13.05.1964

ARNIM DAHLEtliche Knochenbrüche

Die Versicherungsgesellschaft "Deutscher Ring" belebte in der letzten Aprilwoche das Anzeigengeschäft: Hamburgs große Tageszeitungen - mit Ausnahme der "Bild"-Zeitung - veröffentlichten auf 20 mal 22 Zentimeter Anzeigenfläche eine "Erklärung", in der sich der "Deutsche Ring" und der Sensationsdarsteller Arnim Dahl ("Klettermaxe") gegenseitig bestes Einvernehmen bescheinigten.
Filmartist Dahl, 42, der nach einem Berufsunfall etliche Knochenbrüche im Städtischen Krankenhaus Neckarsulm ausheilt, versicherte seinen Versicherern öffentlich, daß er und sie "prima miteinander auskommen".
"Bild" war nicht dabei, weil Axel Springers Groschenblatt einen Ausspruch des blessierten Harry-Piel-Nachfolgers abgedruckt hatte, der die Hamburger Assekuranten verprellte. Dahl zu "Bild": "Mit mir schließt niemand eine Unfallversicherung ab. Mein Beruf ist zu gefährlich."
Das Dahl-Wort irritierte die "Ring" -Direktion, zumal der Klettermaxe schon in einem Dutzend Fernseh-Werbespots Reklame für die Vorzüge der "Ring" -Versicherung gemacht hat. "Ring" -Werbechef Günther Jaekel beeilte sich deshalb, den Artisten unter Hinweis auf seine guten Erfahrungen mit den Hamburger Versicherern zu einer gemeinsamen Freundschaftsbotschaft zu bewegen.
Tatsächlich ist Fernseh-Kinderzirkusdirektor Dahl seit Jahren beim "Ring" versichert - zwar nicht gegen Unfall, wohl aber, wie der "Ring" öffentlich kundtat, gegen Krankheits-, Operations - und Krankenhausaufenthaltskosten mit Krankenhaustagegeld.
Zuvor hatte Fassadenkletterer Dahl, der auf dem Empire State Building in New York herumturnte, von Hafenkränen, Hochbrücken und fahrenden Hoch-Bahnen ins Wasser jumpte und von Autos in Flugzeuge umstieg, jahrelang vergeblich nach einem Teilhaber seines Risikos gesucht. Verhandlungen mit Lloyd's in London waren gescheitert, weil für Dahl "Summen, wie der Agent sie nannte, indiskutabel waren".
1951 nahm dann der "Deutsche Ring" den ständig in Knochenbruch-Gefahr schwebenden Artisten unter seine Fittiche. Dahl war "sehr glücklich darüber", denn "seinerzeit gab es keine Versicherung in Deutschland, die einem armen Mann - und ich war wirklich arm - solche Möglichkeiten bot".
Klettermaxe bedankte sich auf seine Weise und demonstrierte den "Ring" -Leuten zugleich, mit welchen Risiken ihr neuer Versicherungsnehmer sie belastete: Dahl sprang aus einem Fenster im neunten Stock des "Ring"-Hochhauses am Hamburger Karl-Muck-Platz und klammerte sich an eine Fahne, die prompt zur Hälfte einriß. Dahl kam heil davon. "Ring"-Jaekel: "Das war nicht von uns bestellt worden."
In den folgenden Jahren mußte der "Ring"-versicherte Fahnenspringer sich "schätzungsweise 15 bis 20mal" ins Krankenhaus legen und "30 bis 40" Knochenbrüche auskurieren. Jaekel: "Der Schadensverlauf war normal." Dahl avancierte zum "gern gesehenen Freund unseres Hauses" (Jaekel), und die Versicherer luden den Hausfreund samt Ehefrau Dorothea noch jüngst zum 50jährigen Firmenjubiläum ein.
Dahl zahlt dem "Ring" eine Jahresprämie von rund 1200 Mark. Ein 33prozentiger Risikozuschlag ist in dieser Summe enthalten. Er ist laut Jaekel nicht höher "als bei Dachdeckern und Feuerwehrleuten auch".
Weitergehende Versicherungen freilich würden höher zu Buch schlagen. Die Dahl-Schützer haben ausgerechnet, daß eine Unfallversicherung mit 100 000 Mark Kapitalzahlung bei Invalidität und 30 000 Mark im Todesfalle eine Jahresprämie von 1600 Mark oder eine reine Lebensversicherung pro 10 000 Mark etwa 170 Mark im Jahr kosten würde.
Ein entsprechendes Angebot ist dem Hochhausturner allerdings noch nicht gemacht worden. Jaekel: "Arnim Dahl ist ein bißchen abergläubisch. Ich glaube, er würde zurückschrecken, wenn wir von Lebensversicherung sprechen würden."
Berufs - Unfaller Dahl, der seinen jetzigen Krankenhausaufenthalt einem mißglückten übergang vom fahrenden Güterzug auf einen Hubschrauber verdankt, sieht die Sache realistischer: "Lange Jahre war ich so knapp, daß ich die Prämien nicht zahlen konnte. Und als ich Geld hatte, da sagte ich mir, jetzt scheiß' ich auf die hohen Prämien und stecke das Geld bei meiner Mutter in den Sparstrumpf."
Artist Dahl
Der Schadensverlauf ...
... war normal: Versicherungsnehmer Dahl*
* Am Hochhaus "Deutscher Ring" in Hamburg (1951).

DER SPIEGEL 20/1964
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