27.11.1963

FERNSEHEN / TelemannTSCHÜHÜS

Sc solle nicht so schnippisch
sein, rügte der Richter die Zeugin Martina John, 17, und sein Antlitz strahlte gekränkte Vatergüte.
Zeugin: "Was heißt denn schnippisch? Es wird hier immer gefragt und gefragt, man muß ja alles dreimal sagen ..."
Richter: "Sie sind ... ein dreistes Mädchen ist das ja ... was machen wir mit diesem Fehlprodukt der deutschen Erziehung?"
Letztere Frage erschien um so brennender, als die Zeugin John auch anderweitig Ärgernis erregte; etwa durch die Bemerkung, ihre Freundin Petra habe "Stunk mit ihrer Regierung" gehabt ("Na ja, Sie nennen es vielleicht Eltern"), oder, als man sie des Saales verwies, durch ein lässig zum Richtertisch geschlenztes "Tschühüs!" - doch niemand im Saale wußte Antwort.
"Unglaublich!" scholl es, vom Staatsanwalt intoniert, durchs gut besetzte TV-Gerichtsstudio ("Das Fernsehgericht tagt", 12. und 13. November, Erstes Fernsehen), und "unglaublich!" klang es vervielfacht weiter, als die Ampex-Aufzeichnung längst vorüber war. Das geladene Gerichtssaal-Publikum und niedere NDR-Chargen fanden, "man müsse so viel minderjährige Unbotmäßigkeit herausschneiden". Aber zum einen war das technisch nicht möglich, weil jedes Stück der in drei Teile zerlegten und an zwei Abenden gesendeten Fernseh-Strafsache in einem Zuge "durchgedreht" wird, zum anderen hatte die blondsträhnige Martina (Linde Fulda) gehandelt, wie das Gesetz dieser TV-Serie es befahl.
Angeklagte und Zeugen, so schreibt es vor, werden drei Tage lang mit dem Part der Juris-Fiktion, der sie betrifft, vertraut gemacht: Der Angeklagte erfährt, ob und auf welche Weise er straffällig geworden ist, den Zeugen und Gegenzeugen wird einzeln mitgeteilt, inwieweit sie in den Fall verstrickt sind und welche Marschroute sie einzuschlagen haben. Richter -und Anwälte hingegen kennen nur die Gerichtsakten und treffen ihre Entscheidungen im Rahmen des geltenden Rechts völlig frei. So kommt eine Art Kampfspiel zustande, bei dem das Risiko des Unvorhersehbaren sich in schicklichen Grenzen hält.
Die Dreistigkeit einer Reeperbahn-Räuberbraut - in jedem Spielfilm Anlaß zu ungetrübter Heiterkeit - wirkte im Fernsehen auf schlichte Gemüter schockierend, weil sie ebensowenig "perfekt" war, wie sie es vor einem authentischen Schöffengericht gewesen wäre. Dort ist es die Aussicht auf realen Freiheitsentzug, die aller Ganoven-Impertinenz jenen Hauch von Unglaubwürdigkeit verleiht, den ein Auditorium als peinlich
empfindet, hier war es der Zwang zu improvisierter Rede.
Schauspieler, die nicht aufs Stichwort warten, sondern zuhören, mitdenken, selbständig artikulieren müssen, sind bessere "Angeklagte" und "Zeugen" als solche, die einen gelernten Text aufsagen. Das ist ein Vorzug der Improvisation.
Ein Nachteil ist, daß das Fehlen eines Autors und die sendezeitliche Ohnmacht des -Live-Regisseurs Schauspieler dazu verleiten, ihr Stegreif-Röllchen aufzubessern; notfalls vermöge voraus-improvisierter Bonmots. So die Zeugin Erna Maass (Renate Schacht), Platzanweiserin, nach der Enthüllung, der Angeklagte habe ihr erst blaue Flecke und dann sechs rote Rosen beigebracht: "Er hätte mir lieber Stiefmütterchen schenken sollen."
Indes, ob schlecht oder echt: Schauspieler spielen. Juristen aber sind; auch wenn sie ihrer Ämter im Fernsehstudio walten.
Der Verteidiger verteidigt hier wie anderwärts sein Rechtswahrer-Renommee.
Der Staatsanwalt redet so, wie er es an deutschen Gerichten erlernt oder erlauscht hat: "Halten Sie gefälligst den Schnabel!" - "Wenn du uns hier was vorspinnst, mein Junge, dann kannst du was erleben!"
Und der Amtsgerichtsdirektor i.R. Dr. August Detlev Sommerkamp, 72, richtet. Mit der Milde eines, dem Hamburgs- Bagatell-Sünder schon zu Amtszeiten den Ehrentitel "Papa Gnädig" verliehen, und der Routine dessen, der in 36 Richterjahren den Nutzen einer protokollreifen Sprechweise erkennen gelernt hat.
Sein Pensionisten-Charme vor allem hat der langlebigen Serie, laut Infratest, das Zuschauerprädikat "Man kann dabei viel lernen" eingetragen. Sein immer gütiges Wirken bietet die Gewähr, daß kein Murren anhebt unter dem Fernsehvolke, wenn auch im Jahre 1964 das TV-Schöffengericht fünfmal zusammentritt.
Noch ein kurzes, und Papa Gnädig wird das Denkbild vom hiesigen Rechtswesen so gültig geformt haben, daß es selbst Hehlern und Stehlern aus dem Hinterwald bei dem Gedanken an ein deutsches Justizgebäude nestwarm ums Herz wird.
Noch ein weiteres, und die Republik hat für all jene, die da so laut nach einer neuen Strafprozeßordnung verlangen, nur noch ein Achselzucken übrig.
Staatsanwalt - hin, forensische Umgangsformen her - der Papa wird's schon richten.
Merke: "An guter Lehr trägt keiner schwer" (Alter Spruch).
Von Telemann

DER SPIEGEL 48/1963
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