellen Ifage -Produktionen gingen seither auch regelmäßig die letzten deutschen Neuigkeiten auf 16-Millimeter-Filmen direkt von Wiesbaden aus in alle Welt - zuletzt fünfmal in der Woche. E-Te-S stieg damit - nach den Fernseh-Nachrichten-Abteilungen der Rundfunkanstalten und des Zweiten Deutschen Fernsehens
- unter den aktuellen Fernsehdiensten
der Bundesrepublik auf den dritten Platz.
Die Deutsche Presse-Agentur, die sich mit ihrer E-Te-S-Ehe einen Platz im Fernsehgeschäft sicherte, war von dem im dpa-Gesellschaftsvertrag verankerten und noch heute geltenden Grundsatz, nach dem sie ihre "Aufgabe unparteiisch und unabhängig von Einwirkungen und Einflüssen durch Parteien,- Weltanschauungsgruppen, Wirtschafts- oder Finanzgruppen und Regierungen" zu erfüllen hat, freilich schon zuvor abgewichen.
Seit ihrer Gründungs in Geldnöten, opferte die größte deutsche Wortnachrichten-Agentur schon 1957 einen Teil ihrer Unabhängigkeit.
Am 1. Januar 1957 trat ein Abkommen mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie in Kraft, das der Deutschen Presse-Agentur die Abnahme ihres Nachrichtenmaterials durch eine bestimmte Anzahl deutscher Industriefirmen im In- und Ausland garantierte. Die Agentur verpflichtete sich, insbesondere ihren Übersee-Funkdienst weiter auszubauen. Die finanzielle Seite: "Der Gesamtpreis für die Lieferung der dpa-Nachrichtendienste... beträgt für die Dauer des Vertrages 2 603 000 Mark."
Der Garantievertrag mit der Industrie lief bis zum 31. März 1960. Seitdem werden die Dienste ohne vertragliche Bindungen an die Firmen geliefert.
Aber auch mit der Bundesregierung ging dpa schon früh ein Vertragsverhältnis ein. Für die Lieferung der dpa-Dienste an Bundesbehörden im In- und Ausland überweist Bonn noch heute jährlich rund drei Millionen Mark an die dpa-Kasse.
Insgesamt vereinnahmte die Deutsche Presse-Agentur 1962 von den nichtbehördlichen und behördlichen Beziehern für ihre Wort-Dienste rund 18,5 Millionen Mark.
Der jüngste dpa-Kontakt zu Bonn kam schließlich im letzten Sommer über dpa-Bilderdienstchef Hans C. Rumpf und E-Te-S-Chefredakteur Reiche zustande. Nach offiziellen Verhandlungen zwischen der bis dahin nur mit Wort und Photo im Nachrichtengeschäft erprobten Deutschen Presse-Agentur und dem weitgehend von Bonner Aufträgen lebenden Fernsehproduzenten gab Ifage dann am 13. August eine Mitteilung heraus, in der es hieß:
Die beiden Unternehmen seien "übereingekommen, den täglichen Ifage -Fernseh-Nachrichtendienst E-Te-S in Kürze gemeinsam herauszubringen. Diese Zusammenarbeit wird zu einer wesentlichen Erweiterung des E-Te-S -Dienstes durch Errichtung weiterer Außenbüros und Vertriebsstellen in - europäischen und überseeischen Ländern führen".
Im September wurde die Ehe durch Vertrag besiegelt: Mit Wirkung vom 1. Oktober stellte E-Te-S seinen Dienst, der zuvor an fünf Tagen der Woche herausgekommen war, auf tägliches Erscheinen um; am gleichen Tage begann die Team-Arbeit von dpa und Ifage.
Grundlage des Abkommens ist eine einfache Arbeitsteilung, die der dpa kaum zusätzliche Kosten, aber den seit Jahren angestrebten Einlaß in die Fernsehbranche beschert: Die Ifage stellt den technischen Apparat zur Verfügung, die dpa ihr Korrespondentennetz.
Was die zehn Ifage-Kameraleute tagsüber ablichten, wird in der folgenden Nacht in Wiesbaden entwickelt, am frühen Morgen im Negativ geschnitten, kopiert und mit einem englischen Begleittext versehen. Vormittags werden die Kopien dann vom Frankfurter Rhein-Main-Flughafen aus in alle Welt geflogen. In den Zielländern können die Filme oft noch an demselben Abend über die Mattscheiben flimmern.
Als Gegenleistung liefern die dpa-Landesbüros in der Bundesrepublik den Ifage-Leuten Informationen und Anregungen. Außerdem soll ein dpa-Redakteur als Koordinator in die Wiesbadener Ifage-Zentrale delegiert werden. Die Auslandskorrespondenten der Deutschen Presse-Agentur sollen der Internationalen Fernseh-Agentur - und damit, ohne es zu ahnen, auch dem Ifage -Hauptkunden, dem Bundespresseamt melden, welche Fernsehthemen jenseits der deutschen Grenzen am willkommensten sind.
Der zunächst für die bauer von drei Monaten geschlossene Pakt dpa-Ifage verlangt von den Auslandskorrespondenten aber nicht nur journalistische Qualitäten: Als Handelsvertreter in TV-Filmstreifen müssen sie auch neue Kunden für die Ifage anheuern und mit ihnen Verträge abschließen.
Ein bestimmter Prozentsatz der Vertragssummen wird der Hamburger dpa-Zentrale jeweils als Provision gutgeschrieben.
* Europäischer Fernseh-Dienst.
* dpa ging am 1. September 1949 aus den drei unter Kontrolle der westlichen Besatzungsmächte- entstandenen Nachrichtenagenturen Deutscher Presse-Dienst (dpd, britische Zone), Deutsche Nachrichten-Agentur (Dena, US-Zone) und Süddeutsche Nachrichten-Agentur (Südena, französische Zone) hervor. Ihre Gesellschafter sind die westdeutschen Zeitungsverleger sowie die Rundfunk- und Fernsehanstalten.
Ifage-Gesellschafter Franck
Ein neues Fernseh-Team...
... kurbelt für Bonn: Ifage-Zentrale in Wiesbaden

DER SPIEGEL 48/1963
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