25.03.1964

WAFFEN-SSEine helle Freude

Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer und Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß werden von Verleger Helmut Cramer aus Niederpleis bei Bonn als Zeugen dafür benannt, daß die Waffen-SS eine "Truppe wie jede andere" gewesen sei.
Weil der 39jährige Cramer die "von politischem Fanatismus beseelten aktiven Führer" dieser Truppe in mehreren von ihm verlegten Büchern verherrlicht habe, stellte ihm der Leitende Oberstaatsanwalt beim Landgericht Köln am Montag letzter Woche eine 56seitige Anklageschrift zu.
Cramers Ring-Verlag gab 1962 eine Buchreihe "Für Deutschland" heraus. Zielsetzung: Gerade die Jugend, die die Waffen-SS aus eigenem Erleben wegen ihres Alters gar nicht kennt und gar nicht kennen kann", über den "heldenmütigen Kampf der Waffen-SS" zu informieren.
Ende Januar 1963 bemühte sich der Verleger auf dem Kölner Barbarossaplatz um die Jugend. Er hatte dort einen mit Plakaten geschmückten Werbe -Omnibus aufgestellt. Die Schaubilder zeigten Duce-Befreier und Ring-Autor Otto Skorzeny in der Uniform eines SS -Sturmbannführers und Papst Johannes XXIII. - dessen Biographie Cramer auch vertrieb - in vollem Ornat.
Ein Straßenpassant nahm an dieser Bilder-Komposition Anstoß und rief den nächsten Schutzmann, den Polizeimeister Senftinger, herbei. Der Polizist sammelte Plakate, Handzettel und Bücher ein und übergab sie der Staatsanwaltschaft. Und mit Beschluß vom 6. Juni 1963 beschlagnahmte das Amtsgericht Köln dann 8647 Exemplare des von Cramer verlegten Skorzeny-Werks "Lebe gefährlich", 9158 Exemplare von Skorzenys "Wir kämpften, wir verloren" und 3521 Exemplare einer Schrift mit dem Titel "Standartenoberjunker Normann".
Der Verfasser dieses - laut Staatsanwaltschaft Köln - sprachlich "den intelligenten Leser weniger ansprechenden Buches", ein Günter Werdorf, wurde das erste Opfer der Aktion gegen den Ring-Verlag.
Von anonymer Seite hörte der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg, daß sich hinter dem Namen Günter Werdorf der (schwerkriegsbeschädigte) Hamburger Verwaltungsangestellte Werner Nixdorf verbarg. Nixdorf, einst Untersturmführer (Leutnant) der Waffen-SS, sollte gerade in die Inspektorenlaufbahn übernommen werden. Der Senat reagierte prompt: Der schriftstellernde Angestellte wurde fristlos entlassen, weil "Sie unter dem Pseudonym Günter Werdorf zwei Bücher veröffentlicht haben, deren Inhalt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Köln den Tatbestand des Paragraphen 93 des Strafgesetzbuchs erfüllt"*.
Zwei Wochen später erfuhr auch Ring-Verleger Cramer - wie Nixdorf früher Untersturmführer der Waffen -SS -, was der Kölner Oberstaatsanwalt von der Schriftenreihe "Für Deutschland" hält: Die Skorzeny-Werke und der "Standartenoberjunker Normann" seien verfassungsverräterische Publikationen. Als Beweis dienten 22 Buch-Passagen.
Für besonders inkriminierend hält die Anklageschrift auch einen Abschnitt aus "Standartenoberjunker Normann", in dem es über eine ehemalige Normann -Braut heißt: "Wie zu erwarten, war,sie Führerin einer Jungmädelgruppe, und es war eine helle Freude zu sehen, wenn sie des Sonntags mit ihren Mädeln hinaus ins Freie zog." Die Anklageschrift: "Ein Lob der NS-Jugendorganisationen."
In der "rechtlichen Würdigung" kommt der Oberstaatsanwalt zu dem Schluß, die Werke von Skorzeny und "Werdorf" hätten versucht, das Führerkorps der Waffen-SS zu rehabilitieren und damit zugleich "das Dritte Reich und seine Führer zu entlasten". Es sei offenkundig, daß die Waffen-SS "von den Machthabern des Dritten Reiches als Gegengewicht gegen die für sie politisch unzuverlässige Wehrmacht geschaffen" wurde. Sie sei "die bewaffnete Parteigruppe der NSDAP (gewesen), deren Hauptaufgabe der Regimeschutz war".
Diese Auffassung der Staatsanwaltschaft vom Wesen der Waffen-SS veranlaßte den Verleger Cramer zu einer Gegenaktion: Er behauptet, sein "wichtigstes Anliegen" sei gewesen, eine Aufforderung Adenauers zu befolgen.
Adenauer 1953 vor CDU-Freunden in Hannover: "Die Männer der Waffen -SS waren Soldaten wie alle anderen auch ... machen Sie einmal dem Ausland klar, daß die Waffen-SS nichts mit Sicherheitsdienst und Gestapo zu tun hat! Machen Sie einmal den Leuten deutlich, daß die Waffen-SS keine Juden erschossen hat, sondern als hervorragende Soldaten von den Sowjets am meisten gefürchtet war."
Ähnlich hatte sich auch der ehemalige Verteidigungsminister Strauß geäußert, der nun für Cramer zeugen soll. Als Antwort auf eine Umfrage unter prominenten Politikern schrieb Strauß am 21. März 1957 an die "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit" (Hiag), eine Organisation ehemaliger Waffen-SS-Angehöriger: "Wie ich persönlich über die Leistungen der an der Front eingesetzten Verbände der Waffen-SS denke, wird Ihnen bekannt sein. Sie sind selbstverständlich in meine Hochachtung vor dem deutschen Soldaten des letzten Weltkrieges eingeschlossen."
Unter Berufung auf diese Zeugnisse stellte Cramer seinerseits gegen den Verfasser der Anklageschrift Strafanzeige wegen Beleidigung und Verleumdung sowie Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener.
* Paragraph 93 StGB, "Wer Schriften, Schallaufnahmen. Abbildungen oder Darstellungen, durch deren Inhalt Bestrebungen herbeigeführt oder gefördert werden sollen, die darauf gerichtet sind, den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen oder zur Unterdrückung der demokratischen Freiheit einen der In Paragraph 88 bezeichneten Verfassungsgrundsätze zu beseitigen, außer Geltung zu setzen oder zu untergraben, 1. herstellt, vervielfältigt oder verbreitet oder 2. zur Verbreitung oder Vervielfältigung vorratig hält, bezieht oder in den räumlichen Geltungsbereich dieses Gesetzes einführt, wird mit Gefängnis bestraft."
Verleger Cramer
Verunglimpfte der Staatsanwalt...
Beschlagnahmte Cramer-Schriften
... das Andenken Verstorbener?

DER SPIEGEL 13/1964
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