04.12.1963

FAULKNERDer große Bruder

Eines Tages", erzählt der Autor, "landete ein Ballonspringer in unserem Hof, und der Ballon fiel auf unseren Hühnerstall. Das Dach des Stalles stürzte auf die Hühner... Die Hennen flatterten kreischend hoch, die Schweine quiekten... Vater rannte ins Haus und kam mit seiner Pistole wieder heraus."
Der Erzähler fährt fort: "Ich werde nie vergessen, wie drei kleine Jungen in der Herbstdämmerung auf dem Hof standen und ihren Vater anstarrten. Da stand er, die Pistole in der Hand, rasend vor Zorn, und wußte nicht, auf wen oder was er schießen sollte..."
Es geschah im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in Oxford, Mississippi, USA. Die drei kleinen Jungen, die ihren schießwütigen Vater bestaunten, hießen Bill, Jack und John Falkner. Sie schrieben ihren Familiennamen später Faulkner. Zwei von ihnen wurden Schriftsteller. Der eine, William (Bill), bekam 1950 den Nobelpreis für Literatur, der andere, John, schrieb Romane ("Dollar Cotton", "Men Working"), die weithin unbekannt geblieben sind. Beide - Brüder verbrachten die meiste Zeit ihres Lebens in Oxford, Mississippi. William starb im Juli 1962, John ein knappes Jahr später - kurz nachdem er die Druckfahnen seines Buches über den vier Jahre älteren, körperlich kleineren, literarisch größeren Bruder korrigiert hatte.
Der 1901 geborene John Faulkner hatte mit seinem Buch über Bruder Bill, das vor kurzem in Amerika erschienen ist und im nächsten Jahr vom Züricher Fretz & Wasmuth Verlag auch deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht wird, zeigen wollen, "wie er (William Faulkner) wirklich war"*.
Wirklich zeichnet John ein anziehendes Porträt seines größeren Bruders, dessen Farm er zeitweilig leitete. Doch seine "Liebevolle Reminiszenz" (Untertitel) beweist auch, was schon das ein Jahr vorher erschienene Hemingway-Buch von Ernests Bruder Leicester (SPIEGEL 27/1962) offenbarte: Nächste Verwandte sind nicht unbedingt die besten Biographen.
John Faulkner kann nur wenig aufhellen, wie der bedeutende und publizitätsfeindliche Verfasser (William Faulkner: "Ich bin kein Literat") von "Schall und Wahn", "Licht im August" und "Wilde Palmen" wirklich war und schrieb. Er ergänzt das Bild seines Bruders mit vielen anekdotischen Details, vor allem aus der Kindheit und Jugend William Faulkners. Distanzierte Faulkner-Forscher werden diese ungeordneten Einzelheiten werten müssen.
Früheste Reminiszenz von John an William war die Auskunft der Mutter, Bill sei in seinem ersten Lebensjahr allnächtlich von Koliken geplagt worden. Eine der prägnantesten Anekdoten im Bill-Buch ist die Geschichte von Vater Falkners Wut über den verirrten "Ballonspringer", den frühen Pionier der Luftfahrt, der im Hühnerstall bruchlandete: Vater Murry Falkner entlud seinen Zorn schließlich durch einen Pistolenschuß auf eines der wild quiekenden Schweine; das erschossene Schwein wurde sofort verwurstet.
John schildert die Szenerie in und um Oxford, aus der William das Literaturland "Yoknapatawpha" seiner Epen vom Stolz und Fluch des amerikanischen Südens machte, er lokalisiert Orte der Handlung, identifiziert Figuren aus den berühmten Büchern, von denen der Roman "Sanctuary" den Vater schockierte: Murry Falkner riet seinem Sohn, lieber richtige Wildwestromane zu schreiben.
John Faulkners Jugendreminiszenzen erinnern mitunter an Mark Twains Geschichten um Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Er erzählt, wie die Falkner-Jungen die Sonntagsschule schwänzten und mit Waschpulver und Hemdkragen handelten. Nach Anleitungen der Zeitschrift "American Boy" bastelte William ein Flugzeug, mit dem er sich für zwei Sekunden in der Luft hielt. Von dieser Unternehmung an datiert die Vorliebe aller Faulkner-Brüder für die Fliegerei. Der Schüler William, berichtet Bruder John, verlor eines Tages "einfach das Interesse an der Schule und ging nicht mehr hin". Vom ersten selbstverdienten Geld- kaufte er sich einen eleganten Anzug, der ihm in Oxford den lebenslang haftenden Necknamen "The Count" (der Graf) eintrug.
William Faulkner war nach Auskunft seines Bruders "zu zart besaitet", als daß er gern auf die Jagd gegangen wäre. Aber er ging gern mit Farben um: Er färbte seine ersten Autos gelb und weiß, und 1920 strich er einen Glockenturm der Universität von Mississippi an, wo er nur kurze Zeit studiert hat. Als Postmeister der Universität mußte er entlassen werden: Er hatte mehrmals den Postsack in die Mülltonne entleert.
Bruder John teilt mit, daß William zeitweilig Pfadfinderführer war und "enh Golfer, wie ich selten einen sah". Er erzählt, wie der große Romancier immer wieder für Hollywood arbeitete, weil seine Bücher ihm nicht genug Geld einbrachten: "Bill verdiente mehrere Vermögen und gab sie wieder aus und hinterließ eines, als er starb. Ich habe nie jemanden gekannt, der so wie er Geld ausgeben konnte."
Um den eigensinnigen Individualismus des großen Bruders zu illustrieren, berichtet John, daß William Faulkner einst dem einzigen registrierten Kommunisten des Staates Mississippi, einem aus Norwegen stammenden Anstreicher, fünfzig Dollar schenkte: "Es war nicht so sehr eine Stiftung für die Kommunistische Partei. Es war einfach Bills Tribut an einen Mann, der allein gegen uns zwei Millionen andere stand. Das war ihm die fünfzig Dollar wert."
Brüderlich nimmt der Biograph seinen Helden gegen den Vorwurf in Schutz, ein hemmungsloser Alkoholiker gewesen zu sein. John Faulkner: "Kein Mensch könnte so viel geleistet haben wie Bill, wenn er wirklich so viel getrunken hätte, wie die Leute behaupten."
Der familiäre Korpsgeist, der stolze Sippensinn der Falkner-Faulkner - ein konstituierendes Motiv der Südstaaten -Saga ihres berühmtesten - Sohnes wird in Johns Bruder-Bill-Biographie auch noch auf andere Weise dokumentiert, So berichtet John, wie Williams Jugendfreundin und spätere Ehefrau Estelle Oldham sich einmal über die gemeinsamen tollkühnen Autofahrten von William und John beklagt habe: "Wenn einer von euch sagt 'Fahren wir zur Hölle', dann sagen die anderen sofort 'Also los'."
Und an anderer Stelle weiß William
Faulkners jüngerer Bruder John zu melden: "Natürlich war Mutter stolz auf Bills Schriftstellerei; aber sie war auch stolz, als ich damit anfing."
* John Faulkner: "My Brother Bill". Trident Press, New York; 278 Seiten; 4,95 Dollar.
Schriftsteller-Brüder John und William Faulkner: 50 Dollar für den Roten

DER SPIEGEL 49/1963
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