06.05.1964

VIVAT YOSSARIAN!

Das aufrichtigste, also subversivste Euch über den Zweiten Weltkrieg, das ich kenne, ist ein Unterhaltungsroman. Wer sich darüber wundert, tut's auf eigene Gefahr. Schon einmal nämlich, vor über vierzig Jahren, hat ein Kolportage-Schriftsteller die Werke seiner anspruchsvolleren Zeitgenossen in den Schatten gestellt. Der brave Soldat Schwejk hat recht behalten gegen alle Versuche, aus Stahlgewittern große Literatur zu destillieren.
Einen ähnlichen Triumph getraue ich
mich dem Captain Yossarian von der taktischen Luftflotte der Vereinigten Staaten vorauszusagen. Haseks und Hellers Romane gleichen einander wie ein Krieg dem, andern, also sehr wenig. Immerhin haben sie manches miteinander gemein. Sie sind keine Schlachtengemälde. Das trennt sie von aller herkömmlichen Kriegsliteratur, gleichgültig welcher Tendenz. Noch Pliviers Fresken oder Mailers Panoramen haben an den alten Bildern des Krieges weitergepinselt. Gewechselt hat nur die Palette, und statt Dragonerblau und Husarenrot haben diese Autoren Blut Kot und Eiter aufgetragen. Hasek und Heller dagegen haben erkannt, daß jede Abbildung des Krieges den Krieg verharmlost. Ihre Werke stellen keine Welt dar, sondern Logik.
Die Logik, mit der Schwejk es zu tun hatte, "war zwar irrsinnig, aber unvollkommen, und deshalb gelang es dem gelernten Hundefänger aus Böhmen, sie mit seinen Hausmacher-Rezepten zu sabotieren. Der Fliegerhauptmann Yossarian sieht sich dreißig Jahre später einer Logik gegenüber, die zwar an Irrsinn nichts eingebüßt, an Konsequenz jedoch erheblich zugenommen hatte. Demi totalen Krieg entspricht eine totale Logik. Ihr letzter Schluß ist der IKS-Haken.
Der IKS-Haken ist gewissermaßen das ungeschriebene Grundgesetz des Krieges, die Quintessenz aller Heeresdienstvorschriften. Zwar gibt es diesen Haken, strenggenommen, nicht, aber, und allein darauf kommt es an: Alle Beteiligten, vom Rekruten bis zum Oberbefehlshaber, glauben an seine Existenz. Yossarian beispielsweise, ein normaler Mensch, hat längst erkannt, daß sämtliche Streitkräfte, und zwar sowohl diesseits wie jenseits der Linien, es darauf abgesehen haben, ihn umzubringen: die feindliche Flak ebenso wie der eigene Geschwaderkommandeur, der die Anzahl der vorgeschriebenen Feindflüge dauernd heraufsetzt.
Infolgedessen beschließt Yossarian, sich fluguntauglich schreiben zu lassen. Er erklärt dem Stabsarzt, er sei verrückt geworden:
"Alle werden dir bestätigen, daß ich verrückt bin."
"Die sind ja selber verrückt."
"Warum schreibst du sie dann nicht fluguntauglich?"
"Warum bitten sie mich nicht darum?"
"Weil sie verrückt sind, deshalb."
"Natürlich sind sie verrückt ... Du kannst doch nicht Verrückte darüber urteilen lassen, ob du verrückt bist oder nicht."
"Ist Orr verrückt?"
"Klar ist er verrückt."
"Kannst du ihn fluguntauglich schreiben?"
"Klar kann ich das. Er muß aber erst darum bitten. So verlangt es die Vorschrift." "Warum bittet er dich denn nicht darum?"
"Weil er verrückt ist. Er muß einfach verrückt sein, sonst würde er nicht immer wieder Einsätze fliegen ... Selbstverständlich kann ich Orr fluguntauglich schreiben. Er muß mich aber erst darum bitten..."
"Und dann kannst du ihn fluguntauglich schreiben?"
"Nein. Dann kann ich es nicht mehr."
"Heißt das, daß die Sache einen Haken hat?"
"Klar hat sie einen Haken. Den IKS-Haken. Wer den Wunsch hat, sich von Fronteinsatz zu drücken, kann nicht verrückt sein."
Diese Logik ist nicht mehr, wie die der k. u. k. Armee, mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Sie ist ihre eigene
Ideologie und hebt somit mühelos jede andere aus den Angeln. Mit ihrer Hilfe wird beispielsweise ein bebrillter Korporal auf einem Schulungsabend als "subversives Element" entlarvt: Er achtet nämlich "Adolf Hitler nicht, der doch in Deutschland bei der Bekämpfung unamerikanischer Umtriebe einen so großartigen Erfolg erzielt hatte". Mit ihrer Hilfe gelingt es einem ehrgeizigen General, der für die Truppenbetreuung zuständig ist, das Kommando über die Bomberflotte an sich zu reißen: mit der Begründung, Luftangriffe auf den Feind heiterten die eigene Mannschaft auf.
Es versteht sich, daß Hellers Roman
keine eigentliche Handlung mehr hat, oder vielmehr: Die Handlung hängt nicht von den Handlungen der beteiligten Personen ab, sondern von der Logik des Apparats. Folgerichtig endet das Buch mit Yossarians Fahnenflucht: Sie ist gewissermaßen der erste und zugleich der einzig mögliche selbständige Akt, den er unternehmen kann und der ihn zugleich zum Verschwinden bringt.
Auch die eigentümliche Unfarbigkeit der Personen hat ihren Grund in der Sache. Ihre Eigenschaften und Verhaltensweisen sind niemals ihre eigenen, sondern diejenigen, welche der Apparat fordert oder zuläßt. In Yossarians Zelt zum Beispiel gibt es "den toten Mann' - einen Flieger, der auf einem Feindflug umkam, ehe er sich ordnungsgemäß angemeldet hatte, und der infolgedessen weder tot noch lebendig geschrieben werden kann, sondern in einer Art ewigen Wartestandes fortexistiert. Im Lazarett liegt ferner "der Soldat in Weiß", der in seiner Umhüllung aus Gips und Bandagen völlig verschwunden ist.
Selbst diese Schemen sind freilich dem Leben näher als die höheren Chargen des Buches. Je höher der Rang einer Figur, desto mehr gleicht sie einer Karikatur. Das ist völlig konsequent; denn je mehr ein General der Karikatur eines Generals- ähnelt, desto besser ist der General getroffen, desto realistischer wirkt seine Gestalt. Das "rein Menschliche" seiner Existenz, soweit vorhanden, ist für sein Verhalten völlig uninteressant: Was allein an ihm von Bedeutung ist, sein Funktionieren, nimmt sich logischerweise, an jeder zivilen Elle gemessen, grotesk aus. (Glücklicherweise, wird sich mancher Leser sagen, sind es amerikanische Generäle; und somit bleibt Hellers Buch vielleicht der Vorwurf erspart, er hätte die Ehre des deutschen Offiziers in den Schmutz gezerrt. Die Ehre des amerikanischen Offiziers scheint von widerstandsfähigerem Stoff: Der "IKS -Haken" hat in den Vereinigten Staaten eine Millionenauflage erreicht, und kein Parteivorsitzender hat sich eingemischt.)
"Yossarian lief ... Das Messer sauste nieder, verfehlte ihn um Zentimeter, und er rannte los." So endet Hellers Buch; aber ich habe das Gefühl: Yossarian rennt noch immer. Denn im Gegensatz zu andern Kriegsbüchern ist der "IKS-Haken" kein historischer Roman. Schon die Anachronismen, die sein Autor darin versteckt hat, weisen darauf hin: Unbekümmert streut er Episoden ein, die auf McCarthy gemünzt sind, auf den Rassenkampf in den Südstaaten, auf den Kalten Krieg. Unverwüstlich ist die Logik, vor der Yossarian die Fahnenflucht ergreift: Sie herrscht noch immer. Deshalb ist der "IKS-Haken" ein äußerst aktuelles, ein äußerst bösartiges und äußerst nützliches Buch. Daß es außerdem unterhaltsamer ist als jeder nouveau roman, daran mögen sich andere ärgern. Prodesse et delectare: An diesen altmodischen Grundsatz hält sich Yossarians Schöpfer, der die heiligsten Grundsätze seiner Gegenwart sabotiert, indem er sie enthüllt.
S. Fischer
Verlag
Frankfurt
488 Seiten
26 Mark
Heller
Von Hans Magnus Enzensberger

DER SPIEGEL 19/1964
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