DER SPIEGEL



FDP

Hagel und Raupenfraß

PARTEIEN

Im Januar feierten die baden-württembergischen Liberalen den 100. Geburtstag ihrer Partei und sonnten sich in der Gewißheit, sie hätten "ein großes Erbe zu verwalten". Am vorletzten Wochenende, bei den Wahlen zum Stuttgarter Landtag, schien es zu zerrinnen.

Im Jubeljahr erlitt die FDP, die sich im Südwesten Deutschlands traditionsbewußt FDP/DVP ("Demokratische Volkspartei") nennt, die schwerste Schlappe der Nachkriegszeit. Der FDP -Stimmanteil schrumpfte auf 13,1 Prozent - 2,7 Prozent weniger als bei den letzten Landtagswahlen; 3,5 Prozent weniger als bei der letzten Bundestagswahl.

"Hat der liberale Mohr nicht seine Schuldigkeit getan, nachdem er die beiden großen Parteien mit einem Tropfen liberalen Öls gesalbt hat?" - so lautete die Frage, die sich der baden-württembergische FDP-Vorsitzende Dr. Wolfgang Haußmann noch wenige Wochen vor der Wahl gestellt und selbstsicher so beantwortet hatte: "Der deutsche Wähler ist nicht dieser Auffassung."

Am Abend des Wahlsonntags trippelte Haußmann drei-, viermal nervös fragend zum Landeswahlleiter. Beim fünften Gang stand es fest: Haußmann hatte seine Schuldigkeit getan; als Abgeordneter mußte er gehen:

- Haußmann, seit 1946 Abgeordneter

und FDP/DVP-Landesvorsitzender, seit 1953 Justizminister, seit 1960 stellvertretender Ministerpräsident, war nicht wieder in den Landtag gewählt worden;

- die FDP/DVP-Fraktion im Stuttgarter Landtag, vor zwölf Jahren noch 23, vor acht Jahren noch 21 und vor vier Jahren noch 18 Abgeordnete stark, war um weitere vier Mandate dezimiert worden: auf 14 Mann.

Mandatlos und aschfahl schritt Haußmann, Kiesingers Ko-Pilot im baden württembergischen CDU/FDP-Kabinett, von der Wahlstatt. Fast nur eine Splittergruppe blieb von der Partei übrig, die Haußmanns Großvater Julius einst zur stärksten politischen Kraft im Südwesten gemacht hatte - zusammen mit den Altliberalen Ludwig Pfau und Carl Mayer. Der agile Dreibund redete und schrieb, wie Theodor Heuss später einmal notierte, "eine starke geschlossene Partei aus dem schwäbischen Boden", die mit den benachbarten badischen Liberalen gemeinsame Sache machte und gegen den Kanzler Bismarck Blitze schleuderte wie in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts der Remstäler Liberale Reinhold Maier gegen Kanzler Adenauer.

Noch "bevor es Allerweltsmode wurde, sich 'Demokrat' zu nennen" (Heuss), waren die Bezeichnungen "Demokrat" und "Volksparteiler" in Baden und Württemberg bereits eine Art Markenzeichen. Und weit über die Grenzen dieser Stammlande hinaus wirkten schwäbisch-alemannische Altliberale, so

- der württembergische Landtagspräsident Friedrich von Payer als stellvertretender Reichskanzler;

- der einstige Konstanzer Oberbürgermeister Hermann Robert Dietrich als Reichsfinanzminister;

- der badische Staatspräsident Professor Willy Hellpach als Kandidat für die Reichspräsidentschaft und

- Theodor Heuss als Mitverfasser des

Bonner Grundgesetzes und erstes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik.

Südwestdeutschlands Liberale waren stets bereit, ihrer politischen Überzeugung Opfer zu bringen: Parteigründer Julius Haußmann büßte den freiheitlichen Idealismus seiner Jugend mit zweieinhalb Jahren Festung; seine Kompagnons Pfau und Mayer mußten zeitweilig ins Exil fliehen; und der Balladendichter Ludwig Uhland verlor seine Tübinger Professur, weil er liberaler Abgeordneter bleiben wollte.

Auch Uhlands Gesinnungsfreunde dichteten gelegentlich. Conrad Haußmann zum Beispiel, Sohn des Parteigründers Julius, reimte nach einer Wahlkreisfahrt:

Hab auch vom Dorf mit manchem Alten

Bedächtig Zwiesprach schon gehalten.

Da hör' ich viel von teuren Zeiten,

Von Mißwachs, Hagel, Raupenfraß,

Auch von dem Druck der Obrigkeiten

Und der Gesetze Übermaß ...

Angesehene Pastoren, Professoren, Industrielle - unter ihnen Konzerngründer Robert Bosch - traten der Volkspartei bei. Noch heute rühmen sich die Freidemokraten im Südwesten nach den Worten Reinhold Maiers: "Die eigenständigen Persönlichkeiten sind vorzugsweise bei uns."

Tatsächlich aber ist gerade in jüngster Zeit der FDP/DVP-Fundus an präsentablen Persönlichkeiten arg geschrumpft: Theodor Heuss starb mit 79, Reinhold Maier und der bisherige baden-württembergische Landtags-Fraktionsführer Walter Nischwitz rückten als nahezu 75jährige aufs politische Altenteil.

Ihre besten Köpfe, den Rechtsanwalt Ewald Bucher und den Schöngeist Hans Lenz, mußte Südwestdeutschlands FDP/ DVP als Bundesminister nach Bonn ausleihen. Und als der Partei der Posten des nordbadischen Regierungspräsidenten angeboten wurde, dauerte es schon Monate, ehe sie im vorigen Jahr einen Kandidaten ausfindig machen konnte.

Als mit der jüngsten Wahlniederlage schließlich sogar der Vorsitzende der, Liberalen Partei aus dem Parlament ausschied, war die Situation der FDP/DVP so prekär wie nie zuvor. Den Liberalen blieb nur die Hoffnung, daß ihrem Parteichef ohne Parlamentsmandat wenigstens ein Ministeramt in der neuen baden-württembergischen Landesregierung übertragen werde.

Liberale Wolfgang Haußmann, Heuss, Bucher, Maier, Lenz: Hat der liberale Mohr ...

... seine Schuldigkeit getan?: Liberale Julius Haußmann, Uhland, Mayer, Pfau, Hellpach


DER SPIEGEL 19/1964
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