04.12.1963

USASCHWERT, PISTOLEN UND DYNAMIT

Eine Blutspur zieht sich durch das Jahrhundert. Sie zeichnet den durch Attentate gefährdeten Weg von Königen und Präsidenten, Demokraten und Diktatoren. Gegen die Mächtigen hatten sich zu allen Zeiten Schwärmer und Psychopathen, Weltverbesserer und Anarchisten, politische Fanatiker und Landsknechte verschworen. In diesem Jahrhundert gesellten sich zu ihnen Nationalsozialisten und Kommunisten. Am 14. September 1901 erlag William McKinley den Folgen eines Attentats. Sein Mörder (links oben) hieß Leon Czolgosz, 28, und war ein politischer Wirrkopf. Er endete am 29. Oktober auf dem elektrischen Stuhl. Gefängnisbeamte vernichteten seinen Leichnam noch im Grobe, indem sie ihn mit Schwefelsäure übergossen.
Der jahrhundertealte Kampf der beiden serbischen Königsdynastien lebte in der Nacht zum 11. Juni 1903 blutig wieder auf. Offiziere erschugen König Alexander und Königin Draga im Schlafzimmer ihres Belgrader Palastes mit Säbeln. Der Königin wurden Arme und Beine abgeschlagen, die Leichenteile aus dem Fenster geworfen. Die Mörder feierten In den blutbesudelten Gemächern ein wüstes Gelage. Mit dem Doppelmord an dem Herrscherpaar war das Haus Obrenowitsch erloschen; Peter Karageorgewitsch, der Anstifter der Bluttat, wurde neuer König von Serbien.
Die Schüsse von Sarajewo lösten den Ersten Weltkrieg aus. Der Anschlag vom 28. Juni 1914 auf das im Automobil durch die bosnische Stadt fahrende österreichische Thronfolgerpaar, Erzherzog Franz Ferdinand und Herzogin Sophie, war das Werk eines unreifen Gymnasiasten: Gavrilo Princip, 19. Zu 20 Jahren verurteilt, starb er während des Krieges Im Kerker.
Fememorde erschütterten die Weimarer Republik und bedrohten das Leben ihrer führenden Politiker: Am 26. August 1921 wurde der Zentrumsabgeordnete Erzberger erschossen. Die Täter, zwei ehemalige Offiziere, Tillessen, 26, und Schulz, 28, entkamen ins Ausland. Nach 1945 wurden sie in Baden zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt, 1952 aber auf Betreiben der Witwe Erzbergers begnadigt. Ein Jahr noch dem Erzberger-Mord, 1922, starb Reichsaußenminister Rathenau unter den Kugeln der Fememörder. Wieder waren die Täter zwei ehemalige Offiziere: Kern, 24, und Fischer, 26. Auf ihren Kopf war eine Belohnung von einer Million Reichsmark ausgesetzt. Kern wurde auf der Flucht von der Polizei erschossen; Fischer endete durch Selbstmord.
"Laßt das Vieh verrecken!" schrie der SA-Mann Otto Planetta, als er Österreichs Bundeskanzler Engelbert Dollfuß am 25. Juli 1934 in Wien niedergeschossen hatte. Otto Planetta wurde sechs Tage später durch den Strang hingerichtet.
Der königliche Chauffeur hielt den Attentäter an den Haaren fest, ein Offizier hieb mit dem Säbel auf ihn ein. Zu spät: König Alexander 1. von Jugoslawien starb am 9. Oktober 1934 in Marseille, zusammen mit Frankreichs Außenminister Louis Barthou, unter den Kugeln des mazedonischen Terroristen Velicko Geogiev-Kerin. Der Mazedonier war von Kroatiens Ustascha-Chef Pavelic zu dem Königsmord angestiftet worden und erlag noch am selben Abend seinen Verletzungen. Italiens faschistischer Diktator Mussolini intervenierte nach dem Anschlag bei der Pariser Regierung, um zu verhindern, daß Einzelheiten über die italienischen Querverbindungen der Hintermänner Georgievs bekannt wurden.
Herschel Grünspan, der Mörder des Gesandtschaftssekretärs Ernst vom Rath, war 17 Jahre alt und Jude. Die Schüsse vom 7. November 1938 in der Deutschen
Botschaft zu Paris dienten Hitler als Vorwand zur Reichskristallnacht vom 9. November, die eine Welle von Judenverfolgungen in Großdeutschland auslöste.
Vom Unglück verfolgt waren die Hitler-Attentäter Elser und Stauffenberg. Am 8. November 1939 explodierte die
Bombe zwölf Minuten zu spät; am 20. Juli 1944 war die Sprengladung zu klein. Beide Male kam Hitler davon.
Stalins Rache ereilte den bolschewistischen Revolutionsführer und Stalin-Gegner Leo Trotzki im mexikanischen Exil. Ein gedungener Mörder, Ramon Mercader, erschlug Trotzki am 20. August 1940 mit einem Eispickel im Arbeitszimmer seines schwerbewachten Hauses in Mexico-City. Zwanzig Jahre lang schwieg Mercader über die Hintergründe seiner Tat. Im Gefängnis erhielt er regelmäßig Geldzuwendungen von unbekannter Seite. Als er am 6. Mai 1960 entlassen wurde, ging er nach Prag, wo er im Sommer seine langjährige mexikanische Freundin Roquelia Mendoza heiratete, die ihn in seiner Haftzeit wöchentlich zweimal besucht hatte.
Eine englische Plastikbombe flog am 29. Mai 1942 in Prag in den Wagen des Reichsprotektors Reinhardt Heydrich. Der Gestapo-Chef wurde schwer verletzt und starb am 4. Juni. SS-Einheiten liquidierten die beiden tschechischen Bombenwerfer, Jan Kubis und Josef Gabcik, sowie weitere Angehörige der tschechischen Widerstandsbewegung in der Prager Karl-Borromäus-Kirche.
Ehrerbietig verbeugte sich der Attentäter vor seinem Opfer, dann schoß er dreimal: Der greise Prophet der Gewaltlosigkeit, Mahatma Gandhi, fiel am 30. Januar 1948 mit den Worten: "Mein Gott! Mein Gott!" Widerstandslos ließ sich der Mörder, Nathuram Godse, 38, Faschist und Journalist, am Tatort in Neu-Delhi festnehmen. Godse wurde am 15. November 1949 gehängt.
Im Kugelhagel von Secret-Service-Männern brach am 1. November 1950 ein Anschlag der portorikanischen Nationalisten Oscar Collazo und Griselio Torresola auf US-Präsident Harry S. Truman zusammen. Der Staatschef hielt gerade Mittagsschlaf im Blair House, seinem provisorischen Wohnsitz, als die Attentäter um 14.05 Uhr In das Haus einzudringen versuchten. Sie feuerten aus deutschen Armeepistolen vom Typ 08 und 38. Torresola wurde von einem sterbenden Secret-Service-Offizier, den er niedergeschossen hatte, getötet, sein Komplice schwer verwundet. 1951 zum Tode auf dem Elektrischen Stuhl verurteilt, wurde Collazo von Truman zu lebenslänglichem Kerker begnadigt.
"Wir werden überleben!" rief Südafrikas Premier Dr. Hendrik F. Verwoerd, 62, in einer Rede auf der Johannesburger Agrarmesse. Da traf Ihn die Kugel des weißen Farmers David B. Pratt, 48, in den Kopf. Verwoerd überlebte das Attentat vom 11. April 1960. Pratt erhängte sich am 1. Oktober 1961 in der Zelle einer Irrenanstalt. Bereits früher zeitweilig geistesgestört, hatte ihn ein Gericht für unzurechnungsfähig erklärt.
Ein Stoß mit dem Kurzschwert tötete Japans Sozialisten-Führer Inadschiro Asanuma am 12. Oktober 1960 in Tokio. Es war das erste Attentat der Geschichte, das im Fernsehen übertragen wurde. Millionen Japaner erlebten, wie der Student Otaya Yamaguchi, 17, in der Hibiya-Halle, wild schreiend und mit verzerrtem Gesicht, Asanuma auf dem Weg zum Rednerpult das Schwert in den Leib rannte. Asanuma fiel aufs Gesicht. Als Motiv gab der junge Faschist an, Asanuma habe mit seiner Opposition gegen die Ratifizierung des japanisch-amerikanischen Sicherheitsvertrages eine kommunistenfreundliche Politik betrieben. Im November, noch vor Prozeßbeginn, erhängte sich Yamaguchi in seiner Zelle, obschon er als Jugendlicher nur eine geringe Strafe zu erwarten hatte.
In seinem, von zwölf MP-Kugeln durchlöcherten schwarzen Citroen entkam Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle am 22. August 1962 im Pariser Vorort Petit-Clamart unverletzt einem Feuerüberfall von OAS-Leuten. Eine Kugel blieb neben dem Kopf de Gaulles im Sitzpolster stecken.
Der Anführer des Attentats auf de Gaulle, Luftwaffen-Oberstleutnant Bastien-Thiry, 35, wurde am 11. März 1963 im Fort Ivry bei Paris füsiliert.
Mit einer schußbereiten Pistole In der Tasche drängte sich am 4. November 1960, vier Tage vor den Präsidentschaftswahlen, der Portorikaner Cruz in Chicago auf Kennedys Wagen. Er wurde von den Leibwächtern entwaffnet.
Der geistesgestörte Pensionär Pavlick wollte sich und den amerikanischen Präsidenten Kennedy am 16. Dezember 1960 in die Luft sprengen.
Czolgosz
Der erschossene US-Präsident McKinley wird in Washington beigesetzt
Mord-Schlafzimmer im Palast zu Belgrad
Serbiens König Alexander und Königin Draga
Sarajewo-Attentäter Princip
Der Attentäter von Sarajewo wird verhaftet
Schulz
Erzberger
Tillessen
Kern
Rathenau
Fischer
Österreichs Bundeskanzler Dollfuß
Dollfuß-Mörder Planetta
Verhaftung des Königs-Mörders Georgiev in Marseille
NS-Ehrenwache für Gesandtschaftssekretär vom Rath in der Düsseldorfer Rheinhalle
Rath-Mörder Grünspan
Zerstörter Bürgerbräukeller in München
Elser
Stauffenberg
Zerstörte Führerbaracke in der Wolfsschanze
Sterbender Trotzki im Hospital von Mexico-City
Trotzki-Mörder Mercader
Heydrich-Attentäter Kubis und Gabcik
Gestapo-Chef Heydrich
Heydrich-Begräbnis
Ermordeter Gandhi
Erschossener Portorikaner Torresola vor Trumans Residenz
Angeschossener Südafrika-Premier Verwoerd
Verhafteter Verwoerd-Attentäter Pratt
Schwert-Attentat auf den japanischen Sozialisten-Führer Asanuma
Citroen des Präsidenten de Gaulle nach einem Feuerüberfall
De-Gaulle-Attentäter Bastien-Thiry
Kennedy-Attentäter Cruz
Kennedy-Attentäter Pavlick

DER SPIEGEL 49/1963
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