25.12.1963

IN MEMORIAM

Tribut an den Tod

1963

Der Tod war Herr des Jahres 1963. Nicht gefräßig und maßlos wie in den Stahlgewittern eines Krieges hielt er Ernte. Es schien vielmehr, als hätte er Auswahl getroffen, um ohne Völkermord den Lauf der Geschichte zu, verändern.

Zwei Männer, die sich ans Werk gemacht hatten, die Welt zu verbessern und die wie keine anderen imstande schienen, ihr Vorhaben zu verwirklichen, starben, kaum daß sie gesät hatten.

Der Tod war zwischen sie getreten, noch ehe sie einander begegnen konnten. Im Juni wollte Amerikas junger Präsident John F. Kennedy auf einer Europa-Reise in Rom den greisen Papst Johannes XXIII. aufsuchen. Aber am zweiten Tag des Festes, an dem die Christenheit die Ausgießung des Heiligen Geistes feiert, erlosch das Leben des Heiligen Vaters, der diesen verbindenden Geist unter die Christenheit tragen wollte.

Um 19.49 Uhr des Pfingstmontags sprach Fernando Kardinal Cento am Bett des katholischen Stellvertreters Gottes auf Erden die Worte: "Vere papa mortuus est" - "Wahrlich, der Papst ist tot".

Die Todesminute des Führers der stärksten irdischen Macht ist nicht festgehalten. Um 13.00 Uhr des 22. November zog Dr. Marion T. Jenkins im Parkland Memorial Hospital von Dallas ein weißes Leichentuch über das zerschossene Antlitz John. F. Kennedys; klinisch war Kennedy schon mehrere Minuten lang tot.

Papst und Präsident hatten nur wenige Jahre regiert, aber tief waren die Spuren, die sie auf Erden hinterließen. Der Geistliche hatte durch seine Menschlichkeit gewirkt; der Weltliche durch sein Charisma. Sie fanden Ersatz, aber noch keinen Nachfolger.

Das gewaltsame Ende eines einzelnen stürzte das Regime in drei weiteren Staaten: Unter Kugeln ihrer Gegner verendeten die Staatschefs von Südvietnam, dem Irak und Togo - der in eine Priesterkutte gehüllte Ngo Dinh Diem, Militärdiktator Abd el -Karim Kassim in seiner Khaki-Uniform und Sylvanus Olympio, der im Smoking begraben wurde.

Der Tod, der in Texas nach der historischen Tragödie auch noch den Mörder traf - Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald wurde 48 Stunden nach seiner Tat im Rathaus von Dallas selbst ermordet - war in Südvietnam zugleich Vorbote des Tyrannenmords gewesen: Buddhistische Priester, die sich mit Benzin übergossen und als lebendige Fackeln auf den Straßen von Saigon verbrannten, hatten den Aufstand gegen den Schwager der liebreizend-grausamen Madame Nhu eingeleitet.

In England nahm sich ebenfalls ein Mann das Leben, der Ursache eines Regierungswechsels wurde, kein Priester, sondern ein Knochenmasseur: Dr. Stephen Ward. Der Protektor Christine Keelers, die zur gleichen Zeit Playgirl des Heeresministers Ihrer Majestät und eines Militärattachés der Sowjet-Union war, schluckte im August in Untersuchungshaft eine tödliche Dosis Schlaftabletten; zwei Monate später trat Lord Home an die Stelle des Premiers Macmillan.

Auch auf der Oppositionsbank des englischen Unterhauses erzwang der Tod den Führungswechsel: Labour-Chef Hugh Gaitskell erlag, 56jährig, den Folgen einer Rippenfell- und Herzbeutelinfektion. Harold Wilson rückte auf.

Jenseits des Kanals, in der dritten Großmacht des Westens, erreichte der Tod einen Offizier, der vergeblich versucht hatte, mit Schüssen die Geschichte aufzuhalten: Oberstleutnant Bastien -Thiry, 35, wurde am 11. März im Fort d'Ivry bei Paris füsiliert.

Er hatte den Feuerüberfall auf General de Gaulle im Sommer 1962 kommandiert, bei dem der schwere Citroen des Staatschefs von zwölf MP-Kugeln durchlöchert wurde.

Charles de Gaulle war damals entronnen. 1963 starb nicht nur sein Attentäter, sondern auch jener Politiker, dessen Werk zu zerstören der General -Staatschef sich im vergangenen Jahr anschickte: der Vater Europas, Robert Schuman, 77 - an Altersschwäche.

Mehr als um ihn trauerten die Franzosen um drei Künstler: den Maler Georges Braque, 81 (Gehirnschlag), die Chansonette Edith Piaf, 47 (innere Blutungen), und Jean Cocteau, 74 (Herzinfarkt).

Der Spatz von Paris und der Dichterfürst aus der Académie Francaise starben am selben Tag, am 11. Oktober nur vier Tage nach dem Tod des größten deutschen Theatermannes seiner Zeit, Gustaf Gründgens, 63.

In seinem Hotelzimmer in Manila fand sein jugendlicher Reisebegleiter, Regie-Assistent Jürgen Schleiss, einen Zettel mit den letzten Worten des toten Mimen: "Ich glaube, ich habe zu viele Schlaftabletten genommen. Ich fühle mich etwas komisch. Laß mich bitte ausschlafen."

Rund 45 Millionen Menschen starben 1963.

Sie starben einzeln, sie starben im Kollektiv. Bei einer Überschwemmung in Ostpakistan im Frühsommer waren es 10 000; beim Untergang des Atom -U-Bootes "Thresher" im April 129. Der herbstliche Wirbelsturm "Flora" forderte auf Haiti 4000 Opfer, die Frühlings-Ausbrüche des Vulkans "Berg der Götter" auf Bali 1687. Ein Erdrutsch im oberitalienischen Piave-Tal verursachte den Tod von 2117 Menschen; das Erdbeben von Skopje den Tod von 1500. Wenige Tage nach dem Grubenunglück von Lengede (29 Tote) starben in Japan 452 Bergleute unter Tage.

Ein flüchtiger Blick in Deutschlands Sterberegister zeigt das Ausmaß des Tributs, den die Gesellschaft Jahr um Jahr an den Tod entrichten muß.

Sinnbild des geistigen Verlustes, den ein Volk dabei erleidet, ist das Dahinscheiden seiner führenden Wissenschaftler - 1963 waren es in der Bundesrepublik mehr als ein Dutzend, darunter der Philosoph Eduard Spranger, der Historiker Ludwig Dehio und die Sozialwissenschaftler Adolf Weber, Gustav Gundlach und Alexander Rüstow.

Im Bundestag nahmen zehn Neulinge auf den Sitzen verstorbener Abgeordneter Platz; begraben wurde die Hoffnung der Freien Demokratischen Partei Wolfgang Döring, 43 (Herzinfarkt), und der Vorsitzende der SPD, Erich Ollenhauer, 62 (Kreislauf-Kollaps).

Die Herzen von zwei Schriftstellern - Otto Flake ("Fortunat") und Ernst Glaeser ("Jahrgang 1902") - und von drei Generalobersten der Wehrmacht - Kurt Zeitzler, Hans Reinhardt, Georg Lindemann - standen still.

Doch folgenreicher als der Tod der alten Generäle war der Tod eines jungen Soldaten: An seinem 32. Tag in Bundeswehrdiensten verstarb der 19 jährige Rekrut Gert Trimborn in der Tübinger Universitätsklinik. Er war beim sommerlichen Drill seiner im Schwarzwaldstädtchen Nagold stationierten Ausbildungskompanie 6/9 der 1. Luftlande-Division zusammengebrochen. Die Kompanie wurde aufgelöst. Die Schleifer-Prozesse begannen.

Ohne Unterschied löschte der Tod Leben aus, deren Ruhm noch frisch oder schon verwelkt war. So starben 1963

- der zum Automobil-Industriellen aufgestiegene Kohlenhändlersohn Carl Friedrich Wilhelm Borgward, 72, zwei Jahre nach dem Konkurs seines Werkes, an Herzschwäche;

- der arm und alt gewordene Leinwand-Held Harry Piel, 70 ("Menschen, Tiere, Sensationen");

- der ehemalige bayrische Innenminister August Geislhöringer, 76, der in einer Spielbankaffäre wegen Meineids zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden war und noch in seinem -Testament seine Unschuld beteuerte;

- der Bauunternehmer Dr. Peco Bauwens, 76, der über ein Dezennium Präsident des Deutschen Fußball -Bundes gewesen war;

- der Bäckermeister Peter Profittlich, 69, aus Rhöndorf, dessen Brötchen Kanzler Adenauer nicht mehr essen mochte, weil Profittlich zur Förderung des Fremdenverkehrs eine Drahtseilbahn auf den Drachenfels bauen wollte, von der Adenauer Touristen-Einsicht in seinen Rosengarten befürchtete;

- der Fernseh-Astronom Rudolf Kühn, 37, als wissenschaftlicher Conferencier Liebling des weiblichen TV -Publikums, der bei Glatteis mit seinem Porsche auf der Autobahn Frankfurt - München verunglückte.

Jeder Tod wurde beweint. Doch einmal ergriff der Tod eines Deutschen die Nation - der Tod des Altbundespräsidenten Theodor Heuss. 100 000 Stuttgarter Bürger säumten am vergangenen Dienstag bei klirrendem Frost den letzten Weg des ersten Staatsoberhaupts. Sein Nachfolger sprach am Sarge aus, was sie angesichts dieses Todes empfanden: "Gott schenke ihm, der sich für sein Vaterland verzehrte, seinen Frieden."

Kennedy

Heuss

Ollenhauer

Schuman

Döring

Johannes XXII.

Borgward

Cocteau

Kassim

Kühn

Trimborn

Olympio

Edith Piaf

Diem

Gaitskell

Gründgens

Ward

Profittlich

Verstorbene des Jahres 1963: Ohne Völkermord die Geschichte verändert


DER SPIEGEL 52/1963
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