11.12.1963

SPD-ZEITUNGENAlte Dame

Der außerordentliche Landesparteitag der Hamburger SPD beriet hinter verschlossenen Türen. Zur Debatte stand die Einstellung eines der letzten parteieigenen Blätter in der Bundesrepublik, des "Hamburger Echo".
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hellmut Kalbitzer, erst kürzlich zum dritten Geschäftsführer des auflagenschwachen Parteiblatts bestellt, hatte für die aus einer der ältesten sozialdemokratischen Publikationen hervorgegangene Zeitung bereits einen pietätvollen Abgang arrangiert. Kalbitzer: "Wenn das 'Echo' stirbt, stirbt es mit Anstand wie eine alte Dame und wird in allen Ehren beerdigt."
Doch die Parteitagsdelegierten hielten Kalbitzers Abgesang für verfrüht. Sie nahmen einen Antrag an, dem zufolge die "für das Erscheinen Verantwortlichen die äußersten Anstrengungen" unternehmen sollen, "um das 'Hamburger Echo' weiterhin als Tageszeitung am Leben zu erhalten".
Das im Oktober 1887 gegründete Hamburger Parteiblatt hatte Ende 1948 noch eine Auflage von 216 000 Exemplaren; heute ist sie auf 37 000 geschrumpft - obgleich die Hamburger SPD über 40 000 eingeschriebene Mitglieder hat und ihr 1961 rund 568 000 Wähler zu 72 von 120 Sitzen im Hamburger Landesparlament (Bürgerschaft) verhalfen.
Mit ähnlichen Schwierigkeiten haben alle sozialdemokratischen Blätter zu kämpfen, denen es bisher entgangen ist, daß die Umwandlung der SPD in eine Volkspartei auch "völlig neue Anforderungen an die Parteipresse" (Kalbitzer) stellt.
Nur noch jene sozialistischen Tageszeitungen können hohe Auflagenziffern
vorweisen, die ihre Verbundenheit mit der SPD nicht öffentlich plakatieren oder sich gar, wie die "Hamburger Morgenpost", als unabhängig bezeichnen. Das Hamburger Boulevardblatt hat sich denn auch im Zweikampf mit Axel Springers "Bild" (Hamburg-Auflage 608 000) gut behauptet.
Zu den großen Zeitungen, die sich weit von den Parteiblättern alten Typs entfernt haben, zählen außer der "Hamburger Morgenpost" (Auflage 345 000): "Westfälische Rundschau", Dortmund (229 000), "Neue Ruhr Zeitung", Essen (223 000), Hannoversche Presse" (150 000), "Telegraf", Westberlin (93 000), "Freie Presse", Bielefeld (90 000), "VZ Kieler Morgenzeitung" (47 000), "Saarbrücker Allgemeine Zeitung" (35 000).
Bis auf die "Neue Ruhr Zeitung" stehen alle unter der Obhut der sozialdemokratischen "Konzentration GmbH", einer "Interessengemeinschaft von Wirtschafts- und Verlagsunternehmen", die 1946 als eine Art Holding-Gesellschaft für über zwei Dutzend partei-eigene oder der SPD nahestehende Verlage und Druckereien gegründet wurde.
"Konzentration"-Geschäftsführer ist der ehemalige SPD-Pressechef Fritz Heine, Aufsichtsratsvorsitzender: SPD -Schatzmeister Alfred Nau, dessen "Neuer Vorwärts-Verlag" das offizielle Parteiorgan "Vorwärts" (Auflage 60 000) herausgibt.
Freilich blieben auch große "Konzentration"-Zeitungen von Substanzverlusten nicht verschont. Beispielsweise sank die "Telegraf"-Auflage von rund 500 000 Stück vor der Währungsreform auf heute 93 000.
Im Gegensatz zu den Parade-Objekten der "Konzentration GmbH" bekennen sich die kleineren und kleinsten SPD-Zeitungen meist offen zur Partei; ihre Verbreitung ist dementsprechend gering: Die Auflagen schwanken zwischen 22 000 ("Die Freiheit", Mainz) und 6400 ("Erlanger Volksblatt").
Vielfach ist es der SPD nicht einmal gelungen, ihren ehrwürdigen Traditionszeitungen genug tägliche Leser zuzuführen. Ein ähnlich renommiertes Parteiblatt wie das "Echo", die 1888 als Tageszeitung gegründete "Bremer Bürgerzeitung", lebte 1949 nur als Wochenzeitung wieder auf.
Der Mainzer "Freiheit" ist der Übergang zur Tageszeitung ebenfalls nicht geglückt. Sie erscheint dreimal wöchentlich.
Parteizeitungen wie "Der Württemberger" (Reutlingen), "Das Volk" (Freiburg) und "Südpost" (München) sind bereits vor Jahren eingegangen. In Nordrhein-Westfalen starben schon 1952 das "Rhein-Echo" (Düsseldorf) und die "Rheinische Zeitung" (Köln) an Auszehrung.
Auch die alte sozialdemokratische "Volksstimme", die von 1890 bis 1933 in Hessen als Tageszeitung und nach dem Krieg als Wochenblatt erschien, mußte nach ihrer Fusion mit der "Hessischen Zeitung" im Jahre 1956 eingestellt werden.
Überdies brach die auflagenstarke "Frankfurter Rundschau" (118 000) aus der SPD-Linie aus: Herausgeber und Wehner-Feind Karl Gerold gab sein
Parteibuch zurück und ging auf linksunabhängigen Kurs.
Als vorläufig letzte Parteizeitung stellte die Stuttgarter "Allgemeine Zeitung für Württemberg AZ" im September vorigen Jahres ihr Erscheinen ein.
Das Sterben der sozialistischen Zeitungen vollzog sich durchweg in aller Stille. Ebenso leise versuchte die "Konzentration", verlorenes Terrain wiederzugewinnen und der SPD auf unverdächtigem Wege neue Zugänge zur bundesdeutschen Leserschaft zu öffnen.
So verhandelten die Pressebetreuer aus Bad Godesberg in diesem Jahr mit Verleger Gustav Blankenagel über den Ankauf der "Neuen Illustrierten" (Auflage 998 000). Blankenagel aber verkaufte sein Bilderblatt an den Heinrich-Bauer-Verlag in Hamburg (SPIEGEL 48/1963).
Was den Sozialdemokraten bei Blankenagel in Köln mißlang, glückte ihnen wenig später in Frankfurt: Im Juli ging die Frankfurter "Abendpost" (Auflage 134 000) an die in München neugegründete "Allgemeine Presse AG" über. Teilhaber wurde neben "Revue"-Verleger Helmut Kindler der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Herbert Allerdt, SPD -Wiedergutmachungsanwalt und "Konzentration"-Steuerberater. Allerdt beteiligte sich mit 49 Prozent am neuen "Abendpost"-Verlag.
Die neue Welle in der Pressepolitik der SPD, unwirtschaftliche Parteizeitungen aufzugeben und über scheinbar neutrale Publikationen auf die Wähler einzuwirken, fand in den Reihen der Partei keinen ungeteilten Beifall. Als die Einstellung des "Hamburger Echo" zur Debatte stand, revoltierte das Parteifußvolk, und die Kreisverbände empörten sich gegen die Liquidation ihres traditionsbeladenen Blattes.
Der Lärm der "Echo"-Protestanten drang bis ins Parteipräsidium, wo Willy Brandt und der ehemalige außenpolitische "Echo"-Redakteur Herbert Wehner für die Fortführung der kränkelnden Zeitung plädierten.
Obgleich das Blatt der partei-eigenen "Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auerdruck GmbH" 1962 ein Defizit von 1,6 Millionen Mark eingetragen hat, beschloß der Aufsichtsrat nunmehr, die Zeitung "in alter Form" fortzuführen.
"Hamburger Echo" 1897 und 1963
Beerdigung abgesagt

DER SPIEGEL 50/1963
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