13.05.1964

ITALIEN / FREMDENVERKEHRLand des Lärms

Ein neuer Deutschlandplan wird vorbereitet. Er entsteht in den modernen Büro-Etagen der römischen Via Ferratella, wo Deutschland-Spezialisten des italienischen Fremdenverkehrsministeriums mit wissenschaftlicher Akribie die Frage studieren, wie noch mehr bundesdeutsche Touristen nach Italien gelockt werden können.
Zum erstenmal seit Kriegsende haben 1963 weniger Deutsche in Italien Urlaub gemacht als im Jahr vorher. War die Zahl der nach Italien einreisenden Bundesbürger bis 1962 jährlich um zehn bis 20 Prozent gestiegen, so zählten die italienischen Grenzbeamten im vergangenen Jahr rund 200 000 (drei Prozent) Bundesbürger weniger als 1962.
Resümierte die römische Wochenschrift "Lo Specchio": "Die Deutschen sind italienmüde."
Obwohl im vergangenen Jahr noch immerhin 23 Millionen Ausländer - 1,7 Millionen mehr als 1962 - die italienischen Grenzen passierten, löste die offizielle Fremdenverkehrsstatistik für 1963 in Rom Alarmstimmung aus. Gerade die Deutschen gelten als die klassischen Italien-Touristen. Sie stellen seit Jahren rund ein Viertel aller ausländischen Gäste und liefern sogar ein Drittel aller Devisen, die das Land aus dem Fremdenverkehr zieht.
Die Gefahr, kostbare Devisen zu verlieren, veranlaßte die römische Regierung zu einem "Sofortprogramm für den Tourismus" und die staatliche Fremdenverkehrsbehörde "Enit" zu einem "Piano Germania".
Fremdenverkehrsminister Achille Corona macht für die Italien-Müdigkeit deutscher und anderer ausländischer Touristen keineswegs die Lockungen Spaniens, Griechenlands oder Jugoslawiens verantwortlich. Die Marktforscher seines Ministeriums haben ermittelt, daß die Schuld im eigenen Land zu suchen ist:
- Italien ist zu einem der teuersten Reiseländer Westeuropas geworden. Nach einer offiziellen italienischen Statistik waren 1963 die durchschnittlichen Tageskosten eines Urlaubers (in mittleren Hotels) nur noch in Frankreich und England höher als in Italien (siehe Graphik Seite 110).
- Seit die Motorisierungs- und Reisewelle auch die italienischen Massen erfaßt hat, ist der Lärm in den Ferienorten für viele Ausländer unerträglich geworden ("Oggi": "Ein Land ohne Ruhe, ohne Intimität").
- Die chaotischen Verkehrsverhältnisse und die schlechten Straßen machen Autoreisen auf der Apenninenhalbinsel zur Qual.
- Die phantasiereichen Rechnungen italienischer Gastwirte sind dem Urlauber ein ständiges Ärgernis. Pensionspreise, die im Prospekt mit 3000 Lire angegeben werden, erhöhen sich durch die zahlreichen Sonderzuschläge bisweilen auf 4000 bis 5000 Lire.
- Das zügellose Bauen in den Touristenzonen und die Zerstörung der Grünflächen haben den Reiz vieler Touristen-Ziele beeinträchtigt ("Il Tempo": "Italien wird bald ein ödes und graues Land werden").
Italien wird von vielen Deutschen aber auch als unfreundliches Land empfunden. Die Zahl antideutscher Kriegs- oder Widerstandsfilme - oft aus Osteuropa importiert - wächst vor allem im Fernsehen ständig an.
Selbst italienische Zeitungen erregten sich. So die rechtsliberale Tageszeitung "Il Tempo": "Schluß endlich mit dieser antideutschen Hetze! Es ist nicht mehr zu ertragen." Schließlich seien die deutschen Touristen "die solideste Komponente des italienischen Wirtschaftswunders" gewesen.
In Rom beriet Fremdenverkehrsminister Corona mit Kabinettskollegen, mit Polizei, Zoll und Verkehrsfachleuten und dann mit den Vertretern des Hotel- und Gaststättengewerbes, was zu tun sei, um die Ware Italien wieder besser an den Mann zu bringen.
Schon in der soeben begonnenen Saison, so beschlossen die Fremdenverkehrs-Strategen, werde man
- in den Hotels wieder "Alles inbegriffen"-Pauschalen und in den Gaststätten Touristenmenüs zu festen Preisen einführen;
- in den Kurorten Schweigezonen einrichten und für Sauberkeit sorgen;
- den Verkehr besser überwachen;
- die Zollabfertigung an den Grenzen
beschleunigen;
Degen die "Verschandelung der
Natur" einschreiten.
Die Polizei hat bereits begonnen, rücksichtslos gegen die "Pappagalli" vorzugehen, jene jungen Burschen, die sich darauf spezialisiert haben, ausländischen Mädchen nachzustellen. In Rimini wurden 14 Jugendliche festgenommen, weil sie eine Gruppe englischer Studentinnen belästigt hatten. (Frage eines römischen Reporters: "Tut man den Ausländerinnen damit wirklich einen Gefallen?")
Die Aufwendungen für die Reiseverkehrswerbung in der Bundesrepublik und in den USA will Minister Corona verzwölffachen. Den Bürgermeistern von 16 westdeutschen Städten sandte er "Grußbotschaften" und kündigte an, daß der Adria-Kurort Milano Marittima einen "Freundschaftszug" nach Deutschland entsenden werde. In Milano Marittima hatten im Sommer 1963 rund 500 bundesdeutsche Touristen ihren Urlaub nach deutschfeindlichen Demonstrationen von lokalen Kommunisten ("Kartoffelfresser raus!") abgebrochen.
Deutsche Touristen in Milano Marittima: "Kartoffelfresser raus!"

DER SPIEGEL 20/1964
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