06.05.1964

NATOFRANKREICHS RÜCKZUG AUS DER NATO

März 1959: General de Gaulle entzieht die französische Mittelmeerflotte dem Nato-Oberkommando Europa, weil er mit den amerikanischen Vorstellungen über die konventionelle und atomare Kampfführung auf der Südflanke der Nato nicht übereinstimmt.
April 1959: Frankreich kündigt den Vertrag über die Lagerung von amerikanischen Atomsprengköpfen auf französischem Gebiet, weil Paris keinen Einfluß auf die Entscheidung über den Einsatz dieser Waffen hat. Bis zum Sommer 1959 werden alle amerikanischen Atomsprengköpfe aus Frankreich abgezogen.
Mai 1960: Paris beantragt bei der Nato die Zustimmung zur Rückverlegung der in der Bundesrepublik stationierten französischen Truppen hinter die Rheinlinie. Der Antrag wird abgelehnt.
Juni 1960: Die französische Vertretung bei der Nato verlangt eine Umgliederung der Kommandoverhältnisse im Nato-Abschnitt Europa -Mitte. Danach soll der (französische) Oberbefehlshaber in diesem Abschnitt auch schon in Friedenszeiten die Kommandogewalt über alle Streitkräfte von Europa-Mitte erhalten und die operative Planung dem (amerikanischen) Nato-Oberbefehlshaber in Europa entzogen werden. Amerika und die Bundesrepublik widersetzen sich der Forderung.
September 1960: General de Gaulle kündigt Nato-Vereinbarungen über eine gemeinsame europäische Luftverteidigung. Er ist der Meinung, daß Frankreich durch das integrierte Verteidigungssystem nicht ausreichend geschützt wird.
Erstes Halbjahr 1961: Frankreich verlegt den größten Teil seiner auf dem Kontinent befindlichen Landstreitkräfte nach Algerien. Die nach Abschluß des Algerien-Krieges im März 1962 zurückkehrenden Truppen werden der Nato nicht wieder zur Verfügung gestellt, sondern verbleiben unternationalem französischem Kommando.
August 1962: General de Gaulle verkündet vor den höchsten französischen Offizieren, daß er sich endgültig für eine nationale französische Verteidigungskonzeption entschieden habe. Aufgabe der französischen Streitkräfte sei es, sich auf die "Schlacht um Frankreich" zu konzentrieren.
August 1962: General de Gaulle ermächtigt Verteidigungsminister Messmer, die französischen Offiziere aus den integrierten Nato-Stäben abzuziehen, soweit diese Offiziere beim Aufbau der Verteidigung benötigt werden.
Oktober 1962: Im Anschluß an das französische Herbstmanöver "Valmy" erklärt General de Gaulle den versammelten in- und ausländischen Offizieren: "Die Schlacht der Nato in Deutschland interessiert uns nicht." Frankreich könne keine Mitverantwortung für die von Amerika den Europäern auferlegte Strategie der abgestuften Abschreckung übernehmen.
Januar 1963: General de Gaulle erklärt Bundeskanzler Konrad Adenauer, der französische Nato-Beitrag im Bereich der Landstreitkräfte bleibe auf zwei Divisionen beschränkt. Auf Drängen des deutschen Kanzlers sagt de Gaulle zu, die beiden Divisionen im Rahmen der "Vorwärtsverteidigung" in den Zonengrenzraum zu verlegen und Vorkehrungen zu treffen, damit im Ernstfall auch noch eine dritte Division zur Verstärkung herangeführt werden kann.
April 1963: Verteidigungsminister Messmer veröffentlicht die offizielle nationale französische Verteidigungskonzeption. Im Vordergrund steht der Aufbau der "Force de frappe"; die Landstreitkräfte werden auf sechs Divisionen begrenzt, zwei davon verbleiben - gemäß der Zusage an Bonn - als "Force de couverture" im Rahmen der Nato, die restlichen vier Divisionen bilden die nationale französische strategische Reserve.
Juni 1963: Frankreich entzieht nun auch seine Atlantikflotte der Nato mit der Begründung, sie würde für den Aufbau der französischen Atomstreitmacht benötigt, und es sei überflüssig, sie zur Sicherung des Nachschubs zwischen Amerika und Europa einzusetzen.
Juni 1963: Der französische Armeestab für die vier Divisionen der strategischen Reserve wird aufgelöst. Er war die letzte Verbindung zwischen den der Nato nicht unterstellten französischen Landstreitkräften und den Kommandobehörden der Nato.
April 1964: Frankreich ruft seine Marineoffiziere aus den Flottenkommandos der Nato zurück.

DER SPIEGEL 19/1964
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