13.05.1964

FRAUENMORDEJack the Stripper

Scotland Yard tat den ungewöhnlichsten Schritt seiner 135jährigen Geschichte. Über Funk, Fernsehen und Zeitungen forderte die berühmteste Kriminalpolizei der Welt 8000 britische Bürgerinnen zur Mitarbeit auf - die Prostituierten von London.
Die Yard-Kriminalisten ersuchten in dem "seltsamsten Aufruf, den sie jemals veröffentlicht" haben ("Daily Express"), die Dirnen der Acht-Millionen-Stadt um Angaben über Kunden, die sie zu abwegigen Entkleidungsszenen zwingen. Den Gunstgewerblerinnen wurde Diskretion zugesichert.
So hofften die Yard-Detektive einem Mann auf die Spur zu kommen, auf den sie in der letzten Aprilwoche unter Führung von Detective-Superintendent Maurice Osborn zur größten Verbrecherjagd der letzten zehn Jahre angesetzt hatten. Der Unbekannte hat, so glauben Osborn's Männer, zwischen November 1963 und April 1964 vier Londoner Prostituierte ermordet.
Gemeinsame Merkmale der vier Morde führten die Yard-Männer zu der Theorie, daß diese. Verbrechen von ein und demselben Täter begangen worden seien.
- Die vier Ermordeten arbeiteten alle in den Themse-nahen Stadtteilen Chiswick und Hammersmith;
- alle vier waren klein gewachsen;
- die vier Leichen wurden splitternackt aufgefunden.
Der Mörder hatte die Mädchen offensichtlich erst zum Strip-tease gezwungen, sie dann erwürgt oder ertränkt und nach der Tat alle Kleidungsstücke mitgenommen.
Bei der Identifizierung der nackten Toten entdeckte die Polizei zwei weitere Parallelen. Zwei der Mädchen erwarteten ein Kind, zwei trugen am Arm Tätowierungen: "Loving You" und "In memoriam John".
Dann stockten die Ermittlungen. Da erfuhr Scotland Yard: Zwei weitere Straßenmädchen sind seit vier Wochen spurlos verschwunden. Die Kriminalisten befürchteten, daß "bald wieder eine Prostituierte tot aufgefunden wird" und die Mordserie damit an die größten Frauenmord-Fälle der Londoner Kriminalgeschichte herankommen könnte:
- Im Jahre 1953 wurde der ehemalige Hilfspolizist Reginald Christie wegen acht nachgewiesener Frauenmorde (Christie: "Es können auch ein paar mehr gewesen sein!") gehenkt;
- Im Jahre 1888 ermordete ein niemals gefaßter Pervertierter, vom Volksmund "Jack the Ripper" ("Jack, der Aufschlitzer"), genannt, mindestens sieben Londoner Freudenmädchen. Die Angst vor dem neuen Killer, von
Freudenmädchen "Jack the Stripper" genannt, überwand die traditionelle Polizei-Aversion der Prostituierten. Wenige Stunden nach dem Appell um Mithilfe begannen die Yard-Telephone pausenlos zu läuten: 120 Straußenmädchen gaben Tips für die Jagd nach dem Mörder.
Drei Tage später schlugen die Kriminalisten zu. In der Nacht zum Ersten Mal wurde der 54jährige Londoner Hausverwalter Kenneth Archibald unter Mordverdacht verhaftet.
Bis zum vergangenen Wochenende konnten die Yard-Männer jedoch noch nicht beweisen, daß Archibald der gesuchte Strip-Mörder ist. So bewirkte die Angst der Prostituierten, der Killer könnte noch frei sein, was alle Polizei-Aktionen bis jetzt nicht erreichen konnten: Die Gehsteige und Spelunke der Londoner Freuden-Viertel waren nach Einbruch der Dunkelheit von Straßenmädchen leergefegt.
Yard-Kriminalist Osborn (2.v.r.)
Die Spur führt zum Hafen

DER SPIEGEL 20/1964
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