06.05.1964

WEISS-PREMIERESein Herr Marquis

Die Schauspieler wurden ausgepfiffen und niedergeschrien von anderen Schauspielern. Es gab Begeisterungsschreie, Beifalltrampeln, Verzückungsgekreisch - auf der Bühne. Am Ende schien eine knappe Schauspieler-Hundertschaft zu schmetternder Musik aufs Parkett loszumarschieren, da kroch auch noch der Souffleur aus dem Kasten: Er war das sprichwörtliche Gerippe mit der Sense.
Für die Uraufführung des jüngsten Schauspiels von Peter Weiss, 47, dem der nach Schweden emigrierte Berliner einen abendfüllenden Titel gab - "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats,dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" -, hatte das Berliner Schiller-Theater weder Prospekte noch Maschinen geschont, weder sein Personal, geschweige sein Publikum.
Auf der Bühne wurde geliebt, gebetet, gesegnet, gesungen, getanzt, gebadet, geduscht, gestritten, gefoltert, gepeitscht, gemordet, geköpft, Akrobaten traten auf, Pantomimen, ein Jongleur, Krankenpfleger, Nonnen, eine Musikkapelle saß auf der Bühne und wich nicht. Geisteskranke wurden behandelt - mit Kaltwasserkuren, notfalls mit der Zwangsjacke. Eine Revolution wurde betrieben und vertan, die Zensur sprach ihr hartes Wort, die Restauration formulierte das gleiche auf milde Weise.
Wahnsinn und Methode, Geschlechtsgier und politischer Purismus spielten miteinander, gegeneinander und durcheinander. Weiss machte totales Theater.
Der Versuch wurde vom Schiller -Theater in einer einzigartigen Regie -Anstrengung vorm Premierenpublikum zum Triumph geführt, der in Berlin nicht enden soll. Günther Penzoldt vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg überlegt, ob sich die gesamte Inszenierung in die Hansestadt importieren läßt. Peter Brook, Chef des Royal Shakespeare Theatre, hat das Stück angenommen und will mit seiner eigenen Londoner Inszenierung später in die Vereinigten Staaten auf Tournee gehen. Ingmar Bergman sicherte sich das Schauspiel für Stockholm.
Den Rahmen für sein Kolossalgemälde der menschlichen Gesellschaft nahm sich Weiss aus einem verbürgten Stück Literaturhistorie. Tatsächlich hat der Marquis in seinen letzten elf Jahren, die er von 1803 bis 1814 in der Irrenanstalt Charenton verbrachte, von anderen Insassen kleine Schauspiele aufführen lassen, die er selbst verfaßte. Nie hat er allerdings ein Drama über Marat geschrieben, den radikalen Revolutionär, der 1793 von der 24jährigen Novizin Charlotte Corday (Liselotte Rau) in der Badewanne erstochen wurde.
Statt Sade schrieb Weiss. So trifft in seinem Stück der Verfechter äußerster menschlicher Freiheit im Privaten (Sade) als Gesprächspartner auf den Volkstribunen äußerster politischer Freiheit (Marat), dessen Texte zum Teil wörtlich ins Stück übernommen wurden.
Der göttliche Marquis (Ernst Schröder) gerät während des Spiels mehrmals in scheinbar außerplanmäßige Streitgespräche mit Marat (Peter Mosbacher, drei Stunden fast nackt, von Krätze gequält, in der Badewanne).
Daß die Revolutionsszenerie von Geisteskranken aufgeführt, von Irrenwärtern geleitet oder kommentiert, vom Anstaltsdirektor gelegentlich mahnend unterbrochen wird ("Herr de Sade, ... wir einigten uns hier auf Streichung"), gibt dem Tableau menschlicher Tollheit weitere Dimensionen und die Freiheit für bühnenunübliche Kühnheiten:
Ein Bischof erteilt den Segen mit einer Klosettbürste, der Revolutionär Roux, entlaufener Priester, schreit ein Gebet "Satan, der du bist in der Hölle", ehe er von den Wärtern überwältigt wird, ein Erotomane versucht dauernd, der schönen jungen Marat-Mörderin
Corday unters Kleid zu kommen, und der Marquis läßt sich entblößt und stöhnend von ihr auspeitschen.
Die Bühne ist zum Gegenangriff auf Bergmans "Schweigen" angetreten, aber was sie bietet, hat Weiss durch die List seiner Konstruktion vor möglichem Protest in Sicherheit gebracht.
Jedesmal, wenn es zu bunt zu werden droht, beruhigt ein Ausrufer das Parkett ("Zwischenfälle dieser Art sind nicht zu vermeiden"), und jedesmal, wenn die politischen Thesen zu radikal klingen, greift mit napoleonischer Geste energisch der Anstaltsdirektor Coulmier ein: "Herr de Sade, so geht das nicht, das können wir nicht Erbauung nennen.
Berliner Uraufführungs-Szenen der "Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats"': Peitschen und Bäder...
Autor Weiss nicht zu vermeiden
* Liselotte Rau als Charlotte, Errist Schröder
als de Sade, Peter Mosbacher als Marat.

DER SPIEGEL 19/1964
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DER SPIEGEL 19/1964
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