04.12.1963

EGK-URAUFFÜHRUNGGustav unmöglich

Zwei- Herren im Straßenanzug à la mode - der eine schwarz geschminkt in Dunkelblau, der andere bleichgesichtig in Hellgrau - betraten die Bühne und referierten zwei einander widersprechende Versionen einer traurigen Geschichte von Liebe und Tod aus dem vorigen Jahrhundert. Zum Schluß beschimpften sich die beiden Symbolfiguren des schwarz-weißen Rassenkonflikts: "Blödsinn! Blödsinn!"
Diese Szene - modernistische Zutat zu einem klassischen Stoff - leitete am vergangenen Mittwochabend die erste Novitätendarbietung im restaurierten Münchner Nationaltheater ein: die Uraufführung der Oper "Die Verlobung in San Domingo" von Werner Egk, 62, nach der gleichnamigen Novelle des Heinrich von Kleist.
Das auf Anregung des Münchner Opernintendanten Rudolf Hartmann gefertigte Werk war beim Komponisten seit 1959 in Arbeit. Doch schon während der Arbeit an seiner Oper um den Amerika- und San-Domingo-Entdecker, "Columbus" (1942), hatte Egk in Kleists "Domingo"-Novelle einen, wie er sagt", First-class-Opernstoff" erkannt. 1959, auf einer Reise durch die karibische Inselwelt, sah sich der Tonsetzer und Musikprofessor Egk bei den Nachkommen der Sklavenaufstände von San Domingo (Haiti) um, die um 1800 den Hintergrund für Kleists Erzählung abgegeben hatten.
In dieser klassischen Novelle -wird ein flüchtender- Weißer, Gustav von der Ried, von einer alten Mulattin, Babekan, und ihrer Tochter Toni vor den revoltierenden Negern versteckt. Die scheinbare Rettungstat ist in Wirklichkeit aber eine Falle: Toni soll, wie schon
mehrfach geübt, den ahnungslosen Weißen umgarnen, der dann vom Hausherrn, einem "fürchterlichen alten Neger" namens Congo Hoango, ermordet werden soll.
Doch diesmal mißlingt der Anschlag: Toni verliebt sich in Gustav und alarmiert heimlich dessen in der Nähe kampierenden Onkel. Um Babekan und Hoango zu täuschen, fesselt das Mädchen seinen schlafenden Geliebten ans Bett. Als Gustav dann erwacht, glaubt er sich von Toni verraten. Gustavs Onkel und dessen Begleiter überwältigen das Negerpaar. Gustav erschießt die vermeintlich treulose Toni und stürzt verzweifelt neben sie, als er seinen tragischen Irrtum erkennt.
Der bajuwarische Melodiker Egk, auch sein eigener Librettist, veroperte die konzentrierte 40-Seiten-Story des Preußen Kleist zu zwei Akten, die denselben Schwächen nachgeben, denen kaum eine Kleist-Vertonung je hat widerstehen können**. Die zarte Präzision des Schriftstellers Heinrich von Kleist, der mit den Mitteln der Andeutung und Verkürzung den Inhalt seiner Werke vergeistigt, wird bei der musiktheatralischen Aufbereitung meistens zerstört.
Egks Opernhandlung folgt zwar im wesentlichen Kleists "Domingo"-Fabel, und Kleistsche Prosa wird zum Teil wortgetreu in den Regieanweisungen zitiert. Aber die "widersprechendsten Empfindungen" (Kleist), die psychologischen Wirrungen - Hauptthema der Novelle - sind bei Egk zur Nebensache degradiert. Die nach dem traditionellen Schema der "Nummernoper" angelegte "Domingo"-Oper mit den vordergründig aktualisierenden "Vorspiel"- und "Zwischenspiel"-Auftritten des "Herrn Weiß" und des "Herrn Schwarz" ("Sie müssen lernen, miteinander zu leben, sonst werden sie aneinander sterben") ist ein Rassenproblemreißer, der auch wohlfeile musikalische und szenische Effekte nicht verschmäht.
Der erfolggewohnte, radikalen Neutönen abgeneigte Egk (Kritiker-Bonmot: "Egklektizist"), der 1936 in der Zeitschrift "Völkische Kultur" eine Musik nach dem "gesunden- harmonischen Ebenmaß von Körper, Seele und Geist" forderte, bietet in seiner Kleist-Oper eine Montage bewährter melodischer und- rhythmischer Klischees. Trommelwirbel, Tremolo und' Orchester-Crescendo sorgen für Spannung nach Kino-Manier. "Hamburger Abendblatt": "Affektbetonte Illustrationsmusik von italienischer Kantabilität... raffinierte Mixtur aus Puccini und Strauss." Zur regenumrauschten Liebesnacht der "Verlobten" rieselte echtes Wasser auf die Bühne.
Im Gesangstext ist von Kleist nur noch wenig zu finden. Die Novellen -Helden Gustav und Toni wurden in Christoph und Jeanne umbenannt. Librettist Egk: "Toni und Gustav sind unmögliche Opernnamen, da lacht gleich das ganze Parkett." Gustavs Onkel, bei Kleist ein Herr Strömli, heißt nun Gottfried von Ried.
Während Kleists Gustav, als er sich von Toni verraten glaubte, seinen Rettern "freundlich die Hand drückte" und "im übrigen ... still und zerstreut" war, schwelgt Egks Christoph in Schmähungen: "Ich habe sie geliebt, weißen Samen aus schwarzem Schoß, und habe darüber vergessen, daß Bastard Bastard bleibt." Und: ",Soll doch dies faulige Fleisch schreien, huren und lügen, wenn es kann."
Novellenheld Gustav schießt zuletzt sich selbst eine Kugel in den Kopf. Opernheld Christoph -lebendig, bis der Vorhang fällt - schließt, nachdem seine Geliebte verstorben ist, mit einem Dur -Dreiklang: "Komm zurück, zurück!"
Das Publikum der vom Komponisten selbst dirigierten, glanzvoll gespielten und gesungenen Premiere im nicht ausverkauften Münchner Nationaltheater dankte mit enthusiastischem Applaus für diesen "Fall von Regression" - so Kritiker Heinz Joachim -, von Rückschritt "zum naturalistischen Opernstil der Jahrhundertwende".
** Frühere Opern nach Kleist-Werken: "Penthesilea" von Othmar Schoeck (1927), "Michael Kohlhaas" von Paul von Klenau (1933), "Der Prinz von Homburg" von Paul Graener (1935), Die Verlobung in San Domingo" von Winfried Zillig (1957), "Julietta" - nach der Novelle "Die Marquise von O." - von Heino Erbse (1959), "Der Prinz von Homburg' von Hans Werner Henze (1960), "Alkmene" - nach "Amphitryon" - von Giselher Klebe (1961).
Komponist Egk, Egk-Oper "Die Verlobung in San Domingo" in München*: Echt berieselt
* Fritz Wunderlich (Christoph), Evelyn Lear (Jeanne).

DER SPIEGEL 49/1963
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