DER SPIEGEL



SKORZENYS WUNDERRAKETEN LIEGEN IM TOPLITZSEE

Interview mit dem ehemaIigen SS-Obersturmbannführer Dr. Wilhelm Höttl

SPIEGEL: Herr Dr. Höttl, der sagenhafte Schatz im Toplitzsee hat wieder weltweite Publizität erlangt. Man spricht von falschen Pfundnoten, vergrabenen SS-Schätzen, von Geheimwaffen und Geheimbünden. Sie selbst stehen als ehemaliger SS-Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt und als einer der maßgeblichen Männer der großdeutschen Auslandsspionage in dem Ruf, Hauptakteur in der sogenannten Alpenfestung des Hitlerreiches gewesen zu sein, in der die Umgebung des Toplitzsees eine gewichtige Rolle spielte. Von wem stammt die Idee der Alpenfestung?

HOTTL: Der eigentliche Vater der Alpenfestung war der Tiroler Gauleiter Hofer. Als schlauer Tiroler hat Hofer wohl schon frühzeitig gesehen, wie der Krieg läuft, das heißt: daß er schief läuft. Er hat dann zuerst über Bormann, später über Himmler versucht, seine Pläne anzubringen. Das Bestechende an dem Plan Hofers war, gewissermaßen hinter Festungsmauern sitzend zu verhandeln und zu sagen, was ist es euch wert, wenn wir aufhören.

SPIEGEL: Hofer war also der erste, der daran gedacht hat, die Alpenfestung eines Tages den Alliierten gegen gewisse Zugeständnisse zu verkaufen?

HOTTL: Ja. Und ich glaube, daß der Tiroler Gauleiter in dieser Sache auch mit Goebbels zusammenarbeitete, denn die Alpenfestungs-Idee ist in der ausländischen Presse - zweifellos von deutscher Seite gesteuert - groß herausgekommen.

SPIEGEL: In der neutralen oder in der alliierten Presse?

HOTTL: In erster Linie in der neutralen Presse. Hofer hat wohl ganz richtig auf dem Nervenklavier seiner Nachbarn, der Schweizer, gespielt und ihnen klargemacht, wie schlimm es wäre, wenn ein Krieg an ihrer Grenze entfacht würde. Jedenfalls waren wir im deutschen Geheimdienst sehr überrascht, als wir in unseren Presse-Auswertungs- und Funkabhördiensten plötzlich viel mehr über die Alpenfestung erfuhren, als wir selbst wußten.

SPIEGEL: In Wahrheit aber war doch diese Festung eine reine Fiktion?

HOTTL: Ganz-richtig. Es hat nie eine militärische Planung für die Alpenfestung gegeben, etwa in dem Sinne, wie ein Unternehmen "Barbarossa" oder "Seelöwe" vorbereitet wurde.

SPIEGEL: Wie kam gerade Bad Aussee dazu, Kern einer Rest-Alpenfestung zu werden?

HOTTL: Die Zusammenhänge sind letztlich banal und grotesk. Die Alpenfestung mit dem Sitz in Aussee war eine rein private Angelegenheit. Zwar gab es hier schon vorher Gauleitervillen und Feriensitze anderer Prominenter, aber der mächtigste Mann der Alpenfestung, Dr. Kaltenbrunner, der Stellvertreter Himmlers, wurde durch einen persönlich-privaten Zufall nach Aussee verschlagen. Zarte Bande zogen ihn nach seinem Auszug aus Berlin immer wieder hierher. Es ist völlig unrichtig, wenn behauptet wird, Kaltenbrunner habe in Bad Aussee einen Dienstsitz unterhalten.

SPIEGEL: Dennoch sind viele Funktionäre, die etwas von ihm wollten, Offiziere, Diplomaten, SS- und SD-Funktionäre, nach Aussee gepilgert.

HOTTL: Ja, weil sie eben wußten, in Bad Aussee könne man Kaltenbrunner am ehesten treffen. Das Ganze hat sich beinahe österreichisch-gemütlich abgespielt.

SPIEGEL: Man sagt: in Vorzimmern von Schlafzimmern ...

HÖTTL: Das ist sogar wörtlich zu nehmen. Der letzte Befehlsstand des

Dritten Reiches war ein Bett, genauer: ein halbes Bett. Kaltenbrunners Quartier bestand wirklich nur aus einem Schlafzimmer mit einem primitiven Vorzimmer. Das Ganze hieß "Kuhstall". Es war nämlich früher der Kuhstall des Prinzen Hohenlohe gewesen, ein Kuhstall, der später allerdings ausgebaut worden war. Und dort hat sich alles abgespielt. Da stand ein Feldtelephon, aber es gab nicht einmal einen Schreibtisch oder einen Aktenschrank. Kaltenbrunner hat hier amtiert, indem er eben notgedrungen Besuche empfing - gerne tat er das nicht.

SPIEGEL: Wer waren diese Besucher?

HOTTL: Sie müssen zwei Gruppen unterscheiden. Die eine Gruppe kam schon früher her, weil Bad Aussee in seinem abgelegenen Gebirgskessel geradezu ideal gegen Bomben abgesichert schien; die andere Gruppe blieb hier hängen, weil sie dem Kaltenbrunner nachgezogen war und dann von den Ereignissen überrascht wurde. Erwähnenswert ist auch noch eine dritte Gruppe, die Emigrantenregierungen aus dem europäischen Südosten.

SPIEGEL: Das waren also die Regierungen Ungarns, Rumäniens, Bulgariens, Kroatiens und der Slowakei, Länder, die inzwischen von den alliierten Armeen erobert worden waren.

HÖTTL: Diese Leute kamen in Aussee an, weil das deutsche Auswärtige Amt im letzten Augenblick einen Generalbevollmächtigten ernannt hatte, den Dr. Günther Altenburg, der jene Südost-Regierungen betreuen sollte, die ihre Länder schon verloren hatten.

SPIEGEL: Wozu diese Betreuung?

HÖTTL: Man wollte wehl die Fiktion aufrechterhalten, daß wir noch immer diplomatische Beziehungen mit der Regierung Rumäniens und so weiter unterhielten. Zuletzt ging's nur noch ums nackte Weiterleben. Dabei hat sich allerdings gezeigt, daß die Balkan-Leute den Deutschen in ihrer Planung weit überlegen waren. Die haben sehr wohl gewußt, wie sie beizeiten wegkommen.

SPIEGEL: Wahrscheinlich hatten diese Emigranten auch Werte bei sich, eben die Schätze, um die sich auch heute noch zählebige Legenden ranken.

HÖTTL: Die Leute aus dem Südosten, die nur eine einzige Währung - Gold - anerkennen, hatten sich von Anfang an darauf eingestellt, die Flucht vorzubereiten und die Mittel dafür zu organisieren. Darunter waren wirklich prominente Untergrundleute, die dann auch fast alle durchgekommen sind.

SPIEGEL: Und noch heute irgendwo in Übersee ihre goldenen Mitbringsel in Ruhe verzehren?

HÖTTL: Da war zum Beispiel der Ustascha-Führer Ante Pavelic, der immerhin einiges auf dem Kerbholz hatte. Er setzte sich zuerst nach Kärnten ab und lebte dort ein Jahr lang ungeschoren auf einem Schloß. Er verkehrte sogar mit den Engländern, was ziemlich tiefe Schlüsse zuläßt; später ging er über Rom nach Südamerika.

SPIEGEL: Aber verkehrten nicht auch Sie schon vor Kriegsende mit den Alliierten?

HÖTTL: Ich habe bereits 1941 versucht, über den Vatikan mit den Alliierten in Kontakt zu kommen.

SPIEGEL: Schon 1941? Damals wurde doch der Sieg Hitlers von kaum einem Deutschen in Frage gestellt.

HOTTL: Ja, ich war wohl ein weißer Rabe. Ich habe mir damals gesagt: Wenn man verhandeln will, muß man es machen, wenn es gut geht, und nicht, wenn es schlechter wird. Ich war überzeugt, daß der Krieg gegen Rußland, wenn überhaupt, der einzige richtige Krieg war. Mein Ziel war, den Krieg mit Rußland weiterzuführen und sich mit dem Westen zu arrangieren. Die Sache ging leider schief, da bei einer Nachricht an mich, die über die Berliner Nuntiatur lief, ein Spitzel Heydrichs dahinterkam. Ich wurde kaltgestellt.

SPIEGEL: Was heißt das?

HOTTL: Ich wurde außer Dienst gestellt und zur Waffen-SS-Division Leibstandarte versetzt. Erst als Heydrich tot war und Kaltenbrunner, der mich persönlich kannte, sein Nachfolger wurde, kam ich wieder ins Amt VI.

SPIEGEL: Und Sie versuchten wieder, mit dem Westen in Kontakt zu kommen, vor allem in den letzten Stunden des Krieges, als das Phantom der Alpenfestung herumgeisterte?

HÖTTL: Ja.

SPIEGEL: Dabei haben Sie dann auch mit dem amerikanischen Geheimdienstchef für Europa, Allen W. Dulles, in der Schweiz verhandelt. Wann begann dieses Zusammenspiel?

HÖTTL: 1944. Wir im Funkabhördienst, im Amt VI und im MIL (Militärischer Auslands-Geheimdienst) haben damals festgestellt, daß es einen neuen Mann gab, den Allen Dulles, der den amerikanischen Geheimdienst OSS in der Schweiz vertrat. Der Mann gab sehr vernünftige Beurteilungen ab, sehr nüchterne Stellungnahmen über alles, was mit den Russen zusammenhing.

SPIEGEL: Woher wußten Sie das?

HÖTTL: Es gelang uns, den Code des amerikanischen Geheimdienstes zu knacken.

SPIEGEL: Ach, den Code des OSS?

HOTTL: Ja.

SPIEGEL: Wie kamen aber dann Sie, immerhin ein hoher Offizier des gefürchteten Reichssicherheitshauptamtes, in Kontakt zu dem Amerikaner Dulles?

HÖTTL: Ja, das war schwierig, und es gab Vorbedingungen.

SPIEGEL: Welcher Art?

HÖTTL: Ich sollte zunächst auf drastische Art beweisen, welche Machtmöglichkeiten hinter mir stünden. Man forderte mich auf, von zwei prominenten österreichischen Politikern, die im KZ saßen, einen herauszuholen.

SPIEGEL: Und wer war das?

HÖTTL: Es handelte sich um den ehemaligen österreichischen Vizekanzler Richard Schmitz und den ehemaligen Wiener Bürgermeister Karl Seitz, einen der profiliertesten sozialdemokratischen Politiker.

SPIEGEL: Sie haben die beiden KZHäftlinge herausgeholt?

HÖTTL: Schmitz habe ich nicht gefunden. Das Suchen war nicht so leicht, man konnte ja nicht einfach in allen KZs verlautbaren: Alle mal herhören, wo ist der ...?

SPIEGEL: Aber Seitz ...

HOTTL: ... habe ich aus dem KZ geholt. Doch ihm wurde nicht erlaubt, nach Österreich zurückzukehren; er mußte irgendwo in Bayern Zwangsaufenthalt nehmen. Immerhin war das ein gutes Entree bei Dulles.

SPIEGEL: Und bei diesen Gesprächen in der Schweiz sind Sie auf die Idee gekommen, die Alpenfestung den Alliierten gleichsam zu verkaufen?

HÖTTL: Ja. Ich habe zu meiner Überraschung bei den Verhandlungen mit Dulles in der Schweiz festgestellt, daß die Alpenfestung von den Alliierten maßlos überschätzt wurde. Ich möchte ganz offen zugeben, daß damals mein österreichisches Herz etwas höher schlug, als ich sah, daß man vielleicht speziell für Österreich etwas herausholen könne.

SPIEGEL: Sie wollten also nicht mehr für Großdeutschland streiten, sondern für Österreich? Wo blieb da Ihr ursprüngliches Konzept: Frieden mit dem Westen, Fortsetzung des Kampfes im Osten?

HÖTTL: Nun, die Amerikaner haben mir sehr rasch den Zahn gezogen, wie man so sagt. Sie haben mir klargemacht, daß es - im großen gesehen - nichts mehr zu retten gäbe. Nur eines habe noch Sinn: Unterstützung der englischamerikanischen Bemühungen, die Macht in Österreich an die anrückenden Truppen möglichst so ordnungsgemäß zu übergeben, daß sich keine wilden Leute, also vor allem keine Kommunisten, der Herrschaft bemächtigen könnten.

SPIEGEL: Sie hatten jedenfalls mit der Alpenfestung bei Ihren Verhandlungen nicht viel Glück ...

HÖTTL: Gewiß, aber die Amerikaner hatten immerhin eine Mordsangst vor der Alpenfestung, weil es ihnen an Hochgebirgstruppen und entsprechender Ausrüstung fehlte. Sie verfügten über Agentenberichte, die von Verlagerungen der Rüstungswerke in Alpenstollen sprachen ...

SPIEGEL: ... und ließen sich davon so beeindrucken, daß General Eisenhower die Vormarschplanung in Richtung Berlin mit Rücksicht auf die Alpenfestung änderte. Angeblich wollten die Alliierten sogar die Schweiz einspannen.

HÖTTL: Ich weiß von meinen damaligen Kontakten, daß tatsächlich im alliierten Oberkommando darüber sehr ernsthafte Gespräche geführt wurden. Von amerikanischer Seite ist der Panzergeneral Patton in Zivilkleidern zu einer Geheimkonferenz auf Schweizer Gebiet entsandt worden.

SPIEGEL: Wer verhandelte im Auftrag der Schweiz?

HÖTTL: Es wird behauptet, daß General Guisan, der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, selbst beteiligt gewesen sei. Sinngemäß plante das alliierte Oberkommando - wie man mir erzählte - folgendes: Der Krieg wird durch eine Deklaration der Alliierten für beendet erklärt...

SPIEGEL: ... nach Besetzung des übrigen Reichsgebietes...

HÖTTL: ... und wer noch in der Alpenfestung weiterkämpft, ist Partisan; gegen Partisanen aber wird kein Krieg geführt, sondern nur eine Polizeiaktion. An einer solchen Polizeiaktion muß sich natürlich jeder Nachbar, also auch die Schweiz, beteiligen.

SPIEGEL: Sollten mit dieser Konstruktion - Polizeiaktion - die eidgenössischen Neutralitätsbedenken ausgeräumt werden?

HÖTTL: Ja. Die schweizerischen Hochgebirgstruppen waren zudem für einen Krieg im Gebirge gut gerüstet, weil die Schweizer ihrerseits eine Alpenfestung vorbereitet hatten und sicher guttrainierte Einheiten für diesen Zweck bereithielten.

SPIEGEL: Was sagten die Eidgenossen dazu?

HÖTTL: Sie waren mächtig aufgeregt, denn die Alliierten hatten - ihnen mit ihrem Plan einen schweren Schock versetzt. Deshalb hat die Schweiz auch alle Bemühungen - auch, meine eigenen Bestrebungen - gefördert, den Krieg an ihren Grenzen vorzeitig zu beenden.

SPIEGEL: Gefördert durch Ausstellung von Einreisepapieren? Oder haben sie aktiv an den Gesprächen teilgenommen?

HÖTTL: Ich habe falsche Schweizer Personalpapiere bekommen, weil es damals äußerst schwierig war, in die Schweiz einzureisen; die Schweizer hatten ja die Grenze hermetisch gesperrt, und ein Deutscher kam normalerweise überhaupt nicht ins Land.

SPIEGEL: Die Gespräche erübrigten sich dann freilich von selbst, weil das Reich samt seiner famosen Alpenfestung zusammenbrach.

HÖTTL: Ja, die Entwicklung ist über uns hinweggegangen.

SPIEGEL: Geblieben aus der damaligen Zeit sind freilich viele Gerüchte über die Schätze der Alpenfestung, die den Toplitzsee bald zu einem Dorado tauchender Schatzsucher machten. Gibt es solche Schätze?

HÖTTL: Vom Toplitzsee hat damals kaum ein Mensch gewußt, ausgenommen die aus Kiel verlagerte Marineforschungsanstalt, die im Toplitzsee großangelegte, auf weite Sicht geplante Versuche unternahm. Ihre Hauptarbeit war die Entwicklung von Unterwasserraketen jeder Art. Diese Projekte wurden sehr ernsthaft vorangetrieben. Ich erinnere mich, daß SS-Obersturmbannführer

Otto Skorzeny felsenfest davon überzeugt war, mit diesen Waffen einmal von U-Booten aus New York beschießen zu können.

SPIEGEL: War das bereits Bestandteil ernsthafter militärischer Planung?

HÖTTL: Ja. Das klingt heute natürlich grotesk, aber Skorzeny hatte gar nicht so unrecht. Er hat einmal davon gesprochen - und wir haben ihn deshalb im Kameradenkreis aufgezogen -, daß ein Hörspiel von Orson Welles über eine angebliche Landung von Marsmenschen in Amerika unter - der Bevölkerung eine Panik auslöste. Und da hat Skorzeny gefolgert: Was würde erst passieren, wenn nur ein paar solcher Raketen mitten auf Manhattan herunterprasselten.

SPIEGEL: Wäre denn die Sprengkraft der Geschosse groß genug gewesen, ernstlichen Schaden anzurichten?

HÖTTL: Nun, in erster Linie war wohl an das Überraschungsmoment gedacht. Man wollte zeigen, daß wir noch nicht am Ende seien - wie bei den VWaffen.

SPIEGEL: Erprobte man nicht auch am Toplitzsee Spezialgeschosse zum Aufbrechen der Festung Gibraltar?

HÖTTL: Für Gibraltar waren auch die ganz schweren Mörser vorgesehen, die Kaliber von 50 Zentimeter hatten ...

SPIEGEL: ... und an den harten Tiroler Felswänden erprobt wurden. Aber neben diesen Wunderwaffen vermutete jeder im Toplitzsee auch wichtige Papiere, etwa Dokumente des Reichssicherheitshauptamtes.

HÖTTL: Solche Papiere sind bestimmt nicht im See, die Dokumente des RSHA wurden vernichtet.

SPIEGEL: Alle?

HÖTTL: Alle. Ende Februar 1945 kam von Kaltenbrunner der Vernichtungsbefehl.

SPIEGEL: Und es gab keine Duplikate?

HÖTTL: Das ist natürlich möglich.

SPIEGEL: Es gibt Gerüchte, daß Schellenberg, der Leiter der Auslandsspionage des Reichssicherheitshauptamtes, also Ihr Chef, von den wichtigsten Dokumenten Mikrofilme angefertigt habe.

HÖTTL: Das ist das Tragische für die Historiker, daß effektiv alle wichtigen Dokumente von Amt VI des RSHA und vom Amt MIL, also den beiden Auslandsgeheimdiensten, in Form von Mikrofilmen bestimmt noch existieren, aber bisher nicht gefunden wurden. Als der Vernichtungsbefehl kam, hat Schellenberg diese Photos anfertigen lassen; er wollte - wie er mir selbst gesagt hat - sie zu seiner eigenen Rechtfertigung vor der Nachwelt verwenden. Er wollte nachweisen, daß er als Chef des deutschen Geheimdienstes sehr wohl die Staatsführung darauf hingewiesen habe, es müsse Frieden gemacht werden. Er beging dabei aber den durch sein Mißtrauen verständlichen kardinalen Fehler, die Mikrofilme in verlötete Blechkanister zu stecken und sie ohne Zeugen zu vergraben.

SPIEGEL: Wo?

HÖTTL: In der Nähe von Berlin. Ich möchte nichts Näheres sagen, denn der Platz liegt nach meinen Informationen in der Sowjetzone. Aber vielleicht läßt sich der Platz einmal orten, wenn andere Zeiten kommen.

SPIEGEL: Sie kennen den Ort?

HÖTTL: Den ungefähren Ort ja, den genauen leider nicht. Ich habe Schellenberg auch während der Haft in Nürnberg immer wieder gebeten, nicht mir den Platz zu sagen - das wollte ich nicht -, aber ihn so sicher anzuzeigen, daß die Filme gefunden werden können. Schellenberg starb, und seine Frau weiß nachweislich nichts.

SPIEGEL: Die Dokumente gibt es also, aber sie liegen nicht im Toplitzsee. Andere Schätze hat es in der Gegend gegeben, wir denken da an die Salzbergstollen von Altaussee, wo sich die größte Sammlung von Kunstschätzen anhäufte, die es je gegeben hat. Das waren vor Bomben und Russen verlagerte Werte, aber auch geraubte Schätze aus dem Ausland, von Monte Cassino bis Rothschild.

HÖTTL: Auch die Verlagerung der europäischen. Kunstschätze, wie der

Sammelbegriff lautete, kam mehr durch Zufall nach Aussee - das Bergwerk war dafür sehr geeignet.

SPIEGEL: Waren darunter nicht auch mehr oder minder private Sammlungen Himmlers und Hitlers?

HÖTTL: Von Himmler weiß ich nichts, der war doch ein derartiger Kunstbanause, daß er sich nicht einmal zu Hause ein anständiges Bild aufhängte. Aber sonst waren es wohl Prominenten-Sammlungen in weitestem Sinn. Diese Sachen waren von Hitler bereits zugunsten des Reiches vereinnahmt worden und sollten seiner großen Zukunftsschöpfung, der Galerie Linz, zugute kommen.

SPIEGEL: Es heißt, in den letzten Kriegstagen sei auch Adolf Eichmann aufgetaucht und habe Gold mitgebracht.

HÖTTL: Eichmann kam letztlich auch nur her, um von Kaltenbrunner Befehle zu erhalten.

SPIEGEL: Hatte er Fluchtgold bei sich?

HÖTTL: Ich möchte zugunsten von Eichmann ...

SPIEGEL: Sie kannten ihn ja. ..

HÖTTL: ... annehmen, daß er in dieser Hinsicht kaum anfällig war. Mit anderen Worten: Er blieb auch da ein sturer Bürokrat und war wohl der letzte, der auch nur die geringste Unterschleife gewagt hätte; denn es handelte sich schließlich um Reichseigentum.

SPIEGEL: Es ist unbestritten, daß Eichmann in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 mit einigen Autos voller Munitionskisten, in denen keine Munition war, am Toplitzsee erschien.

HÖTTL: Das ist möglich. Aber es gibt ernst zu nehmende Untersuchungen, wonach beschlagnahmtes Gold, Schmuck, Devisen jener Juden, die in den Vernichtungslagern umgebracht wurden, systematisch gesammelt, aufgenommen und treu und bieder abgeliefert wurden.

SPIEGEL: Gleichwohl haben die Leute, die knapp vor dem Zusammenbruch hier durchkamen, Werte mit sich geführt und sie zum Teil am Toplitzsee zurückgelassen. Und nicht nur Gold: In dem tiefen Bergsee liegen Werte, die offenbar manchen Schatzsucher anlockten. Man hat Waffen herausgeholt und falsche Pfundnoten; auch von falschen Dollars war die Rede, obschon sie nie gefunden wurden. Was wissen Sie über die Dollars?

HÖTTL: Schon in Oranienburg, wo die große KZ-Fälscherwerkstatt lag, druckte man die ersten gelungenen Falsch-Dollars.

SPIEGEL: Kamen sie noch auf den Markt?

HÖTTL: Nein, es waren nur Musterexemplare, sozusagen zur Ansicht für die Verantwortlichen.

SPIEGEL: Sie wurden mit den Pfunden zum See gebracht und versenkt?

HÖTTL: Ja, wahrscheinlich auch die Druckplatten.

SPIEGEL: Man spricht davon, daß die Russen versucht hätten, diese Dollars heraufzuholen, nachdem die Amerikaner bei einem ähnlichen Versuch einen Toten zu beklagen hatten.

HÖTTL: Es gibt noch einige der professionellen Geldfälscher, die damals an den Fälschungen beteiligt waren; manche von ihnen haben sich nach dem Krieg wieder dem alten Gewerbe zugewandt, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie auf eigene Faust oder zusammen mit anderen Interessenten versucht haben, die Unterlagen zu finden.

SPIEGEL: Und die Russen?

HÖTTL: Jedenfalls wurde auch davon gesprochen, daß der sowjetische Geheimdienst sehr bemüht war, die im Toplitzsee versenkten Dollarplatten zu heben. Und die Amerikaner, die CIC -Dienststellen hier, haben sich ihre Aufgabe sehr leicht gemacht. Es gab Filmschauspielerinnen und Sängerinnen in Aussee. Eine Einladung jagte die andere, da hat man sich um Russen wenig gekümmert.

SPIEGEL: Aber Sie glauben, daß die Russen da waren?

HÖTTL: Für einen Fachmann war es klar.

SPIEGEL: Außer falschen Pfundnoten, falschen Dollars und Waffen ist im Toplitzsee also nichts zu finden - nichts an Akten, die ehemalige Nationalsozialisten oder heute wieder wohlbestallte Firmen kompromittieren, nichts an Gold oder geheimen Kontenlisten?

HÖTTL: Nichts. Das ist meine feste Überzeugung.

Ex-Obersturmbannführer Höttl: Tauchten Russen nach dem Schatz?

Alpenfestungs-Chef Kaltenbrunner

Kommando im Kuhstall

Ex-Obersturmbannführer Skorzeny

Von Marsmenschen gelernt


DER SPIEGEL 48/1963
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