27.11.1963

IONESCOAb mit Thron

Du stirbst in anderthalb Stunden", eröffnete die Königin ihrem König. "Am Ende der Vorstellung bist du tot." Während daraufhin im Premierenpublikum nach der Uhr gesehen wurde, replizierte auf der Bühne Ionescos König Behringer I.: "Was sagen Sie, meine Liebe? Ich finde das gar nicht komisch." Königin Margarete: "Am Ende der Vorstellung bist du tot."
Als gar nicht sehr komisch erwiesen sich auch die ersten Vorstellungen von Ionescos neuem Stück "Der König stirbt", die deutschen Theaterbesuchern dargeboten wurden: am Vorabend des Volkstrauertages im Düsseldorfer Schauspielhaus, am Trauersonntag selbst im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Und beide Premieren, denen Inszenierungen des Stückes an über dreißig deutschsprachigen Bühnen folgen werden, gaben ihren Gästen nicht nur einmal Anlaß, nach der Uhr zu sehen, wie lange es noch dauern werde.
Mit dem abendfüllend gedehnten Einakter "Der König stirbt" hat der 51jährige Pariser Dramatiker aus Rumänien, Eugene Ionesco, sich weiter vom absurden Grundmuster seiner frühen Bühnen-Clownerien, seiner "Anti-Stücke" und "Pseudo-Dramen", entfernt. Die Zeitschrift "Arts" nach der Pariser Uraufführung Ende letzten Jahres: "Anti-Theater, na ja, das war mal vor zehn Jahren."
Ionescos Behringer, ein quasi positiver Held schon in den Stücken "Mörder ohne Bezahlung" (1958), "Die Nashörner" (1959) und "Fußgänger der Luft" (1962), hat nun - als exemplarisch sterbender König - endgültig die Züge eines Ionesco-Selbstporträts angenommen. Er ist zur Sinnfigur einer allgemeinverständlichen Totentanz-Allegorie geworden, zum Sprachrohr des Autors, der die Angst vor dem Tod als einen seiner Hauptaffekte bekannt hat. Ionesco zur Entstehung seines neuesten Stücks: Lange Zeit denke ich nicht an den Tod, wie jedermann. Dann werde ich krank, die Vorstellung des Todes konkretisiert sich, und ich verspüre den Wunsch, eine Agonie auf der Bühne darzustellen" (SPIEGEL 4/1963). Der zweistündigen, teils zeremoniell, teils ironisch stilisierten Bühnen-Agonie des Jedermann-Königs Behringer - er ist Jahrhunderte alt, ist Prometheus und Shakespeare, hat Schlachten geschlagen und das Telephon erfunden - assistieren des Königs erste Frau, Margarete, und seine jüngere zweite Gattin, Maria, sowie ein Arzt, der auch "Scharfrichter, Bakterienforscher und Sterndeuter" ist, eine Dienerin, die den verfallenden Thronsaal "living-room" nennt, und ein Wächter, der die Handlung mit laut ins Publikum deklamierten Bulletins begleitet:
DER KÖNIG: ... Ich weiß nichts mehr, ich bin nie gewesen, Ich sterbe.
MARGARETE: Das ist Literatur ...
MARIA: Wenn ihm das hilft?
DER WÄCHTER meldet: Die Literatur hilft dem König etwas!
Während die kühl-intellektuelle Margarete dem König zuredet, sich gelassen in das Unabänderliche zu fügen, versucht die gefühlvoll-naive Maria zunächst noch, seinen Lebenswillen zu stärken. Der Arzt tadelt: "Er hat wie irgendwer einfach in den Tag hinein gelebt." König Behringer klammert sich an sein Zepter, an seinen Thron, an Erinnerungen vergangener Macht und an Illusionen der Unsterblichkeit; er weicht dem bereitgestellten Rollstuhl aus, verschmäht die konventionellen Tröstungen für Sterbende, trauert Eintopfgenüssen und Badewannenfreuden nach. Königin Margarete: "Was für ein Spießbürger!"
Ionesco: "Ich habe Behringer zum König gemacht, weil man mir vorgeworfen hat, er sei ein typischer Kleinbürger."
Doch nicht nur der Kontroverse des Anti-Ideologen, Brecht-Verächters und De-Gaulle-Bewunderers Ionesco mit seinen linksgerichteten französischen Kritikern verdankt Behringer die Beförderung zum König. Ionescos Sterbestück, nach klassischer Einfachheit und Größe strebend, ist auch von einem klassischen Vorbild inspiriert: vom Tod des Shakespeare-Königs Richard II.
"Wenn der abgesetzte Richard verlassen und gefangen in seiner Zelle sitzt", notierte Ionesco einst, "so ist das nicht allein Richard II., den ich dort sehe, sondern alle heruntergekommenen Könige der Erde ... Richard II. macht mir eine ewige Wahrheit hell bewußt, eine Wahrheit, die wir im Fluß der Begebenheiten immer wieder vergessen und die im Grunde genommen einfach und beinahe banal ist: Ich sterbe, du stirbst, er stirbt."
Eugène Ionesco, nun nicht mehr absurd und dennoch kein neuer Shakespeare, vermag die ewige Wahrheit, daß jedermann sterben muß, dann allerdings doch nur einfach banal darzubieten. Seine Mittel reichen nicht aus, die Simplizität des Themas und der Handlung mit Poesie zu überhöhen.
Bevor die Mitspieler den moribunden König verlassen haben, bevor die Kulissen der Umwelt verschwunden sind, bevor Behringer endlich stirbt,
zieht sich eine allzu lange Weile undramatisches, belangloses Gerede hin. Das tragikomisch-pathetische Endspiel um die "ewige Wahrheit" versackt in Allerweltslyrik - "Ich bin die Erde, ich bin der Himmel, ich bin der Wind, ich bin das Feuer" - und Pseudophilosophie: "Alles was gewesen ist, wird sein. Alles was sein wird, ist. Alles was sein wird, ist gewesen!"
Bei der Uraufführung im kleinen Pariser Privat-"Théâtre de l'Alliance Francaise" war Ionescos Letal-Akt mit einer Posse von Pirandello zum abendfüllenden Programm verkoppelt worden. Bei den gelangten, feierlichen Solodarbietungen des Stückes auf den weiträumigen Stadttheater-Bühnen von Düsseldorf (Regie: Karl Heinz Stroux) und Hamburg (Regie: Hans Lietzau) traten dessen Schwächen deutlicher hervor. In Düsseldorf wurde mittelkräftig applaudiert und gebuht, in Hamburg gab es nur matte Reaktionen.
In Hamburg gab es überdies einen deplacierten, unfreiwillig komischen Abschluß der Todes-Allegorie: König Behringer selig rutschte mit Thronsitz in die Versenkung. Fragte "Die Welt": "Klosett-Fauteuil mit Mechanik - mißverstandener Symbolismus mit zuviel Technik, Verzweiflungsakt der Regie?"
"Der König stirbt" in Hamburg*
"Ich finde das nicht komisch"
"Der König stirbt" in Dusseldorf *
"Ich bin der Wind"
* Werner Hinz und Solveig Thomas (Maria)
in der Hamburger, Karl Maria Schley und Nicole Heesters (Maria) In der Düsseldorfer Ionesco-Premiere.

DER SPIEGEL 48/1963
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